Letztes Semester habe ich im vierten Jahrgang an der Keimyung-Universität den Kurs Goethe unterrichtet. Ich habe eine Textreihe zusammengestellt, die von berühmten Gedichten Goethes wie dem Heidenröslein bis zu Auszügen aus dem Werther reicht. Um die Studenten wegen des hohen Schwierigkeitsgrades der Texte nicht zu demotivieren, wurden ihnen die Materialien zweisprachig zur Verfügung gestellt. Musik von Franz Schubert oder Videos, zum Beispiel das beim Goethe-Institut ausleihbare zu Tischbeins Bild über den Meister in der Campagna, haben den Unterricht aufgelockert. Zum Werther bietet es sich an, die Studenten selbst Briefe schreiben zu lassen. Man bricht die Lektüre unmittelbar nachdem sich Werther und Lotte kennengelernt haben ab und bittet die Studenten, mit Bezug auf diese Situation einen Brief zu verfassen. Die Studentinnen adressieren einen Brief Charlottes an Werther, die männlichen Studenten versetzen sich in die Position Werthers.
Unter Beibehaltung der handlungsorientierten Herangehensweise habe ich beim Heidenröslein einen etwas anderen Weg gewählt. In dem Gedicht sieht ein Junge eine Rose. Er pflückt sie, und sie sticht ihn. Die Studenten können mit Hilfe der Übersetzung leicht erkennen, dass die Rose symbolisch für eine Frauenfigur steht, die sich gegen eine sexuelle Belästigung oder gar eine Vergewaltigung zur Wehr setzt, aber machtlos unterliegt.
Die mittlere Strophe ist schon bei Goethe als Dialog angelegt. Daraus habe ich die Unterrichtsidee abgeleitet, das ganze Gedicht zu einem Dialog umschreiben und diesen dann vorspielen zu lassen. Den Studenten macht vor allem das Spiel als ein Probehandeln Spaß. Es ist motivierend, weil sie das Thema Geschlechterverhältnisse bei dieser Form der Behandlung unmittelbar etwas angeht.
Im Literaturunterricht kann man den Text relativ intensiv erarbeiten, das nimmt aber einige Pointen vorweg. Im Sprachkurs, dessen Ziel für die Studenten darin besteht, modernes Standarddeutsch zu sprechen, kann auf Erläuterungen zur poetischen Sprache der Goethezeit weitgehend verzichtet werden.
Der folgende Unterrichtsentwurf, in dem Goethes Heidenröslein als Kommunikationsanlass etwas zweckentfremdet wird, lässt sich in einer Doppelstunde durchführen.
1.) Die Studenten hören das Lied von Franz Schubert.
Hörauftrag: Wie finden Sie die Musik?
Tafelanschrieb: Musik: schnell, schön, heiter, lustig, ...
2.) Der deutsch koreanische Text wird ausgeteilt. Die Studenten erarbeiten ihn in
Partnerarbeit. Analyseauftrag: Was bedeutet "Rose"?
Bei der Auswertung kann man
über den Tafelanschrieb in einem zweiten Schritt den
Begriff "Symbol" einführen.
SYMBOL
BILD BEDEUTUNG
Rose schöne Frau, Mädchen
3.) Gruppenarbeit: Schreiben Sie das Gedicht als Dialog! Bestimmen Sie, wer spielt!
Den Anfang des Dialogs schreibt man an die Tafel:
Junge: Hallo, Du
bist aber hübsch!
Mädchen: Danke für das Kompliment.
Junge: Warum wirst Du denn rot?
...
Unter Rose schreibt man jetzt die Verben "brechen" und "stechen".
Hinweis: Das Spiel dieser
Handlungen ist am interessantesten! Die Studenten sollen
arbeiten, bis sie fertig sind, und dann in die
Pause gehen.
4.) Szenisches Spiel
Beobachtungsauftrag:
Was machen die Studenten?
Was passt am besten zum Text?
Bei der Auswertung kann der Tafelanschrieb zum Symbol vervollständigt werden
SYMBOL
BILD BEDEUTUNG HANDLUNG
Rose Mädchen Junge:
in die Disko einladen
tanzen, heiraten wollen
brechen Gewalt, Zwang schlagen
stechen
Widerstand
sich wehren
sich widersetzen
schlagen
5.) Die Studenten hören Schuberts Lied noch
einmal, jetzt mit Text.
Auftrag: Sie haben gesagt, die Musik ist heiter.
Achten Sie jetzt auf den Text.
Wie finden Sie das Gedicht?
(eher traurig)
6.) Was ist eigentlich das Thema des Gedichts? Finden Sie eine neue Überschrift für das Gedicht!
In dieser Schlussdiskussion geht es noch einmal um die Bedeutung von "brechen" und "stechen". Das Mädchen soll etwas "tun, was es nicht möchte". Ihm wird "weh getan", eine Studentin machte auf die "Macht" des Mannes aufmerksam.
Germanistikstudenten sind mit Interpretationen schnell bei der Hand. Analog zur Opposition Knabe vs. Rose sahen sie bei mir einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur oder den zwischen Gesellschaft und Dichter. Solche Äußerungen habe ich zur Kenntnis genommen, aber auf Problematisierungen habe ich verzichtet, weil ich ein anderes Stundenziel im Auge hatte. Gerade der spielerische Umgang mit dem Text erlaubt es, den Mythos des schönen Heidenrösleins zu hinterfragen. Derart belästigt zu werden, ist ja in der Tat nicht sehr lustig. Wer den Entwurf liest, wackelt vielleicht bedenklich mit dem Kopf, wenn da aus dem Tafelanschrieb ersichtlich wird, dass sich die Studenten "geschlagen" haben. Selbstverständlich spielen sie das nur, und alles geht ganz glimpflich ab.
Goethe, Heidenröslein (1771)
Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: "Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!"
Röslein sprach: "Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden."
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827), S. 12. Digitale Bibliothek, Band 1: Deutsche Literatur, S. 19264 (vgl. Goethe-BA Bd. 1, S. 16)]
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