Michael Mandelartz

Germanistik und Deutsch als zweite Fremdsprache in Japan.
Krise und Lösungsansätze[1]


Das Fach Germanistik und der universitäre Unterricht in Deutsch als zweiter Fremdsprache befinden sich in Japan, ähnlich wie in Korea, in einer Krisensituation. Es wäre wohl für die Germanisten beider Länder von Vorteil, sich über die gegenseitige Lage und Lösungsansätze zu unterrichten. Ich danke daher der LVK für die Einladung, die einen solchen Dialog in Gang bringen sollte. [2]

Um die Veränderungen in der japanischen Germanistik zu verstehen, ist es wichtig sich zu vergegenwärtigen, daß Japan im 19. Jahrhundert nicht nur das Universitätssystem, sondern auch einen erheblichen Teil des Wissens aus Deutschland importierte. Das Deutsche war daher bis 1945 die Wissenschaftssprache schlechthin und an den Universitäten entsprechend stark vertreten. Mit der Umorientierung auf die U.S.A. änderte sich diese Situation nach 1945. Entsprechend dem japanischen Prinzip, daß man Traditionen nicht einfach ablegt, sondern als Sonderfall in einem veränderten Umfeld erhält, behauptete die Germanistik dennoch eine gute Position. An nicht wenigen Fakultäten lehren doppelt so viele Professoren Germanistik wie Romanistik oder etwa gleich viele wie Anglistik und Amerikanistik. Das ist eigentlich nur durch entsprechende Studentenzahlen zu begründen, und die fallen seit Mitte der 80er Jahre beträchtlich, wie die folgende Tabelle zeigt (Angaben in Prozent; neuere Zahlen stehen mir nicht zur Verfügung): [3]

 Belegungszahlen für die zweiten Fremdsprachen an der Universität Tokyo, 1984-95 (Angaben in Prozent)

 

Sprache:

1984

1985

1986

1987

1988

1989

1990

1991

1992

1993

1994

1995

Deutsch

61,4

57,0

52,9

52,1

52,0

49,0

53,2

57,0

54,7

48,6

43,7

40,6

Französisch

30,9

33,7

34,3

34,4

32,4

35,0

31,4

26,9

27,0

30,5

28,0

29,6

Chinesisch

4,3

5,8

6,6

7,3

8,3

6,7

5,3

6,0

8,8

10,2

17,7

20,8

Russisch

 

2,7

4,2

3,3

3,6

4,7

4,9

5,0

2,9

2,5

2,6

1,9

Spanisch

 

 

2,3

2,5

2,9

3,6

4,0

4,2

5,8

6,9

6,1

6,2

Um die Gesamtzahl der Deutschlerner an japanischen Universitäten zu bestimmen, müßte man vermutlich einige Prozent abziehen, weil Deutsch nicht an allen Universitäten gelehrt wird (insbesondere wohl Kurzzeituniversitäten). Bei einer Studentenzahl von 2.596.667 (1996) käme man auf etwa 900.000 Deutschlerner, wenn man 35% ansetzt. [4] Die Zahl der Fachstudenten fällt demgegenüber kaum ins Gewicht. [5]  Man sieht jedenfalls, daß an der Universität Tokyo der Anteil des Deutschen an den zweiten Fremdsprachen in gut 10 Jahren v.a. zugunsten des Chinesischen um 30% zurückgegangen ist. [6] Ein kurzes Hoch nach der Vereinigung hat den Trend nicht aufhalten können, und er wird sich inzwischen fortgesetzt haben. An anderen Universitäten ist die Situation, in Abhängigkeit vom Fremdsprachenangebot, ähnlich. Ein stärkeres Abrutschen wurde vielfach nur verhindert, indem neben dem Pflichtfach Englisch Deutsch als zweite Fremdsprache ebenfalls zum Pflichtfach erhoben wurde. Für die Fachstudenten ist eher ein noch stärkerer Rückgang wahrscheinlich.

Unter diesen schwierigen Umständen kann man eigentlich nach wie vor von einer vergleichsweise günstigen Situation für die Germanistik sprechen. Denn der Abwärtstrend ist nicht zufällig, sondern spiegelt eine Anpassung des studentischen Wahlverhaltens an die Realität wider. Auf dem Stellenmarkt spielt Deutsch so gut wie keine Rolle: Um 1995 hatten beispielsweise von den 1200 Hochschulabsolventen aus dem Bereich Sprache und Literatur, die bei Fujitsu eingestellt wurden, 83% Englisch, 5% Französisch, jeweils 3% Chinesisch oder Deutsch studiert. [7] Das Erziehungsministerium übt aber keinen unmittelbaren Druck in Richtung auf die Umwidmung von Stellen aus. Eher ergreifen die Fakultäten - trotz der natürlichen Tendenz, den status quo zu erhalten - die Initiative und sorgen mittelfristig dafür, daß die Ungleichbehandlung der Fächer etwas gemildert wird.

Die Situation hängt aber ganz entscheidend von der internen Organisation der Fakultäten ab. Das Erziehungsministerium vergibt Stellen nach der Relation zwischen Studenten und Professoren (der Schlüssel für die einzelnen Fachbereiche ist zwar gesetzlich festgelegt, wird aber in der Praxis vom Erziehungsministerium nach internen Überlegungen geregelt und nicht veröffentlicht, was jede Menge Raum zu Spekulationen in den Universitäten gibt). Eigenständige deutsche Institute stehen also unter einem höheren Rechtfertigungsdruck als solche, in denen Germanistik zusammen mit anderen Literatur- und Sprachwissenschaften gelehrt wird, z.B. die Institute für "Cultural Studies". Letztere sprießen nicht nur amerikanischen Tendenzen folgend aus dem Boden, sondern ergeben sich auch aus der Solidarität der einigermaßen sicheren Fächer mit bedrohten wie der Germanistik: Die unausweichlichen Kürzungen werden auf mehr Schultern verteilt.

 Vor diesem Hintergrund sind nun in den letzten Jahren auch innerhalb und für die Germanistik verschiedene Versuche unternommen worden, das Interesse der Studenten zu wecken, dem Fremdsprachenunterricht neue Ziele zu geben, das Verhältnis von Fachstudium und Studium Generale neu zu definieren. Einige Neuansätze möchte ich kurz vorstellen.

An der juristischen Fakultät der privaten Keio-Universität wurde 1993 das Curriculum reformiert. [8] Neben den regulären Kursen in einer zweiten Fremdsprache haben die Studenten - hauptsächlich Juristen, aber auch Politologen - die Möglichkeit, über drei Jahre Intensivkurse in Deutsch zu absolvieren, die bis zur zentralen Mittelstufenprüfung (ZMP) bzw. zum 1. Grad "Deutsch in Japan" ("Dokken") führen. Eine ausreichende Zahl interessierter Studenten konnte man sich allerdings nur versprechen, weil das Deutsche für Juristen in Japan nahezu unabdingbar ist. Noch immer werden zahlreiche Gesetze (jüngst z.B. Umweltgesetze und das Pflegegesetz) nach deutschem Vorbild entworfen. Eine hohe Kompetenz im Deutschen fördert also unmittelbar die Karriere von Juristen. Insofern waren die Bedingungen für eine Reform besser als anderswo.

Der Kurs vermittelt Sprachfähigkeiten zusammen mit landeskundlichem Wissen (auf dem Niveau des "Abiturwissens"). Dadurch soll nicht nur das Interesse der Studenten geweckt werden, sondern auch die Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur von einem japanischen Standpunkt aus gefördert und so die Basis zu einer "Kommunikationsfähigkeit auf relativierter Kulturbasis" [9] gelegt werden. Daneben werden Vorlesungen zur "Einführung in die Arealkulturstudien" gehalten, und zwar zu Amerika, Großbritannien, dem deutschen Sprachraum, Frankreich, Rußland, Ost- und Mitteleuropa, demnächst auch China. Der Deutschkurs wird also in das Studium anderer Kulturen eingebettet.

Die Studenten werden jeweils vier Doppelstunden pro Woche unterrichtet, und zwar mit deutschen Lehrwerken und mit steigendem Anteil der Muttersprachler gegenüber japanischen Dozenten: im ersten Jahr 1:3, im zweiten 2:2, im dritten 3:1. Jeder Kurs schließt auf dem Niveau einer Prüfung ab: das erste Jahr mit Dokken 3, das zweite mit Dokken 2 bzw. ZDaF, das dritte mit Dokken 1 bzw. ZMP. Die Klassenstärke wurde auf 20 TN begrenzt. Von 1993 bis 1996 verdoppelte sich die Zahl der Anmeldungen von 20 auf 40. 

Das vielbeachtete Modell reizte viele Universitäten zur Nachahmung; es beruht jedoch auf besonderen Voraussetzungen, die nur selten anzutreffen sind: ein vitales Interesse am Deutschlernen durch die Verknüpfung mit den Berufsaussichten, Flexibilität in der Lehrplangestaltung, eine genügende Anzahl von Lehrkräften durch entsprechende finanzielle Ausstattung, und neueste technische Einrichtungen.

Soweit es mit den Studienordnungen und dem Interesse der Studenten vereinbar ist, wurden aber kürzere Intensivkurse in den letzten Jahren an vielen Universitäten für die zweiten Fremdsprachen eingeführt. An der Universität Iwate beispielsweise können die Neulinge im ersten Semester einen Intensivkurs mit 8 Wochenstunden wählen, der das Pflichtdeputat in der zweiten Fremdsprache schon abdeckt. Er wird je zur Hälfte von einem japanischen Kollegen und von mir unterrichtet. Für besonders interessierte Studenten wird er im zweiten Semester mit 4 und im zweiten Studienjahr mit 2 Wochenstunden weitergeführt. Diese Anfängerkurse haben sich, sowohl was den Lernfortschritt als auch was das Interesse der Studenten angeht, als recht erfolgreich erwiesen.

Die Öffnung des Fachstudiums für die Studenten im ersten und zweiten Studienjahr hat mancherorts zur Folge, daß in einigen Veranstaltungen sämtliche Jahrgänge vertreten sind, weil nicht genug Lehrkräfte vorhanden sind, um innerhalb des Fachstudiums eine durchgehende Differenzierung nach Pro- und Hauptseminaren durchzuführen. Für literatur- oder sprachwissenschaftliche Veranstaltungen, die in der Regel auf Japanisch abgehalten werden, mag das angehen, für den im Hauptstudium fortgeführten Deutschunterricht hat es aber zur Folge, daß absolute Anfänger zusammen mit relativ fortgeschrittenen Studenten zu unterrichten sind. Das ist eine fast unhaltbare Situation.

Generell ist durch den Reformdruck eine Öffnung zu eher kommunikativen Formen des Unterrichts festzustellen. Dies zeigt sich in der vermehrten Verwendung von deutschen Lehrbüchern und in der engeren Abstimmung mit den Muttersprachlern sowohl bei der Planung des Curriculums als gegebenenfalls auch in der Unterrichtsvorbereitung. Außerdem werden gelegentlich "japanische" Stellen mit Muttersprachlern besetzt, häufig unter der Voraussetzung guter Japanischkenntnisse. Das begünstigt Japanologen gegenüber Germanisten, wenn es um Einstellungen für den Unterricht in zweiten Fremdsprachen geht. Bei Einstellungen im Bereich des Fachstudiums haben Germanisten wohl noch immer die besseren Chancen - im Zweifelsfall auch ohne umfangreichere Japanischkenntnisse.


Die Germanistik in Japan befindet sich im Umbruch. Unter den veränderten Rahmenbedingungen der Universitäten, die sich Ansprüchen von außerhalb öffnen müssen, der Ökonomie insgesamt und der Staatsfinanzen im Besonderen, neuen Mentalitäten unter den Studenten und einem geringeren Interesse an deutscher Kultur  [10] wird auf allen Ebenen experimentiert. Die ungünstigen Rahmenbedingungen können jedoch von den germanistischen Abteilungen nicht verändert werden. Dazu gehört z.B. die Einstellungspolitik der Firmen und die Identifikation des Fremdsprachenlernens mit dem Englischen.

Innerhalb der Germanistik ist daher in den letzten Jahren die Forderung nach einer "Gesundschrumpfung" aufgekommen, und zwar sowohl im Bereich der zweiten Fremdsprachen wie des Fachstudiums. Diese Forderung scheint mir etwas überzogen. Von der Sache her notwendig schiene mir vielmehr, die Prävalenz des Englischen zu begrenzen und die anderen Fremdsprachen generell aufzuwerten, möglichst auch an den Schulen. Dazu wäre eine politische Allianz der jetzigen zweiten Fremdsprachen notwendig, innerhalb derer das Deutsche dann allerdings keine Sonderrolle mehr einnehmen würde.

Ein weiteres Problem stellt das noch immer aus der Meiji-Zeit stammende Image Deutschlands dar. Die Deutschen und die Deutschdozenten in Japan gelten als ernsthaft, solide, seriös, "tief", unverständlich, und nicht zuletzt wohl auch - einfach langweilig. Dieses Image wird auf der Dozenten- wie auf der Studentenseite von Generation zu Generation weitergegeben und führt unter den gewandelten Rahmenbedingungen inzwischen zur Isolation des Deutschen.

Daß die Germanistik und Deutsch als Fremdsprache dennoch im Aufbruch sind, scheint inzwischen klar zu sein. Wohin die Reise geht, ist zwar bislang noch schwer zu sagen. Es scheint mir aber, daß in dieser neuen Beweglichkeit immerhin eine große Chance liegt, die man auch ergreifen will.


[1] Auszug aus dem Vortrag, den ich am 16. Mai 1999 auf der Vollversammlung der LVK im GI Seoul gehalten habe. Unter dem Titel "Die japanische Universitätsreform der 90er Jahre und ihre Auswirkungen auf die Germanistik" kann der vollständige Text demnächst in der Zeitschrift der koreanischen Gesellschaft für Deutsch als Fremdsprache nachgelesen werden.

[2] Weiterhin möchte ich dem DAAD für die Finanzierung des Fluges und Frank Grünert für die Gastfreundschaft danken. - Auf der Asiatischen Germanistentagung in Fukuoka habe ich im August bemerken können, daß das Gespräch zwischen koreanischen und japanischen Germanisten auf dem besten Wege ist.

[3] Shigeru Yoshijima, Zur Stellung der deutschen Sprache bzw. des Deutschunterrichts in Japan. In: Deutsch in Japan. Interkulturalität und Skepsis zwischen Vergangenheit und Zukunft. Dokumentation eines Seminars in Minakami/Japan vom 2.-5. Nov. 1995. Hrsg.v. Gernot Gad u.a. Bonn: DAAD 1996, S. 43-52, hier S. 50.

[4] JIN, Number of University Students (1984-1997). Webadresse:
     http://www.jinjapan.org/stat/stats/16EDU59.html [Nicht mehr aktuell!]

In deutschen Mittlerorganisationen kursieren unterschiedliche Zahlen. Die vom Goethe-Institut und dem DAAD erstellte "Länderkonzeption Japan" von 1998 nennt einmal 700.000 (S. 7), ein andermal 400.000 (S. 8). Das Goethe-Institut hat eine gemeinsam mit dem japanischen Deutschlehrerverband erstellte Studie angekündigt.

[5] Nach der - nicht sehr zuverlässigen - "Länderkonzeption Japan" ca. 4000, d.h. etwa 1,5% der japanischen Studentenschaft.

[6] Mochida, Tabelle 8: Festlegung der 2. Fremdsprache durch die Institution (1995?): Deutsch 48,6%, Französisch 21,8%, Chinesisch 9,5%, Englisch 6,1%, Russisch 5,6%, Spanisch 4,5%, Sonstige 3,9%. An der Universität Iwate wurde Deutsch als zweite Fremdsprache z.B. für Studenten der technischen Fakultät zum Pflichtfach. Inzwischen ist man davon aber wieder abgerückt.

[7] Mochida, Vortrag 1996. Die Zahlen beziehen sich allerdings auf das Fachstudium. Die zweite Fremdsprache wird überhaupt bei Einstellungen nur ausnahmsweise eine Rolle spielen. In der Regel ist das Niveau zu niedrig, um von den Firmen sinnvollerweise berücksichtigt zu werden.

[8] Die folgenden Informationen nach Shinichi Sambe, Das neue Konzept für die Deutschkurse an der juristischen Fakultät der Keio Universität. In: Deutsch in Japan, S. 197-206.

[9] Sambe, S. 199.

[10] Vgl. z.B. die Umfragen zu "international activities" unter
       http://www.jinjapan.org/stat/category_22.html [Nicht mehr aktuell!]


Copyright © 1999 by Michael Mandelartz


DaF-Szene Korea Nr. 10

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