Marcus Stein

7. Internationales Soraksan-Symposium "Sprache und Kognition",
    30. 09. bis 3. 10. 1999

veranstaltet von der Koreanischen Gesellschaft für Germanistik (KGG) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Klein (Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen)


Das siebte von der Koreanischen Gesellschaft für Germanistik (KGG) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) veranstaltete Soraksan-Symposium bildete insofern einen Neuanfang, als zum ersten Mal ein sprachwissenschaftliches Thema behandelt wurde, "Sprache und Kognition". Wolfgang Klein, Leiter der Abteilung "Spracherwerb" im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, konnte von den Organisatoren des Symposiums als Seminarleiter gewonnen werden.

Klein wies zunächst auf die über 2000-jährige sprachwissenschaftliche Tradition hin, deren unklare altgriechische und lateinische Begriffe auch heute noch weitgehend unhinterfragt die Basis der modernen Linguistik bilden. Diese Kategorien seien eher Metaphern als wohldefinierte Begriffe. Methodisch plädierte Klein für eine Empirie, die zunächst einmal danach fragt, wie Sprecher sich tatsächlich konkret sprachlich verhalten, wenn sie komplexe sprachliche Aufgaben (wie z. B. Wegauskünfte, persönliche Erzählungen, Argumentationen, Instruktionen usw.) lösen. Um den Ausdruck von so grundlegenden kognitiven Kategorien wie "Raum", "Zeit" oder "Kausalität" in der Sprache zu untersuchen, bedürfe es weniger einer begrifflichen Analyse dieser Kategorien selbst als vielmehr der konkreten empirischen Untersuchung der Frage, wie verschiedene Sprecher die Aufgabe lösen, Räume und räumliche Relationen, Zeitspannen und  die Relationen zwischen diesen sprachlich darzustellen.

Wie man sich ein solches Vorgehen konkreter vorzustellen hat, machte Klein in seinen Seminaren zur Zeit- und Raumreferenz deutlich. Seinem zurückhaltenden, konstruktiv- kooperativem Diskussionsstil ist es zu verdanken, dass immer wieder ein verbindender Bogen zwischen den heterogenen und teilweise sehr speziellen Einzelreferaten gespannt werden konnte.


Viele Vorträge standen in relativ enger Verbindung zu den Themen, die von Klein  angeschnitten worden waren. Kwan Yeoung-Sook  sprach zum "Ausdruck der Temporalität in der Sprache", Mun Sun-Min und Jee Kwang-Sin  referierten zum "Perfekt im Deutschen, Englischen und Koreanischen"). Auch Ryu Byong-Rae berührte in seinem Vortrag "haben oder sein - ein kognitiv-linguistischer Ansatz zur Auxiliarselektion im Deutschen" einen Aspekt des Tempussystems im Deutschen.

Der Beitrag von Koo Myong-Chul , "Kausative Situationen und Kausationstypen", entwickelte eine Typologie der Kausationsarten, je nachdem, wieviel Kontrolle Causer und Causee ausüben können. Koo zeigte, wie die verschiedenen Kausationstypen im Deutschen sprachlich realisiert werden, durch kausative Verben, kausative Funktionsverbgefüge und "lassen"-Konstruktionen. Allerdings verteilen sich diese sprachlichen Mittel nicht eindeutig auf spezifische Kausationstypen.

Auf  einen bis dahin unerwähnt gebliebenen Aspekt des Niederschlags von kognitiven Strukturen in der Sprache verwies der Vortrag "Perspektivierung und Sprachstruktur" von Christa Dürscheid (Köln). Diskursobjekte müssen im Satz ausgehend von der Festlegung eines ausgezeichneten Diskursreferenten in eine "perspektivische Anordnung" gebracht werden. Im Deutschen bildet die Wahl des Verbs dafür ein wichtiges Mittel (vgl. die unterschiedliche Auswahl der jeweils zu explizierenden semantischen Rollen bei lügen und belügen). Ein weiteres Mittel sind die verschiedenen Passiv- und passivähnlichen Konstruktionen. Die Basisperspektive, die  typischerweise durch das Agens-Actio-Schema gebildet wird, kann durch Transformation eines Aktiv-Satzes ins Passiv einer Umperspektivierung unterzogen werden. Die sprachspezifischen Mittel des Perspektivenaufbaus zu untersuchen und die Zuordnung von angemessenen Formen der Perspektivierung zu entsprechenden Situationen zu beschreiben, wäre eine Aufgabe, die auch der Fremdsprachendidaktik durch die Bereitstellung von "Grammatiken der Situationsperspektivierungen" und "Wörterbüchern der Situationsvalenz" dienen könne.


Von sehr speziellem theoretischem Interesse waren  die Vorträge von Shin Hyo-Shik ("Die Projektion vom Lexikon zur Syntax - im Rahmen der Theorie des generativen Lexikons"), Lee Min-Haeng ("Ein Ansatz zur Auflösung der Diskursanaphern - im Rahmen der Theorie der kontrollierten Informationsverpackung"), Lee Hae-Yun ("Informationsverpackung in DRT: eine Analyse von Frage-Antwort-Paaren").

Um die Repräsentation sprachlichen  und nichtsprachlichen Wissens und die Spezifizierung darauf zugreifender Operationen (Inferenzregeln), die maschinelles "Verstehen" natürlichsprachlicher Äußerungen ermöglichen sollen, ging es in dem Beitrag von Choi Byung-Jin ("Eine Untersuchung über die Modellierung der kognitiven Sprachverarbeitung").

"Kognitive Vorgänge beim Hörverstehen" lautete der Titel des Beitrages von Antonia Sachtleben vom Wen Tzao College in Taiwan, der zusammen mit dem Bericht von Keitaro Miyauchi von der Rikkyo Universität in Japan  über ein "Multilinguales Online-Lehrprogramm mit automatischer Bewertung und kognitive Aspekte" direkt auf praktische Fragen der Fremdsprachendidaktik abzielte.  Sachtleben betonte dabei die enge Bindung kognitiver Prozesse, vor allem von Behaltensleistungen beim Hörverstehen an positive affektive Zustände einerseits und an vorhandenes Weltwissen andererseits.  Die neuropsychologischen und entwicklungsbiologischen Argumente, die sie zur Begründung ihrer in der Fremdsprachendidaktik inzwischen nicht ganz  neuen Aussagen heranzog, bedürften allerdings der Präzisierung. Die didaktischen Schlussfolgerungen waren gerade in der Allgemeinheit, in der sie vorgetragen wurden, nicht ohne weiteres zu unterschreiben. Keitaro Miyauchi gab einen Einblick in ein "Multilinguales Online-Lehrprogramm", das - erreichbar unter der Adresse http://koby.rikkyo.ac.jp/german/ - seit einiger Zeit unterrichtsbegleitend in der Fremdsprachenlehre an der Rikkyo-Universität in Tokyo probeweise in den Zweit-Fremdsprachen Chinesisch, Deutsch, Französisch und Spanisch eingesetzt wird. Die angebotenen Übungen zu verschiedensten Bereichen der Grammatik enthalten aber nur Multiple-Choice-Aufgaben. Eine Weiterentwicklung dieses Lehr- und Lernprogramms könne man sich in verschiedene Richtungen hin vorstellen: Integration audiovisueller Mittel, Implementierung einer Art Tutoring-Komponente, die neben den richtigen Lösungen auch entsprechende Begründungen und Erläuterungen anbietet.

über "Deutsche Wörter in koreanischen Zeitungen" referierte Lie Kwang-Sook aufgrund einer Auswertung des in vier koreanischen Tageszeitungen vorgefundenen Wortmaterials. Ihre Liste umfasste 26 Wörter, angesichts einer derart geringen Zahl  waren denn auch kaum Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung zu erwarten.

Um die Funktion von Metaphern ging es in zwei Beiträgen. Xiaohu Feng (Universität für internationalen Handel, Peking) untersuchte im Anschluss an Lakoff und Johnson "konzeptuelle Metaphern als kognitives Instrument für die Sicherstellung der Textkohärenz". Solja Paek analysierte die verschiedenen Funktionen, die  "Metaphern in der Wissenschaftssprache" erfüllen. Metaphern können ähnliche heuristische Funktionen erfüllen wie wissenschaftliche Modelle. "Theorie-konstitutive" Metaphern sind zu unterscheiden von bloß "illustrativen", deren Wert ein v. a. didaktischer sei. Metaphern seien in jedem Falle ein legitimes Instrument der Wissenschaft. Paeks Ausführungen boten noch einmal Anlass, in der Diskussion  auf Kleins Hinweis auf den oft bloß vage metaphorischen Charakter vieler linguistischer Kategorien zurückzukommen. Klein betonte ergänzend, dass nicht die Verwendung von Metaphern selbst das Grundproblem darstelle, sondern vielmehr die oft suggestive Kraft, die sie entfalten und die dazu verleite, sie nicht als heuristischen Ausgangspunkt betrachten, sondern sie mit einer theoretischen Konzeptualisierung zu verwechseln. Die Metaphernkritik selbst mit einer Metapher zu verdeutlichen, sei Wittgenstein durch seinen Vergleich der Metapher mit einer Leiter gelungen, die man wegwerfen müsse, nachdem man hinaufgestiegen sei.

Im letzten und einzigen literaturwissenschaftlichen Vortrag des Symposiums ("Kognition im Prozess der individuellen literarischen Bildung") erkundete Suitbert Oberreiter von der National-Univerität Taiwan mögliche Beziehungen zwischen Lektüre und Erfahrung anhand von engagiert vorgetragenen Gedanken zu Texten von Kleist bis Rilke.


In der Abschlussdiskussion wurde noch einmal die Frage nach einer Definition des Begriffs der Kognition aufgeworfen. Wolfgang Klein argumentierte gegen  einen solchen Versuch, der in jedem Fall unbefriedigend ausfallen müsse, da es sich um einen zu allgemeinen Begriff handle, dessen Wert übrigens gerade in seiner Allgemeinheit liege. Auch die Naturwissenschaften hätten es - ohne jeden Schaden - aufgegeben, gewisse Grundbegriffe exakt zu definieren.

Vermutlich hätte sich mancher der Teilnehmer von dem Symposium eine deutlichere Gegenüberstellung der  verschiedenen Traditionsstränge und Theoriekonzeptionen erhofft, die in dem durch das Thema "Sprache und Kognition" beschriebenenen  Feld einen Platz beanspruchen. Vielleicht sind auch - zumal z. B. psycho- und neurolinguistische Aspekte kaum oder gar nicht berührt wurden - wesentliche Aspekte des Themas gar nicht zur Sprache gekommen. Daraus jedoch eine kritische Bilanz abzuleiten fällt aus zwei Gründen schwer: Den Rahmen noch weiter zu stecken, hätte bedeutet, den ohnehin fragilen inhaltlich-thematischen Zusammenhalt zu gefährden. Andererseits hätte eine straffere und quasi didaktischere Führung leicht die lebhaften Diskussionen verhindern können, die dieses Symposium zu einem interessanten Forum des durchaus kontroversen, aber zumeist doch von kooperativem Geist getragenen Meinungsaustausches werden ließen.


Copyright © 1999 by Marcus Stein


DaF-Szene Korea Nr. 10

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