Vor 250 Jahren wurde Goethe geboren, der bis heute als Markenzeichen der deutschen Kultur gilt. Die Frage ist, ob ihm dieses Jahr ein Requiem gesungen wird, oder ob ihm die allenthalben angesetzten Gedenkveranstaltungen weiterhin einen exponierten Platz im kulturellen Gedächtnis sichern werden. Die diesem Heft beigefügten Unterrichtsentwürfe zeigen, daß Goethe jedenfalls keineswegs toter Bildungsstoff ist, auch wenn eine Renaissance des Deutschen als Bildungs- und Kultursprache von diesem zweihundertfünfzigjährigen Jubiläum nicht zu erwarten ist. Die Germanistik in Korea scheint sich im Gefolge der Universitätsreform Hakbuchae in allgemeinem Niedergang zu befinden, den der Artikel von Mattheus Wollert in diesem Heft näher beleuchtet. Zur Dokumentation eines Diskussionsbeitrags aus der Feder des deutschen Botschafters in Indonesien haben wir uns entschieden, weil in ihm auch einmal der ökonomische Stellenwert des Deutschen in Ostasien für die deutsche Wirtschaft herausgestellt wird. Ein anderer, jüngst erschienener Artikel, den die Professorin für germanistische Linguistik Solja Paek von der Taegu-Universität verfaßt hat, gewinnt der Herausforderung durch die Universitätsreform "durchaus positive Seiten" ab (vgl. Zur Situation des Germanistikstudiums in Südkorea. In: Zielsprache Deutsch 30/1, 1999). Sie fordert, daß der "institutionelle Rahmen" der germanistischen Abteilungen "gewährleistet werden sollte, damit den Studenten, die von der "Freiheit der Fächerwahl" motiviert Gebrauch machen und wirklich "Deutsch lernen wollen", auch die "Möglichkeit gegeben wird", "es gut zu lernen". Eine solche Forderung stärkt die Position der deutschen Lektoren in Korea, da sie sich auf die Voraussetzung stützt, daß die sprachpraktische Ausbildung systematisch und solide betrieben wird. Solja Paek kommt zu dem Ergebnis, daß sich die koreanische Germanistik als "Kulturwissenschaft" begreifen sollte, "deren Aufgaben in der Vermittlung einer fremden Kultur" bestehen.
Gegen die Befürchtung, daß damit ein Einfallstor für eine akademische Disqualifizierung der Germanistik geöffnet werden könnte, ist zu betonen, daß ein ernsthaft angegangener kulturwissenschaftlicher Paradigmenwechsel ein entwickeltes Methodenbewußtsein voraussetzt. Das zeigt ein Blick in einschlägige Sammelbände, die die global geführte kulturwissenschaftliche Debatte dokumentieren (Vgl. Doris Bachmann-Medick, Kultur als Text. Die anthropologische Wende in der Kulturwissenschaft, Fischer 1996 / Hartmut Böhme und Klaus Scherpe, Literatur und Kulturwissenschaften, Rowohlt 1996). Ein erster Schritt in diese Richtung könnte darin bestehen, die Besinnungspause, die in den Abteilungen mit dem Rückgang der Studentenzahlen und dem Ausfall von Seminaren entsteht, zu nutzen, um in Kolloquien Kollegen als Ansprechpartner zu suchen, mit denen sich solche Ansätze als Wege aus der aktuellen Krise diskutieren lassen. Lektorinnen und Lektoren sind an dieser Stelle als Vermittler besonders wichtig.
Als 'go-between' dazwischen zu gehen, zwischen die Kulturen, erfordert eine besondere Sensibilität, die nicht jedem eignet. Bei einem Empfang koreanischer Gäste soll der Präsident einer deutschen Universität folgende Frage gestellt haben: "So, so, Sie sind also aus Korea... aus Ost- oder aus Westkorea?" Die Anekdote läßt symptomatisch aufblitzen, wie massiv einmal eingeprägte kulturelle Landkarten die Wahrnehmung des Fremden prägen können.
In dieser Ausgabe des Rundbriefes finden Sie einen Test, den auszufüllen einerseits durchaus Spaß machen soll, der andererseits aber auch zum Nachdenken über eine entscheidende Frage herausfordert, die man mit dem Kritiker Edward Said die 'orientalistische' nennen könnte: Wieviel verrät das, worüber sich deutsche Lektoren in ihrem koreanischen Alltag erregen, über die Formation ihrer eigenen Identität? Wenn über Korea gesprochen wird, dann gibt es im Vergleich mit anderem Ländern einen auffallenden Unterschied. In das Bild, das von Korea entworfen wird, ist wie in ein Vexierbild eine detaillierte Negativliste eingezeichnet. Das könnte zu dem Eindruck führen, daß die Funktion dieses koreanistischen Diskurses schlicht darin besteht, sich lästernd und nörgelnd seiner eigenen kulturellen Überlegenheit zu versichern. Das wäre in der Tat fatal. Dabei wird aber oft auch übersehen, daß es längst ein ironisches Verhältnis zu diesem koreanistischen Diskurs gibt. Er läßt sich in seine Versatzstücke dekonstruieren und sich, wie in dem Test dieses Heftes geschehen, auf eine neue Art und Weise in Umlauf bringen, die es erlaubt, sich quer zu den eigenen Wahrnehmungsmustern zu stellen.
Es wird übrigens von koreanischer Seite nicht erwartet, daß Lektoren ihre Kritikfähigkeit unterdrücken und sich dem Kulturrelativismus hingeben. Im Gegenteil, in einer auf die Aufrechterhaltung eines harmonischen "kibun" bedachten Gesellschaft, wird der Fremde oft geradezu in die Rolle des Kritikers gedrängt, die man sich selbst zu übernehmen scheut. Die erste Seite des Vorworts eines populären Geschichtsbuchs, das mittlerweile in achter Auflage vorliegt, bringt im Vorwort pointiert zum Ausdruck, welche Einstellung sein koreanischer Autor zum Verhältnis von Eigenem und Fremden hat. Er hebt hervor, daß die Koreaner es immer schon verstanden hätten, ihre "racial purity" zu verteidigen: "In addition, by skillfully amalgamating their own ancient culture with those which were absorbed from abroad, they produced a brilliant and regenerative ethnic culture which is uniquely Korean." (Nahm, A.C.: A Panorama of 5000 Years, 1997). Der Zustand postkolonialer kultureller Hybridisierung wird hier durch ein unübersetzbares Unwort relativiert. Dem Zitat ist eine Ambivalenz eingeschrieben, die die Beziehungen der koreanischen zu anderen Kulturen nicht gerade einfach macht. Die Schwierigkeit für Lektoren besteht darin, in diesem Spannungsverhältnis zwischen Attraktion und Repulsion, dem sie auf der koreanischen Seite begegnen, eine eigene Position zu finden, global zu denken, um lokal handlungsfähig zu bleiben.
Copyright © 1999 by Thomas Schwarz