Michael Menke

Der Erlkönig-Wetterbericht


Ungewöhnliche Ereignisse fordern ungewöhnliche Unterrichtsformen, und so machte auch ich mir Gedanken, wie ich den Weimarer Dichter und Denker zum 250sten meinen Studenten nahebringen könnte. Originaltexte sind in der Regel für die erste, zweite oder dritte Klasse zu schwierig, die vierte Klasse, die sie endlich verstehen könnte, habe ich aber nicht mehr, denn die suchen nicht nach dem Sinn von Goethe, sondern nach einem Job. So nahm ich also meinen dritten Jahrgang (bildlich) bei der Hand und legte meinen deutschsprachlichen Schützlingen Goethes Erlkönig vor. Zunächst auf einer Folie in koreanischer Übersetzung, so daß die Studenten den Inhalt des Textes schnell begreifen konnten, viele kannten das Gedicht bereits. Dann kam die Folie weg, und her der deutsche Originaltext.

Nun halte ich keine Lehrveranstaltungen ab, die sich mit literarischen Texten befassen, denn Originaltexte ... (siehe oben). Ich benutze eher so schnöde Textsammlungen wie "Themen" oder "Lernen Sie Deutsch!", in denen es um Verkehr, Müll oder das Wetter geht. Damit bin ich beim Thema. Das Wetter war in der letzten Stunde drangewesen, meine Schützlinge konnten vorwärts und rückwärts Formulierungen wie "es regnet - es gibt Regen, es ist kalt, die Höchsttemperatur beträgt in der Nacht drei Grad, usw."

Während die Studenten begannen, ihre Textkopien mit gemischten Gefühlen zu betrachten, schrieb ich die Fragen des Tages an die Tafel: "Wie ist das Wetter im "Erlkönig"?, "Reiten Sie bei solchem Wetter hinaus?", "welche Jahreszeit", "Warum/Warum nicht?" "Warum stirbt der Sohn?" Und nun Teamarbeit, immer drei Studenten zusammen.

Die Antworten zum Wetter waren schnell gefunden und in die Sprache der Wetterfrösche übertragen:

"Hier der Wetterbericht von Radio Inchon für den 3. November. In der Nacht wird es windig. Manchmal gibt es Nebelstreifen. Darum reiten Sie bitte langsam. Sie können nicht gut sehen."

Oder eine andere Antwort:

"Ziehen Sie heute Nacht das Kind warm an. Wetter ist kalt und windig und nebelig. Der Weg ist dunkel. So schalten Sie die Lampe ein!" (hier gingen der Studentin wohl die Pferde durch, oder sie hat sie mit automobilen Pferdestärken verwechselt)

Bei der Bestimmung der Jahreszeit waren sich alle einig, daß es Herbst sei, denn das Herbstlaub, das in Korea bunt, aber in Deutschland wohl immer dürr und dunkel sei, sprach dafür.

Der Erlkönig wurde klar als Südländer entlarvt, denn nur so könnten dessen Töchter im Herbst am Strand in den Blumen herumtanzen. Jemand kannte wohl Goethes Reisen in den Süden und befand "Erlkönigs Töchter wohnen in Italien an Südsee".

Der Sohn stirbt, ganz klar "weil, es ist zu kalt" oder "er hat sich verkältet bei schnell reiten"

Ausreiten wollte bei dem Wetter und zudem nachts keiner meiner Studenten. Außerdem erreicht man einen Hof in Korea überall bequem zu Fuß.*

(*Erklärung des Scherzes: "Hof" ist das koreanische Wort für Kneipe, und die gibt es, wie in Deutschland, an jeder Ecke)


Johann Wolfgang von Goethe

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
er hat den Knaben wohl in dem Arm,
er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlkönig mit Kron' und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
manch bunte Blumen sind an dem Strand,
meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind:
In dürren Blättern säuselt der Wind.

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
er hält in den Armen das ächzende Kind,
erreicht den Hof mit Mühe und Not;
in seinen Armen das Kind war tot.


Copyright © 1999 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 9

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