Thomas Schwarz

Auf Schleichwegen
Aus dem Leben eines Radfahrers in der koreanischen Provinz


Ich lebe jetzt seit Februar 1998 hier, jawohl, ich lebe noch, obwohl ich mich entschieden habe, der neuen offiziellen Regierungsdoktrin in Deutschland vorauseilend, das Fahrrad als ökologisches Transportmittel im Personennahverkehr zu benutzen! Korea ist krisengebeutelt und muß Energie sparen, da mache ich selbstverständlich mit!

Die Schwierigkeiten gingen eigentlich schon beim Erwerb des Fahrrads los. Ich mußte meinen Händler förmlich zwingen, mir das hübsche Exemplar, das ich mir ausgekuckt hatte, zu verkaufen! Leute, die vorgeben, was von der Sache zu verstehen, haben hinterher behauptet, der Mann habe mir lediglich kein "Damenfahrrad" verkaufen wollen, aber die sind nur neidisch. Das nächste Problem war die Beleuchtung: um einen geeigneten Strahler zu finden, mußte mein Händler tief in seinen Kisten kramen, aber dann hat er doch einen hervorgezaubert. In ganz Sindang-dong bin ich jetzt der einzige Radfahrer mit Rück- und Vorderlicht. Vielleicht sogar in ganz Taegu mit seinen 2-3 Millionen Einwohnern! Der Service ist übrigens prima! Kettenöl will mir mein Händler keins verkaufen, statt dessen schmiert er mir die Kette, wann immer ich Bedarf anmelde, selbst. Geht mal was kaputt, dann baut er das Rad auseinander und wieder zusammen. Ich zücke dann mit besorgtem Blick mein Portemonnaie, aber das ist ganz zwecklos: "Service", meint mein Händler, und macht eine abwehrende Bewegung. Er weiß nicht, an welche Standards ich gewöhnt bin. Immerhin kostet die Inspektion meines Fahrrads in Berlin inklusive Austausch der abgenutzten Teile so viel wie in Korea ein ganzes Fahrrad.

Nun kann es also losgehen! Mein Tag als Radfahrer beginnt damit, daß ich mit meinem Fahrrad im Aufzug vom 15. Stock ins Erdgeschoß fahre. Da steigen von Stockwerk zu Stockwerk Leute zu, und manche erschrecken sich noch immer. Ist es wegen des Fahrrads oder wegen des Anblicks meiner Wenigkeit? Wahrscheinlich beides zusammen. Zur Beruhigung der Gemüter mache ich dann Erläuterungen und erkläre - meiner Profession gemäß - was das da für ein kurioses Gespann ist. Indem ich auf mich deute, sage ich "togilsaram", "berlineso oassimnida", und dann verweise ich auf meinen Drahtesel: "igosen jajongo imnida". Danach ist die Verwirrung meist komplett! Der miguksaram behauptet, gar nicht aus den USA zu sein, und dann breitet er auch noch hemmungslos seine Elementarkenntnisse in koreanischer Lexik und Grammatik aus! Jetzt bricht meist ein Schwall koreanischer Fragen über mich herein, ob ich verheiratet sei usf., aber bei solch komplizierten Sachverhalten muß ich schon passen und bin froh, daß der Aufzug unten angekommen ist.

So starte ich also meist gutgelaunt in den Tag, brause am Wärter in seinem Häuschen mit einem fröhlichen "anyonghashimnikka" vorbei, um dann keine zweihundert Meter weiter auf ein Hindernis zu stoßen, von dem man sich zumindest in Deutschland keine rechte Vorstellung machen kann: eine von Autos befahrene Straße, über die ein Zebrastreifen führt. Da muß ich jeden morgen rüber. Oma und Opa, Kind und Kegel aus dem Kindergarten, alle schaffen das irgendwie mit Gemütsruhe - nur ich nicht. An dieser Stelle beginne ich meist laut zu fluchen, auf Deutsch natürlich, so daß ich nur noch entgeisterte Blicke ernte. Ich fuchtle herum und versuche den Leuten in den Blechkisten klarzumachen, daß ich rüber will und sie gefälligst langsam zu fahren haben, ja daß sie im Grunde anhalten müßten! Ich bin jetzt vielleicht schon zweihundertmal an dieser Stelle über die Straße, aber alle Versuche, an dieser Kreuzung unter den amüsierten Blicken meiner koreanischen Nachbarn Verkehrserziehung zu betreiben, haben mir nichts genutzt, so daß ich entnervt aufgegeben habe.

Mit merklich gedämpfter Stimmung schlage ich mich jetzt auf Schleichwegen zur Universität durch. In irgendeinem Sprachkurs habe ich mal ein Aufgabenblatt verteilt, auf dem verschiedene Vehikel abgebildet sind, die sich an einer Kreuzung treffen. Die Aufgabe bestand darin, herauszufinden, wer Vorfahrt hat. Ich habe gelernt, daß die Faustregel "rechts vor links" auf koreanische Verhältnisse nicht so leicht anzuwenden ist. Das hilft mir jetzt dabei, mich im Dschungel der koreanischen Straßenverkehrsordnung zurechtzufinden. Im Zweifelsfall gilt: der Schwächere gibt nach. Ein Lkw hat also Vorfahrt vor einem Pkw usf. Taxifahrer und Essensausfahrer scheinen gewisse Sondervorfahrtsrechte zu haben. Die letzteren haben eigentlich absolut immer Vorfahrt, obwohl sie nur Mopeds fahren. Man erkennt sie an der Metallbox, in der das Essen warm gehalten wird. Damit es nicht kalt wird, rasen sie mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit durch die Gegend. Schon schießt mir einer von links vor die Nase, ohne mir auch nur die geringsten Anzeichen von Schuldbewußtsein zu signalisieren! Das Auftauchen solcher Gefährte ist unkalkulierbar, oft brechen sie aus dem Hinterhalt hervor und brettern dann in waghalsigen Manövern zickzack durch die kleinsten, sich im Verkehrsfluß ergebenden Lücken. Ich habe verstanden, daß ich mich anpassen muß. Also weiche ich auf den Bürgersteig aus. Vor dem Osttor zur Universität nähere ich mich vorsichtig dem Zebrastreifen. Da gibt es eine Ampel, und man fühlt sich relativ sicher. Aber während ich noch darauf warte, daß es grün wird, hupt es schon hinter mir! An dieser Stelle befindet sich auf dem Gehweg nämlich ein wilder Parkplatz, und irgendwie müssen die Autos ja auch wieder auf die Straße. Da der Bordstein an allen Stellen außer am Zebrastreifen 20 cm hoch ist, kann man sich vorstellen, wo sich die Autos wieder in den Verkehr einfädeln ...

Aber auf dem Campus ist das Fahren doch sicher, denkt man. ängstliche Radfahrer können auf dem Gehweg dahingondeln. Man muß eigentlich nur auf die Motorräder aufpassen, die da auch gern fahren, weil es nämlich auf dem Trottoir keine Bodenwellen zur Verkehrsberuhigung gibt, die einen auf der Straße draußen zum Drosseln der Geschwindigkeit zwingen.

Die letzten hundert Meter zum humanities-Gebäude, wo mein Büro liegt, sind reichlich steil. Meist bekomme ich irgendeine Form von Beifall, bewundernde Blicke, wenn ich da hinaufkeuche ohne abzusteigen. Deshalb bin ich am Ziel schon wieder ganz gut drauf und vergesse, was sich unterwegs so zugetragen hat.

Abends, beim Zurückradeln, besorge ich mir eine Zeitung und suche dann zur geruhsamen Lektüre meine Stammkneipe auf, das "Elvis". Was mußte ich dort lesen, kaum daß ich mich in Korea angesiedelt hatte? Präsident Kim Dae-Jung hat die größte Amnestie in der Geschichte Südkoreas gewährt. Nicht schlecht. Mehr als fünfeinhalb Millionen Menschen wurden ihre Strafen erlassen. Darunter waren 74 politische Gefangene und Gewerkschafter - und 5,32 Millionen Koreaner, die wegen Trunkenheit am Steuer oder überhöhter Geschwindigkeit aktenkundig geworden waren. Als Radfahrer fällt mir da nur noch das koreanischste aller Urwörter ein: "Aigu!"

Ich gebe zu, daß ich mir auch schon einige Fahrtechniken angewöhnt habe, die ich mir in Berlin ganz schnell wieder abgewöhnen müßte. Ich stelle mir vor, eine Wilmersdorfer Witwe erwischt mich beim Radfahren auf dem Gehweg. Die würde mir doch glatt den Spazierstock in die Speichen schieben! In Berlin herrscht ein unerklärter Krieg zwischen den drei Gattungen Fußgänger, Auto- und Radfahrer. Wenn ein Auto auf dem Radweg parkt, ist es vor Tritten in die Weichteile nicht sicher. Handelt es sich gar um einen Mercedes, dann ist der schöne Stern am Frontispiz mit großer Sicherheit futsch. Wagt ein Fußgänger unvorsichtigerweise, einen Radweg zu überqueren, dann brüllt der Berliner Radfahrer gleich: "Junger Mann, könnse nich aufpassen, det issn Ratweech!" Wenn also ein Koreaner unvorbereitet als Tourist nach Deutschland kommen sollte, dann dürfte er spätestens beim arglosen Betreten des Radwegs die Berliner Schnauze kennenlernen! Der Lektor hat an diesem Punkt eine wichtige Mission der Kulturvermittlung, denn in den Lehrbüchern ist dieses Problem überhaupt noch nicht erkannt!

Hier in Korea halten Radfahrer und Fußgänger noch solidarisch zusammen. Jenseits des Gehwegs aber, wird es brutal. Ein französischer Lektor landete mit seinem Motorrad auf dem Kotflügel eines Taxis, das ihn grob fahrlässig geschnitten hat. Auch das Krankenhaus hat er übrigens überlebt, der Taxifahrer war schuldbewußt und hat für zusätzliche Verpflegung gesorgt. Ein kanadischer Kollege wurde auf der Kreuzung vor meinem Hochhaus in die Zange genommen und hat sich mit seinem Motorrad flachgelegt. Man hat ihn einfach liegenlassen, zum Glück kam er mit ein paar Beulen, Schrammen und dem Schrecken davon. Nur seinen Hund hat es erwischt, als er in einer schmalen Seitenstraße von einem zu schnell fahrenden Auto erfaßt wurde...


An dieser Stelle sollte der Artikel eigentlich enden. Bis zum Redaktionsschluß war aber noch Zeit, und gelegentlich bin ich mit Kollegen auf das Thema zurückgekommen. Zwischen Tür und Angel hat mir meine ebenfalls radfahrende Kollegin Laura von diversen Stürzen erzählt, die sie bewogen haben, meinem Beispiel zu folgen und sich ebenfalls eine Beleuchtungsanlage ans Rad zu montieren. So hätte der Diskurs über den koreanischen Verkehr weitergehen können, ein Geplauder, zwischen vielen kleinen Aufregungen hin und her schweifend. Für einen Lektor aus Taegu aber hatte das Spiel einen tödlichen Ausgang. Mein Kollege Friedhelm Bertulies von der Taegu-University hat mir die Geschichte vom "Unfall"-Tod des amerikanischen Lehrers Richard MacMullan so erzählt:

Im Dezember war er mit einigen anderen Amerikanern in "Podowoan", einem Lokal hier um die Ecke. Irgendwann verliess er die Gesellschaft, alleine, und wurde vor der Kneipe von einem Wagen, der aus der Parklücke zurücksetzte, angefahren, umgefahren, und möglicherweise nochmals überfahren. Der Fahrer fuhr einfach weg, und konnte nicht ermittelt werden. Die Polizei kam und brachte MacMullan auf den Rücksitz ihres kleinen Gefaehrts ins Krankenhaus. Dort fiel er ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Anfang Februar starb er. - Die Polizei von Taegu hatte ihre Untersuchung eigentlich schon abgeschlossen, ist nun aber von Seoul aus aufgefordert worden, die Akten wieder zu öffnen. Denn MacMullan hat sich nicht immer herausgehalten. Gelegentlich hat er sich mit Leuten aus dem Milieu angelegt, durchaus handgreiflich, z.B. mit solchen, die in kleinen Restaurants Schutzgelder kassieren. Bis zum Abschluß der Untersuchungen kann von einem "Unfalltod" also nur in Anführungszeichen gesprochen werden.


Copyright © 1999 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 9

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