einen Brief aus Japan zu schreiben, fällt mir nicht so leicht, wie ich ursprünglich mal dachte. Schon bei der Anrede weiß ich nicht, welche Form ich wählen soll. Einige sind ehemalige Kolleg-inn-en und Freunde, einige habe ich leider nicht kennengelernt und viele, die ich kannte, sind nicht mehr da. Ja, ich bin selbst eine ehemalige "Koreanerin" und diese Zeit klingt immer noch in mir nach.
Manchmal werde ich gefragt, wie es denn in Korea so war, aber in ein oder zwei Sätzen läßt sich das nicht zusammenfassen. Meine Erfahrung in Korea war im sozialen Bereich davon geprägt, daß ich an einer Uni eine Arbeit hatte und alleinstehend war. Mein Leben in Japan unterscheidet sich davon, denn jetzt bin ich "Ehefrau", um nicht zu sagen "Hausfrau". Diese Aspekte sind für die Wahrnehmung und Einschätzung von außen nicht unerheblich. Und eigentlich lebe ich erst seit einigen Monaten "in Japan", d.h. auf der Hauptinsel Honshu im Großraum Tokyo. Davor war ich 2 1/2 Jahre in Okinawa. Und Okinawa ist nicht Japan. Auch wenn manches japanisch zu sein scheint oder davon beeinflußt ist / scheint, ist doch die zugrundeliegende Kultur ein ganz eigenartiges, eigenständiges, teilweise faszinierendes Gemisch. - Mein Mann sagte zu unserem Leben in Okinawa: "Hier sind wir beide Ausländer." Und das war auch so. Die Okinawer (Okinawesen) haben gegenüber Japan ein ähnliches Ressentiment, wie es in Korea zu finden ist. Wenn ich gesagt habe, daß mein Mann aus Japan kommt, war Enttäuschung zu spüren, gefolgt von weiterem Desinteresse. ähnlich in Korea - warum keinen Koreaner ...? - Die Mentalität der Koreaner, der Okinawer und der Japaner unterscheidet sich meiner Meinung nach ganz erheblich voneinander. Auch wenn manches auf den ersten Blick ähnlich erscheint, d.h. einen "asiatischen" Anschein hat, so ist beim näheren Hinsehen und Erleben doch eine ganz andere, eigene innere Befindlichkeit zu entdecken, die jede für sich ihre angenehmen und ihre unangenehmen Seiten hat.
Eigentlich wollte ich schon vor einem Jahr einen "Brief aus Japan" schreiben. Aber damals lebten wir noch in Okinawa. Ich zögerte deshalb bei dem Zusatz "aus Japan". Hinzu kam, daß ich in Okinawa außer meinen eigenen Studien zunächst nur einige Privatschüler-innen hatte. Im Bereich DaF gibt es dort nur eine (schon besetzte) Stelle an der Ryukyu-Universität sowie einen einsemestrigen Lehrauftrag an der Gesangsabteilung der Kunsthochschule, den ich dann zuletzt einmal inne hatte. Und eben diese Student-inn-en der Kunsthochschule sind die potentiellen Privatschüler-innen, da sie nach ihrem Abschluß im deutschsprachigen Raum weiterstudieren wollen und deshalb beim Deutsch lernen sehr motiviert und zielstrebig sind. Daneben gibt es einen Kreis aus unterschiedlichen Gründen an mit Deutsch bzw. Deutschland, der Schweiz und Österreich verbundenen Okinawern, die sich untereinander kennen, in Deutschland und in Okinawa Verbindung halten und sich dann auch ab und zu treffen. Dieses Miteinander-Verbunden-Sein ist eine okinawische Eigenart, die als Außenstehende/r erst nach einiger Zeit wahrzunehmen ist, als ob alle durch ein unsichtbares, fast magisches Band untereinander verwoben und verbunden sind. Das unterscheidet sich von der koreanischen Art der Gruppierung, die ja meistens konfuzianisch-hierarische Züge annimmt, weshalb einige Koreanerinnen solche Gruppierungen in Deutschland tunlichst meiden.
Ja, und nun lebe ich wirklich in Japan, genauer gesagt im Großraum Tokyo. Und das ist wieder ein bißchen anders. Da ich zu Tokyo eine uneingeschränkt positive Einstellung habe, freue ich mich über die Veränderung. Allerdings lebe ich nicht in der Innenstadt selbst, sondern eine Stunde nach Norden, auf dem agrargeprägten Hinterland und genieße beides: Land und Stadt. Ich bin immer noch Ehefrau, habe aber jetzt einen Lehrauftrag und komme dadurch wieder mehr mit Kolleg-inn-en in Kontakt und in gedanklichen Austausch, worüber ich mich sehr freue.
Die mit der Lehre der deutschen Sprache verbundenen Stellen, d.h. der Stellenmarkt, unterscheidet sich ein bißchen von dem in Korea. In Korea war das Bild ziemlich stark geprägt von entsandten und freien Lektoren, die eine Stelle an der Uni hatten, meistens für einige Jahre, manche scheinbar fester, aber immer ein bißchen mit einem Quantum Risiko und Unsicherheit verbunden. Als weitere Arbeitsmöglichkeiten, allerdings nicht immer als Haupterwerb möglich, gab es Oberschulen, das Goethe-Institut, wenige Sprachinstituten und dann noch PrivatschülerInnen. Hier in Japan gibt es nur sehr wenige fremdsprachliche Oberschulen. Aber die vergleichbare Gruppe der "freien" Lektoren aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich ist viel differenzierter, vielschichtiger zu betrachten. Es gibt darunter festangestellte Hochschullehrer (wie Japaner), dann Lektoren mit zeitlich befristeten Stellen (einige mit genauer (knallharter) Einhaltung der Frist, einige mit Gnadenverlängerung auf unbestimmt mit Damokles-Schwert wie in Korea). Daneben gibt es viele Lehrbeauftragte, d.h. Teilzeitlehrer. Für einige ist es ein Zusatz zu ihrer Anstellung (davon gibt es wenige in Korea). Andere müssen mehrere Lehraufträge annehmen, um genügend Stunden zum Leben und für die Aufenthaltsgenehmigung zusammenzubekommen (das geht ja in Korea überhaupt nicht). Gerade diese Lehraufträge sind wirklich sehr zahlreich, d.h. machen ein gros der Stellen überhaupt im Bereich der allgemeinen Sprachvermittlung hier in Japan für deutsche und für japanische Deutschlehrer aus, jedoch nicht so sehr im Germanistikstudium. In Korea machen das eigentlich vorwiegend die koreanischen Doktoranden, Assistenten, Stellensuchenden und Rückkehrer usw. In diesem Punkt ist die Stellensituation der japanischen und koreanischen Germanistikabsolventen mit Magister oder Promotion sehr ähnlich.
Unter den "freien" Lektoren gibt es natürlich einige, die in Japan aus verschiedenen Gründen bleiben und leben wollen. Nach Beendigung der einen Anstellung findet so eine Art Migration auf freiwerdende Stellen / Teilzeitstellen statt. Dies ist hier deutlich stärker ausgebildet als in Korea. Dadurch entsteht eine ganz seltsame Situation, die mich als ich sie zum ersten Mal bemerkte, sehr nachdenklich machte. Im Prinzip sind hier alle (ausgenommen die entsandten und festangestellten) Deutschlehrenden gleichzeitig und unweigerlich Kolleg-inn-en und Konkurrent-inn-en, auch wenn sie sich untereinander sehr gut verstehen und sogar gute Freunde sind. Eine Freundin fragte mich, ob ich mich auf die und die Stelle bewerben möchte. Sie würde sich bewerben. Wir schauten uns an und stellten eben dies fest: Freundschaft und Konkurrenz. Ich hatte damals kein Interesse an der Stelle. Sie hat sie (leider) auch nicht bekommen. Aber was ist beim nächsten Mal? - Dies gilt nicht nur für die schon in Japan Lebenden im Bereich der deutschen Sprache Lehrenden, sondern es kommen selbstverständlich die Neuinteressierten, richtig ausgebildeten DaFler hinzu, und, was ein neuer Trend zu sein scheint, auch Japanologen wegen der Japanischkenntnisse und noch andere. Und zunehmend spielt auch das Alter bei der Einstellung eine fast unseelige Rolle. Ich habe gehört, daß kürzlich bei einer Stellenbesetzung alle vor 1966 geborenen Kandidat-inn-en unabhängig von deren Qualifikation nicht weiter berücksichtigt wurden. - Die Situation der Stellen der im Bereich der deutschen Sprache Lehrenden ist also sehr bunt, schillernd, nicht so leicht einzuschätzen und in einem gewissen Wandel begriffen. Hinzukommt, nicht so schlimm und hau-ruck wie die Hochschulreform in Korea, aber tendenziell sicherlich ähnlich in der Langzeitwirkung, daß die japanischen Hochschulen im Bereich der zweiten Fremdsprache abbauen und umbauen, also umstrukturieren wollen / müssen, was in Zukunft den Stellenmarkt für die deutsche Sprache noch enger werden läßt, zumindest stark verändern wird.
Langsam möchte ich den Brief, der schon das Ausmaß einer Abhandlung annimmt, schließen. Wenn ich an Korea denke, und das tue ich wirklich sehr gern einschließlich aller Erfahrungen, wie sie auch immer waren, so denke ich besonders gern an die Solidarität unter den Lektoren, die sich durch den besonderen Einsatz von einem, mit kritischen Stimmen und Gegenvoten von anderen, aber immerhin mit einer doch nennenswerten Unterstützung im Kolleg-inn-enkreis, zur LVK zusammengefunden hat. Ich bin froh, daß ich dabei war. Deshalb lese ich mit großer Freude den Lektorenbrief, der so viele unterschiedliche Meinungen nebeneinander gelten läßt, der Informationen weitergibt und der den gedanklichen Austausch fördert. Deshalb bin ich jeder / jedem in der LVK von Herzen dankbar, die / der sich für dieses belebende Gemeinschaftswesen einsetzt. Man möge mir die zuweilen sentimentalen Anklänge, die aber aufrichtig gemeint sind, verzeihen. Ein Brief darf ja persönliche Eindrücke enthalten. So möchte ich sagen: annyong, ki-o tsukete und viele liebe Grüße, Eure Gabi.
Copyright © 1999 by Maria Gabriela Schmidt