Thomas Schwarz

Konferenzberichte


Im Mai 1999 thematisierte eine Konferenz der Koreanischen Gesellschaft für Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft an der Kyongpook-Nationaluniversität in Taegu das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. Nur zwei Lektoren haben an dieser Veranstaltung teilgenommen, mit dem Effekt, dass Deutsch als Kongresssprache nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Die Resonanz, auf die das Symposium der Koreanischen Gesellschaft für Deutsch als Fremdsprache (KGDaF) mit dem Titel "Literatur und Fremdsprachenunterricht" gestoßen ist, war mit etwa 10 deutschen Gästen vergleichsweise positiv. Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut am 28. und 29. Mai an der Hanyang-Universität in Seoul statt, aus der Bundesrepublik war mit Karl Esselborn (München) ein gewichtiger Vertreter der interkulturellen Germanistik angereist. Am besten war Esselborn dann, als er Texte über die Teilung Deutschlands und Wendeliteratur vorstellte, aber es ist ihm im Grunde nicht gelungen, mit seinem Publikum, immerhin alles Experten in Sachen geteilte Nation, wirklich ins Gespräch zu kommen.

Auf die kritische Lage des Germanistikstudiums in Korea ging der Vortrag von Do-Won Yang (Korea National University of Education, Seoul) ein. An 60 Universitäten gebe es noch immer über 70 germanistische Abteilungen, die von 2000 Absolventen jährlich verlassen werden, aber im Zeichen der Universitätsreform Hakbuchae dürfte diese Zahl jetzt rasch nach unten korrigiert werden. Do-Won Yang machte darauf aufmerksam, dass aus der Perspektive des traditionell an literarischer Bildung orientierten Germanistikstudiums der "Einsatz deutscher Lektoren" einen "erheblichen Verlust an Zeit und Personen" bedeute. Für ihn bleibt die "Hauptfrage", ob Germanistik und Deutschunterricht "getrennte Wege" gehen. Das "erste denkbare Studienmodell" wäre für ihn eine "Fortsetzung des bisherigen Curriculums", bei dem "Literaturunterricht im Mittelpunkt" steht, während auf sprachliche und landeskundliche Kenntnisse weniger Wert gelegt wird. Daneben stellt er ein Modell, das den Sprachunterricht in den Mittelpunkt stellt, während Landeskunde und Literatur in der Muttersprache unterrichtet werden. Als dritten Weg präsentiert er die interdisziplinären Disziplinen "German" bzw. European Studies".

Yun-Young Choi (Seoul Nationaluniversität) stellte ihre Ansätze zu einer kulturwissenschaftlich orientierten Landeskunde vor, die bei den Studenten sowohl im ersten Semester für Hörer aller Fachrichtungen als auch im vierten Jahrgang des germanistischen Seminars stark nachgefragt werden.

Wie man mit Hilfe von E-Mail Studenten motivieren kann, produktiv zu werden und eigene fiktive Texte zu verfassen, zeigte Suguen Ha (Pusan University of Foreign Studies), der dieses Ziel in Zusammenarbeit mit dem deutschen Lektor seiner Universität, Mathias Augustin, in projektorientiertem Unterricht verfolgt.

Masako Sugitani (Kansai Universität, Osaka) berichtete über die Situation in Japan, wo Deutsch nach einem drastischen Rückgang der Studentenzahlen vorwiegend als zweite Fremdsprache an den Hochschulen im Rahmen der Allgemeinbildung unterrichtet wird. Für sie ist die entscheidende Frage, ob es gelingt, die Anfänger im Pflichtjahr so zu motivieren, dass sie Deutsch weiter belegen. Der Literatur weist sie hier einen wichtigen Stellenwert zu. Man müsse die enzyklopädische Kompetenz erwachsener Lerner nutzen, um ihre kommunikative Kompetenz zu fördern. Der Ansatz knüpft daran an, dass Lernende mit ihnen bekannten Skripts wie Einkaufen oder U-Bahn fahren an mögliche Handlungsabfolgen in literarischen Texten herangehen, die sie bei der Sinnerschließung nutzen können.

Geradezu erstaunlich war, dass der auf dieses Konzept zugschnittene Lernroman von Hans Magnus Enzensberger, Die Suche, auf dieser Konferenz keine Rolle spielte.


Schwellenüberschreitungen

Die asiatische Germanistentagung wurde dieses Jahr von der Japanischen Gesellschaft für Germanistik vom 21.-24.8.1999 in Fukuoka an der Kyushu Sangyo Universität ausgerichtet. Die Konferenz ist zweifellos die wichtigste in der ostasiatischen Region für unser Fach, sie findet in der Regel im Dreijahresrhythmus statt, im Jahr 2002 in Peking.

Herbert Uerlings (Universität Trier) beschwor in seiner Begrüßungsansprache zum Titel des Kongresses Heinrich von Kleists Empfindungen vor Caspar David Friedrichs Bild des Mönches am Meer herauf. Uerling sieht hier das Subjekt der Erkenntnis an der Schwelle zu einer jenseitigen Welt stehen. Die Gewalt einer scheinbar unendlichen Progressivität der Einsichten, die um 1800 am Horizont dräuen, drückt Kleist in dem Schreckbild der "Apokalypse" aus, auf die der Betrachter blickt, als ob ihm "die Augenlider weggeschnitten wären". Hier wird auch die Moderne als Schwellenphänomen zu den apokalyptischen Visionen der Postmoderne präfiguriert.

Eher düster war dann auch der Ausgangpspunkt des Eröffnungsvortrags von Koichi Ikeda (Kyushu University, Fukuoka), die Lage der Germanistik in Japan, die seit 10 Jahren immer weiter zurückgebaut wird. Ikeda kritisierte die Art und Weise, wie in Japan europäische Konzepte nur äußerlich übernommen werden.  Analog dazu problematisierte Bonghi Cha (Hanshin University, Kyonggi-do) in einem Sektionsvortrag die Rolle kulturspezifischer Elemente in diesem Rezeptionsprozess. In der Diskussion ihres Textes stellte sich die Frage, ob hier in Ostasien über Mimikry letztlich ein hybrides Denken entsteht, wie es in der postkolonialen Theoriebildung gefeiert wird.

Die Papiere der Teilnehmer wurden in insgesamt sechs Sektionen präsentiert, von denen einige noch einmal in A und B aufgeteilt waren, so dass bis zu 9 Referate parallel liefen. Es ist unmöglich, dem Kongress gerecht zu werden, ich kann hier nur einen subjektiven Ausschnitt vorlegen, vorwiegend aus Sektion 4, wo es um "Grenzziehungen und Grenzverschiebungen in Literatur und Literaturwissenschaft" ging.

Michael Mandelartz (Universität Iwate, Morioka) wartete in Sektion 4 B mit einem ausgefeilten Modell zur symbolischen Ordnung der Raumaufteilung in Goethes Novelle auf. Mun-Yeong Ahn (Chungnam National Universität, Taejon) betrachtete das Meditationsmotiv im Rahmen der commentatio mortis bei Rilke. Maoping Wei (Shanghai International Studies University) war es, der am Anfang seines Vortrags zu Günter Eich dann auch die methodische Karte auf den Tisch legte und sich zur "traditionell werkimmanenten Interpretation" bekannte, die nur Autoren ab einer gewissen verbürgten geistigen Größe zum Gegenstand wählt.

Unbefangen neohistoristisch ging es hingegen in der Orientalismus-Sitzung von Sektion 1 zu, wo hohe Literatur ihren privilegierten Status verliert und gezeigt wird, wie sie in Verhandlungen mit anderen Texten eintritt und wie diese das europäische Denken prägen. Wolfgang Michel (Universität Kyushu, Fukuoka) berichtete von den Erlebnissen des deutschen Arztes Engelbert Kämpfer im Schloss Edo aus dem 17. Jh.. Michel stellte dessen japonistische Beschreibungen der rituellen Inszenierungen in den Mittelpunkt, in denen die Europäer im Kulturkontakt mit dem Shogun mitzuspielen hatten. Spuren davon finden sich auch bei Goethe, der aus dem Bericht eine Aufwertung pantomimischer Darstellungsformen ableitete. Sukeyoshi Shimbo (Universität Kyusho, Fukuoka) verfolgte das Echo von Kämpfer in Matthias Claudius' Nachricht von meiner Audienz beim Kaiser von Japan. Bernd Clausen (Kogyo Universität, Muroran) schließlich untersuchte den Bericht des Göttinger Musikwissenschaftlers Forkel über die Musik der Chineser aus dem Jahr 1784. Forkel hat China weder bereist, noch die Musik, über die er anhand von Notenbeispielen schreibt, je gehört. Dennoch wagt er es, sie einem Weltbild unterzuordnen, das der chinesischen Musik eine historische Entwicklung abspricht und das Konzept Fortschritt auf diese Weise für den Westen reklamiert. Während sich Forkel des Diskurses der Verwunderung bedient, um sich und seinem über die eigene Fortschrittlichkeit aufzuklärenden Publikum einen derart sonderbaren Gegenstand einzuverleiben, können wir heute nur noch darüber staunen, wie Forkel die Maßstäbe seiner eigenen an die Fremdkultur anlegt: Um "gut zu seyn", müsse die chinesische Musik schlicht nach den "Regeln eingerichtet" werden, "die wir in Europa beobachten" (Wie schade, dass es Forkel nicht vergönnt war, einmal das Hong Kong Chinese Orchestra unter der Leitung von Wing-sie Yip zu hören, er wäre vielleicht von manchem Vorurteil zurückgekommen). Forkels Text mag aber auch ein Anlass sein, europäische Maßstäbe im Hinblick auf die Reformbemühungen der ostasiatischen Germanistik kritisch zu hinterfragen.


Um Schwellenüberschreitungen einer dritten Art ging es in der Abteilung zum Theater in Sektion 4 B. Gerhard Fischer (University of New South Wales, Sydney) fragte, warum ein Lokal-Theater wie Volker Ludwigs Berliner Linie 1 auch als Welt-Theater in Kalkutta, Hong Kong und Seoul erfolgreich ist. Im Anschluss an Bachtin vertrat er die These, dass das Gripstheater ein karnevalistisches Weltempfinden anspreche. Die lebendige Sitzung bestach vor allem durch den kritischen Austausch von Argumenten in der Diskussion. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch wandte ein, Bachtin habe seine Ausführungen zur Lachkultur unter den mit aktuellen Rezeptionsbedingungen unvergleichbaren Umständen eines stalinistischen Lachverbots entwickelt. Man finde bei ihm auch kein didaktisches Programm. Bachtin knüpfe an eine Lachtradition an, die sich unter Bedingungen entfaltet, die eigentlich von Verzweiflung gekennzeichnet seien. Fischer verteidigte sich mit dem Hinweis, dass das Gripstheater zum Beispiel in Ab heute heißt du Sara anders als das epische auf ein kollektives Lachen mit den durchaus verzweifelten Opfern abziele.

Mit einer ähnlichen Fragestellung wie Fischer näherte sich dann Morihiro Niino (Tokyo Shosen Universität) der Transposition von Heiner Müllers Hamletmaschine in den Kontext des japanischen No-Theaters anhand der Inszenierung von Akira Okaken in Tokyo 1998.

Das Leitreferat von Sektion 4 A hielt Klaus Hammer (Technische Universität, Dresden). Er sprach über die deutsche Literatur zehn Jahre nach der Wiedervereinigung. Während man Autoren wie Heinrich Böll und Anna Seghers noch mit dem Prädikat gesamtdeutsch habe auszeichnen können, bildeten solche wie Botho Strauß und Christoph Hein deutsch-deutsche Gegenpole. Hammer wandte sich dagegen, Schriftsteller, die sich der DDR gegenüber loyal verhalten haben, pauschal unter Opportunismusverdacht zu stellen. Die Erbärmlichkeit der Zustände in der DDR habe keiner so kritisch wie zum Beispiel Heiner Müller herausgestellt. Nach dem Fall der Mauer habe sich im Osten diese gesellschaftliche Funktion der Schriftsteller rasch geändert. Sie hätten sich einem Anpassungsdruck an das postmoderne anything goes ausgesetzt gesehen und den Konkurrenzkampf als existentielles Problem erfahren müssen. Dass sich mit Günter Grass in Ein weites Feld ein westdeutscher Schriftsteller auf ein ostdeutsches Thema eingelassen habe, betrachtete Hammer als Ausnahme, aber auch Wolfgang Hilbigs Stasi-Roman Ich, eines der wenigen Bücher aus dem Osten, das auch den Westen erreicht habe.


Schließlich traten auf der Konferenz auch die Schriftsteller selbst auf den Plan. Bei der Einladung wurde auf regionale Diversität Wert gelegt. Der ehemalige japanische Germanist Furui Yoshikichi las aus seinem Roman Der Heilige, die schweizerische Autorin Zoe Jenny aus Das Blütenstaubzimmer. Der bundesrepublikanische Schriftsteller Hans Christoph Buch präsentierte ein Fragment zu einer Poetik der 90er Jahre, in dem er seine Vorliebe für Schriftsteller bekennt, die ihm "ferne Welten" erschließen. Anschließend stellte er aus seinem Roman Rede des toten Kolumbus am Tag des jüngsten Gerichts Texte vor, die das Publikum in die Karibik und zu mesoamerikanischen Mythen führten. Während Buch einen postkolonialen Blick auf die Welt richtet und auch Jenny nach eigener Auskunft ihren Geschichten in die Welt hinterher reist, situierte sich der Österreicher Julian Schutting mit Poetischem und Kurzprosa aus seinem Werk in dem Projekt "Österreichische Nationalliteratur". Man kann aber festhalten, dass die Konferenz insgesamt die Grenzen nationalphilogischer Verengungen erfolgreich überschritten hat.

Der doch verhältnismäßig große Kreis deutscher Lektoren in Korea war in Fukuoka nur spärlich vertreten, und wer meinen Bericht aus der Perspektive des Praktikers für Deutsch als Fremdsprache gelesen haben mag, könnte sich darin bestätigt fühlen, nichts verpasst zu haben. Aber die asiatische Germanistentagung versteht sich in anderen Sektionen auch als ein "geeignetes Forum", "Aspekte der Curriculumsentwicklung in verschiedenen Regionen vorzustellen und zu diskutieren", und es kann nicht bestritten werden, dass es an diesem Punkt Nachholbedarf gibt. Ich zitiere hier Peter Richter (Keio Universität, Tokyo), der in Sektion 6 den 1993 an der Juristischen Fakultät seiner Hochschule eingeführten Intensivkurs Deutsch für Sozialwissenschaftler einer kritischen Bilanz unterzogen hat. Aber vielleicht sind Lektoren aus Korea in drei Jahren in Peking mit einem ähnlichen Erfolgsmodell vertreten.


Copyright © 1999 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 10

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