Mattheus Wollert

Kurzumfrage unter den Lektoren zu den Hakbuchae-Reformen


Im Februar 1994 wurde vom damaligen Staatspräsidenten Kim Young-Sam ein Bildungsreformausschuss ins Leben gerufen, der die Weichen stellte für die ab diesem Jahr an allen koreanischen Universitäten durchgeführten Universitätsreformen. Was sich an einzelnen Universitäten andeutete, die bereits ab 1996 die Reformen umsetzten, ist nun landesweit Realität geworden: die HAKBUCHAE wirbelt die über die Jahrzehnte hinweg vertrauten Zustände der universitären Germanistik in Korea gehörig durcheinander. Hakbuchae ist nur der eine Teil der umfassenden Bildungsreform. Der andere Teil, welcher die Abschaffung der zentralen Universitätsaufnahmeprüfung ab dem Jahr 2001 vorsieht, erzeugt in den Oberschulen zur Zeit gleichermaßen Konfusion und Turbulenzen. Das Ziel der Bildungsplaner ist, den extremen Auswüchsen eines Bildungssystems entgegen- zusteuern, das auf den Besuch namhafter Universitäten ausgerichtet ist und die Inhalte darüber vernachlässigt. Zur Zeit ist zwar nicht abzusehen, welchen Stellenwert die Germanistik zukünftig im hiesigen schulischen und akademischen Fächerkanon einnehmen wird, eins ist jedoch sicher: die Zeiten, in denen die koreanische Germanistik ohne Sorgen um ihre eigene Identität blühen durfte, beschützt von einem Studienplatzvergabesystem, das den Deutschabteilungen volle Vorlesungen und Seminare garantierte, und beflügelt von den in Korea bis jetzt bewunderten kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der deutschsprachigen Länder im 19. und frühen 20. Jahrhundert, sind vorüber.

Die koreanische Germanistik in einer Legitimationskrise

Das Ziel der Universitätsreformen ist, den StudentInnen mehr Wahlfreiheit zu ermöglichen, um so deren Initiative und Motivation für eigenbestimmte Studieninhalte zu steigern. Das stellt die Deutschabteilungen schlagartig vor ein Legitimationsproblem: warum sollten sich koreanische StudentInnen noch freiwillig dafür entscheiden, eine Sprache zu lernen, die im koreanischen Wirtschaftsleben lediglich eine Nischenposition einnimmt, warum sollten sie weiterhin qualvoll deutsche Belletristik und Fachliteratur im Original entziffern? Auf einmal ist es zu einer Überlebensfrage geworden, Gründe dafür zu finden, warum man in Korea Germanistik studieren soll. In einer Kurzumfrage wollten wir, die unermüdlichen Spezialisten der LVK für Kurzumfragen, wissen, wie Hakbuchae die einzelnen Deutschabteilungen betrifft und welche aktuellen Tendenzen im Studenten- und Professorenverhalten zu beobachten sind. Zwanzig Lektorinnen und Lektoren antworteten spontan auf unsere Fragen.

Umstrukturierung der Fakultäten

Zunächst meint Hakbuchae eine Umstrukturierung der Fakultäten, die zu einer Zusammenfassung bisheriger einzelner Abteilungen führt. Dies hat einerseits verwaltungstechnische Auswirkungen, andererseits können dadurch die Studentenzahlen für die jeweiligen Hauptfächer doch noch in gewissem Maß gesteuert werden. An den verschiedenen Universitäten wurden dafür unterschiedliche Lösungen gewählt. Teilweise wurden die Fremdsprachen nach geographischen Gesichtspunkten zusammengefasst in Fakultäten für European Studies (Deutsch, Französisch) bzw. Pacific Studies (Englisch, Japanisch), teilweise fasste man alle Fremdsprachen in einer Fakultät zusammen und stellte Englisch als einem Hauptfach die weniger beliebten Fremdsprachen (Deutsch, Französisch, Chinesisch) als anderes Hauptfach gegenüber. An einigen Fakultäten können StudentInnen frei zwischen den Fremdsprachen wählen, anderswo müssen sie z.B. Deutsch und Französisch gemeinsam belegen.

Mehr Wahlfreiheit?

Die Bereitschaft der Universitäten, den Studenten eine echte Wahlfreiheit zu ermöglichen, differiert jedoch. Nicht wenige Universitäten versuchen, durch Numerus Clausus, indirekte Quotierung von Studentenzahlen für bestimmte Fachrichtungen oder direkte Einflussnahme (Einschüchterung der StudentInnen) auch die weniger begehrten Fremdsprachen weiterhin mit Studenten zu versorgen. Denn dort, wo wirklich freie Wahl herrscht, ist das Ergebnis für Deutsch als Hauptfach in der Tat zum Teil niederschmetternd. Manche Veranstaltungen konnten nur durch die Aufnahme von Wahlpflicht-Nebenfachstudenten bzw. Studenten anderer Semester oder das Herabsenken der Mindestteilnehmerzahl gerettet werden. Anderswo wurden Literaturkurse mangels Nachfrage durch Landeskundekurse ersetzt, damit die Professoren überhaupt ihr Stundendeputat erfüllen konnten.

Wahl des Hauptfaches

Die eigentliche Entscheidung für ein Hauptfach oder eine Hauptfachkombination treffen die Studenten erst im dritten Semester. Das erste Jahr ist für allgemeinbildende Kurse bzw. für "Schnupperangebote" der verschiedenen Abteilungen vorgesehen. In diesem Jahr sollen die Studentinnen und Studenten Gelegenheit bekommen, ihre Interessen zu entdecken. Wie sich Deutsch koreaweit im freien Spiel der Marktkräfte behauptet, wird sich also erst in den kommenden Jahren herausschälen. An den Universitäten, die Hakbuchae schon einige Jahre praktizieren, ist die Entwicklung der Studentenzahlen für Germanistik allerdings deutlich bis drastisch rückläufig. Die betroffenen LektorInnen melden Einbußen an Studentenzahlen zwischen dreißig und neunzig Prozent. An den Universitäten, die Hakbuchae erst in diesem Jahr eingeführt haben, lassen sich Rückschlüsse auf zukünftiges Studenten-Wahlverhalten allenfalls aus dem Zulauf zu bestimmten Einführungsveranstaltungen schließen. Hier scheint sich eine Tendenz abzuzeichnen: Lehrveranstaltungen mit literaturwissenschaftlichen und linguistischen Inhalten bleiben eher leer und müssen ausfallen. Einführungen mit landeskundlichen Themenstellungen und Sprachkurse sind im Vergleich zu früheren Jahren sogar besser besucht, berichten einzelne Lektoren. Unübersehbar ist jedoch, dass hochmotivierte und akademisch begabte Studentinnen und Studenten, die es ja für Deutsch auch immer gab, mehrheitlich abwandern. Die Haltung der StudentInnen zu Hakbuchae insgesamt ist nicht eindeutig. Auch bezüglich ihrer Motivation, die ja durch Hakbuchae verbessert werden soll, werden noch keine klaren Veränderungen gemeldet. Letztlich wird die studentische Akzeptanz von Hakbuchae davon abhängen, wie sich das Lehrangebot auf die Bedürfnisse der Studierenden einzustellen vermag.

Reaktion der Professoren und Dozenten

Die Stimmung der koreanischen Kolleginnen und Kollegen reicht laut Antworten der Kurzumfrage von Resignation, Verunsicherung und Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes bis zu mehr oder weniger beherzten Ansätzen zu einer Orientierung an den Interessen der Studenten. Die meisten koreanischen KollegInnen scheinen sich zunächst abwartend zu verhalten. In einigen Antworten erwähnt wird ein Umschwenken zu aktuellen Themen bzw. Landeskundekursen. Eine Deutschabteilung (in der Provinz) hat die Gesetze des Marktes rasch begriffen - in einer mehrfarbigen Broschüre werden den Studienanfängern Berufsperspektiven für Fächerkombinationen mit dem Hauptfach Deutsch aufgezeigt und auf dem Campus Informationsveranstaltungen organisiert. Die Hauptleidtragenden scheinen die TeilzeitdozentInnen zu sein. Um weiterhin das notwendige Stundendeputat zu erfüllen, übernehmen festangestellte Professoren jetzt nämlich auch Kurse (z.B. im Rahmen der Allgemeinbildung), welche bisher von TeilzeitdozentInnen gehalten wurden. Deren Lehraufträge fallen dann einfach aus. An einer Universität wurde eine freigewordene Vollprofessur in eine auf zwei Jahre befristete Professur umgewandelt, die künftig zwar unter den TeilzeitdozentInnen rotieren soll, aber eben ohne weiteres auch gekündigt werden kann.

Konsequenzen für Lektoren

Die Position der muttersprachlichen Lektoren ist nicht ungefährdet. An einer Provinzuniversität wurde dem ersten deutschen Lektor bereits zum Ende des laufenden Semesters gekündigt. Die Begründung: bei zu geringem Stundendeputat für alle muss das Kollegium verkleinert werden. Nicht völlig uneigennützig, aber dennoch auch nicht ohne Grund fragen wir uns, ob es zukunftsträchtig für die Deutschabteilungen ist, gerade einen Lektor über die Klinge springen zu lassen. Denn mit kompetent geführten Sprachkursen sind die StudentInnen noch am leichtesten zu gewinnen. Der Bedarf an sprachpraktischer Ausbildung erscheint kurzfristig am wenigsten gefährdet. Mittelfristig droht jedoch eine erhebliche Verschlechterung der inhaltlichen Arbeit, wenn eine kontinuierliche Sprachausbildung nicht mehr selbstverständlich stattfinden kann. Wenn das Zustandekommen von Kursen allein vom Wahlverhalten der Studenten abhängt, wird die über mehrere Semester hinweg systematisch aufbauende Sprachausbildung unmöglich. Denn es ist wahrscheinlich, dass die Studentinnen und Studenten eher pragmatisch credits sammeln als sich für immer anspruchsvoller werdende Sprachkurse zu entscheiden, welche ihnen viel Mühe und Fleiß abverlangen und keine leicht verdienten guten Noten einbringen. Wenn es den Lektorinnen und Lektoren nicht gelingt, an ihren Fakultäten das Bewusstsein für eine qualitativ hochwertige Sprachausbildung zu erhalten bzw. zu wecken, drohen japanische Verhältnisse: dort erhalten relativ große Studentenzahlen zwei Semester lang eine anspruchslose Sprachausbildung auf sehr geringem Niveau. Hier liegt es an uns, auf den Wert einer international anerkannten Sprachprüfung wie des Zertifikats Deutsch als Fremdsprache hinzuweisen und für Bedingungen einzutreten, welche das Bestehen dieser Prüfung ermöglichen. Die Chancen der Hakbuchae liegen darin, dass sich StudentInnen ein Studium zusammenstellen können, das ihnen bei der Arbeitsplatzsuche Pluspunkte gibt. Gute deutsche Sprachkenntnisse, egal ob im Nebenfach oder Hauptfach erworben, in einer sinnvollen Kombination mit anderen Sprachen oder Fächern werden die Berufsmöglichkeiten sicher nicht mindern.


Copyright © 1999 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 9

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