Kunstsprache, experimentelle Sprachkunst, visuelle Poesie, konkrete Poesie und Lautmusik - zwischen diesen Begriffen bewegte sich am 21. Oktober ein Vortrag mit anschließender Diskussion im Goethe-Institut Seoul. Vortragende waren der Lyriker Eugen Gomringer aus der Schweiz, die Lyrikerin Heidi Pataki aus Österreich, der Autor, Musiker und Literaturwissenschaftler Michael Lentz, seines Zeichens Westfale, sowie der Germanist Nam Un aus Seoul. Seit langem waren damit wieder einmal alle drei deutschsprachigen Länder auf einer Veranstaltung kulturell vereint, ein Zustand, der sich sowohl in der Förderer- wie auch in der Gästeliste widerspiegelte. Das Treffen der genannten Autoren und Wissenschaftler, die drei verschiedenen Generationen angehören, sollte einen Überblick über die Entwicklung der Experimentellen Poesie von ihren Anfängen bis zu ihrem aktuellen Stand verschaffen. Maßgeblich geplant und durchgeführt wurde die Veranstaltung von Frau Dr. Birgit Mersmann, die als DAAD-Lektorin an der Seoul National-Universität tätig ist.
Was ist Experimentelle Poesie? Drei Spielarten wurden vorgestellt: Heidi Pataki, die als erste las, durchzieht ihre Texte mit Einsprengseln aus Umgangssprache, Werbeslogans und anderem alltäglichen Material, das vom Hörer leicht wiedererkannt wird, aber im Umfeld eines lyrischen Textes einen anderen Stellenwert bekommt. Schnell wird die Zahnpastawerbung zur Liebesromanze oder der Leitsatz einer Lebensversicherung zum Schwur ewiger Treue aufgebaut.
Eugen Gomringer, wenngleich persönlich anwesend, präsentierte sich und die Konkrete Poesie zunächst in einem Film des Schweizer Fernsehens, der in den frühen siebziger Jahren entstanden war. 30 Jahre jünger, aber mit denselben literarischen Zielen und Inhalten wie heute, bildete er so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Im Film selbst wurden weit ältere Vorbilder der Konkreten Poesie gezeigt, etwa Anordnungen von Bibeltexten in Kreuzform aus dem Barock. Nach dem Film zu urteilen, muß Konkrete Poesie in den 60er oder 70er Jahren ein kultureller Renner gewesen sein. Man sah unter anderem Ernst Jandl, wie er in der vollbesetzten Londoner Oper Covent Garden seine Texte vortrug.
Visuelle oder Konkrete Poesie ist einerseits Text, andererseits Bild aus Schrift, das zu vielfachen oder auch simplen Interpretationen verführen kann. Ein Beispiel aus dem Film:
immer schön in der reihe bleiben
immer schön in der reihe bleiben
immer schön in der reihe bleiben
immer schön in der reihe bleiben
immer schön in der reihe bleiben
immer schön in der reihe bleiben
immer schön in der reihe bleiben
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Nam Uns Texte erinnerten in ihrer Form an Gomringer, spielen jedoch eher mit einzelnen (koreanischen) Buchstaben, die sich zu Silben mit unterschiedlicher Bedeutung zusammenfügen, weniger mit ganzen Wörtern oder Sätzen. Er führte einige Beispiele vor, im Schriftbild und vorgelesenen Text. Im Gegensatz zu Gomringer (der vielleicht sein Vorbild war) wirkten seine Sprachbilder zwar eher spielerisch, ließen aber weniger Interpretationsspielraum zu.
Michael Lenz als Vertreter der Lautmusik betrat als letzter Künstler die Bühne. Zunächst ließ er, zu einer im Hintergrund laufenden CD mit gesprochenen Texten, mechanisches Spielzeug ablaufen. Nachdem die kleinen Blechvögel und Drehfiguren stillstanden, trat er ans Mikrofon und begann in rasender Geschwindigkeit einen Text vorzulesen, stakkato und atemlos. Der Inhalt des rezitierten Textes rückte weit in den Hintergrund, zurückgedrängt von Form, Rhythmus, Lautstärke und Geschwindigkeit des Vortrags. Kaum jemand dürfte den Inhalt des Vortrags in seiner Gänze verstanden haben, aber darum ging es auch nicht. Dieser Text war bestimmt von Wiederholungen, Ausrufen, und zeigte einige inhaltlich Parallelen zu Pataki.
Ein weiterer Film über das Thema des Abends beschloss den Reigen der akustischen und visuellen Impressionen. Im Anschluss wurde, unter der Leitung von Herrn Dr. Uwe Schmelter vom Goethe-Institut, noch lebhaft über das Gesehene und Gehörte diskutiert.
Bleibt zu hoffen, dass die Konkrete Poesie in Zukunft nicht der einzige Anlass ist, um ein gemeinsames Auftreten von Künstlern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu initiieren. Österreich und die Schweiz sind als weitere Länder mit deutscher Sprache sicherlich ein zusätzlicher Pluspunkt, um sich mit dem Fach Deutsch zu beschäftigen.
Copyright © 1999 by Michael Menke