Armin Kohz

"Wanderers Nachtlied"  -  Eine phonetische Wanderung


Obwohl ich zu den überzeugten Verfechtern einer stärkeren Betonung der Landeskunde in der koreanischen Germanistik gehöre und dies in meinem Unterricht auch zum Ausdruck bringe, möchte ich hier von einer literaturdidaktischen Unterrichtseinheit berichten, die ich meinen StudentInnnen regelmäßig biete. Ich verstehe von Gedichtinterpretationen und Literaturwissenschaft nicht besonders viel, aber diese Unterrichtseinheit gefällt mir unter anderem, weil sie sich für StudentInnen aller Stufen eignet. Sie besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil werden die StudentInnen zur aktiven Mitarbeit aufgefordert, indem ich ihnen gezielte AusspracheÜbungen abverlange. Der zweite Teil hat eher Vorlesungscharakter. Ich gebe hier die Unterrichtseinheit im mündlichen Stil des tatsächlichen Unterrichts wieder.

"Heute möchte ich über Laute sprechen und darüber, wie man sie in Gedichten verwenden kann, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Geräusch und einem Laut?" - Keine Antwort. Ich huste. "Das war ein Geräusch. Machen Sie das mal nach." Einige Studenten husten. "Gut, war das Koreanisch oder Deutsch?" Die Studenten lachen. "Genau, das war weder Koreanisch noch Deutsch, das hat mit Sprache nämlich nichts zu tun. Aber es kann informativ sein, es kann z.B. bedeuten 'der Sprecher ist erkältet'." Ich gebe weitere Beispiele für den Informationsgehalt von Geräuschen. "Können Sie mir ein koreanisches Wort mit [a] geben?" - "Appa" "Gut, man kann also den Laut [a] kombinieren mit [pa] und dann hat man ein Wort mit einer bestimmten Bedeutung. In jeder Sprache kann man nach einem bestimmten, aber unterschiedlichen System Laute miteinander kombinieren, um größere Einheiten zu bekommen. Und genau das ist der Unterschied zwischen Geräuschen und Lauten. Ein Laut gehört zum Sprachsystem, ein Geräusch nicht, auch wenn wir es mit unseren Sprechwerkzeugen machen."

Dann gehe ich an die Tür und klopfe. "War das ein Laut oder ein Geräusch?" "Ein Geräusch." "Wie nennt man dieses Geräusch auf Koreanisch?" "Dok dok" "Gut, 'dok dok' klingt genau so wie das Geräusch des Klopfens. Es ist sozusagen eine Imitation. Man nennt das 'Lautmalerei'. Solche Lautmalereien gibt es in allen Sprachen, besonders bei Tierstimmen. Was macht z.B. ein koreanischer Hund?" "Mong mong" "Ein deutscher Hund macht 'wau wau'." Die StudentInnen lachen, es folgt ein Spaziergang durch das Tierreich und das Reich der Geräusche, wobei die StudentInnen mir die koreanische Version liefern und ich ihnen dafür die deutschen Pendants gebe. Das wird von den StudentInnen gern angenommen, nicht als kindisch empfunden und aktiviert auch solche StudentInnen, die sonst schwer zu einer Antwort zu bewegen sind.

Dann male ich ein Vokalviereck an die Tafel. "Vokale kann man schematisch so darstellen. Wie sie klingen hängt wesentlich von der Zungenstellung ab. Beim [i] ist die Zunge vorne, beim [u] hinten, beim [a] in der Mitte unten. Laute werden nicht nur verschieden gebildet, sie rufen in uns jeweils auch verschiedene Gefühlseindrücke hervor. Mit hohen Vordervokalen verbinden wir die Vorstellung 'hoch, hell, schnell' mit Hintervokalen 'tief, dunkel, ruhig'. Jetzt möchte ich einmal aus phonetischer Sicht ein Gedicht interpretieren und zeigen, wie ein guter Dichter die Laute ganz bewußt einsetzt, um bestimmte Gefühlserlebnisse zu vermitteln." Dazu verteile ich das Gedicht "Wanderes Nachtlied" von Goethe:

Über allen Gipfeln ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Den 7. September 1783

Ich lese es und passe Tempo und Stimmlage dem Inhalt an. Danach lasse ich es lesen, korrigiere die Aussprache und übersetze es zusammen mit den StudentInnen. Dann entwerfe ich folgende Skizze an der Tafel. Ich male Berge mit Bäumen darauf, Vögel und am Fuße des Berges einen Menschen. "Goethe beginnt also ganz oben über den Gipfeln und steigt dann Schritt für Schritt hinab zum Fuß des Berges." Jetzt veranlasse ich die StudentInnen, darüber nachzudenken, was Goethe mit Gipfel, Wipfel, Vögeln und Mensch (du) ausdrücken wollte und komme zu folgendem Ergebnis:

Gipfel: Sand, Gestein = leblose Materie
Wipfel: Bäume = belebte Welt
Vögelein: Tiere = belebte Welt mit Gefühlen und Seele
du: Mensch = höchste Lebensform mit Gefühlen, Seele und Geist

"Der Dichter spricht also in diesen wenigen Zeilen, ohne es explizit zu machen, von der gesamten uns umgebenden Welt. Er skizziert aber keinen Aufstieg von der niedrigsten Lebensform zur höchsten, sondern einen Abstieg bis hin zur absoluten Ruhe, die den Menschen umgibt, wenn er begraben unter der Erde liegt. Dieses Gedicht soll Goethe während einer Reise spontan an die Wand eines Zimmers geschrieben haben. Kurz vor seinem Tod fiel es ihm durch einen Zufall wieder in die Hände. Er schätzte es jetzt umso mehr, da er erkannte, daß es nicht nur seine Sehnsucht nach Ruhe, sondern auch seine Todessehnsucht ausdrückte."

Nun folgt die phonetische Interpretation. Die unbetonten Schwa-Laute [_] sind phonetisch neutral und werden für die Interpretation deshalb vernachlässigt. In der ersten Zeile 'über allen Gipfeln' dominieren die vorderen Vokale [ü] und [i] und erzeugen eine hohe, schnelle Tonlage. Die Glottalverschlüsse [¿] vor den Anfangsvokalen und der stimmhafte velare Plosiv [g] unterstützen dies. Die zweite Zeile 'Ist Ruh' führt die hohe Tonlage zunächst fort, aber endet in einem markanten Kontrast. Das uvulare [r] und der hintere Vokal [u] bedeuten einen klanglichen Bruch und zeichnen die später eingeschlagene Richtung vor. In der dritten und vierten Zeile 'In allen Wipfeln / Spürest du' überwiegen die hohen Vordervokale und führen die bisherige Klangqualität zwar fort. Sie ist aber bereits abgeschwächt durch [a] und [u] sowie durch die stimmhaften reibenden Frikative [w] und [_]. Die fünfte Zeile 'Kaum einen Hauch' enthält keine hohen Vokale mehr, die Diphthonge [au] und [ai] tragen eine deutlich tiefere Tonlage und korrespondieren mit dem Abstieg. Die sechste Zeile 'Die Vögelein schweigen im Walde" ist phonetisch betrachtet am uneinheitlichsten, aber inhaltlich die einzige in sich abgeschlossene Zeile. Der hohe Vokal [i] tritt nur in unbetonten Silben auf. Das [ö] ist tiefer als die Vordervokale, das [a] ist ein tiefer Zentralvokal. Die hellen Vokale interpretiere ich als ein nochmaliges Atemholen des Dichters vor dem Ende, die labialen Frikative [f] und [w] evozieren den Eindruck der Beengtheit. Die siebte Zeile 'Warte nur, balde' macht mit [a] und [u] in der Vokalhöhe einen weiteren Schritt nach unten. Die achte Zeile 'Ruhest du auch' vollendet den Abstieg. Der hintere Vokal [u] und der dumpfe Diphthong [au] verstärken auch phonetisch den Eindruck der Ruhe. Inhaltlich löst 'Ruhest du auch' den phonetischen Kontrast in der ersten Zeile auf. Der letzte Laut, der velare Frikativ [x], ist im Grunde genommen kein Laut, da er stimmlos ist. Er symbolisiert für mich das immer schwächer werdende Aushauchen vor der endgültigen Stille. Beim Vorlesen kann man versuchen, diese Interpretation mit geeigneter Modulation des Atems zu unterstützen.

Ich weiß nicht, ob der methodische Gedankengang, vom Husten über Umwege zur Gedichtinterpretation heranzuführen, vor der literaturwissenschaftlichen Exegese bestehen kann. Aber eines tröstet mich über jeden Zweifel hinweg. Die StudentInnen, welche mir in der phonetischen Wanderung aktiv nachahmend gefolgt sind, haben das Gedicht nicht mehr nur intellektuell als Augenmenschen, sondern auch sinnlich mit Ohren und Zungen erleben dürfen.


Copyright © 1999 by Armin Kohz


DaF-Szene Korea Nr. 9

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