Thomas Schwarz

Curriculumreform und Bildungspolitik


Einem Artikel des Korea Herold (KH) vom 19.11.1999 konnte man entnehmen, dass Curriculumreform und Weiterentwicklung von Unterrichtsmethoden zu den erklärten Zielen des damaligen südkoreanischen Erziehungsministers Kim Duk-Choong gehören. In diesem Bereich liegt auch der Schwerpunkt der aktuellen Politik der Lektorenvereinigung Koreas. Zusammen mit der Koreanischen Gesellschaft für Germanistik, der Koreanischen Gesellschaft für Deutsch als Fremdsprache, dem Goethe-Institut und dem DAAD haben wir die Initiative ergriffen, um im September 2000 ein Seminar zu diesem Thema durchzuführen.

Sicher hat das Erziehungsministerium unter seinem neuen Ressortchef Moon Young-Lin derzeit andere Probleme, als sich um einen Neuzuschnitt des Curriculums für Deutsch zu kümmern, das ist auch nicht seine Aufgabe. Im Zentrum seiner Universitätspolitik steht das auf 7 Jahre angelegte, 1,2 Milliarden US $ schwere 'Brain Korea 21'-Projekt, das gezielt Universitäten fördert, die die Programme ihrer graduate-schools ausbauen. Während in der Bundesrepublik der Bachelor of Arts eingeführt werden soll, bewegt sich Südkoreas Universitätspolitik genau in die umgekehrte Richtung und setzt auf mehr Forschung und Expertenwissen. Auch Germanisten hätten in diesem Rahmen wie Wissenschaftler anderer Fakultäten Forschungsteams bilden und sich um Fördermittel bewerben können. Wenn von den an Brain Korea 21 partizipierenden Universitäten erwartet wird, die Zahl ihrer undergraduates bis 2002 um 30% zurückbauen, dann hätten viele germanistischen Institute - um es einmal positiv zu formulieren - schon eine Übererfüllung des Plansolls zurückmelden können. Brain Korea 21 sieht auch vor, verstärkt ausländische Hochschullehrer anzuwerben. Neue Arbeitsplätze für deutsche Lektoren werden aber mit Sicherheit nicht entstehen. Selbst Kollegen, die schon länger hier arbeiten und sich fest etabliert glauben, müssen damit rechnen, dass sich ihre Vertragsbedingungen verschlechtern. Bei der Verlängerung des Jahresvertrags stellt sich nicht wenigen Kollegen die Frage, ob man sie noch brauchen wird. Die Hakbuchae-Reform, die den Studenten mehr Freiheiten bei der Wahl der Fächer einräumt, hat uns mit einem alarmierenden Rückgang der Studentenzahlen in der Germanistik konfrontiert. Die einzige Handlungsoption, die den Abteilungen aufgrund der universitären Autonomie in der Lehrplangestaltung bleibt, besteht darin, den Studenten ein zielorientiertes Curriculum zu bieten. Der Handlungsdruck, der durch Hakbuchae an den Universitäten erzeugt wird, beflügelt auch den Reformwillen unserer koreanischen Kollegen, und es ist ein gutes Zeichen, dass sie sich für das Seminar zum Thema Curriculumreform der Unterstützung der für auswärtige Kulturarbeit zuständigen Institutionen der Bundesrepublik versichern konnten.

Der vom Erziehungsministerium herausgegebene Bericht Education in Korea 1999-2000 erklärt, welche Ziele man im Auge hatte, als die 60-70 credits, die zum Abschluss eines Hauptfaches ursprünglich benötigt wurden, auf 35-40 credits reduziert wurden: Hier sollte ein Freiraum für eine Horizonterweiterung geschaffen werden, die Studenten sollten Fertigkeiten in mehr als einem Fach erwerben. Im Kern geht es für sie darum, nun zwei Hauptfächer oder ein Haupt- und ein Nebenfach zu studieren (S. 70). Für das Fach Deutsch kann darin auch eine Chance liegen.

Die südkoreanische Universitätspolitik zielt nicht auf mehr Quantität, sondern auf mehr Qualität. Symptomatisch dafür ist auch ein von der Nationalversammlung verabschiedetes Gesetz zur Berufungspolitik, demzufolge die Universitäten ein Drittel aller frei werdenden Professuren mit Bewerbern besetzen müssen, die ihren Abschluss an anderen Universitäten erworben haben (Hausberufungsrate an der Seoul National University 1999: 94.7%). An den nationalen Universitäten soll die Zahl der Professoren im Jahr 2000 auf dem Niveau des Vorjahres eingefroren werden. Anfang April kündigte das Erziehungsministerium an, auch die Zahl der Studienplätze im Jahr 2001 an allen Seouler Universitäten und landesweit an den Nationaluniversitäten einzufrieren. Von dieser Dezentralisierungsmaßnahme werden und sollen die privaten Universitäten außerhalb Seouls profitieren. Etwa 870.000 Bewerbern stehen dann 315.000 freie Studienplätze gegenüber (KH 8.4.). All diese Bewerber müssen sich am 15. November 2000 dem berüchtigten "College Scholastic Aptitude Test" aussetzen, dem das Koreanische Institut für Curriculum und Evaluation (KICE) als optionale Komponente die Prüfung in einer zweiten Fremdsprache hinzufügen möchte. Aber nur weniger als die Hälfte aller Universitäten, etwa 70 von 186, verlangen auch, dass ein Testergebnis aus der zweiten Sprachprüfung eingereicht wird. Den Schülern wird die Wahl zwischen Chinesisch, Japanisch, Spanisch, Russisch, Französisch und Deutsch geboten. Damit ist der Entwertung des Deutschen zu einem zwecklosen Schulfach erst einmal ein gewisser Riegel vorgeschoben. Auf lange Sicht könnte qualitativ verbesserter Deutschunterricht an ausgesuchten Schulen, die sich mit der Kombinationsmöglichkeit von Englisch und Deutsch profilieren, gute Chancen haben, auch wenn die Entwicklung im Bereich der zweiten Fremdsprache in naher Zukunft von einer Expansion des Chinesischen in Verbindung mit dem Japanischen geprägt sein dürfte.

Aus koreanischer Perspektive macht das Studium der deutschen Sprache Sinn, wenn man in Deutschland studieren möchte. Das Hauptargument für ein Studium in der BRD lautete für kühle Rechner schon immer, dass deutsche Universitäten keine Studiengebühren verlangen. An Südkoreas staatlichen Universitäten sahen sich die Studenten dieses Jahr nach einem zweijährigen Moratorium mit einer Erhöhung der Gebühren um durchschnittlich 9% konfrontiert, an privaten Universitäten waren es gar 9,4% (KH 27.4.). Das Erziehungsministerium sah sich zu flankierenden sozialen Maßnahmen veranlasst. Im April gab es den Plan bekannt, die Zahl der Studentenwohnheimsplätze aufzustocken. Zur Zeit leben 8% der Studenten im kisuksa, in 6 Jahren sollen es 25% sein. Ein weiteres Programm soll die Zahl der Empfänger von Stipendien und Darlehen von derzeit 31% auf 49% erhöhen (KH, 12.4.). Für die sogenannten Selbstzahler wird der Studienstandort Deutschland nach wie vor eine finanziell attraktive Alternative bieten, aber in letzter Instanz wird es die Qualität und der gute Ruf der Universitätsausbildung in der BRD sein, der Studenten aus Korea anzieht. Dieser Ruf ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wenn es darum geht, dem Fach Deutsch eine Stellung als Nebenfach im Fächerkanon der südkoreanischen Universitäten zu sichern. Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Austausch zwischen Europa und Asien könnten auch verstärkt curriculare Modelle zum Zug kommen, in denen German studies im Rahmen von European studies angeboten werden. Es wäre schön, wenn dem kleinen Kreis von Studenten, die Germanistik im Hauptfach studieren wollen, die Chance geboten würde, das auch in einer graduate school zu tun. Die Entscheidung einer Universität, ein solches Programm einzurichten, muss von dem Willen getragen sein, dieses in flauen Zeiten vorübergehend zu subventionieren und seine Erhaltung als Beitrag zur universitären Profilbildung zu betrachten. Ein Kahlschlag, der die Germanistik allein den Gesetzen des Marktes überlässt, könnte schnell zu dem Problem führen, dass dringend benötigte Experten für die interkulturelle Kommunikation zwischen Deutschland und Korea fehlen.


Copyright © 2000 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 11

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