Die beiden folgenden Artikel beschäftigen sich mit dem Fremdsprachenunterricht des Samsung Konzerns. Samsung zählt, vor und nach der Wirtschaftskrise, zu den weltweit eher erfolgreichen koreanischen Unternehmen, was nicht zuletzt Folge einer konzerninternen Globalisierungsstrategie ist. Bei Samsung Korea arbeiten zahlreiche ausländische Mitarbeiter, auch auf Manager-Niveau, und die Angestellten in den ausländischen Filialen, etwa in der Samsung-Europazentrale in Frankfurt, werden durch Schulungen intensiv auf ihren Arbeitseinsatz vorbereitet. Es zeigt sich hier, dass eine Ausbildung für den Beruf nicht in der Hochschule, sondern erst in der Firma stattfindet. Bleibt die Frage, inwieweit die Universitäten, hier die Germanistik-Institute, in eine solche Lücke springen können. Eine Nachfrage nach Deutschunterricht schein es ja zu geben, vielleicht weniger für den Einsatz bei deutschen Firmen in Korea als bei koreanischen Firmen im deutschsprachigen Ausland.
Vor etwa vier Jahren, als es firmeneigene Sprachkurse der Firma Samsung scheinbar noch nicht gab (jedenfalls nicht für solch exotische Sprachen wie Deutsch), wurde im Goethe- Institut Seoul ein Deutsch-Lehrgang für Samsung-Mitarbeiter abgehalten.
Der Kurs war intensivst, ein Semester lang an den Werktagen vormittags und nachmittags, am Samstag nur vormittags. Es sollten an jedem Tag Hausaufgaben gemacht werden, und nach Angaben der Kursteilnehmer wurde abends in einem "Hakwon" (eine Paukschule, in der Unterrichtsstoff wiederholt oder neu gelernt wird) noch weiter an der deutschen Sprache geschliffen. Die Kursteilnehmer, etwa zehn Herren und eine Dame, waren für die Kursdauer bei vollem Lohn von der Arbeit freigestellt und sollten im folgenden Jahr zunächst in Deutschland weiteren Sprachunterricht nehmen und dann in der Samsung Europa-Zentrale in Frankfurt oder in anderen, von Samsung aufgekauften deutschen Firmen, tätig sein.
Der Unterricht wurde von Muttersprachlern abgehalten. Nur einer der Kursteilnehmer hatte Germanistik studiert, alle anderen waren "fachfremd" oder hatten nur teilweise früher auf der Oberschule Deutsch gelernt. Für die ersten Unterrichtsstunden bestanden dennoch keine Kommunikationsprobleme, da alle gut Englisch verstanden und sprachen.
Trotz ziemlich rigider Vorschriften seitens des Arbeitgebers (Anwesenheitspflicht, ständige Leistungskontrolle, etc.) war die Atmosphäre relativ locker. Die Motivation der Teilnehmer war weitgehend durch die Aussicht gegeben, mit dem Erlernen der Fremdsprache einen interessanten und lukrativen Arbeitsplatz in Deutschland oder Österreich zu bekommen. So wurde im Kurs nicht ausschließlich streng nach Lehrbuch gearbeitet, sondern die Teilnehmer machten selbst Vorschläge, worüber man sprechen könne oder was für sie interessant sei. Am Ende hatten alle ein relativ hohes Sprachniveau erreicht, mit dem sie nun für ihre Firma den deutschsprachigen Markt erobern sollten. Der Abschluss des Semesters wurde, entsprechend dem vor-IMF-üblichen Firmenritus, in einem sündhaft teuren Nachtlokal gefeiert.
Nach einem halben Jahr habe ich einige der "ehemaligen Schüler" in Frankfurt besucht. In der Zwischenzeit hatten sie nicht nur an Goethe-Instituts-Kursen in Deutschland teilgenommen, sondern sich vor allem durch den Arbeitsalltag in Deutschland weiterreichende Kenntnisse der deutschen Sprache angeeignet. Interessant war aber eigentlich, dass sie dieses Deutsch kaum für die firmeninterne Kommunikation brauchten, jedenfalls nicht in der Samsung-Verwaltung Frankfurt. Dort dominierte nach wie vor Englisch. Wichtiger waren die Sprachkenntnisse eher für das normale Leben in Deutschland, d.h. Wohnungssuche, einkaufen, Alltagskommunikation, Freizeit u.a. Etwas anders sah es wohl für diejenigen aus, die in eine (Tochter-) Firma von Samsung versetzt worden waren, z.B. die Kamerafabrik Rollei, oder gar in die "neuen Bundesländer" in Ostdeutschland, wo Englisch erst nach der Wende wieder verstärkt an den Schulen unterrichtet wurde.
Insgesamt waren die Samsung-Leute mit ihrer Deutsch-Grundausbildung in Korea zufrieden. Was rückblickend bemängelt wurde, war der Deutsch-Unterricht an den Oberschulen oder in der Universität, der im Grunde nutzlos für eine spätere berufliche Beschäftigung gewesen sei und von einigen als pure Zeitverschwendung charakterisiert wurde.
Gerade aus meinem wohlverdienten Thailandurlaub zurückgekehrt offerierte man mir die Auslaufwochen eines 3-monatigen Deutsch-Intensivkurses. Als ich an diesem Mittwochmorgen um 6.40 Uhr an der Straße stand, um auf den Chauffeur von Samsung zu warten, hielt sich meine Begeisterung in Anbetracht der Uhrzeit sehr in Grenzen. 3 ½ Wochen 28000 Won die Stunde und die Uni hatte noch nicht angefangen. Warum also nicht. Als der Fahrer 10 nach 7 - eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Termin - noch nicht aufgetaucht war, war ich doch fast erleichtert. Ich darf wieder ins Bett, dachte ich, als er doch noch erschien. Mit Schwung setzte er rückwärts in die steile Stichstraße zurück, die zu unserer Wohnung heraufführt. Das Geräusch zersplitternden Glases riss mich dann vollends aus meinen Träumen. Das auf der Ecke geparkte Auto hatte keinen Blinker mehr. Meinen Chauffeur beeindruckte der Vorfall nicht sonderlich. Nachdem er dem Auto seine Visitenkarte hinter die Windschutzscheibe geklemmt hatte, setzten wir uns eiligst in Bewegung, um noch rechtzeitig in Yongin anzukommen. "Fahrerflucht" durchzuckte es mich zunächst, aber schließlich waren wir in Korea und das Verhältnis zu Regeln und Gesetzen ist hier nun einmal ein Anderes. Unterwegs mussten wir noch den Spanischlehrer abholen, meinen in Korea hängen gebliebenen WG Mitbewohner von 1990, wie sich herausstellen sollte.
Das Gelände, auf dem sich das Ausbildungszentrum befindet, grenzt unmittelbar an den Samsung Vergnügungspark. Es hat einen parkähnlichen Charakter mit Teichen, einem Museum und frei herumlaufenden Pfauen. Es scheint fast, als habe sich Samsung hier vor der Krise mit einem koreanischen Schäferdörfchen nach dem Vorbild von Versailles ein Denkmal setzen wollen. Heute ist das Institut selbständig - jedenfalls offiziell -, bildet allerdings nur Samsung Bedienstete aus. Der 10 Wochen Intensivkurs soll inklusive Kasernierung fünf Millionen Won kosten und bietet dafür sowohl einigen Komfort als auch Leistung. Der Student erhält drei Stunden Konversationsunterricht ab 8.30 Uhr morgens von einem Muttersprachler und weitere drei Stunden Grammatikunterricht von einem koreanischen Deutschlehrer am Nachmittag. Für mich war ab 12.30 Uhr die Vorstellung beendet. Bevor mich der Fahrer wieder im Süden Seouls absetzte, bot man mir in der firmeneigenen Kantine ein freies und hervorragendes Mittagessen. Für die Studenten folgte dann nach durchaus glaubwürdigen Erzählungen bis tief in die Nacht ein Selbststudium. Während des gesamten Kurses sollte auch unter den Studenten nur Deutsch gesprochen werden. Die Erfolge, die der Student nach diesem Kurs aufweisen kann, schlagen sich nämlich direkt in seiner Lohnabrechnung nieder. Erreicht er nicht das Mittelstufenniveau, wird dem Vernehmen nach sein Lohn gekürzt. Herr über den künftigen Gehaltsstreifen sollte ich sein. Eine Rolle, die mir nicht sonderlich behagte. Auf der einen Seite hätte ich natürlich gerne jedem Studenten das begehrte Zertifikat ausgestellt, zumal ich von dieser Art des Leistungsdrucks nicht sonderlich viel halte. Auf der anderen Seite musste es auch dem unkritischsten Koreaner auffallen, dass nicht jeder Student im zarten Alter von 35 bis 40 Jahren in drei Monaten ein Niveau erreichen kann, wofür im Goethe-Institut wesentlich jüngere Leute 1 ½ Jahre benötigen. Aus den verschiedensten Andeutungen entnahm ich, dass ein Bauernopfer ohnehin unumgänglich sein würde. Dennoch muss ich zugestehen, dass das Niveau nach den drei Monaten enorm gestiegen war, bedenkt man, dass es sich in allen Fällen um Anfänger handelte.
Auch das Innere der Anlage und die Organisation beeindrucken den von Korea nicht gerade verwöhnten Lektor. Die Kurse sollen eine Stärke von 4 bis 6 Studenten haben, was wirklich intensives Arbeiten ermöglicht. Die Gebäude sind bestens ausgestattet und stammen im Gegensatz zu den Räumen anderer Lehranstalten nicht aus dem vorigen Jahrhundert. Problematisch ist, dass die unterschiedlichen Begabungen und Vorkenntnisse bereits bei vier Studenten einen einheitlichen Unterricht erschweren. Jeden Samstag wird das neu erworbene Wissen überprüft. Dafür muss der Muttersprachler eine Kassette mit Fragen besprechen, deren Beantwortung er am Montag korrigieren soll. Bei der Bezahlung lässt sich Samsung ebenfalls nicht lumpen und zahlt zwei Stunden extra für die Prüfung. Auch ansonsten zeigt man sich bei der Bezahlung von gemeinsamen Unternehmungen sehr großzügig.
Grundsätzlich veranstaltet die Firma 4 Quartale in einem Jahr. Für Deutsch so wie andere kleinere Sprachen fällt mangels Schülern wohl hier und da ein Quartal aus. Vor allem das Herbstquartal sei sehr gefährdet. Da müsse der Mitarbeiter sich besondere Mühe mit seinem Chef geben, wegen der Aufstiegsverhandlungen für das nächste Jahr. Keinesfalls könne er sich in dieser wichtigen Zeit mit Weiterbildungsmaßnahmen beschäftigen.
Der 3-Monatskurs endet mit dem obligatorischen Gelage und einer Karaoke-Einlage, bevor man am letzten Morgen an der Abschiedszeremonie teilnimmt. Während die Karaoke-Einlage für den waschechten Koreaner die ersehnte Entspannung bedeutet, war sie für mich eher der stressige Abschluss eines ansonsten sehr angenehmen Kurses.
Die Abschiedszeremonie ist noch einmal von besonderer Qualität. Nach der Auszeichnung der besten Schüler folgen die Hymnen von Korea und Samsung. Vor allem das ehrfürchtige Aufblicken und Strammstehen vor der Samsung-Flagge bei entsprechender musikalischer Untermalung strapaziert den eher ideologiefreien Wessie arg.
Insgesamt kann ich diesen Kurs jedoch nur empfehlen. Sowohl von der Motivation der Studenten als auch den Rahmenbedingungen her zählt er sicherlich zu den angenehmsten Jobs für einen Deutschlektor in diesem Lande.
Copyright © 1999 by Michael Menke & Reinhold Arnoldi