Vor einiger Zeit tat ein deutscher Geschäftsmann in Korea sinngemäß die Äußerung, dass man in deutschen Firmen mit Englisch gut zurechtkommen könne, Deutsch brauche man also nicht.
Lieber Herr X. von der Firma Y. in Seoul!
Erlauben Sie mir, dass ich diesen Brief auf Deutsch verfasse, denn das ist die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, in der ich denke, und in der ich auch recht geläufig kommunizieren kann.
Ich möchte dieses Schreiben etwas weiter ausholend, mit einem kurzen historischen Abstecher beginnen. In den Anfangsjahren der Vereinigten Staaten von Amerika gab es eine Abstimmung darüber, welches denn nun die Sprache des jungen Landes sein sollte. Man entschied sich für Englisch, aber das nur mit knapper Mehrheit. Einige Quellen sagen, dass nur eine einzige Stimme das Ergebnis zuungunsten der anderen Sprache - diese war Deutsch - entschied. Wir können nur ahnen, was uns dadurch erspart geblieben ist. Die meisten deutschstämmigen Einwanderer kamen aus Hessen oder noch südlicheren Gegenden. Ganz Amerika würde jetzt babbeln, vielleicht sogar mit einem gutturalen Slang, ähnlich dem texanischer Rinderhirten und Ölbarone. Der Hamburger würde zwar immer noch Hamburger heißen, aber den gäbe es in einer Schnell-Ess-Kette der Firma Meyer (in der doppelgedeckten Luxusversion mit Sauerkraut und Harzer Käse auch "Groß-Meyer" genannt). Das Goethe-Institut würde im 63-Gebäude auf Yoido residieren; das kleine aber feine British Council hätte (mit Unterstützungsgeldern des australischen Witwenvereins) ein kleines Häuschen im Tudor-Stil am Namsan gebaut und böte in der Woche 20 Stunden Sprachunterricht sowie Sonderkurse zu "Shakespeare und die englische Küche" an. Deutschsprachige Lektoren (mit der Zusatzqualifikationen "Zertifikat zum Lehren texanischen Babbelns") könnten sich vor Arbeitsangeboten kaum retten, und jedes koreanische Kleinkind würde jeden weißhäutigen Ausländer mit dem Wort "Mahlzeit!" begrüßen. Und Sie, lieber Herr X., müssten in Ihrer Firma kein Englisch sprechen!
Die Realität sieht, aufgrund der obengenannten historischen Kleinigkeit, aber anders aus, und so tun sie ja vielleicht ganz gut daran, sich mit Angestellten und Geschäftspartnern auf Englisch zu unterhalten. Vielleicht sogar mit ihren deutschen Landsleuten, denn die können ja auch alle Englisch (bei einer Unterhaltung zwischen Bayern und Westfalen mag das sogar nützlich sein).
Sie verkaufen Ihr Produkt, natürlich ein klassisch deutsches, in einem Land, das nationale Symbole sehr in den Vordergrund stellt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass hierzulande in jedem Gebäude eine koreanische Landesfahne zu finden ist, sei sie eingerollt, zum Heraushängen an Feiertagen, oder direkt an der Wand hängend. Dieses Land hat eine Sprache und eine Schrift, die zeitweilig durch die Kolonialmacht Japan verboten war, und darum ist man in diesbezüglichen Fragen recht feinfühlig. Man freut sich immer, wenn ein Ausländer ein paar Worte Koreanisch von sich gibt und hält ihn damit für überaus liebenswürdig oder gar intelligent. Man zögert auch nicht, alle Wörter, die man früher einmal im Deutschunterricht auf der Oberschule gelernt hat (und viele haben diesen Deutschunterricht durchlitten) aneinandergereiht dem deutschen Gesprächspartner aufzusagen, etwa: "Ich liebe dich Autobahn eins zwei drei der die das!" Und dann freut man sich, wenn der/die/das deutsche Gegenüber sich darüber freut, weil das ja seine Muttersprache ist. Aber Sie freuen sich wohl nicht, denn Sie sprechen ja lieber Englisch!
Ich bezweifele nicht, dass Sie gut Englisch sprechen. Ihre koreanischen Mitarbeiter sprechen sicherlich auch so gut Englisch, dass Sie sich prima mit ihnen über alle Probleme, privat und in der Firma, verständigen können. Und wenn mal bei einem Ihrer Produkte etwas kaputt ist, vielleicht die Zünddeckelschlauchmuffe, wissen Sie sofort, wie das auf Englisch heißt, und Ihr koreanischer Angestellter natürlich auch. Es macht Ihnen nichts aus, überall erst einmal den Umweg über eine andere Sprache zu wählen, auch wenn das linguistische "Rauschen" (so heißt das z.B., wenn von einem Wort, das irgendwo herauskommt, beim Ohr des anderen etwas anderes hereinkommt) Ihnen in der Firmenkantine statt des bestellten Kaffees eine Portion Hühnerfüße beschert. Und wenn Sie nach einem 12-Stunden-Tag immer noch müde im Büro sitzen und Ihre englischsprechende Sekretärin Ihnen eine Telefonverbindung nach Beirut (denn Bayreuth kennt man nur nach dem Genuss deutscher Landeskunde) herstellt, werden Sie sicherlich gelassen darüber hinweg sehen.
Die Fluggesellschaft "Lufthansa" veranstaltet jedes Jahr das "Oktoberfest" in Seoul und anderen Städten auf diesem Globus. Deutsche Autos, Kühlschränke, Waschmaschinen oder Betonpumpen verkaufen sich, trotz höherer Preise als inländische Produkte, bestimmt auch wegen des "Deutschen Images". Ich kann mich erinnern, in Hongkong einmal eine Autowerbung in der Zeitung gesehen zu haben, die mit dem deutschen Satz endete: "Vorsprung durch Technik". Diesen Satz kannte sogar der Hotelportier. Warum also nicht auch mal etwas deutsche Sprache in den globalisierten Topf rühren. In Korea gibt es viele gut ausgebildete Menschen, die sogar Deutsch und Englisch beherrschen, und eine deutschsprechende Sekretärin, die mal in Bayreuth einen Sprachkurs gemacht hat, weiß vielleicht sogar, dass nicht in jeden Kaffee Zucker gehört, und dass das "ä" oben rechts auf der Tastatur ist.
Lieber Herr X., ich habe gehört, dass Sie in Korea Autos verkaufen. Nun könnte man fragen: Warum? Es gibt doch schon so viele Autos, die in Korea hergestellt werden und die scheinbar auch fahren. Und wenn sie nicht fahren, dann stehen sie halt im Stau. Man kommt mit den Autos, die von hier sind, doch prima zurecht; was soll denn dieser Blödsinn mit anderen Autos? Dann werden Sie vielleicht behaupten, dass es doch schön sei, wenn nicht alle Menschen dieselben Autos fahren, sondern manche Menschen auch mal ein anderes Auto (vielleicht sogar eins von Ihnen). Und vielleicht fährt sogar der eine oder andere Koreaner ganz gern mit einem Ihrer Wagen spazieren, um eine gewisse Individualität zu demonstrieren. Sehen Sie, so ähnlich ist das mit der deutschen Sprache. Sicherlich kommt man in Handel und Wirtschaft mit Englisch überall ganz gut über die Runden. Aber sicherlich lässt sich das "Deutsche Image", von dem Ihr Produkt ja profitiert, auch ein bisschen mittels deutscher Sprache verkaufen. Ich denke da an das Bild, das immer noch in koreanischen Köpfen herumgeistert: Wenn sich fünf deutsche Raucher irgendwo treffen und den tiefen Wunsch hegen, eine Zigarette zu rauchen, dann holt einer ein Streichholz heraus und zündet damit alle fünf Zigaretten an. Und dann singen alle fünf "Die Loreley". Furchtbar romantisch und auf Deutsch!
Viele Grüße, Ihr Michael Menke
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