HINWEIS: Der folgende Aufsatz, den wir mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung ("Bildung und Beruf", 6.12.1997) hier noch einmal leicht gekürzt veröffentlichen, entstammt der Feder des deutschen Botschafters in Indonesien Heinrich Seemann.
Der Text wurde Ende 1997 verfasst, also am Anfang der Wirtschaftskrise. Wir geben ihn hier trotz des zeitlichen Abstandes aus einem aktuellen Anlass wieder. Im Oktober dieses Jahres wird das fünfzigjährige Jubiläum des Grundgesetzes auch in Korea gefeiert werden. Deutsche Firmen werden sich unter dem Motto "Deutsche Woche" in Seoul auf einer Messe präsentieren. Da man in Korea mit der gleichen Berechtigung von einem "Bildungsmarkt" (siehe Artikel) sprechen kann wie in Indonesien, erscheint es uns nur naheliegend, anlässlich der Deutschen Woche ebenfalls auf den Wert der Sprach- und Kulturvermittlung sowohl in Deutschland als auch hier in Korea für die deutsche Wirtschaft hinzuweisen. Das hohe Ansehen, in dem Deutschland und seine Produkte hier stehen, wird nicht zuletzt durch eine als vorbildlich wahrgenommene Kultur mitgetragen. Immer noch gilt Deutschland als ein beliebtes Studienland (an dritter Stelle hinter den USA und Japan), auch wenn sich die Elite Südkoreas zunehmend in den USA ausbilden lässt. Die Aktivitäten der deutschen Universitäten und der akademischen Förderung des DAAD zielen ganz eindeutig darauf, intensiv um ausländische Studenten zu werben, seit man den Zusammenhang zwischen dem internationalen Bildungsmarkt und einer exportabhängigen Wirtschaft erkannt hat.
Wir glauben, dass sich die deutsche Wirtschaft auch an den Universitäten Koreas darstellen könnte - und zwar unaufdringlich und doch effektiv, nicht uneigennützig und doch zum Vorteil der Germanistik. Möglich wären zum Beispiel Firmenpatenschaften für Deutschabteilungen. Eine Firma könnte den Druck einer Werbebroschüre für ein Deutschstudium sponsern - angesichts der durch Hakbuchae entfesselten freien Wettbewerbssituation an den Universitäten eine höchst dringliche Notwendigkeit. Als Gegenleistung wird die Firma als Sponsorin genannt und erhält auf Wunsch die besten und motiviertesten StudentInnen zu einem Firmenpraktikum vermittelt. Das wiederum sollte StudentInnen veranlassen, sich mit interessanten Fächerkombinationen und guten Deutschkenntnissen für dieses Praktikum zu qualifizieren - schließlich gibt es keine bessere Chance, sich nach Abschluss des Studiums für eine Übernahme in diese Firma zu empfehlen. Ein klassische "win - win" Situation für alle Beteiligten! Denkbar sind natürlich auch andere Vereinbarungen. Es liegt an der Initiative und Kreativität der Lektorinnen und Lektoren, den ersten Schritt zu tun: warum nicht auf der Deutschen Woche im Oktober?
Mattheus Wollert
Südostasien als Bildungsmarkt:
Deutsche Hochschulen sind nur noch dritte Wahl
Daß trotz der jüngsten Währungsturbulenzen die Märkte in Südostasien weiterhin wachsen werden, ist wohl unbestritten. Unbestritten auch, daß Globalisierung in Südostasien mit konkreten Inhalten ausgefüllt wird. Globalisierung heißt hier Öffnung der Märkte für Kapital und Wissen. Und Globalisierung heißt: Öffnung des Bildungsmarktes. Der Begriff Bildungsmarkt existiert bei uns nicht. Was er in Südostasien bedeutet, wird klarer, wenn wir uns die Zahlen über die ASEAN-Staatengruppe ansehen. Indonesien ist mit 200 Millionen Einwohnern das viertgrößte Land der Welt. Es hat pro Jahr zwei Millionen Schulabgänger und eine gegen Null tendierende Analphabetenquote bei der Jugend. Neben Indonesien gehören Vietnam, die Philippinen, Thailand, Malaysia und der reiche Stadtstaat Singapur zur ASEAN-Staatengruppe. In diesen Ländern des ASEAN-Verbundes gibt es eine rasch wachsende Mittelschicht, die daran interessiert ist, ihre Kinder im Ausland studieren zu lassen. Dies hängt einerseits damit zusammen, daß es noch zu wenig gute einheimische Universitäten gibt. Andererseits sieht diese sehr international ausgerichtete Mittelschicht in der Ausbildung an einer ausländischen Universität eine Garantie für eine erfolgreiche Karriere ihrer Kinder. Diesen südostasiatischen Bildungsmarkt haben die amerikanischen Universitäten zuerst entdeckt und mit professionellem Marketing erobert. Seitdem auch die australische Regierung entdeckt hat, daß Australien geographisch weniger bei England als bei Südostasien liegt, ist sie dabei, den amerikanischen Universitäten den ersten Platz streitig zu machen, was ihr in Indonesien bereits gelungen ist. "Bildung", so drückte es ein australischer Politiker aus, "ist unsere größte Wachstumsindustrie." 18000 indonesische Studenten studieren zur Zeit in Australien, fast ebensoviele in den USA. In Deutschland sind es zur Zeit knapp 2300. Dabei hatten einmal die meisten Angehörigen der ersten Nachkriegsgeneration Indonesiens an deutschen Universitäten studiert. 17 000 dürften es damals gewesen sein. Heute nehmen sie alle führende Positionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ein. Fünf Kabinettsangehörige sind darunter.
Markt und Bildung: ein Paradox
Warum sind die anderen Länder erfolgreicher als Deutschland? Die amerikanische Universität ist im Prinzip ein Wirtschaftsunternehmen. Nicht so die deutsche. Für ein Wirtschaftsunternehmen sind Werbung und Marketing selbstverständlich. Eine deutsche Universität dagegen wirbt vielleicht mit ihrem guten Ruf, geht aber nicht auf den Markt. Es zahlt sich ja nicht aus. Markt und Bildung passen in deutscher Tradition nicht zusammen. Die Menschen betrachten Bildung als ein edles Gut, daß allen zugänglich sein muß. Was aber zugänglich ist, braucht keinen Markt. Bildung soll nicht das Vorrecht des Geldes sein. Für die Bildung ist der Staat zuständig. In Südostasien wird dies anders gesehen. Hier ist Bildung Trumpf. Man ist optimistisch und will alles schnell und zu einem festen Preis. Auch sind die Anbieter bereit, die Ware Bildung gegen Bezahlung zu liefern. Und daß die Ware schlecht ist, hat noch niemand ernstlich behauptet. Amerikanische Universitäten gelten als Spitzenuniversitäten. Und dafür ist man auch bereit, Spitzenpreise zu bezahlen. Also - was tun? Wir sollten den entstandenen Bildungsmarkt entdecken und versuchen, unsere Universitäten dort wieder ins Spiel zu bringen. Dabei müssen wir uns im klaren sein, daß dieser Markt ein Markt für Selbstzahler ist. Das Ansehen eines Landes auf diesem Markt entscheidet nicht nur darüber, wo die große Masse der Selbstzahler hingeht, sondern letztlich auch darüber, ob ein begabter Indonesier sich um ein Stipendium nach Harvard oder nach Aachen bewirbt. Wenn Deutschland als Studienort und darauf aufbauend als Partner in der Wirtschaft im Gespräch bleiben will, müssen wir auf den Bildungsmärkten erscheinen und ein professionelles Marketing betreiben. Dies auch dann, wenn keine Gebühren die deutschen Universitäten dazu verlocken, sich um ausländische Studenten zu bemühen. Immerhin haben die deutschen Hochschulen einen großen Vorteil: Sie können für ein Gut werben, das hohe Qualität besitzt und noch immer kostenlos ist.
Keine Mittel
Im Prinzip setzt sich diese Erkenntnis auch in Deutschland durch. Werbung für die Hochschulen ist in den einschlägigen Beschlüssen als wichtiger Bestandteil der neuen Bildungspolitik aufgeführt. In der Praxis allerdings fehlt noch oft das richtige Verständnis dafür. Entscheidend ist noch ein weites: Es fehlen weiterhin die finanziellen Mittel, um auf den Bildungsmärkten erkennbar aufzutreten. Der Rektor einer deutschen Universität muß mit ganzen 900 Mark pro Jahr für Öffentlichkeitsarbeit auskommen. Vorausgegangen war eine Initiative der Botschaft, die deutsche Wirtschaft vor Ort zur Finanzierung eines Gemeinschaftsstandes zu bewegen, der unsere Teilnahme an der Indonesischen Erziehungsmesse sichern sollte. Die deutsche Wirtschaft reagierte großzügig. Auch ihr ist klar geworden, daß nur ein Studium in Deutschland die notwendigen Partner für die Zukunft sichern kann, die ihr zwar heute noch zur Verfügung stehen, morgen aber bereits durch eine akademische Elite ersetzt sein könnte, die in den USA oder in Australien studiert hat. Unbestritten ist, daß zu den Fragen, die auf dem Markt gestellt werden, auch die Reform des Produkts, also des Angebots der deutschen Hochschulen, gehört. Aus der Sicht der südostasiatischen Bildungsmärkte läßt sich hierzu nicht mehr Neues beitragen. Alle bereits diskutierten Ideen sind erfolgversprechend: neue Studiengänge und Training in englischer Sprache, mögliche Bachelor- und Masterabschlüsse, um die Anerkennung der akademischen Grade, vor allem des deutschen Diplom-Ingenieurs zu garantieren, verbessertes Tutorensystem für Ausländer, Einführung der sogenannten Sandwich-Pakete, bei denen Studiengänge teils im Inland, teils im Ausland zusammengeschnallt werden, Gründung von Zweiguniversitäten im Ausland, Abbau ausländerrechtlicher Hindernisse. Ergänzend zur deutschen Präsenz auf den Bildungsmessen sollte vielleicht noch eine andere Idee untersucht werden. Sie zielt auf Studenten, die aus den nach oben strebenden mittleren Einkommensschichten kommen und deren Eltern sich ein Auslandsstudium ihrer Kinder nicht leisten können. Zu prüfen wäre, ob im Rahmen der Entwicklungshilfe nicht auch langfristige Kredite zu Studienzwecken ausgegeben werden könnten. Die Rückkehrer aus einem so finanzierten Studium finden meist zu Beginn Verwendung im Staatsdienst. Dieses Instrument der Studienförderung über sogenannte "soft loans" wird von Japan umsichtig eingesetzt. Noch ist es Zeit, die Lehren aus der jahrelangen Vernachlässigung der großen Bildungsmärkte in Südostasien zu ziehen. Aber eine Generation haben wir schon an die Konkurrenz verloren. Wenn wir wieder Anschluß gewinnen wollen, müssen wir uns beeilen und mehr tun als die anderen, die früher gestartet sind. Die Voraussetzungen dazu sind noch da. Denn noch hat sich der Begriff der Qualität nicht von dem Bild der Deutschen getrennt.
Copyright © 1999 by Heinrich Seemann