Stefan Straub

Rezension: "Zwischen den Kulturen"


Das Lehrwerk "Zwischen den Kulturen" erfreut sich wachsender Beliebtheit; im Jahr 2000 wird die 5. Auflage erscheinen. Wie eine kurze Rundfrage unter meinen lehrenden Bekannten ergeben hat, scheint es aber in Korea eher unbekannt zu sein. Grund genug, "Zwischen den Kulturen" hier vorzustellen.

Schon der Untertitel "Strategien und Aktivitäten für landeskundliches Lehren und Lernen - Materialienbuch für den Unterricht" macht deutlich, was man zu erwarten hat: Ein praktisches Lehrwerk, das ausschließlich Unterrichtsvorschläge enthält. Die Einleitung führt dann weiter aus, dass es sich in erster Linie um ein Buch für Lehrer handelt. Nur "in einem speziell landeskundlich bzw. interkulturell ausgerichteten Sprachkurs für fortgeschrittene Deutschlerner oder Lehrerstudenten" käme ein kurstragender Einsatz in Frage. Mit anderen Worten: angesichts der hier üblichen universitären Lehrveranstaltungen ist das Buch in Korea höchstens als Anregung für Lehrende verwendbar.

Als Ziele werden genannt:

Lobenswerte Ziele, zweifelsohne, aber wie versucht das Buch nun, diese Ziele umzusetzen?

"Die Übungen und Aktivitäten in ZdK sind in fünf Kapiteln zusammengefasst, die sich an den Interessen der Teilnehmer orientieren, aber gleichzeitig auch die Beschäftigung mit landeskundlichen Inhalten ermöglichen."

Hier überrascht das "aber", da es ja schließlich auch Menschen gibt, die freiwillig Deutsch lernen und bei denen dann schon ein gewisses Interesse an landeskundlichen Informationen vorausgesetzt werden kann. Es handelt hier aber leider nicht nur um eine ungeschickte Formulierung. Die Autorinnen Margarete Hansen und Barbara Zuber gehen im zweiten Kapitel ("Räume") offensichtlich davon aus, dass es für Lerner von Bedeutung ist, die Landeshauptstädte, Flüsse und Mittelgebirge Deutschlands auswendig aufsagen zu können. Dies soll dann mit dem Basteln von Urlaubskarten oder Spielen in der Art von "Reise nach Jerusalem" - hier "Ich fahre nach Nordrhein-Westfalen" (S. 22) - interessant gemacht werden. Selbst bei einer Lernergruppe in Deutschland wäre es höchst zweifelhaft, ob derartige Dinge überhaupt gelernt werden sollten; in Korea sind dergleichen Übungen natürlich unbrauchbar.

Dies trifft mit wenigen Ausnahmen auch auf den Rest von Kapitel zwei zu. Das Zeichnen von Landkarten der jeweiligen Heimatländer der Teilnehmen zum gemeinsamen Basteln einer Weltkarte ist mit Teilnehmern aus ein und demselben Land wenig sinnvoll. Einige Übungen sind zudem schlecht didaktisiert oder schlicht unsinnig. In der Übung "Suchen und Finden" auf Seite 14 sollen die Teilnehmer aus einundzwanzig vorgegebenen Fragen die für sie interessanteste heraussuchen und dann bei den anderen Teilnehmern des Kurses Antworten sammeln. Der Fragenkatalog enthält unter anderem: "Wissen Sie, welche europäischen Länder der Rhein berührt?", "Wissen Sie wie Kölnisch Wasser riecht? Beschreiben Sie.(!)", "Wissen Sie, wo in Deutschland Palmen wachsen?" und "Wissen Sie, was für Tiere in der Lüneburger Heide herumlaufen?" Diese Fragen haben zwar durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, für den Unterricht sind sie jedoch unbrauchbar.

Höhepunkt des vollkommen missglückten Kapitels zwei sind dann zwei Einheiten, in denen Mind-maps zu längeren Textbausteinen mit den Themen "Deutsche im Ausland - Fremde in Deutschland" und "Stationen deutscher Geschichte" erstellt werden sollen. Das erste Thema behandelt verschiedene Ein- und Auswanderungswellen, beginnend mit dem 12. Jahrhundert, deren jeweilige historische Einordnung selbst für die meisten Deutschen schwierig sein dürfte. Das zweite Thema lässt die in der Überschrift angesprochene Geschichte im Jahre 1948 beginnen und erklärt dafür Grundlagenvertrag, Konferenzen über die Abrüstung und Reduzierung konventioneller Streitkräfte und die Ratifizierung des Einigungsvertrages. Kurz gesagt: abgesehen von den üblichen Stilblüten ("Diese Fremden wurden schnell Einheimische") wertlos.

Neben den zahlreichen inhaltlichen Problemen gibt es auch Schwachstellen in der allgemeinen Konzeption. Schon die erste Übung in Kapitel eins, "Ich heiße Paolo, weil ..." macht dies deutlich. Es ist grundsätzlich keine schlechte Idee, die Herkunft von Namen zu thematisieren, aber wenn Fragen gestellt werden sollen wie "... ob sie den Namen von jemand anderem übernommen haben, ...ob der Name eine Geschichte hat, ... wie sie selbst zu ihrem Namen stehen, ... welche Koseformen es gibt", erscheint die Einstufung "Grundstufe I" ausgesprochen optimistisch. Des weiteren werden notwendige Redemittel nicht systematisch eingeführt, sondern nur unter "Beispiele" abgehandelt, wobei offensichtlich wenig Sorgfalt auf die Auswahl verwandt wurde. Eine Anpassung an die jeweils ins Auge gefasste Zielgruppe hat offensichtlich nicht stattgefunden.

Ist man auf Seite 33 am Ende des zweiten Kapitels angelangt, ist man geneigt, das Lehrbuch als Fehleinkauf zu betrachten. Dann jedoch beginnt Kapitel drei, "Verhalten", und das Buch wird plötzlich inhaltlich wesentlich interessanter. Die angesprochenen Probleme mit der Sprache und dem Schwierigkeitsgrad sind nach wie vor vorhanden. Aber die Aufbereitung des Stoffes wirkt nun wesentlich inspirierter und inspirierender.

Kapitel drei beginnt mit einem Geheimdienstbericht über vier Personen, deren alltägliche Gewohnheiten Aufschluss darüber geben sollen, ob es sich um Spione handelt. Zwar sind nicht alle Beobachtungen aufschlussreich oder für Koreaner von Nutzen, aber der Ansatz ist mit Sicherheit geeignet, Interesse zu wecken. In den Übungen "Zeit", "Küss die Hand", "Wie geht's" und "Gemeinsames Essen und Trinken" werden bestimmte kulturelle Verhaltensnormen in Deutschland erklärt, die dann leicht mit koreanischen Verhaltensnormen in Beziehung zu setzen sind. Hier löst das Lehrbuch erstmals seinen eigenen Anspruch ein, Selbst- und Fremdverstehen fördern zu wollen.

Gegen Ende des Kapitels steigert sich der Schwierigkeitsgrad, aber auch die Übung "Videospiele", die Interjektionen behandelt, die Übung "Missverständnis in der Chefetage", die kulturbedingte Kommunikationsschwierigkeiten behandelt, und die Übung Tabus, die nonverbales Verhalten behandelt, sind interessant und nützlich.

Einige kleinere Teile zu den Themen Lernen, Lernertyp und Lerntagebuch runden Kapitel drei ab, ohne inhaltlich wesentlich Neues zu bringen.

Kapitel vier beginnt auf Seite 80 und trägt den Titel "Einstellungen". Es enthält die Themen "Was 'gemütlich' ist", "Die Familie", "Alle wollen etwas anderes", "Wertehierarchien" und "Neujahr und andere Feste". Die ersten drei Themen werden durch ein gemeinsames sprachliches Ziel verbunden: das Ausdrücken von Meinungen. Verblüffenderweise findet sich auf Seite 89 zum ersten und einzigen Mal eine Liste der benötigten Redemittel. "Wertehierarchien" liefert eine Liste von Eigenschaften, aus denen die wünschenswerten und völkerverständigungsfördernden herauszusuchen sind. Die letzte Übung wirkt dann allerdings etwas fehl am Platz; sie enthält Informationen über den christlichen oder politischen Hintergrund unserer Feste und Feiertage. Das Kapitel ist zwar weniger interessant als Kapitel drei, enthält aber immerhin einige nützliche Informationen.

Es folgt noch ein sogenanntes fünftes Kapitel, "Abschied", das aber nur aus dem Malen oder Beschreiben eines Geschenks für einen anderen Gruppenteilnehmer besteht. Dies soll "besonders schön am Schluss des Kurses" sein, was aufgrund des Titels durchaus einleuchtet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass "Zwischen den Kulturen" ein Lehrbuch ist, das zwar nicht unbedingt Pflichtlektüre für DaFler sein muss, das aber durchaus die eine oder andere Anregung zu geben vermag. Wenn man die ersten dreißig Seiten überschlägt und bereit ist, eventuell empfangene Anregungen neu zu formulieren und neu zu didaktisieren, muss man nicht unbedingt von der Anschaffung abraten. Ob der hohe Preis allerdings in einem ausgewogenen Verhältnis zu bestenfalls fünfzig eingeschränkt brauchbaren schwarz-weißen Seiten steht, ist zu bezweifeln.


Copyright © 2000 by Stefan Straub


DaF-Szene Korea Nr. 11

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