Zur Autorenlesung von Uwe Kolbe, Ingo Schulze und Matthias Politycki im Goethe-Institut anläßlich der Woche der deutschen Literatur
Kulturaustausch erfüllt nur dann seine Legitimation, wenn er wechselseitig erfolgt. Das haben sich die Organisatoren des Schriftstelleraustauschprojektes zwischen Korea und Deutschland, das seit 1992 besteht, zu Herzen genommen. Abwechselnd werden Autoren aus Deutschland nach Korea und umgekehrt koreanische Autoren nach Deutschland eingeladen. In diesem Jahr war Korea das Gastgeberland, im Milleniumsjahr 2000 wird Deutschland den koreanischen Autoren eine Lesebühne und ein Diskussionsforum bieten. Das Wechselspiel wird erfreulicherweise dadurch intensiviert, daß jedem Autor ein literarischer Gegenpart aus dem jeweils anderen Land zugeordnet wird, der dann als Übersetzer fungiert. Diese Doppelbesetzung bietet die Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermittlungsarbeit, die im literarischen Bereich - und dort sensibler als anderswo - von einer gelungenen Übersetzung abhängig ist. Dem zu Recht bestehenden Trend folgend, Autoren von Autoren übersetzen zu lassen, wird Literatur in übersetzter Form erst dann zum Lesegenuß, wenn sie ihre Literarizität bewahrt. Die von den Veranstaltern (Kim Kwang-Kyu, Chong Hye-Yong, Chang Eun-Su) mit großer Aufmerksamkeit bedachte Vermittlungsarbeit fördert nicht nur die interkulturelle Begegnung zwischen koreanischen und deutschen Schriftstellern; sie eröffnet zudem den Zugang zu einem neuen Lesepublikum außerhalb der Landes- und Kulturgrenzen. Ohne ein solches Literaturaustausch-programm hätte sich eine Buchreihe wie die "Edition moderne koreanische Autoren", herausgegeben von Günter Butkus im Pendragon Verlag, wohl kaum etablieren können.
Die diesjährige Auswahl deutscher Autoren für die Woche der deutschen Literatur in Korea hatte die Programmleiterin des Hamburger Literaturhauses, Dr. Ursula Keller, getroffen. Nach Seoul angereist war ein erfrischend lebendiges und redegewandtes Autorentrio aus ost- und westdeutschen Schriftstellern, wobei sich die Waagschale, was die Herkunft der Autoren betraf, deutlich gen Osten neigte, jedoch hinsichtlich des Lebens- und Arbeitsortes der Autoren eindeutig gen Westen verlagerte. Geladen worden waren der aus Ost-Berlin stammende Lyriker Uwe Kolbe, der in Tübingen eine Poetik-Dozentur für creative writing übernommen hat, der aus Dresden gebürtige Erzähler Ingo Schulze, der zunächst als Dramaturg und Zeitungsredakteur arbeitete, bevor er nach der politischen Wende in Deutschland das Schreiben für sich entdeckte, sowie der im Westen Deutschlands beheimatete Romancier, Lyriker und Essayist Matthias Politycki, der 1990 die Kehrtwende vom Germanisten zum freien Schriftsteller vollzog.
Uwe Kolbe, der in seinen jungen Jahren als die "große Hoffnung der deutschen Gegenwartslyrik" hochgejubelt wurde, hat sich inzwischen zum renommierten, preisgekrönten Dichter, zum Vorzeigelyriker des geteilten und wiedervereinigten Deutschlands entwickelt. Das hängt mit seiner wechselvollen Biographie als Schriftsteller zusammen. Zunächst in der DDR als Nachwuchstalent gefeiert, dann mit Publikationsverbot bestraft, setzte er sich in den Westen ab, wo nacheinander seit 1983 im Suhrkamp-Verlag seine Gedichtbände "Abschiede und andere Gedichte", "Hineingeboren", "Barnholm II", "Vaterlandkanal" und "Nicht wirklich platonisch" erschienen. "Vineta" heißt sein neuer Gedichtband, aus dem er anläßlich der Lesung im Goethe-Institut einige Gedichte vortrug - zusammen mit dem namhaften Kim Kwang-Kyu, seinem koreanischen Lyrikerwiderpart, der seine Gedichte ins Koreanische übertragen hatte. Wie schon die früheren Gedichtbände so kreist auch "Vineta" um ein Schreiben im Schatten der Berliner Mauer; immer noch wird dieser Schatten geworfen, obwohl die Mauer längst gefallen ist. Vineta, dieser sagenumwobene, vom Meer verschlungene Ort, ist das Atlantis der Ostsee (heute Wollin), der verschwundene Osten Deutschlands, der, zerbröckelt zu Eisschollen, im Westmeer herumtreibt, ein Ort der Sternsucher und des Schweigens, "in dem das Geläut nicht weit kommt". Es könnte Geschichte schreiben, in guter Nachbarschaft zu Sarmatien, das Johannes Bobrowski in eindringlichen poetischen Bildern beschwor. Von persönlicher Erfahrung, geschweige denn Verarbeitung der Wendezeit ist erstaunlich wenig zu spüren in den "Vineta"-Gedichten. Dem will Uwe Kolbe in seiner Lyrik auch gar keinen Platz einräumen. Als Kurzstreckenläufer fehlt ihm der lange ausdauernde Atem, solche inneren Umwälzungen zu beschreiben. Große Gefühle, Pathos und Melancholie sind seine Sache nicht. Nur gelegentlich schleichen sich auf samtenen Pfoten "Ingredienzien der Schlaflosigkeit" ein. Vorsichtig, mit verstohlenen Blicken auf die kleinen, unauffälligen Dinge und Gesten des Alltags macht er sich auf die Suche nach dem verschwundenen Vineta, um auf dem Weg dorthin Vergangenes erinnern zu können. Die Wiedervereinigung des geteilten Deutschland hat ihm eine neue dichterische Freiheit gegeben, die er zuvor nicht besaß: seine Gedichte können nun als Gedichte gelesen werden, sie dürfen ihren ästhetischen Reiz, ihre geschliffene Lakonie hemmungslos entfalten.
Im Gegensatz zu Uwe Kolbe badet Ingo Schulze genüßlich im Tümpel der Ostalgie, den er, um Ost und West aufeinanderprallen zu lassen, nicht einfach in ein westdeutsches Umfeld verlegt, sondern perfide mitten ins Sehnsuchtsland der Deutschen hinein, ins Adria-Paradies setzt. In seinem neuen, zweiten Erzählband mit dem Titel "Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz" schildert er in einer schnellen Abfolge von detailreichen short cuts die erste, anläßlich des 20. Hochzeitstages unternommene Westreise des Ossi-Ehepaares Meurer nach Italien und die dadurch entstehenden unfreiwillig komischen Begebenheiten, "gewollten und ungewollten Verwirrungen", "großen und kleinen Katastrophen". Mithilfe dieser Perspektivenverschiebung versucht Ingo Schulze der "ostdeutschen Larmoyanz" beizukommen - und schlägt darüber hinaus noch der Wessi-Tour durch spiegelbildliche Konfrontation mit der Ossi-Mentalität ein Schnippchen. Die "Simplen Schtorys" - so gilt es nach Absicht des Autors den Titel zu lesen und auch zu verstehen - sind geschult am erzählerischen Minimalismus amerikanischer Autoren wie Raymond Carver. Sie fangen die Welt in einem Wassertropfen ein, minutiös, unvermittelt und unsentimental, mit einem Hang zum Schnodderigen und Seichten. Ob latent hier nicht auch eine Kritik an dem von Amerika ausgehenden Vereinheitlichungs- und Vereinfachungsdruck mitschwingt? Ingo Schulzes schriftstellerischer Gegenpart Kim Won-Il, einer der wichtigsten derzeit lebenden Romanciers in Korea, der immer wieder neu die Teilung seines Landes und die Leiden des Koreakrieges literarisch verarbeitet hat, zeigte sich begeistert von den "Simple Storys" und betonte, daß Ton und Stil der einfachen Geschichten durchaus einem nordkoreanischen Schriftsteller nach der Wiedervereinigung von Nord und Süd gemäß seien - ein gewagter hypothetischer Vorgriff auf Wendezeiten und Wendeliteratur, wie sie erst von der Geschichte wird geschrieben werden können.
Der dritte Autor im Bunde, Matthias Politycki, im Westen aufgewachsen und in München zum Akademischen Rat für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft befördert, bevor er sich 1990 von der wissenschaftlichen Germanistenlaufbahn verabschiedete, las neben merkwürdig surrealen, rätselhaften Gedichten wie "Das großgefleckte Glück" und lyrischen Eskapaden in die Welt des Vulgarismus ("Die Mitternachtsnegerin") aus seinem "Weiberroman", der in Deutschland groß Furore gemacht hat und zum neuen Kultbuch erklärt wurde. Mit diesem erotisch-kritischen "Weiberroman", eigentlich einem Männerroman, der die Geschichte von drei Frauen, drei Städten und drei mißlungenen Liebesbeziehungen erzählt, ist es dem Autor gelungen, das literarisch zu realisieren, was er in seinen Essays programmatisch gefordert hat: die Versöhnung eines formal ambitionierten, sprachbewußten Schreibens mit der Unterhaltsamkeit, dem Vergnügen des Lesers. Und so blieb dann auch das Schmunzeln und herzhafte Befreiungslachen über Bekanntes, Vertrautes, heimlich Gedachtes und Hintersinniges in Sachen "Beziehungskiste" auch beim koreanischen Publikum nicht aus, als die Lyrikerin und Literaturkritikerin Kim Hae-Sun den männlichen Projektionsphantasien des Weiberromans ihre koreanische Stimme und Übersetzung lieh. So heiter und ironisch-unterhaltsam die Weibergeschichten auch sind, der Stachel des Erzählers bohrt sich tief hinein ins Fleisch, auch in das der Gattungsgeschichte "Liebesroman". Mit dem Untertitel des Weiberromans, "Historisch-kritische Gesamtausgabe", ebenso wie mit den Anmerkungen und Fußnoten im Roman macht der studierte Germanist Politycki nicht nur darauf aufmerksam, wie ausufernd, un(er)faßbar und erklärungsbedürftig das Thema der Geschlechterbeziehung ist, sondern mokiert er sich darüber hinaus über den philologischen Editorenwahn der Germanistenspecies. Der Kunstgriff, einen Herausgeber einzuführen, befreit ihn zudem aus der Verlegenheit, die eigene(n) (Weiber-)Geschichte(n) zu erzählen. Die Schwärzung einiger Textstellen, die freiwillig vom Autor vorgenommen wurde, läßt auf der einen Seite den erotischen Phantasien des Lesers freien Lauf, spielt aber auf der anderen Seite ironisch auf die Wiedereinführung der Zensur an. Wo es möglich geworden ist, alles zu schreiben, wo es keine Tabus mehr gibt, da muß der Autor selbst eine künstliche Grenze und imaginäre schwarze Löcher schaffen, die Raum für Unausgesprochenes und Unaussprechbares geben.
Die angeregte und lange Diskussion am Ende der Lesung bestätigte den großen Anklang, den die Autoren beim überwiegend koreanischen Publikum des vollbesetzten Saales gefunden hatten. Dr. Uwe Schmelter, der neue Leiter des Goethe-Institutes in Seoul, versprach, den wechselseitigen Schriftstelleraustausch zwischen Korea und Deutschland auch weiterhin mit allen Mitteln zu unterstützen und auszubauen.
Copyright © 1999 by Birgit Mersmann