Karen Schramm

Perlentaucher -
Eine musikalische Anregung zum Schreiben im Anfängerunterricht


1. Einleitung: Schreiben für Anfänger

Allzu oft sind Schreibaufgaben im Anfängerunterricht schlicht und einfach langweilig - und zwar für Lehrer und Lerner gleichermaßen. Inhaltlich anspruchsvolle Texte selbständig zu formulieren, scheint Lerner auf diesem niedrigen Sprachniveau zu überfordern. Den Lernern werden deshalb von den Lehrbüchern Informationen oder Formulierungen vorgegeben, aus denen sie Texte machen sollen, die folglich jedoch jedes kommunikativen Aspekts entbehren. Bei unüberlegt formulierten freieren Schreibaufgaben rutscht im schlimmsten Fall das inhaltliche Niveau auf das der nur sehr beschränkten Sprachkenntnisse ab, was in Verbindung mit dem für den Lehrer lästigen Korrekturaufwand wiederum häufig dazu führt, dass das Schreiben auf Anfängerniveau nicht weiter gefördert wird. Das muss aber keinesfalls so sein, denn geringe Sprachkenntnisse schließen interessante Inhalte beim Schreiben selbstverständlich genauso wenig wie bei den anderen Fertigkeiten aus.

Ich möchte im folgenden als Beispiel für kreatives Schreiben im Anfängerunterricht eine dreistündige Unterrichtssequenz mit dem Titel "Perlentaucher" vorstellen, die den Teilnehmern eines Schreibkurses für Anfänger laut einer Umfrage am Ende des Semesters besonders viel Spaß gemacht hat. Acht von elf Lernern gefiel dieses Thema von insgesamt zehn behandelten am allerbesten; die anderen drei Teilnehmer gaben dem Perlentaucher die Plätze zwei, vier und zehn.

Themen/Titel                                      Textart                                     Lerner-Beliebtheit
Das bin ich!                                       Poster-Porträt                            Platz 6 -7     (65 Punkte)
So ein Wochenende...                Postkarte (mit Antwort)                       Platz 8         (68 Punkte)
Mein Lieblingsessen                         Kochrezept                                 Platz 4 -5      (48 Punkte)
Schöner wohnen                             Zeitungsartikel                              Platz 3          (47 Punkte)
Liebe ist...                                        Sinnsprüche                               Platz 4 -5      (48 Punkte)
Perlentaucher                                       Liedtext                                  Platz 1          (24 Punkte)
Mein Vorbild                                   Poster-Porträt                               Platz 6 -7      (65 Punkte)
Das sollst du wissen...        persönlicher Brief (mit Antwort)                   Platz 10        (72 Punkte)
Testen Sie Ihre Persönlichkeit          Psycho-Test                                 Platz 2          (33 Punkte)
Aufbruch ins Jahr 2000                   Zeitungsartikel                                Platz 9          (69 Punkte)

Die angegebenen Punktezahlen sind die Summe der von den elf Lernern angegebenen Plätze in einer Rangfolge. Somit bedeuten niedrige Punktzahlen hohe Beliebtheit und hohe Punktzahlen geringe Beliebtheit.

Es handelte sich dabei um einen dreistündigen Kurs mit dem Titel "Schreiben für Anfänger" an der Korea Universität für Hörer aller Fachbereiche. Der Kurs orientierte sich methodisch am Spracherfahrungsansatz, mit dem in der deutschen Alphabetisierungsarbeit mit Ausländern gute Erfahrungen gemacht wurden (s. dazu bspw. Merk & Harris-Brosig 1990; Schramm 1996:22). Im Zentrum des Kurses stehen dabei Texte von Lernern, die - da sie von den Lernern selbst geschrieben wurden - dem sprachlichen Niveau der Gruppe entsprechen, wenn diese denn in gewissem Maße homogen ist. Die Motivation zum Lesen ist dabei insbesondere die, etwas über die Person, die diesen Text geschrieben hat, zu erfahren, ihren Gedanken näher zu kommen, sie besser kennen zu lernen. Insofern stellen die Texte auch Anlässe für anschließende vertiefende Gespräche dar. Unerlässlich ist bei einem solchen Vorgehen, dass die Teilnehmer selbst inhaltlich im Mittelpunkt stehen und im Laufe der Zeit ein harmonisches, vertrauensvolles und auch neugieriges Gruppenklima entsteht.

In diesem Kurs wurden im Laufe des Semesters zehn Schreibaufgaben, also ungefähr eine Schreibaufgabe pro Woche in drei (oder auch mal vier) Unterrichtsstunden 50 Minuten bearbeitet. Die erste Stunde diente der Vorbereitung des Schreibens. Durch gemeinsame Gespräche oder Partner-Interviews erfolgte die Orientierung auf ein bestimmtes Thema, wobei das entsprechende Wortfeld erarbeitet wurde. Am Ende stand als Hausaufgabe eine Schreibaufgabe. In der zweiten Stunde wurden die Lernertexte in Dreier- oder Vierergruppen präsentiert und dann jeweils von der Arbeitsgruppe inhaltlich kritisiert und, soweit wie möglich, sprachlich korrigiert. Anschließend wurden die Texte der Lehrperson zur Korrektur vorgelegt, vor der nächsten Unterrichtsstunde von den Lernern entsprechend überarbeitet und für alle Kursteilnehmer kopiert. In der dritten Stunde dienten dann jeweils einzelne, besonders gelungene Texte als Grundlage für Aufgaben zum Leseverstehen und zum freien Sprechen. So stand zwar jeweils das Schreiben im Zentrum des Unterrichts, geübt wurden aber durchaus alle vier Fertigkeiten sowie auch die Bereiche Grammatik und Lexik.


2. Hintergrund der Unterrichtssequenz "Perlentaucher"

Ausgangspunkt der Sequenz "Perlentaucher" ist das gleichnamige Lied der Gruppe Rosenstolz, das sich auf der 1999 erschienenen CD "Zucker" (Hamburg: Polydor GmbH) findet. Es handelt sich um einen romantischen bis schnulzigen Schmusepopsong, der sich - so lässt sich zumindest nach dieser Unterrichtserfahrung vermuten - auch in koreanische Studentenohren schmeichelt. (Dies trifft nach meiner Erfahrung nicht auf sehr viele aktuelle deutsche Popsongs zu.) Der Liedtext arbeitet mit der Metapher "Die Liebe ist eine (gemeinsame) Reise", und zwar genauer eine Reise in gefährliche Gebiete, nämlich in die Tiefe des Meeres und an steile Bergabgründe. Ausgangspunkt der didaktischen Überlegungen bei der Auswahl dieses Liedes war, dass "Reise" eine in der Alltagssprache äußerst produktive Metapher ist, die beispielsweise auch zur Konzeptualisierung von Begriffen wie Tod, Leben und Schlaf dient (vgl. Arbeiten zur kognitiven Metapherntheorie, z.B. Lakoff & Johnson 1980; Lakoff 1987; Lakoff & Turner 1989). Die Vagheit, mit der in diesem Lied mit der Metapher operiert wird, spricht m.E. zwar nicht gerade für die literarische Qualität des Songtextes, sie eröffnet aber viel Spielraum für die Ersetzung des Konzepts "Liebe" durch andere Zieldomänen. Aus diesem Grunde bietet sich dieses Lied meiner Meinung nach in einem Anfängerkurs für die Aufgabe an, das Liebeslied in einen Text über ein anderes Thema umzuschreiben. Da jegliche Veränderung von einem physischen oder emotionalen Zustand in einen anderen als Reise konzeptualisiert werden kann, ergeben sich vielfältige

Perlentaucher                                                               die Perle,-n
                                                                                      tauchen
Zieh mich tief zu Dir ins Wasser
hauch mir Leben ins Gesicht                                            hauchen
keine Lust nur Luft zu atmen                                            atmen
und ohne Dich da geht es nicht.

Und jetzt stehn wir vor dem Abgrund                                der Abgrund
wolln den Boden nicht mehr spürn                                   etwas spüren
nur ein Schritt nach vorn zum Leben                                der Schritt, -e
egal wie es passiert.

Perlentaucher - nimm mich mit auf Deine Reise
Perlentaucher - ganz egal wie tief
und wenn wir keine Luft mehr kriegen
wenn die Wellen uns besiegen                                        die Welle,-n
weiß ich doch                                                                jn. besiegen
wir haben die Perlen uns verdient.

Jeder Kuss schmeckt nach Verlangen                             das Verlangen
und kein Wort muss ich erklärn
nur mit Dir kann ich erleben                                            erleben
mich am Dasein ganz verzehrn                                       das Dasein / sich verzehren an

Hör nicht auf mit mir zu tauchen
lass nicht los, nicht heute Nacht                                     loslassen
nur ein Schritt nach vorn zum Leben
egal wie es passiert.

Abb. 1: Liedtext "Perlentaucher" der Gruppe Rosenstolz mit Glossar

Möglichkeiten zum Umdichten, die die Lerner meines Kurses in sehr kreativer Weise nutzen konnten. Folgende Themen wurden von ihnen gewählt:

Das lyrische Ich
... möchte Schulden machen, um ein luxuriöses Leben zu führen.
... geht ins Fitness-Studio, um dem gängigen Schönheitsideal zu genügen.
... vermisst den Geliebten und bittet ihn, sofort nach Hause zu kommen.
... möchte mit einem Buch zum Wissen reisen.
... begeht Selbstmord.
... sucht eine Arbeit.
... möchte meditieren.
... möchte geboren werden.
... fordert zum Umweltschutz auf.
... möchte tief schlafen.
... bittet einen Heiratsvermittler, weiter nach einer geeigneten Kandidatin zu suchen.

In den Abbildungen 2-5 sind vier Beispiele von Lernertexten abgedruckt, die zeigen, wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfielen. Beispiel 1 stammt von einem sprachlich besonders schwachen Lerner. Er hat mit nur sehr wenig Veränderungen, die in Abbildung 2 fett gedruckt sind, aus dem "Perlentaucher" einen Text über die Versuchung, Schulden aufzunehmen, gemacht. In den Beispielen 2 und 3 (s. Abb. 3 und 4) ist ebenfalls durch die Ersetzung einiger weniger Textstellen die Bedeutung des Liedtextes vollkommen verwandelt worden: Aus der "Reise" ist in dem einen Fall ein meditativer Weg, in dem anderen Fall der beschwerliche Weg zu guter Figur und "perfektem" Aussehen geworden. Die Autorin von Beispiel 4 (s. Abb. 5) dagegen hat in ihrem Text über die Geburt aus der Perspektive eines Kindes die zweite Hälfte der Strophen ganz selbständig formuliert. Viele der im Kurs von den Teilnehmern vorgetragenen umgeschriebenen Texte hatten einen großen Lacherfolg. Was den Lernern an diesen Texten so viel Spaß gemacht hat, - so vermute ich -, war es, im Altbekannten eine neue Bedeutung zu entdecken.

Perlentaucher

Zieh mich tief zu Dir ins Wasser
weil ich kein Geld habe
keine Lust nur Luft zu atmen
und ohne Geld da geht es nicht

Und jetzt stehe ich vor der Bank
will an die Schulden nicht mehr denken
nur ein Schritt nach vorn zum Leben
aber ich habe keine Sicherheiten

Perlentaucher - nimm mich mit auf Deine Reise
Perlentaucher - ganz egal wie tief
und wenn ich keine Luft mehr kriege
wenn die Wellen uns besiegen
weiß ich doch
ich muss die Perlen tilgen

Alles Geld schmeckt nach Verlangen
und kein Wort muss ich erklärn
nur mit Geld kann ich erleben
mich am Dasein ganz verzehrn

Hör nicht auf mit mir zu tauchen
lass nicht los, nicht heute Nacht
nur ein Schritt nach vorn zur Bank
egal wie es passiert

Abb. 2: Beispiel 1 für Lernertext

Mönch

Nehmen Sie mich zu Ihnen ins Kloster mit
hauchen Sie mir Leben ins Gesicht
keine Lust nur Fröhlichkeit zu bekommen
und ohne Sie, da geht es nicht.

Und jetzt stehn wir vor dem Abgrund
wolln den Boden nicht mehr spürn
nur ein Schritt nach vorn zum Leben
egal wie es passiert.

Mönch - nehmen Sie mich mit auf Ihre Reise
Mönch - ganz egal wie schwer
und wenn wir keine Fröhlichkeit mehr kriegen
wenn wir die Verführung besiegen
weiß ich doch
wir haben die Wahrheit uns verdient.

Jedes Gebet schmeckt nach Verlangen
und kein Wort muss ich erklärn
nur mit Ihnen kann ich erleben
mich am Dasein ganz verzehrn

Hären Sie nicht auf, mich mitzunehmen
lassen Sie nicht los, nicht heute Nacht
nur ein Schritt nach vorn zum Leben
egal wie es passiert.

Abb. 3: Beispiel 2 für Lernertext

 Perlentaucher

Zieh mich häufig zu Dir ins Fitnessstudio
hauch mir Leben in den Fernseher
keine Lust nur Schokolade zu essen
und ohne Dich da geht es nicht.

Und jetzt stehn wir vor dem Spiegel
wolln die Augen nicht mehr haben
nur eine kosmetische Operation nach vorn zum Leben
nur ein Kilogramm nach vorn zur Schönheit
egal wie es passiert.

Perlentaucher - nimm mich mit auf Deine Reise
Perlentaucher - ganz egal wie lange es dauert
und wenn wir nichts Hässliches mehr haben
wenn ich wie Miss Welt werde
weiß ich doch
wir haben die Perlen uns verdient.

Jeder Schmerz schmeckt nach Verlangen
und keiner Verführung darf ich erliegen
nur mit Dir kann ich erleben
mich am Dasein ganz verzehrn

Hör nicht auf mit mir zu tauchen
lass nicht los, nicht heute Nacht
nur eine Verkleidung
nur ein Hunger nach vorn zum Leben
egal wie es passiert.

Abb. 4: Beispiel 3 für Lernertext

Perlentaucher

Zieh mich schnell aus dem Wasser
hauch mir Leben ins Gesicht
keine Lust an diesem engen Platz zu bleiben
und ohne Dich da ist es unmöglich...

Und jetzt stehe ich vor der Tür zum Leben
will die Finsternis nicht mehr spürn
nur ein Schritt nach vorn zum Leben
egal wie es passiert.

Perlentaucher - unter anderen Perlen
Perlentaucher - nimm mich mit auf Deine Reise
und wenn ich in die Luft tauche
wenn Du mich mit Liebe schliefst und glättest
weiß ich doch
wirklich kann ich ein wertvoller Edelstein werden

Diese Reise zu machen wird nicht leicht
Es wird große Wellen geben
Es wird ein großes Gewitter geben
Aber mit Dir habe ich keine Angst
weil Du mein Schattenbild bist

Wo immer ich gehe
Du wirst mit mir sein und mich stützen
das weiß ich doch...

Die Liebe von Dir
will ich aufbewahren
dann, wenn ich die nächste Perle habe,
kann ich ihr meine Liebe geben...

Abb. 5: Beispiel 4 für Lernertext


3. Didaktisches Vorgehen

Die Unterrichtseinheit zu diesem Lied weicht insofern von dem oben beschriebenen allgemeinen Vorgehen im Kurs ab, als dass hierbei dem zur Schreibaufgabe führenden Gespräch noch die Erarbeitung des Liedtexts und insbesondere des Vokabulars in einer ersten Unterrichtsstunde vorausgeht. In der zweiten Stunde wird dann durch die Analyse der Metaphern das Umschreiben vorbereitet, das in Hausarbeit erfolgt. Die Korrektur der Texte durch die anderen Teilnehmer bietet sich bei dieser Aufgabe, bei der es nicht um freies Formulieren, sondern um ein Ersetzen einzelner Textstellen geht, weniger an als bei anderen Texten. Deshalb erfolgt in diesem Unterrichtsentwurf sofort die Korrektur durch die Lehrperson, so dass in der dritten (und ggf. auch vierten) Unterrichtsstunde bereits die verschiedenen Texte vorgelegt und gemeinsam gelesen werden können.

Zur besseren übersicht ist das didaktische Vorgehen hier in einer Tabelle kurz umrissen worden, in der sich in der ersten Spalte eine ungefähre Zeitangabe in Minuten, in der zweiten Spalte die Sozialform und in der dritten Spalte Stichworte zu den Lernaktivitäten mit kursiv gesetzten Lehrerfragen finden. Sie sollen ein mögliches Vorgehen umreißen, das in den Details der jeweiligen Lernergruppe anzupassen sein wird.

1. Stunde: Liedtext "Perlentaucher" erarbeiten

(5)    im Kreis    Das Lied wird einmal vorgespielt.
(5)    im Kreis    Die Lerner sprechen über den ersten Höreindruck.
                        - Wie klingt die Melodie?
                        - Wie ist die Atmosphäre?
                        - Was denken Sie: Was ist das Thema?

(10)  4er-Gruppen  Die Studenten bekommen den zerschnittenen Liedtext (pro Zeile ein Schnipsel) und sortieren bei
                           zwei- oder dreimaligem Hören den Liedtext.

(5)    im Kreis    Der komplette Text wird ausgeteilt und das über das koreanische Glossar hinausgehende unbekannte
                        Vokabular strophenweise semantisiert.

(10)  zu zweit    Die Studenten beantworten diese Fragen:
                        - Wer ist der Perlentaucher?
                        - Wohin reisen die Sängerin und der Perlentaucher?
                        - Warum möchte die Sängerin tief tauchen?
                        - Warum möchte die Sängerin in den Abgrund springen?
                        - Was bedeuten die Perlen? Was will die Sängerin?

(10)  im Kreis    Die Antworten werden ausgetauscht und diskutiert, bis sich ein für die Lerner zufriedenstellendes
                        Textverständnis einstellt.

(5)    im Kreis    Lehrerfrage: Wie finden Sie dieses Konzept der Liebe?

Hausaufgabe war ein Kreuzworträtsel zur Wiederholung der Vokabeln mit folgenden Wort-Fragen:

Kennen Sie ein anderes Wort für

01. H2O
02. das Leben
03. fühlen
04. unter Wasser schwimmen
05. das plötzliche Ende eines Berges
06. etwas zu Recht bekommen, z.B. Geld nach der Arbeit
07. Wenn man geht, macht man einen ____________ nach dem anderen.
08. Wenn man etwas nicht versteht, muss man es sich ____________ lassen.
09. Surfer reiten auf einer ____________.
10. Beim Tennis will er immer alle ____________.
11. Das Essen ____________ sehr gut.
12. Ich habe keine Meinung. Das ist mir ____________.


2. Stunde: Metaphern analysieren und Schreibideen entwickeln

(5)    im Kreis    Das Lied wird erneut vorgespielt.
(5)    zu zweit    - Wir haben gesagt: Das ist ein Lied über "Liebe" und "intensives Leben". Wo kann man das im Text
                          explizit sehen? Lerner unterstreichen alle Wörter zum Thema "Liebe" und "Leben".

(5)    im Kreis      Vergleich der Arbeitsergebnisse
                        - Das sind nur wenige Wörter. Mit welchen Metaphern singt die Sängerin noch über die Liebe?

(5)    zu zweit      Die Lerner unterstreichen in einer anderen Farbe alle Wörter zum Thema "Reise im Wasser" und
                          "Reise in den Bergen".

(5)    im Kreis      Vergleich der Arbeitsergebnisse und Erstellung eines Tafelbildes.

(20)  im Kreis    - Nicht nur in Liedern gibt es solche Metaphern, sondern auch in unserer normalen Sprache und in
                         unserem Denken, z.B. "tief schlafen" oder "in das Land der Träume reisen". (Tafelanschrieb: Schlafen.)
                         Zum Beispiel: Schlafen ist eine Reise.
                       - Was sind dann die Perlen? Was sind die Wellen? Was ist der Abgrund?...
                         Um den zentralen Begriff "Reise" werden andere alltägliche etaphorische Bedeutungen gesammelt:
                       - Haben Sie eine andere Idee? (Tafelanschrieb)
                       - Was sind dann die Perlen, die Berge, das Wasser ?

(5)    im Kreis      Jeder Student wählt ein Thema aus, um einen neuen Liedtext zu schreiben.

Hausaufgabe: Den Liedtext im Hinblick auf das neue Thema überarbeiten, mit der Lehrerin in der Sprechstunde durchgehen und dann für alle kopieren.


3. Stunde: Liedtexte vorstellen und diskutieren

(50)  im Kreis  Pro Lerner ein Durchgang:
- Der Lerner verteilt seinen Text und trägt ihn vor. (Ermunterung zum poetischen Lesen!)
- Die anderen erfragen die Wärter, die sie nicht kennen. Der Lerner übersetzt die Wörter jeweils ins Koreanische.
- Die anderen Lerner fragen den Autor alles, was sie wissen möchten, oder kommentieren den Text.


4. Abschließende Bemerkungen

Es erscheint mir wichtig, zu diesem Unterrichtsvorschlag anzumerken, dass das kreative Verändern von vorgegebenen Texten selbstverständlich eine ganz besondere Art des Schreibens darstellt. Anders als bei den weiteren Aufgaben, die in diesem Kurs gestellt wurden, üben die Teilnehmer hierbei nicht das selbständige Formulieren von Alltagstexten, sondern tauschen gezielt einzelne Begriffe aus, um die Bedeutung des Liedes zu verändern. Insofern kommt der Bereich der Grammatik im Vergleich zu anderen Schreibaufgaben relativ kurz und der Schwerpunkt dieser Unterrichtseinheit liegt eindeutig beim Vokabelerwerb. Durch das mehrfache Hören und Lesen des Originaltextes und dessen vielfältige Variationen werden die Vokabeln extrem häufig wiederholt, ohne dass die mentalen Prozesse auf das Auswendiglernern gerichtet wären. Es geht vielmehr bei jedem erneuten Lesen um das Erfassen einer veränderten Textbedeutung und ein hoffentlich befriedigendes Aha-Erlebnis. Das dennoch beim Lesen der Textvariationen unwillkürlich einsetzende, völlig mühelose Auswendiglernen dient daneben auch dem Erwerb der Grammatikstrukturen, ohne dass diese expliziert würden. Der für den Lernprozess und für die oben erwähnte Lernerbeliebtheit dieser Unterrichtssequenz entscheidende Punkt liegt nach meiner Einschätzung jedoch vor allem in dem motivierenden Erlebnis, in der nur wenig beherrschten Fremdsprache Deutsch eigene kreative Texte vorlegen zu können, die durch die Rezeption der anderen Kursteilnehmer, deren Fragen und auch deren (miterlebten) Spaß daran, ihren kommunikativen Zweck gewinnen.

Literatur

Lakoff, G. (1987) Women, Fire, and Dangerous Things: What Categories Reveal about the Mind. Chicago/London: University of Chicago Press.

Lakoff, G. & M. Johnson (1980) Metaphors We Live By. Chicago/London: University of Chicago Press.

Lakoff, G. & M. Turner (1989) More than Cool Reason: A Field Guide to Poetic Metaphor. Chicago/London: University of Chicago Press.

Merk, U. & P. Harrig-Brosig (1990) "Das Sprechen aufschreiben - Lesen- und Schreibenlernen mithilfe selbsterstellter Texte". In: Arbeitskreis Alfabetisierung mit AusländerInnen in Frankfurt (Hg.): Verstehen lernen. Frankfurt a.M.: 19-51.

Schramm, Karen (1996) Alphabetisierung ausländischer Erwachsener in der Zweitsprache Deutsch. Münster/New York: Waxmann.


Copyright © 2000 by Karen Schramm


DaF-Szene Korea Nr. 11

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