Anna Choi

Alteritäten


Ich bin nun schon seit über 3 Monaten in Korea und habe mich soweit eingelebt. Ich möchte über meine Erfahrungen hier in Korea sprechen, die sich vielleicht teilweise von denen anderer Ausländer unterscheiden, da ich mich in einer besonderen Situation befinde. Ich als deutsche Koreanerin, oder sollte ich besser sagen, koreanische Deutsche, habe das Glück oder auch das Leid, je nachdem wie man es sieht, in zwei Kulturen aufgewachsen zu sein. Daher unterscheidet sich auch mein Blickwinkel: Ich betrachte Korea mit einem vertrauten und gleichzeitig fremden Blick. Der fremde Blick begutachtet alles Neue erst einmal kritisch und vergleicht es mit dem Vertrauten aus der Heimat. Von daher erscheinen vielleicht einige Erlebnisse, die ich hier wiedergebe, etwas zu kritisch. Das heißt aber nicht, dass ich eine negative Haltung gegenüber Korea einnehme. Vorab möchte ich auch noch dazu sagen, dass alles, was ich hier erzähle, subjektiv gefärbt ist. Mein Erlebnisbericht hat keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Die Analysen, die ich vorgenommen habe, basieren auf meinem Wissen. Sie sind nicht wissenschaftlich fundiert, auch wenn es manchmal so aussehen mag. Ich bitte Sie, sich dies während meines Berichts zu vergegenwärtigen.

Wenn man Deutschland und Korea miteinander vergleicht, vergleicht man - aus meiner Sicht - ganz entgegengesetzte Kulturen, sowohl was die Mentalität als auch was die Kultur angeht. Geschichte prägt in starkem Maße Mentalität und Verhalten eines Volkes. Kein Deutscher würde offen seinen Nationalstolz zur Schau tragen, zu sehr wird ihm oft von anderen Völkern seine Vergangenheit vorgehalten. Koreaner mussten und müssen sich immer noch behaupten gegen andere Länder. Sie zeigen daher offen ihren Nationalstolz: Sätze, die mit "In unserem Land..." anfangen, sind schon bezeichnend.

überhaupt betonen Koreaner ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. Ausdrücke wie "unsere Mutter", "unser Haus" deuten dies an. Die koreanische Gesellschaft scheint geprägt zu sein von einer Gruppenmentalität. Deutschland ist, aus meiner Sicht jedenfalls, gekennzeichnet durch Individualität. Ob es sich dabei um eine wirkliche Individualität oder nur um eine scheinbare handelt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist dies das Bild, das man versucht, zu zeigen. Dies erlebte ich besonders stark während meines Studiums an der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Alternativ sein, das war das Motto. Mir erschien es manchmal so, dass je stärker man seine eigene Persönlichkeit durchsetzte, desto mehr wurde man von den anderen anerkannt. Man ging ab und zu allein ins Kino oder in eine Ausstellung. Zu dieser Zeit war es gerade in Mode alternativ als Rucksacktourist nach Südostasien zu fliegen.

Andersartigkeit wird positiv als Individualität verstanden. In Korea scheint gerade das Gegenteil der Fall zu sein. Gemeinsamkeiten werden betont. Man geht gerne in Gruppen aus und folgt ähnlichen Interessen. Andersartigkeit ist - meiner Ansicht nach - nicht so stark gefragt wie in Deutschland. Dieses Gruppenleben führt auch dazu, dass man sich wie in einer großen Familie fühlt. Die Ursachen hierfür sind sicher im Konfuzianismus zu suchen. Die ganze Gesellschaft ist eine große Familie. Z. B. fragt der Taxifahrer einen, ob man verheiratet ist und / oder wie alt man ist und dies mit einer Selbstverständlichkeit, die es einem unmöglich macht, nicht zu antworten. Mit einem Schmunzeln ließ ich mich am Anfang gern auf die Gespräche mit den Taxifahrern ein, zumal sie mir die Gelegenheit gaben, mein Koreanisch zu verbessern. Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich einerseits sehr wohl fühlt in einer Gesellschaft, in der es familiär zugeht, andererseits kann es auch störend sein, wenn jeder sich in die Belange des anderen einmischt und es nicht so eine starke Abgrenzung zwischen öffentlichem und privatem Leben gibt wie in Deutschland.

Ich habe mich in keinem Augenblick seit ich hier bin, allein gefühlt. Alle sind sehr darum bemüht, mir zu helfen und mir das Leben so angenehm wie möglich zu machen. In Deutschland wäre ich in solch einer Lage völlig auf mich allein gestellt.

Andererseits ist diese Gruppenmentalität für einen, der ab und zu seinen Freiraum braucht, auch ein bisschen schwierig auszuhalten. Ich bewundere meine Verwandten und die vielen anderen Koreaner, die auf so engem Raum leben. Eigentlich gilt das auch für das soziale Leben im übertragenen Sinne.

I. Wahrnehmungen

Ich schwanke in Bezug auf Korea immer zwischen zwei Gefühlen: Einerseits diese Vertrautheit zu Land und Leuten, deren Ursache in der Bindung an meine Eltern und die kirchliche koreanische Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin, liegt, so dass sie auch Teil meiner Kindheit ist. Andererseits diese Fremdheit, die ich des öfteren spüre: Kleine Erlebnisse, die mir klarmachen, dass ich neu in diesem Land bin und ich mich erst noch an viele Sitten und Gebräuche gewöhnen muss. Es ist seltsam, in ein Land zu kommen, dessen Sprache und Kultur einem vertraut und zugleich fremd sind. Verständigungsschwierigkeiten habe ich im Alltag eigentlich nicht, nur manchmal wenn ich mich nicht klar genug artikulieren kann. Dann treffe ich auf erstaunte Reaktionen, da dies nicht erwartet wurde, von mir als "Koreanerin". Ich komme auch nicht umhin, mich nicht von meiner Umwelt beeinflussen zu lassen. Meine Verwandten z.B. denken wie selbstverständlich, dass, da ich meine Wurzeln hier in Korea habe, auch meine Zukunft hier liegt. Ich selbst weiß, dass ein Teil von mir Koreanisch ist. Dieser Teil versucht instinktiv den Erwartungen meiner Verwandten gerecht zu werden.

Auch die Studenten an der Universität, an der ich Deutsch unterrichte, reagierten auf ihre Weise auf mein Erscheinen. Sie wussten von meiner Ankunft und auch von meiner Herkunft. Und da anscheinend die äußere Wahrnehmung dominierend ist, wurde ich in gewisser Weise sofort als Koreanerin akzeptiert, was mir in diesem Fall gelegen kam. Es erleichterte den Einstieg. Die übliche Scheu gegenüber Ausländern legte sich bei meinen Studenten sehr schnell. Eine Studentin meinte, nur an meiner Kleidung sehe sie, dass ich irgendwie nicht von hier bin.

Mir stellt sich hier die Frage nach dem Grad der Anpassung. Inwieweit soll ich dem Bild, das die koreanische Umwelt von mir hat, entsprechen? Trotz all dem bin ich ja eine Ausländerin. Folgende Anekdote zeigt dies nur zu deutlich: Einmal wurde ich, auf meinen deutschen Akzent aufmerksam geworden, von einem Taxifahrer angesprochen, woher ich denn käme. Ob ich aus Japan stamme? Nein, antwortete ich, ich käme aus Deutschland. Seinen ungläubigen Blick werde ich nicht vergessen. Natürlich sah ich mich daraufhin veranlasst, zu erklären, wie es dazu kam. Nach und nach schien ich, ohne, dass es mir bewusst wurde, eine Selbstverständlichkeit dabei zu entwickeln, vor fremden Leuten mein Leben auszubreiten.

Aber auch in Deutschland werde ich als Ausländerin gesehen. Dort werde ich oft darauf angesprochen, woher ich denn käme und woher ich denn nun so gut Deutsch spräche. Oder es entwickelten sich oft merkwürdige Situationen, in denen Leute in Deutschland mich auf Englisch ansprachen und dies 15 Minuten lang durchhielten, ohne dabei zu realisieren, dass ich ihnen die ganze Zeit auf Deutsch antwortete. Erst nach einer Weile drangen die akustischen Wellen in ihr Hirn ein, zu sehr waren sie von meiner Äußerlichkeit in Anspruch genommen.

II. Kulturelle Differenzen

Im folgenden will ich Ihnen einige Situationen darstellen, in denen mir erhebliche kulturelle Differenzen auffielen.

1. small talk

"small talk" in Korea verläuft ganz anders als in Deutschland. Auch die Fragen, die gestellt werden, sind unterschiedlich. Hier wird man meist ziemlich bald nach dem Alter gefragt. Und obwohl ich weiß, dass man diese Information benötigt, um den anderen hierarchisch einstufen zu können und ihn oder sie dementsprechend ansprechen zu können, fällt es mir dennoch schwer, so einfach darauf zu antworten. Eine weitere Frage, die für mein Empfinden eher in den Bereich der Privatsphäre gehört, ist die, ob man verheiratet sei oder nicht. Dies wirft für mich die Frage auf, welchen Stellenwert solch eine Frage besitzt. Ist Heirat eine Station auf dem Weg des Lebens, die man einfach hinter sich bringen muss, so wie man die Schule absolviert? Ist daher der Status "nicht-verheiratet-sein" ab einem gewissen Alter ein Zeichen für ein nicht erfolgreiches Leben? Diese scheinbar harmlose Frage mag daher bei vielen unverheirateten, älteren Frauen Stress verursachen. Dies zieht die Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft nach sich, nach ihrem Wert und nach ihrem Selbstwert, beinhaltet aber auch die Frage nach der Stellung des Mannes und schließlich die nach der Gesellschaftsstruktur. Eine Gesellschaft, die tief vom Konfuzianismus durchdrungen ist, die eine fein eingeteilte Hierarchie darstellt, wird sich in einer Zeit der Internationalisierung dem Wandel nicht entziehen können.

2. Trinkrituale

Meine erstes Initiationsritual in Korea bestand in der Einführung in die Trinksitten und Essgewohnheiten. In der ersten Woche lernte ich eine Menge Restaurants und auch Bars kennen. Einige Sitten kannte ich aus Deutschland von koreanischen Bekannten, ich wusste also, dass das Abstützen des rechten Armes mit dem linken Arm beim Eingießen oder Entgegenehmen nicht von Schwächlichkeit herrührte. Etwas verwirrt war ich jedoch, als ein Koreaner zügig sein Bierglas leer trank und es vor mich hinstellte. Nachdenklich starrte ich auf das Glas und das erwartungsvolle Gesicht meines Gegenübers. Ein Deutscher klärte mich schließlich darüber auf, dass ich das Glas entgegenzunehmen hätte, es füllen lassen müsste und austrinken sollte. So hatte ich also zwei volle Gläser vor mir stehen, denn natürlich war ich noch nicht dazu gekommen, das erste auszutrinken. Nach fünf Minuten hatte ich drei volle Gläser vor mir stehen, traute mich aber nicht, die anderen darauf hinzuweisen, dass ich, obwohl ich aus Deutschland bin, eigentlich kein Bier mag. Um die Trinkrunde nicht aufzuhalten, kippte ich ein Glas in mich hinein und eins neben mir aus. Nach zwei Wochen war mir klar, dass ich mich zwar anpassen musste, dringend aber die aufkommenden Trinkgewohnheiten ablegen musste, wenn ich überleben wollte. Was gar nicht so einfach war - anfangs jedenfalls.

Trinken hat in Korea einen deutlich andersartigen Stellenwert als in Deutschland und auch einen höheren. In Korea scheint Trinken eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz zu haben als in Deutschland. Sicherlich liegt das auch daran, dass Trinken verschiedene Funktionen haben kann, z.B. kann es ein Ventil sein, um Stress abzubauen, oder es kann auch für die Geselligkeit eine Rolle spielen.

3. Umgang mit anderen

Was mir auch immer wieder auffällt, ist der Unterschied im Umgang mit Fremden und mit Bekannten oder Freunden. Leute, die auf der Straße nebeneinander herlaufen, nehmen viel weniger Rücksicht aufeinander als in Deutschland. In Seoul vermeide ich tunlichst Massen, um nicht überall Stöße und Tritte zu erhalten. Das Wort "Entschuldigung" scheint es nicht zu geben. Wenn ich nun aber Leute kennenlerne und sie mich z.B. zum Essen einladen, werde ich mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Man ist bedacht, mir alles so recht wie möglich zu machen. Dieser starke Kontrast verwirrt mich noch immer ein wenig. In einem Reiseführer fand ich die Erklärung, dass ein Fremder für einen anderen eine "Unperson" ist und es daher keine Benimmregeln gibt. Eine etwas unbefriedigende Erklärung.

Ich will diesen Kontrast an einem weiteren Beispiel veranschaulichen. Ich fuhr nach Chindo, um die Teilung des Meeres zu sehen. Es war ein unglaubliches und überwältigendes Erlebnis. Nach und nach schwand an einer Stelle das Wasser zu beiden Seiten und gab eine natürliche Brücke aus vielen Steinen frei. Schon nach kurzer Zeit war diese Brücke voll von Menschen verschiedenen Alters, die sich mit einer Hacke bewaffnet daranmachten, Muscheln und Krabben auszugraben.

Was neben diesem Naturereignis überwältigend war, war das Zusammengehörigkeitsgefühl auf dieser Brücke. Alle halfen einander, falls es nicht mehr weiter ging und die Füße nass zu werden drohten. Sie stützten sich gegenseitig, man fing eine kleine Unterhaltung an und machte eine Rast, um dann weiterzugehen, wenn der Weg frei wurde. Es gab kein eigentliches Schieben und Drängen, denn dann wäre die Gefahr, ins Wasser zu fallen, größer gewesen. Kaum waren wir jedoch an Land angelangt, wurden meine Freunde und ich förmlich von den anderen überrannt. Wieder war ich maßlos erstaunt. Es wird wohl noch ein Weilchen dauern bis ich mich daran gewöhnt habe.

4. Flexibilität und Starrheit

Eine andere Sache, die mir auffällt ist, dass die Menschen hier nach Regeln leben, die aber in gewissen Grenzen beliebig dehnbar sind. Es geht um die häufig erwähnte Flexibilität der Koreaner. Da das Leben scheinbar nicht nach festen Regeln verläuft, ist man als Ausländer anfangs etwas orientierungslos. Dann gewöhnt man sich aber schnell daran, dass man oft sein Ziel erreichen kann, auch wenn es die Regeln eigentlich nicht erlauben. In Deutschland ist genau das Gegenteil der Fall. Dadurch, dass das Leben festen Regeln folgt, die immer befolgt werden, geht viel auch an Flexibilität verloren und nicht zuletzt wird dabei der Mensch zweitrangig. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Zum einen gibt ein starres Netz an Regeln auch Sicherheit, z.B. was die Bürokratie in Deutschland angeht: Man muss unheimlich viele Behördengänge antreten, was manchmal kafkaesk anmutet, aber man weiß, dass man normalerweise am Ende das gewünschte Resultat erhält. Hier in Korea scheint alles und nichts möglich.

Für einen Menschen wie mich, der eher an jene Art von Sicherheit gewöhnt ist, ist es schwierig, zu beurteilen, wie alles hier seinen Gang geht. Es ist schwer einzuschätzen, wo die Grenzen liegen und welchen Weg ein Mensch hier einschlagen muss und kann, um sein Ziel zu erreichen. Manchmal stehe ich vor einer Sache, den Kopf voller Fragezeichen. In Deutschland geht normalerweise alles seinen geraden und direkten Weg. Hier gibt es so viele Kurven und Umwege, aber letztendlich gelangt man doch ans Ziel. Erstaunlich.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum es hier in gewisser Hinsicht mehr Menschlichkeit gibt. Die Menschen lassen sich nicht zu sehr von den Regeln einengen. Ein Busfahrer, der auch noch den letzten, der 10 Meter weit entfernt angerannt kommt, mitnimmt, auch wenn er schon längst hätte abfahren müssen; ein Kellner, der einem von allem, was auf der Speisekarte steht, abrät, weil es nicht gut sei; eine Verkäuferin, die einen in ein Gespräch hineinzieht. Diese Menschlichkeit und Wärme erlaubt es auch, schnell in Kontakt miteinander zu kommen. Dies fehlt manchmal in Deutschland. In gewisser Hinsicht scheinen die kleineren Städte wenig von ihrer früheren Dörflichkeit verloren zu haben.

5. Bedienung

Ein Punkt, den ich noch erwähnen möchte, ist die Schnelligkeit, die mich anfangs positiv überrascht hat und die mir jetzt schon so selbstverständlich geworden ist. Man wird schnell und zügig im Restaurant bedient, braucht nur selten zu warten und ist als Gast im wahrsten Sinne des Wortes König. Auch in den Kaufhäusern eilen die Verkäufer eifrig herbei und man sieht sich von Verkäufern umringt, die versuchen, einem die Einkaufswünsche von den Augen abzulesen. Nicht so in Deutschland, wo man vorsichtig die Verkäuferin, die gerade in ein Gespräch mit einer anderen Kollegin vertieft ist, an die Schulter tippt und zaghaft fragt, ob man kurz, wirklich nur kurz, etwas fragen könnte, worauf die Verkäuferin sich meist widerwillig von ihrer Gesprächspartnerin abwendet und kurz mit einem Zeigefinger auf das Gesuchte zeigt oder wenn man Glück hat, sogar mitkommt. Kundenfreundlichkeit und Schnelligkeit stehen in Korea in hohem Ansehen, während man in Deutschland davon nicht zu sprechen wagt.

Schlusswort

Vielleicht fragen Sie sich nun, was denn mein Gesamteindruck von Korea ist. Das lässt sich schwer kurz zusammenfassen. Er ist so vielfältig und widerspruchsvoll wie das Land selber. Ich habe auf jeden Fall vor, noch ein Jahr zu bleiben und das zeigt ja vielleicht schon meine Grundeinstellung.


Copyright © 2000 by Anna Choi


DaF-Szene Korea Nr. 12

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