Michael Menke

E-Mail im Unterricht


Noch vor wenigen Jahren war der Computer lediglich in einige wenige Räume meiner Universität eingezogen, und die Studenten, die davor saßen, befaßten sich mit solch exotischen Dingen wie Programmiersprachen oder Tabellenerstellung. Heute ist das anders. Jedes Büro verfügt nun über so einen Kasten, zahllose Computer-Labs stehen den Studenten zur Verfügung, außerdem verfügt jedes Gebäude der Universität über ein sogenanntes "Internet Cafe". Hinter dieser etwas übertriebenen Beschreibung stecken drei bis vier Computer mit Internet-Anschluß und Stühlen davor, die in den Eingangshallen zu finden sind. Die Bezeichnung "Cafe" leite ich her aus den in der Nähe befindlichen Kaffeeautomaten. So hat jeder Student, der Lust dazu hat oder etwas im Internet sucht, freien Zugang dazu.

War es in letzter Zeit noch notwendig, von der Universität oder der Server-Firma eine E-Mail zugewiesen zu bekommen, so kann sich nun jeder auch eine der unabhängig funktionierenden und kostenlosen E-Mail-Adressen zulegen, etwa "hotmail", "yahoo" oder die in Korea sehr beliebte "hanmail".

Nachdem ich einmal im Unterricht scherzhaft gesagt hatte "schicken Sie mir doch mal eine E-Mail", war das Resultat erstaunlich. Fast alle Studenten konnten mit einer Adresse aufwarten, und bald kamen die ersten Grüße in noch etwas unbeholfener Form wie "Guten Tag. Ich heiße .... Wie geht es Ihnen? Danke gut!"

Prof. Su-Guen Ha von der Pusan Fremdsprachenuniversität brachte mich mit seiner Projektplanung "typisch männlich - typisch weiblich" auf die Idee, auch so etwas zu probieren. In mehreren Unterrichtseinheiten sollten zunächst Wortlisten erarbeitet werden, die mit diesem Themenbereich zusammenhängen. Man kann das ganz simpel beginnen:

männlich weiblich
stark schön
weich
Arbeit Haus/Kinder
kochen
Anzug Kleid
rasieren schminken usw.

Der nächste Schritt war, aus diesem Vokabular Sätze zu formulieren, also Antworten auf die Frage: Was finden Sie typisch männlich oder weiblich in Korea? Was davon finden Sie richtig/falsch? Was ist wirklich wahr? Was ist nur ein Vorurteil?

Die Studenten meiner dritten Klasse waren zwar nicht perfekt im Formulieren, konnten aber ausdrücken, was sie meinten. In Gruppenarbeit, zwei oder drei StudentInnen zusammen, schrieben Sie solche Sätze an die Tafel, wie "Koreanischer Mann trinkt viel Soju. Koreanische Frau darf nicht rauchen" Dia anderen Studenten konnten sich mit MeinungsÄußerungen beteiligen, wie "ich finde das richtig/falsch/Unsinn,..."

Nun kam der Punkt, in dem der Gebrauch von E-Mail einsetzen sollte. Für den Kursleiter stellt sich die Frage: an wen werden die E-Mails geschickt? Wie komme ich an Partner? Hier gibt es einige Vermittler im Internet, z.B. "Tandem" an der Universität Bochum mit dem deutsch-koreanischen "deuhan" Netz (http://www.slf.ruhr-uni-bochum.de/). Ein zweiter wäre die Klassenvermittlung des Goethe-Instituts, die sich aber eher auf Schulpartnerschaften bezieht (http://www.goethe.de/z/ekp/deindex.htm).

Ich wählt einen dritten Weg. Nach längerer Zeit mit E-Mail-Erfahrung haben sich in meinen Adressenlisten so viele Menschen mit einem Internet-Zugang angesammelt, daß ich bequem mit diesem Vorrat an Verwandten, Bekannten, ehemaligen oder noch-immer-Lektoren in anderen Ländern (die wiederum auch etliche Studenten mit E-Mail haben) meine StudentInnen versorgen konnte.

Zwei StudentInnen sollten nun zusammen an jeweils eine Adresse, die sie sich aussuchen konnten, schreiben. Sie sollten sich kurz vorstellen, schildern, was in ihrem Land (also Korea) typisch männlich und weiblich ist und dann eine Frage formulieren, wie es im Lande des Ansprechpartners sei. Gleichzeitig sollten Sie jedoch diese auch E-Mail an mich schicken, damit ich ggf. korrigierend eingreifen könnte. Das habe ich dann aber nicht gemacht, sonder die Texte so, wie sie waren, d.h. durchweg verständlich, durchgelassen, wie etwa den folgenden:

Guten Tag! Wir schreiben dir den Brief durch eMail, so dass wir uns sehr freuen. Wir sind in grosser Spannung und hoffnungsvoll, weil wir das erste Mal solch eine Sache tun. Welche Erzählung machen wir zuerst? Ja, wir möchten Ihnen uns vorstellen. Ich heisse Han Song Hee. Meine Freundin Jung Yun Hee. Wir wohnen in Seoul, Korea. Wir sind 22 Jahre alt. Wir sind Studentinnen und studieren deutsche Sprach und Literatur an der In-chon Universitaet. Jetzt sind wir Studenten des dritten Schuljahres.
Vor nun sprachen wir über typische Mann und Frau in Korea. In unserem Land haben wir den Familienhaupt. Mann als "Gabujang" bezeichnet. "Gabujang" hat absolute Kompetenz und leitet die Familie.

In der früheren Zeit hat Mann meistens die Arbeit ausserhalb des Hauses gemacht und die Frau hat im Haus gearbeitet : kochen, waschen und die Kind erziehen und so weiter. Die wichtige Frage des Hauses hat eine Entscheidung des Familienhaupts angenommen. So ist der Mann immer mächtig, offensiv und tätig gewesen. Auf der andern Seit, Demut ist eine schöne Tugend der Frauen gewesen. Frau hat gehorchen müssen in der Kindheit dem Vater, wenn sie den Ehemann heiraten, nachdem der Ehemann gestorben war, dem Sohn.

Aber für wichtig halten wir der Gleichberechtigung der Geschlechter in Gegenwart. Die Zahl der Frauen, die in die Öffentlichkeit treten ist bedeutend aufgestiegen. Wir denken, dass ist wohl ein grosser Einfluss der Erziehung. Im Vergleich mit früher, ist heutzutage alles frei. Was ist typisch männlich / weiblich in ihrem Land?
Bitte senden Sie mir die Antwort.

Zufällig war einer der Partner Redakteur beim Zweiten Deutschen Fernsehen und setzte dann viele der Texte auf die Website des ZDF, wo sie immer noch gelesen werden können (http://www.zdf.de/politik/aspekte/KultAction/10529/index.html). [Anm.: Dieser Link ist nicht mehr aktuell!!] über dieses Medium meldeten sich bald noch zahlreiche andere Leute, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern (man wundert sich immer wieder, wer in welche Website hineinschaut), und erstaunlich - manche Koreaner, die in Deutschland leben oder studieren.

Damit waren die Antworten nicht nur ein Stück "deutsche Landeskunde", sondern die StudentInnen erlebten, daß sie auf deutsch auch mit Menschen in anderen Ländern kommunizieren konnten. Zudem hielten sich fast alle Ansprechpartner an die vorher an sie gestellte Bitte, nicht zu kompliziert zu schreiben, wie etwa in der folgenden Antwort:

Polnische Frauen denken erst an die Familie, dann an sich. Sie machen den Haushalt und gehen arbeiten. Sie sind sehr gastfreundlich. Polnische Männer glauben, dass sie besser Autofahren können als Frauen. Sie denken, dass sie der Familienkopf sind. In Wahrheit sind aber die Frauen der Familienkopf. Sie nehmen jede Arbeit an, damit die Familie besser leben kann.

Mit der Besprechung der Antworten hätte ich noch das ganze Semester füllen können, mußte dann aber irgendwann zum normalen Unterricht überleiten.

Die Kommunikation über E-Mail hat sich als sehr sinnreich gerade für meine koreanischen Studenten erwiesen, da diese normalerweise schriftlich besser sind als mündlich. Zudem entfällt die Hemmschwelle des direkten Kontaktes, das Medium wahrt den Abstand. Dennoch waren die Inhalte der E-Mail-Briefe oft sehr persönlich. Die Möglichkeit, mit einer unbekannten Person auf deutsch Kontakt aufnehmen zu können, beeindruckte scheinbar die Studenten sehr, so daß sie sich viel Mühe mit ihren Texten gaben, nicht nur formal, sondern besonders auch inhaltlich. Dadurch wurden natürlich auch die Antworten für sie interessant, und daher gründlichst gelesen. Durch das Medium bieten sich viele andere Möglichkeiten, etwa das Versenden von Fotos, Hördateien oder gar kurzen Videos. Gerade in einem so technikbegeisterten Land wie Korea sehe ich darin ein Mittel, den Unterricht vielfältiger und informativer zu gestalten..


Copyright © 1999 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 9

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