"Wohin gehen Sie?" ist - wenn auf Deutsch geäußert - ein Gruß. Niemand erwartet, dass du dein Ziel angibst. Falls du eines hast.
"Insert coins", leuchtet es aus dem Halbdunkel des zur Straße hin offenen Zementplatzes mit Dach, der als Automaten-Aufstellgrund so gut wie für irgendetwas nutzbar ist. "Insert coins", wir erinnern uns eben noch, früher, in Europa, gab es da so unbeholfen auf Blech gemalte Supermänner und -mädchen, und rings blinkten grüne und rote Lämpchen, wenn die Kugel rollte. Hier und heute ist das Spielautomat, Videoclip und Computerspiel zugleich, die MTV -, ach was, die Cybertechno-Version des einarmigen Banditen -... und ohne Münzen läuft gar nichts. Das heißt, nicht ganz nichts, es gibt einen sterilen, rhythmischen Neon-Flash, und die Lockbässe wummern aus den Boxen. Aber eben, "insert coins", do it or leave it, keine Möglichkeit hier zu verweilen, die Entscheidung muss in Sekunden getroffen werden, oder willst du hier stehenbleiben, langsam entziffern wollen, was wohl gemeint sein könnte - da gehörst du hoffnunglos nicht dazu, bist fehlkonditioniert, gehörst zur falschen Spezies. Unter Instantkonsum-Bedingungen liest du hier Hangul und unter dem gewöhnlichen Licht- und Schalldruck selbst Englisch viel zu langsam, als dass du hier zum Handeln erwachen könntest, zum Geldausgeben also.
Niemand bleibt in einer solchen Straße stehen, es gibt auch gar keinen Ort dafür. Solange "insert coins" zu lesen, zu hören ist, schieben sich unaufhaltsam die Massen durch - Hektik ist das auch nicht, aber verfliege doch, o Augenblick, du bist so hässlich. Warum hier die Architektur unsichtbar ist: das einzig Bunte und Geformte sind Leuchtreklamen, notfalls - schon selten - auch gemalte Schilder. Es ist, als brauche auch hinter den Leuchtreklamen nichts zu 'verweilen'. Kein Bummeln über diesen Rummel.
Als Fremder dort, wo nicht der Instantkonsum die einzige mögliche Form des Existierens auf der Straße ist: Da herrscht erst recht ein mit dir inkompatibles Vakuum. Da sind überhaupt keine lesbaren Zeichen, aber doch vielleicht Architektur, soll man das so nennen, etwas wahrnehmbares Gebautes ziemlich frei von Werbung, oder du liest eben überall Armut, kahlen, unregelmäßig verformten Zement, winzige, vergitterte Schiebefenster, schmale Außentreppen, schmuddelige Miniaturhöfe, irgendwie an die Mauern gequetschte Bäumchen, womöglich blühend - auch hier unmöglich stehenzubleiben, was außen ist auch innen, du schämst dich, zum Voyeur zu werden, als solcher angesehen zu werden, das ist wirklich innen wie außen dasselbe Bild. Unmöglich also, die Wahrnehmungen durch dich hindurch strömen zu lassen, dich treiben zu lassen, du wirst entweder angetrieben, weggetrieben, oder wirst allein gelassen als ein Fremdkörper. "Wohin gehen Sie?" Nur zu einem Ziel, wenn du eines hast. Auf den Gruß lässt sich nicht 'Es geht mir gut' erwidern.
Copyright © 2000 by Martin Maurach