Der neue Lektor ist am 22.02 abgeflogen und auch wohl angekommen. Ob es ihm wohl so ergeht, wie mir Februar 1997? Womit wir bei meinen Erfahrungen in Taegu an der Keimyung sind. Ich habe schon Heimweh.
Ja, was ist Taegu? Eine lange Reise war es, von unserem kleinen beschaulichen Blomberg in die Millionenstadt Taegu. In jeder Hinsicht. Mit einen Schlag drehte sich alles ins Gegenteil um. Was vorher groß war, war auf einmal klein und kleines war groß geworden. Die Anfangszeit war sicherlich geprägt von den ganz normalen Schwierigkeiten, wovon ich damals noch nicht wußte, daß es ganz normale Schwierigkeiten waren. Eine Wohnung ohne heißes Wasser, das haut einfach niemand aus den Socken. Und das alles unter einer dicken Staubschicht begraben ist, ja das ist halt so.
Taegu ist staubig. Nach einer großen Putzaktion, die einer deutschen Hausfrau würdig war, konnte der Unterricht beginnen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte ich völlig freie Hand. "Sie können machen, was sie wollen." So etwas hatte ich natürlich noch nie gehört und war leicht schockiert. Aber ich habe mich dann trotzdem dran gehalten. Großzügig habe ich die Grammatik den koreanischen Professoren überlassen. Auf solche Kleinigkeiten wie Dativ oder Akkusativ wollten wir im Unterricht nicht achten, und wenn etwas in der falschen Zeitform stand, das war nicht so tragisch.
Die Studentinnen sollten also ihren Mund nicht nur üppig knallrot schminken vor jeder Stunde, sondern auch während des Unterrichts als Sprechwerkzeug benutzen. Es hagelte Proteste. So etwas gäbe es in Korea nicht. Die neue Lektorin verstand die koreanischen Regeln wahrlich überhaupt nicht und man bezeichnete sie als Kulturschock. "Wissen Sie denn nicht, da das Studium nur eine schöne Pause zwischen Schule und Hochzeit ist?" "Bei ihrem Vorgänger haben wir nur zugehört. Er hat immer Witze erzählt. Warum erzählen Sie keine Witze und müssen wir immer sprechen?" Wie bitte????, erschienen mir die Fragezeichen. Ich soll Witze vor der Klasse reißen? Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet. Meine unschuldige Annahme war gewesen, daß ich in irgendeiner Form die deutsche Sprache oder vielleicht die deutsche Kultur vermitteln sollte. Rücksprache mit der Leitung der Abteilung ergab nur wieder, daß ich doch machen könnte, was ich wollte. Gut, da machten dann die Studenten und Studentinnen Bekanntschaft mit dem deutschen Dickkopf und der Dickfelligkeit der Menschen aus Westfalen. Die Lektorin blieb bei ihrem Kurs und forderte die Studentinnen und Studenten unermüdlich zum Sprechen auf. "Wie heißen Sie?" "Haben Sie Telefon?" "Wie ist Ihre Nummer?" "Wo wohnen Sie?" "Wie alt sind Sie?" usw.
Wir sind zusammen Einkaufen gewesen, waren zusammen auf der Post, fuhren mit dem Bus oder Zug, haben gefrühstückt und wissen jetzt sogar, daß deutsche Trauben und Pflaumen blau sind. Aber auch immer wieder die Frage nach dem "warum?" Wir haben an verschiedene Fremdenverkehrsvereine in Deutschland geschrieben und um Prospektmaterial gebeten. Damit haben wir farbenfrohe und fröhliche Städtecollagen gestaltet. Meine Dickfelligkeit hatte dann nach den Sommerferien ihren Preis. Aus der geplanten Ausstellung unserer Collagen konnte nichts werden. Die Studenten hatten sich für diesen Kurs nicht mehr angemeldet. Schade, eigentlich. Trotzdem war das Jahr ein Erfolg. Mit Rollenspielen, Hörkassetten, modernen deutschen Liedern von CD und Video hatte nach einem Jahr niemand mehr Angst zu sprechen. Die schönsten Stunden hatten wir wenn, wir einfach zusammen geplaudert haben. Natürlich konnte ich dabei die Warum-Frage nicht lassen. Aber insgeheim war ich dann doch unheimlich stolz, wenn sie jetzt tatsächlich beantwortet wurde.
Nun bin ich wieder in Blomberg und muß wieder diese Riesenrolle machen, jetzt rückwärts. Auch nicht einfach. Warum hat hier eigentlich niemand ein Beepi? Und diese Geschäftszeiten? Schon fast ein Verbrechen an der Verkäuferin; 18.30, geschweige denn von Sonntags. Und diese Preise, da schmeckt es doch einfach nicht mehr. Gelobt seien die koreanischen Straßenküchen und Imbißbuden!!!!"
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