Zum ersten mal wurde ich vor etwa anderthalb Jahren mit dieser Frage konfrontiert. Mein Sohn, der damals 2 Jahre alt war, hatte eine akute Magen-Darm Infektion. Mit anderen Worten: er hatte starken Durchfall und konnte nichts bei sich behalten. Es war so schlimm, daß er sogar Tee oder Wasser wieder erbrach. Da ein größerer Wasserverlust bei einem Kind seines Alters gefährlich werden kann, habe ich mein Kind eingepackt und bin zum nächsten Arzt gerannt. In unserer Nähe gibt es einen sehr netten Allgemeinarzt, den wir von anderen Beschwerden her schon kannten. Er ist zwar kein ausdrücklicher Kinderarzt, aber er behandelt auch Kinder. Auf seinem Praxisschild steht 'Familienarzt', was immer das auch ist, für uns hatte es bisher gereicht.
Da sitze ich nun, mit dem Kind auf dem Schoß und der Arzt wiegt seinen Kopf hin und her, wobei er dieses typisch koreanische Zähnezischen hören lässt, dass sich anhört als würde jemand eine heiße Suppe schlürfen. Daraufhin stellte er mir die Frage: "Wollen Sie ihn koreanisch oder deutsch behandeln lassen?"
"Eh, wie soll ich das bitte verstehen?"
"Na ja, soll es schnell gehen oder darf es ruhig etwas länger dauern?"
Hier sollte ich vielleicht hinzufügen, daß besagter Arzt vorher in einer Ausländerklinik in Hannam Dong gearbeitet hat, bevor er hier im Norden Seouls eine kleine Praxis eröffnete.
Koreanische Mütter ziehen es vor in diesem Fall dem Kind eine Infusion legen zu lassen. Dann geht es ihm sofort besser. Nach meiner Erfahrung waren deutsche Mütter bei so einem Vorschlag eher entsetzt. Ihr Mann ist doch Deutscher und Sie haben lange in Deutschland gelebt. Wie soll ich ihn also behandeln?
Na, wenn das nicht Servicedenken ist! Man kann sich die Behandlungsmethode aussuchen. Ich entschied mich für eine, wie ich meinte, sanfte Behandlung und verzichtete dafür 4 Tage lang auf meinen Schlaf. Mein Sohn überstand die Infektion ohne Schaden. Für eine Weile war er sogar ausgesprochen sanft und lieb. Natürlich mußte ich über die anderen koreanischen Mütter lästern, die ihren armen Kleinen mit Spritzen und Infusionen zu Leibe rückten. Man sollte nicht lästern, denn eh man sich versieht, befindet man sich in derselben Lage.
Ein halbes Jahr später wurde mein Sohn wieder krank. Diesmal hatte er hohes Fieber und geschwollene Gelenke. Unser Arzt empfahl uns ein großes Krankenhaus, da es diesmal seine Kompetenzen übersteigen würde. In der Uniklinik, die ich daraufhin aufsuchte, behielt man das Kind dann gleich da. Und dann ging es los: Es fing mit verschiedenen Blut- und Urinproben an, was ich noch verständlich fand. Bei den Röntgenaufnahmen fing ich an zu protestieren, woraufhin ich die Antwort bekam, dass das zur Standardvorbereitung bei einem Krankenhausaufenthalt gehöre. Anschließend legte man dem zweieinhalbjährigen eine Infusion. Ich muß gestehen, es ging ihm auch sofort besser. Aus dem sanften und kraftlosen Kind wurde wieder ein quicklebendiger Irrwisch. Leider hing er per Schlauch an einer Infusionsflasche und das strapazierte arg meine Nerven. Die fünf Tage, die er im Krankenhaus verbrachte, war er nie ohne diesen leidigen Schlauch, der mir Alpträume bescherte. Fünf Tage und Nächte lang hatte ich keine ruhige Minute, da ich immer darauf achten mußte, daß das Kind sich nicht mit dem Schlauch verhedderte, irgendwohin sprang, wohin der Schlauch nicht mehr reichte oder sich so heftig bewegte, daß die Infusionsflasche in Gefahr war herunter zu fallen. Manchmal wünschte ich mir fast, dem Kleinen ginge es nicht so gut, damit er wieder ruhiger wäre. Nach fünf Tagen hatte ich genug und nahm das Kind entgegen ausdrücklichen ärztlichen Rat mit nach Hause. Geschadet hat es ihm nicht.
Letztens war ich selber krank. Irgendein Virusinfekt, der sich auf meine Bronchien gelegt hatte. Außerdem konnte ich vor Husten und Heiserkeit nicht sprechen. Unser Arzt stellte mir dann wieder die übliche Frage: "deutsch oder koreanisch?". Ich mußte unterrichten und außerdem ging es mir wirklich schlecht. Also: Koreanisch! Die nächste Frage war dann:
"Haben Sie jetzt etwa 2 Stunden Zeit?"
Hatte ich, also bekam ich eine Infusion gelegt und diverse Spritzen verabreicht. Die Behandlung dauerte 10 Tage. Jeden Tag eine Spritze in die Venen und reichlich Medikamente. Der Effekt stellte sich ziemlich schnell ein. Ich konnte wieder atmen und sprechen. Ob ich es längerfristig irgendwann bereuen werde, weiß ich nicht. Auf jeden Fall finde ich es nett von unserem Arzt, daß er mich jedesmal fragt.
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