Edeltrud Kim und Matthias Augustin

Goethe in Ostasien. Übersetzung und Weltliteratur


Das in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Seoul durchgeführte internationale Symposium (China - Japan - Korea - Deutschland) war zugleich die 8. Jahrestagung des "Instituts für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur" und wurde von der deutschen Botschaft hier in den Kreis der Veranstaltungen während der deutschen Wochen aufgenommen. Die diesjährige Veranstaltung war das zweite ostasiatisch-deutsche Symposium des Instituts. Das erste hatte 1996 mit dem Thema "Funktionen und Probleme der Übersetzung im Umfeld der Germanistik Ostasiens" mit reger Beteiligung statt gefunden. Im Gästebuch der Veranstaltung finden sich 110 Namen, darunter sind außer vielen Koreanern drei Germanisten aus China, zehn aus Japan, drei Professoren von deutschen Universitäten und etliche deutschsprachige Lektoren aus Korea.

 Das Symposium folgte im Ablauf dem in Korea üblichen Schema, wobei für jeden Referenten ein Diskutant eingesetzt war und die Sitzungsleiter jeweils zwei Referate und die Diskussionen dazu zu betreuen hatten.


Der erste Sitzungstag

 Zum Auftakt sprach der deutsche Botschafter Dr. Claus Vollers ein Grußwort, in dem er sich anerkennend über die Arbeit des Instituts für Übersetzungsforschung und dessen wiederholte Initiative äußerte, als Veranstalter des Symposiums internationale Germanisten zusammenzubringen. An Goethe sei die Universalität seiner Werke hervorzuheben, so Vollers, der augenzwinkernd seiner Bitte Ausdruck verlieh, über den ganzen Goethe-Rummel doch den - Schwaben wie er selbst - armen Schiller nicht zu vergessen.

 Byong-Ock KIM, der Leiter des Instituts für Übersetzungsforschung, eröffnete dann mit einem gleichsam auf das Thema des gesamten Symposiums einstimmenden, "Die Goethesche Weltliteratur und die Globalisierung" betitelten Vortrag die Reihe der Beiträge. Kim ging anhand ausgewählter Goethe-Zitate (hier insbesondere des späten Goethe) dessen Begriff einer Weltliteratur nach. Deutlich wurde, wie Goethe an die zwischen den Nationen entstandenen "nachbarlichen Verhältnisse" die Hoffnung an einen "freien geistigen Handelsverkehr" anknüpft, vor nationalstaatlichem "pedantischem Dünkel" warnt und die Kulturen auffordert, sich, wenn sie sich "nicht lieben mögen, sich einander wenigstens dulden [zu] lernen."

 Koreferent Bruno ROßBACH (Songkyunkwan-Universität) ging in seinem Beitrag kurz auf den von Kim im Zusammenhang mit Goethes Weltliteraturbegriff zitierten "freien geistigen Handelsverkehr" ein und richtete seine Fragestellung dann auf das konkrete, Übersetzungspraktische Problem, ob und wie mit zeit- und kulturspezifischen Wissenshintergründen übersetzte Termini einer ausgangssprachlichen Kultur vom übersetzenden erkannt und in die Zielsprache übertragen werden könnten. Aus Goethes "Wilhelm Meister" griff ROßBACH dazu den Begriff der "Turmgesellschaft" heraus und verdeutlichte die Schwierigkeit einer Übertragung, wenn das Hintergrundwissen über das Geheimbundwesen des 18. Jahrhunderts fehle.

 "Der Stellenwert der Übersetzung für Goethes Idee der Weltliteratur" lautete das Thema des sich anschließenden Referats von Yushu ZHANG (Peking-Universität). ZHANG betonte Goethes  Übersetzerische Leistungen (Byron, Madame de Stael) und seine allgemein positive Einstellung zur "Goldenen Schlüssel" (Schlegel) Übersetzung, ebenso die Offenheit Goethes fremden Kulturen gegenüber, wie sie sich nicht bloß im "Westöstlichen Diwan" offenbare, sondern auch exemplarisch in seinen Äußerungen zur Lektüre des Hao Qiuzuan, eines chinesischen Romans aus der Ming-Dynastie, die Goethe in englischer Übersetzung vorgelegen hat. ZHANG sprach sich gegen jede Form der Bevormundung einer Kultur durch die andere aus und machte noch einmal deutlich, dass nur die Förderung von Übersetzung und Fremdsprachenstudium eine Verwirklichung der Goetheschen Idee einer Weltliteratur ermöglichen könne.

In der Diskussion gab Horst DENKLER (FU Berlin) zu bedenken, dass auch Nationalliteraturen weiterhin ihre Berechtigung hätten. So sei die deutsche Wendeliteratur gewiss nicht an dem Ideal Weltliteratur zu messen, spiele aber bei Identitätsfindungsprozessen eine wichtige Rolle.


Nach der Mittagspause eröffnete Horst Denkler als Sitzungsleiter einen stärker konkreten  Übersetzungsfragen zugewandten Nachmittag, der mit dem Referat "Die Treue zum Originaltext und die Treue zur eigenen Sprache - anhand einiger Goethescher Texte" von Sho SHIBATA (Kyoritsu Frauen-Universität) begann. Er nehme zur höchstmöglichen Bewahrung der ausgangs-sprachlichen Besonderheiten durchaus in Kauf, im Japanischen befremdend oder ungelenk zu wirken, Sprachstrukturen zu zerbrechen, stehe also der zweiten der Goetheschen Übersetzungsmaximen nahe: "(...) die Forderung, dass wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen."

"Der junge Goethe: Stil-Diversität als Herausforderung der Übersetzungskunst" war der darauf folgende Vortrag von Walter GEBHARD (Universität Bayreuth) überschrieben. GEBHARD präsentierte den "multilingualen Synthetiker" Goethe und dessen etwa durch die Verwendung antiquierter Wendungen bewusst herbeigeführte sprachliche "Selbst-Exotisierung". Die Selbstreflexion, mit der Goethe so seine eigene Sprache erzeugt, sah Gebhardt als vorbildhaft für  die Arbeit des Übersetzers als "Sprachkünstler".

 Den ersten Sitzungstag beendete Sun-Mi TAKs (Hanyang-Universität) Referat über "Herzenssprache und Seelenliebe? - eine intertextuelle Untersuchung der 'Werther'- Rezeption in Korea". Der "Werther" erfuhr in Korea seit dem Erscheinen der ersten Übersetzung in den zwanziger Jahren eine immense Popularität. TAK erklärte dies unter anderem mit einem damals in Korea entstehenden neuen Selbstverständnis einer Schicht junger Frauen, die ihrer Liebesneigung eigenbestimmt nachgegangen sein sollen - als ein koreanisches literarisches Dokument zu diesem Thema erwähnte sie den Roman "Mujong" (Herzlos) von Yi Kwangsu aus dem Jahr 1917 - und sich in den Figuren und der Sprache des "Werther" anscheinend wiedergefunden haben. Eine lebhafte Diskussion zum Rollenverständnis von Frauen in Korea damals und heute schloss sich an.


Zweiter Sitzungstag

 Im ersten Referat befasste Yoshio KOSHINA (Japan) sich mit dem "Wandel des Motivs der Frühverstorbenen bei Goethe (Euphrosyne-Elegie), Rilke (Erste Duineser Elegie) und Bobrowski (Pruzzische Elegie)", wobei er auch auf den japanischen Dichter MIYAZAWA Kenji verwies, bei dem dieses Motiv ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Der Diskutant, Thomas Schwarz, fragte zunächst einmal nach den Möglichkeiten, Versmaß und Rhythmus zu übertragen, und musste sich belehren lassen, dass dies im Japanischen schlechterdings nicht möglich sei, man könne nur äquivalente für die jeweilige Versstimmung suchen.

 Das zweite Referat von Rong Chang ZHANG befasste sich unter dem Thema "übersetzen und Interpretieren" mit konkreten Problemen bei der Übersetzung von Wilhelm Meisters Lehrjahren ins Chinesische, die an einigen für nicht chinesische Zuhörer nachvollziehbaren Beispielen vorgeführt wurden. Wohltuend war bei diesem Referat der Respekt des neueren Übersetzers vor den - wenn auch zuweilen noch sehr fehlerhaften - Leistungen des Vorgängers.

Naoji KIMURA versuchte uns in seinem Beitrag "Goethe auf dem Weg zum Fernen Osten" zu zeigen, wie es zur Goethe-Verehrung in Japan kam. Interessant war zu erfahren, dass die japanische Goethe-Rezeption von den Philosophen ausging und dass es vor allem der Mensch Goethe war, der die Japaner anzog, weil sie in ihm einen großen Menschen sahen, der alle Gegensätze zu überwinden vermochte.

 Frau Yan Ting GAO aus Xian, China, behandelte am Beispiel einer frühen (1959), einer mittleren (1982) und einer neueren Faust-Übersetzung (1997) unter dem Thema "Ein Staffellauf zum wahren Sinn des Faust" die chinesischen Versuche, den Faust angemessen zu verstehen und ihn in ein auch für Nichtgermanisten lesbares modernes Chinesisch zu übertragen. Wiederum fiel auf, dass die chinesischen Übersetzer sehr bewusst auf ihren Vorgängern aufbauen und so die Übersetzung jedes Mal wieder um eine oder mehrere Stufen verbessern können.

Frau Sun-Ja HAN beschäftigte sich mit dem Westöstlichen Divan. Das im Programmheft angegebene Thema ließ ein Referat zur Rezeption dieser Gedichte in Korea erwarten, aber die Referentin hatte sich angesichts einer im Grunde fehlenden Divan-Rezeption in Korea dafür entschieden, am Beispiel des Motivs der Perle und des Staubes aufzuzeigen, wie Goethe sich die Werke des persischen Dichters Hafis anverwandelt hat, und dabei wollte sie dann auch Goethes Übersetzungsprozess durchleuchten.

 Als letzter Referent trat Theo Buck aus Aachen mit einer 'klassischen' Interpretation zu "Goethes Gedicht Ginkgo Biloba" auf. Er beleuchtete die biographischen Hintergründe dieses Gedichtes, sprach die einzelnen Elemente der Gestaltung und die verschiedensten Facetten des Verstehens an und deutete es, ausgehend von der Schlusszeile "Daß ich eins und doppelt bin" als Bild und Gleichnis für ein symbolisches Verstehen der Lebenszusammenhänge.

In der Schlussdiskussion kreisten die Ausführungen aller dann um die unabdingbare Vielfältigkeit der Kulturen, die alle, auch die sog. kleinen Kulturen weltweite Achtung und Anerkennung erhalten müssten, denn nur im freien Austausch zwischen allen Kulturen könne so etwas wie eine lebendige Weltkultur Wirklichkeit werden. Am Schluss möchte ich eine Bemerkung des Goethe-Skeptikers Horst Denkler anführen. Er gab zu, er sei gerührt von den ostasiatischen Bemühungen um Goethe (und um die deutsche Sprache und Kultur allgemein) und sei nun überzeugt, dass Deutschland seinen Goethe für die internationale kulturelle Verständigung nötig habe. Am Ende der Schlussdiskussion gab der Gründer und Leiter des Instituts für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur, Byong-Ock KIM seiner Hoffnung Ausdruck, alle in drei Jahren wieder zu einem solchen Symposium nach Seoul einladen zu können.


 Die zwei Übersetzungsförderpreise gingen an Eunju SON, Professorin an der Mokwon-Universität, für die Übersetzung von Schillers Maria Stuart und Yong-Suk LEE, z.Z. Doktorandin an der Universität Frankfurt, für die Übersetzung von "Flughunde" von Marcel Beyer.

Der Workshop zum Koreanischen Lexikon der literaturwissenschaftlichen Begriffe der Germanistik fand am anschließenden Sonntag unter der Leitung von Horst Denkler im Goethe-Institut statt.

 Die Erarbeitung eines koreanischen Lexikons zur germanistischen Literaturwissenschaft ist zur Zeit das Kernprojekt des Instituts für Übersetzungsforschung, das auch schon zweimal Forschungsgelder vom koreanischen Erziehungsministerium erhalten hat. Das Erscheinen des Lexikons ist vorläufig für 2001 vorgesehen. Seit 1994 wird konkret an diesem Projekt gearbeitet, zunächst unter der Leitung von Wee-Kong KOH und zur Zeit unter der Leitung von Sam-Huan AHN. Beteiligt sind etwas mehr als 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die wiederum einen Redaktionsausschuss von 6 Personen gebildet haben. Die Lexikonarbeit ist dringend notwendig, um die koreanische literaturwissenschaftliche Germanistik in ihrer derzeitigen schwierigen Lage auf ein tragfähiges wissenschaftliches Fundament zu stellen.


Eine koreanische Germanistik gibt es seit 1945, als an der Seoul National University, der Nachfolgerin der (japanischen) kaiserlichen Universität zu Seoul, die erste deutsche Abteilung des Landes errichtet wurde. Die ersten Germanisten waren alle in Japan ausgebildet und Übernahmen einfach japanische Begriffe ins Koreanische, was dank der chinesischen Zeichen, die beide Völker verwendeten, ohne große Mühe ging. Bei der Koreanisierung dieser Begriffe oder bei der Neuschaffung von Begriffen während des Unterrichtens oder bei Übersetzungen handelte danach und handelt bis heute jeder Germanist hier im Lande nach seinem Gutdünken, so dass es bis heute - von ein paar eingebürgerten Termini abgesehen - keine einheitliche koreanische Terminologie für die Germanistik gibt, was nicht nur Studentinnen und Studenten verwirrt, sondern auch die Germanistikprofessoren verunsichert. Die Probleme fangen schon beim Namen unseres Fachs an: deutsche Sprache und deutsche Literaturwissenschaft  enthalten das Wort  Dogil (oder auch Togil), und das ist nichts anderes als die koreanische Aussprache des von Japan aus China übernommenen Zeichens für Deutsch, das japanisch ausgesprochen auch so ähnlich wie -deutsch-  klingt.

Bei dem sonntäglichen Workshop ging es um drei Punkte: Erfahrungsbericht über die bisher geleistete Arbeit und die dabei auftretenden Schwierigkeiten, Fragen der Lemmata-Auswahl und Fragen des Artikelschemas. Der Erfahrungsbericht machte alle Probleme, die anschließend besprochen wurden, bereits deutlich. Nach eingehenden Vorbesprechungen mit deutschen Professoren hatte man sich dazu entschlossen, das koreanische Lexikon als Adaption von Metzlers Literaturlexikon zu erarbeiten. Dabei sollten die für Korea wichtigsten Begriffe ausgewählt werden. Die entsprechenden Artikel sollten zunächst übersetzt und dann nach einem einheitlichen Artikelschema, das im Metzler-Lexikon fehlt, überarbeitet werden.

Die Lexikon-Arbeit ist so kompliziert, dass die Mitarbeiter immer wieder an die Grenzen ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit stoßen und daher den Schwung für ihre Arbeit verlieren.

 Horst Denkler, der Leiter, und Theo Buck und Walter Gebhard, die auch am Workshop teilnahmen, rieten zu einer drastischen Beschränkung der Lemmata zumindest für die erste Auflage und boten ihre Hilfe bei der Auswahl an. Die drei Professoren waren auch der Meinung, dass das Fehlen eines einheitlichen Artikelschemas trotz der Nachteile den wissenschaftlichen Wert des Lexikons nicht schmälern werde und dass man daher darauf verzichten solle, ganz stur daran festzuhalten. Für unabdingbar hielten sie aber, dass man sich der Mühe unterziehen müsse, Metzler-Artikel ganz zu verstehen, da man sonst vielleicht das Wichtigste auslasse und auch aus anderen zur Hilfe herangezogenen Lexika falsche Informationen entnehme.

Der Workshop hat natürlich keine direkt greifbaren Ergebnisse, er war ehe eine Ideenbörse. Die Auswertung alle Anregungen und die weitere Planung des Projekts soll auf den bald folgenden Sitzungen des Redaktionsausschusses und aller Mitarbeiter erfolgen.


Copyright © 1999 by Edeltrud Kim & Matthias Augustin


DaF-Szene Korea Nr. 10

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