Michael Skowron

Nietzsche nach 99 Jahren - Ein deutsches Denk-Mal?


"Heut komm' ich, weil mir's heute frommt" -
Denkt Jeder, der für immer kommt.
Was ficht ihn an der Welt Gered' :
"Du kommst zu früh! Du kommst zu spät!"

(Aus "Scherz, List und Rache")

1998 war Fontane-Jahr, 1999 ist Goethe-Jahr, man gedachte Alexander von Humboldts und anderer, wird das Jahr 2000 ein Nietzsche-Jahr, auch in Korea? Ist Nietzsche ein deutsches Denk-Mal?

Wenn man von Nietzsche redet, so fängt man vielleicht am besten mit seiner Wirkungsgeschichte an, denn durch diese sind uns bereits die Vorurteile in die Hand bzw. in den Kopf gegeben, mit denen wir an ihn herantreten. Etwas grob gesprochen kann man drei prinzipielle Richtungen oder Tendenzen unterscheiden. Die eine ist eine positive Rezeption, die andere eine negative und die dritte laviert notgedrungen zwischen beiden Möglichkeiten, da sie nicht entscheiden kann, wie dies meistens der Fall ist.

Eine positive Rezeption hat Nietzsche in Kunst, Literatur und Philosophie in diesem Jahrhundert vielfach empfangen und sie ist inzwischen innerhalb und außerhalb Deutschlands ins Unübersehbare angewachsen. Sie schließt natürlich Fragen, Zweifel und Kritik nicht aus, aber zumindest ist man bereit und offen dafür, von Nietzsche etwas aufzunehmen und zu lernen. Denn es zeigt sich, daß Nietzsche alles andere als ein leichter Autor ist. Und "Wahrheit will kritisiert, nicht angebetet werden". Kritik ist ein notwendiger Bestandteil der Wahrheitsuche, aber sie sollte bestimmt sein von einer einheitlichen Grundhaltung, sonst ist sie bloß destruktiv, nicht auch konstruktiv und wird zur negativen Rezeptionshaltung. über die Rezeption Nietzsches in Asien (insbesondere Indien, China und Japan) orientiert z.B. das Buch "Nietzsche and Asian Thought", herausgegeben von Graham Parkes, Chicago 1991, über die Nietzsche-Rezeption in Japan außerdem Kiichiro Oishi, Nietzsche als Philologe in Japan, Nietzsche-Studien 17, 1988, S. 315-335. Auch in Korea gibt es eine Nietzsche-Gesellschaft, die eine eigene Fachzeitschrift (Nietzsche Younku) veröffentlicht (vgl. Choung, Dong-Ho, Nietzsche in Korea, Nietzsche-Studien 25, 1996, S. 380-391).

Die negative Rezeptionsgeschichte dagegen verbindet Nietzsche auf irgendeine Weise mit dem Nationalsozialismus, der selber seine "Rezeption" im Sinne des Mißbrauchs hatte, und versteht Nietzsche am liebsten als einen seiner Vorläufer und Wegbereiter, etwa in der Tendenz des Buches von G. Lukacs: "Von Nietzsche bis Hitler" (Frankfurt am Main 1966; vgl. H. Ottmann, Anti-Lukacs. Eine Kritik der Nietzsche-Kritik von Georg Lukacs, Nietzsche-Studien 13, 1984, S. 570-586). Im Grunde schließen sich diese beiden Sichtweisen (die positive und die negative) gegenseitig aus, weshalb die meisten, da sie sich nicht selbst auf den Weg des Nietzsche-Studiums machen wollen, lieber eine auf oberflächlichen Kenntnissen oder populärphilosophischen Darstellungen beruhende Zwischenposition des Ja und Nein und des Vorbehalts einnehmen bzw. einnehmen müssen. Denn Nietzsche verlangt gute und geduldige Leser, die Zeit haben und sich Zeit nehmen, eine Eigenschaft, die schon zu seiner Zeit zur Rarität geworden war: "Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: - endlich schreibt man auch langsam. Jetzt gehört es nicht nur zu meinen Gewohnheiten, sondern auch zu meinem Geschmacke - einem boshaften Geschmacke vielleicht? - nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die 'Eile hat', zur Verzweiflung gebracht wird. Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor allem eins heischt, bei Seite gehen, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden -, als eine Goldschmiedekunst und -kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzutun hat und nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nötiger als je, gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der 'Arbeit', will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich 'fertig werden' will, auch mit jedem alten und neuen Buche: - sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt gut lesen, das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen..." Dies zu dem Thema "Wie Nietzsche zu lesen ist" und gegen allen Anschein, der uns Nietzsche als "leicht" zu lesen und zu verstehen glauben machen möchte, außerdem veranschaulichend, warum Nietzsche ein Unzeitgemäßer war, ist - und bleiben wird.

So hat auch jene negative Rezeptionsgeschichte einschließlich ihrer Interpreten über alles das, was in Nietzsche jeder nationalsozialistischen Aneignung zutiefst widerspricht, eilfertig hinweggelesen. Will man ihnen aber nicht nur die übliche "Ja oder Nein, aber" - Antwort geben, dann kommt man bei aller Kürze nicht umhin, wunde Punkte zu berühren.

Wenn man unter Nationalsozialismus wie schon die Wortzusammensetzung sagt, einen deutschen Nationalismus gepaart mit Sozialismus versteht, die durch Antisemitismus im Inneren und äußeren amalgamiert und zusammengehalten wurden, so sieht man leicht, wie wesensfremd Nietzsche der Nationalsozialismus ist. (In diesem Sinne schreibt Th. Mann 1947: "Der Faschismus als Massenfang, als letzte Pöbelei und elendstes Kultur-Banausentum, das je Geschichte gemacht hat, ist dem Geiste dessen, für den alles sich um die Frage 'Was ist vornehm?' drehte, im tiefsten fremd." Th. Mann glaubt demzufolge auch nicht, daß Nietzsche den Faschismus gemacht hat, sondern der Faschismus ihn, - will sagen: "politikfern im Grunde und unschuldig-geistig, hat er als sensibelstes Ausdrucks- und Registrierinstrument mit seinem Macht-Philosophem den heraufsteigenden Imperialismus vorempfunden und die faschistische Epoche des Abendlands, in der wir leben und trotz dem militärischen Sieg über den Faschismus noch lange leben werden, als zitternde Nadel angekündigt." (Nietzsche's Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, in: Essays Bd.3, Frankfurt am Main 1978, S. 256f.) Aus dieser Perspektive erscheint auch Nietzsches Wahnsinn in einem anderen Lichte. Denn wer so etwas seismographisch im voraus registriert und dabei nicht den Verstand verliert, der hat keinen.)

So etwas wie Nationalsozialismus konnte erst entstehen, nachdem einerseits die Nationalstaatsidee, andererseits der Sozialismus beide im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der französischen Revolution entstanden waren, und sich der bereits vorhandene mehr oder weniger latente Antisemitismus vor dem Hintergrund des Darwinismus zu einem offenen und agressiven verschärft hatte. Dabei zeichnet sich der Nationalsozialismus keineswegs durch neue Ideen aus, sondern lediglich durch die konsequente Zusammenfassung und Umsetzung dieser bereits vorhandenen Ideologien in die Praxis. Aber Nietzsche war weder ein Nationalist, am wenigsten ein deutscher, noch ein Sozialist, noch gar ein Antisemit, weder ein Darwinist noch ein Rassist, und er hat dies auch deutlich zu verstehen gegeben. (Nietzsches Ablehnung des Sozialismus und Darwinismus, auch der französischen Revolution, erspare ich mir hier aus Platzgründen).

1886/87 macht es sich Nietzsche in einer Aufzeichnung zur "Maxime: mit keinem Menschen umgehn, der an dem verlogenen Rassen-Schwindel Anteil hat." Die Deutschen selbst sind ihm "das gemischteste Volk", und in einem Brief an Mutter und Schwester vom 14. März 1885 heißt es mit Bezug auf den Antisemiten und zukünftigen Gatten seiner Schwester Bernhard Förster: "Zum Enthusiasmus für 'deutsches Wesen' habe ich's freilich noch wenig gebracht, noch weniger aber zum Wunsche, diese 'herrliche' Rasse gar rein zu erhalten. Im Gegenteil, im Gegenteil". Da die Deutschen ein extrem gemischtes Volk sind, wäre es unsinnig, sie "rein" erhalten zu wollen. Vielmehr haben sie gerade ihrer Vermischung alles zu verdanken und diese sollte daher noch gefördert werden: "Man möchte fast glauben, daß, wenn es endlich doch so etwas geben sollte, wie 'deutschen Geist', er erst durch Entdeutschung, ich meine durch Mischung mit ausländischem Blut ermöglicht worden ist. Wer rechnet nach, was den Slaven oder den Kelten oder den Juden für die Vergeistigung Deutschlands alles verdankt wird!"

Nietzsche war es auch schon lange vor den ersten Nazis und noch unendlich länger vor Auschwitz klar, daß man sich eigentlich schämen müßte, nur Deutscher zu sein, und es ist dadurch nur noch viel klarer geworden, so daß es eigentlich jeder endlich begreifen können sollte. So heißt es z.B. in "Ecce homo" aus dem Jahre 1888 im Hinblick auf die Deutschen seiner Zeit: "Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie schämen sich nicht einmal, bloß Deutsche zu sein... Sie reden über alles mit, sie halten sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich entschieden...- Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese Sätze. Umsonst, daß ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von delicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen." Sätzen wie diesen wird man nicht gerecht, wenn man sie als eigentlich gar nicht so gemeint oder aus bloßer Verärgerung heraus kommend abtun will. Es sind auch nicht vereinzelte Äußerungen, sondern von frühem Mißtrauen gegen den deutschen Charakter bis in die letzten Aufzeichnungen hinein sich steigernde und häufende Befürchtungen und Klagen. Nietzsche wollte nicht bloß Deutscher sein, er war es auch nicht, sondern ein "guter Europäer". Gut deutsch sein, das hieß für ihn, sich entdeutschen. Denn: "Ein guter Deutscher ist kein Deutscher mehr".

Nietzsche war nicht von ungefähr stolz darauf, von polnischer Herkunft zu sein, zumindest wollte er das glauben, wenn es vielleicht auch nicht wahr ist. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er in der Schweiz, in Italien und Frankreich, denn in Deutschland zu leben war ihm unerträglich geworden. Ein dänischer Jude, Georg Brandes, ist es auch gewesen, der Nietzsche zuerst und noch zu seinen Lebzeiten auch philosophisch ernst genommen hat. Ohne die Bemühungen der Italiener Giorgio Colli und Mazzino Montinari gäbe es heute wahrscheinlich immer noch keine brauchbare Nietzsche-Ausgabe. Die Franzosen wie J. Derrida und G. Deleuze haben Wesentliches zum besseren Verständnis Nietzsches beigetragen. Und die Griechen waren für Nietzsche sowieso das große Vorbild, dem er sich als Altphilologe immer verpflichtet fühlte.

Während Nietzsche daher den einen ein Dorn im Auge ist, weil sie an die "Von Nietzsche zu Hitler"-Geschichte glauben, ist er den anderen ein Stein des Anstoßes, weil er als "Nestbeschmutzer" gilt, und man braucht sich nicht zu wundern, wenn er im Ausland leichter als im eigenen Lande aufgenommen wird.

Niemand ist dafür verantwortlich, als wer und wie beschaffen er geboren wurde, aber er kann unter Umständen etwas dafür, wenn er es bleibt und nicht noch etwas gründlich anderes wird, d.h. einen Standpunkt gewinnt, von dem aus er sich unter sich sieht. Dies ist zweifellos eine Aufgabe im doppelten Sinne, denn es ist schwer, etwas aufzugeben, was man ist, aber es ist auch eine Chance, nämlich mehr zu werden und sich über allen Nationalitätendünkel zu einer wahrhaft allmenschlichen Sicht zu erheben. Mit Auschwitz haben die Deutschen sich und der Menschheit ein unsterbliches Denk-Mal für diese Aufgabe gesetzt, wobei man nur hoffen kann, daß es mit ihm nicht wie mit vielen anderen Denkmälern geht, bei denen man nur "denkt", wenn es auf dem Programm steht. Darin ist auch eingeschlossen die Aufgabe, Nietzsche gut lesen zu lernen. Denn Nietzsche erinnert uns auf paradoxe Weise an diese andere Aufgabe und fordert zum Denken heraus. Seien wir froh, daß er wenigstens auf deutsch geschrieben hat, so daß wir die besten Voraussetzungen dafür haben.

Liest man aber Nietzsche nicht selbst und denkt dabei, dann sollte man auch nicht über ihn reden oder lesen und nicht einmal seiner gedenken, bloß weil es dann zufällig 100 und nicht mehr nur 99 Jahre sind, seitdem er starb.


Copyright © 1999 by Michael Skowron


DaF-Szene Korea Nr. 10

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