An einem Sonntag im April erhielt ich folgenden Anruf:
"Guten Tag, ich bin Cindy."
"Kann ich Sie morgen in Ihrem Büro besuchen."
"Ja, was wollen Sie denn?"
"Ein Interview."
"Worüber?"
"Über Goethe."
"Wo und wann soll das Interview denn erscheinen?"
"Übermorgen im DKUBS."
Das DKUBS (Dankook University Broadcasting System) ist einer von vielen Studentenvereinen an meiner Universität. Mit 26 Mitgliedern, die täglich - und häufig bis spät in die Nacht - drei Sendungen mit dem Slogan "Campus Go Go!" vorbereiten, welche dann über viele Lautsprecher auf dem Campus in großer Lautstärke ausgestrahlt werden. Und so lief das Interview am nächsten Tag ab: Cindy aus dem zweiten Jahrgang fungierte als Reporterin und stellte auf Koreanisch die Fragen. Ein Student aus dem vierten Jahrgang machte den Dolmetscher. Die Sendung wurde umrahmt durch Musik von Beethoven. Dies ist der transkribierte Text des Interviews, dessen mündlicher Stil hier beibehalten wurde, aber ohne die koreanische Übersetzung:
Können Sie uns sagen, wer Goethe war?
Ja, natürlich, Goethe ist der bedeutendste deutsche Schriftsteller. Er ist auch im Ausland bekannt geworden, besonders durch sein Drama "Faust". Das nennt man auch "das Drama der Deutschen". Und auch durch einen Roman, "Die Leiden des jungen Werthers". Das war der erste echte europäische Bestseller. Außerdem gibt es auch eine Beziehung zwischen diesem Roman und Korea. Ein sehr bekannter koreanischer Geschäftsmann war ein Goethe-Fan, vor allem ein Fan der Hauptfigur Charlotte von Stein. Er hat deshalb seine Kaufhäuser "Lotte" genannt. Außerdem besitzt er einen Baseballverein in Japan, auch mit dem Namen "Lotte". Goethe war aber viel mehr als nur ein Schriftsteller, er war auch Theaterintendant, Historiker, Naturwissenschaftler und Minister, also Politiker. Er war, das kann man sagen, ein echtes Universalgenie.
Wo hat Goethe gelebt?
Goethe ist in Frankfurt am Main geboren und hat dort lange gelebt. Deswegen heißt übrigens Frankfurts Universität auch "Goethe-Universität". An ihr studieren, wie an vielen anderen Universitäten Deutschlands, über einhundert koreanische Studenten. Den längsten und wichtigsten Teil seines Lebens hat er allerdings in Weimar gelebt. Dort hat er viele Menschen getroffen, Künstler, Philosophen usw. Dort hat er auch die Freundschaft mit Friedrich Schiller geschlossen. Weimar hat eine lange kulturelle Tradition. Deswegen ist Weimar in diesem Jahr "Kulturstadt Europas".
Das Goethe-Institut liegt in der Nähe der Dankook-Universität. Was ist das für ein Institut? Können Sie uns etwas über das Goethe-Institut erzählen?
Ja, das Goethe-Institut ist ein Kulturinstitut. Es gibt 165 solcher Institute in über 60 Ländern. Eins davon ist in Seoul. Das Goethe-Institut hat im wesentlichen zwei Aufgaben. Erstens den Kulturaustausch zwischen Ländern, also Deutschland und den anderen Ländern zu fördern und zu unterstützen, das heißt also, nicht deutsche Kultur zu exportieren, sondern deutsche Kultur mit anderen Ländern auszutauschen. Darum gibt es auch sehr viele Veranstaltungen mit Koreanern im Goethe-Instiut. Musiker geben Konzerte, Maler machen Ausstellungen, Schriftsteller lesen aus ihren Büchern. Die zweite große Aufgabe des Goethe-Institutes ist die Förderung der deutschen Sprache. Das heißt, das Goethe-Institut bietet eine große Palette von Sprachkursen an. Diese Sprachkurse sind besonders auch geeignet für koreanische Studenten, die sich auf ein Studium in Deutschland vorbereiten wollen. Der Name des Goethe-Instituts, eben des Universalgenies Goethe, spiegelt die vielfältigen Aufgaben des Goethe-Instituts wieder.
Warum gibt es gerade in diesem Jahr so viele Veranstaltungen zu Goethe?
Dieses Jahr ist ein ganz besonderes Jahr, jedenfalls in Deutschland. Wir nennen es auch das Goethe-Jahr. Goethe ist nämlich vor 250 Jahren geboren worden. Deswegen gibt es das ganze Jahr über viele Veranstaltungen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, besonders natürlich auch in Korea. Im koreanischen Kulturzentrum in Kwanghwa-Mun gibt es schon seit einiger Zeit eine ganze Reihe von Veranstaltungen, Theateraufführungen, Konzerte, und es gibt dort auch eine große Briefmarkenausstellung zum Thema Goethe.
Korea ist so weit entfernt von Deutschland. Wie erklären Sie sich das große Interesse der Koreaner an Goethe?
Koreaner haben nicht nur an Goethe, sondern an Deutschland im allgemeinen schon seit langem ein großes Interesse. Das liegt daran, dass die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Korea immer sehr gut gewesen sind. Es gibt aber auch ganz besondere Beziehungen zwischen Goethe und der Dankook-Universität. In Korea gibt es eine literaturwissenschaftliche Gesellschaft, die Goethe-Gesellschaft. Professor Kim Chong-dae von der Deutschabteilung an der Dankook-Universität ist ihr Präsident. Professor Kim hat in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und der deutschen Botschaft viele Veranstaltungen geplant und durchgeführt. Am Chonnan-Campus der Dankook-Universität unterrichtet Professor Shin Cha-shik, auch an der deutschen Abteilung. Er ist ein international bekannter und anerkannter Philatelist, das heißt Briefmarkensammler und -kenner. Er besitzt die größte Briefmarkensammlung zum Leben und Thema Goethe. Diese Sammlung hat er im Kulturzentrum ausgestellt. Vor einigen Jahren hatte er eine Idee, nämlich zum Goethe-Jahr etwas ganz Besonderes zu machen. Und das ist ihm auch gelungen. Er hat mit der deutschen und koreanischen Regierung gesprochen, und beide haben sich entschlossen, in diesem Jahr zu Goethes Ehren eine Briefmarke herauszugeben, mit dem Bild von Goethe, sowohl in Korea als auch in Deutschland.
Wann kann man diese Briefmarke kaufen?
Ja, die kann man hier in Korea genau ab dem Tag kaufen, an dem Goethe Geburtstag hat, am 12. August. Auf beiden Briefmarken ist das Gesicht von Goethe abgebildet. Die deutsche Briefmarke kostet 110 Pfennige, die koreanische Briefmarke 170 Won.
Welche Bedeutung hat Goethe für Germanistik-Studenten in Korea?
Nun, ich habe schon gesagt, Goethe gilt als der bedeutendste Schriftsteller in Deutschland, außerdem als Universalgenie. Deswegen ist die Beschäftigung mit Goethe natürlich sinnvoll. Die Bedeutung der literaturwissenschaftlichen Seite der koreanischen Germanistik sollte deswegen aber nicht auf Kosten anderen Aufgaben überbewertet werden. Es gibt in Korea zur Zeit große gesellschaftspolitische Veränderungen. Deswegen sollten praktische Kenntnisse in den Vordergrund gestellt werden. Ich denke zum Beispiel an deutsche Landeskunde wie Politik, Geschichte, Wirtschaft, Musik, alles Wissen über das Land.
Nun kann man sagen, "schön und gut, aber so weltbewegend ist das ja nun auch wieder nicht." Das ist richtig, zumal ich immer ganz bewusst einen Bezug zur Dankook-Universität hergestellt habe, was für Außenstehende nicht so interessant ist. Mich hat aber diese Aktion zum Nachdenken, Planen und Handeln angeregt. In einer Zeit, in der häufig über die Interesselosigkeit unserer StudentInnen im Germanistikstudium klagen, empfinde ich eine solche Studenteninitiative als motivierend. Außerdem lässt sich eine solche Aktion zu einer interessanten Unterrichtseinheit umfunktionieren, und das habe ich schon mit gutem Erfolg gemacht. Ich habe mir von Cindy das Interview auf einer Kassette erbeten und zu dem Interview Fragen formuliert, die ich den StudentInnen des dritten und vierten Jahrgangs als Vorentlastung vor dem Interview gegeben habe. Nach dem Anhören der Aufnahme habe ich zusätzliche Vokabelhilfen zu den einzelnen Fragen gegeben. Danach entspann sich zwischen den StudentInnen und mir ein Frage- und Antwortspiel zu dem Inhalt.
Ich halte es für denkbar und realistisch, die universitären Studentensender gezielt und regelmäßig für Unterrichtszwecke - und nicht nur für diese - einzusetzen. Die StudentInnen stehen unter dem enormen Druck, jeden Tag drei Sendungen zusammenstellen zu müssen. Sie sind sicherlich dankbar für jedes sinnvolle Kooperationsangebot ihrer ProfessorInnen. Im nächsten Jahr findet z.B. die Expo 2000 in Hannover statt. Das wäre eine glänzende Gelegenheit für ein Interview mit entsprechendem follow up zur aktuellen Landeskunde. Und dem Ansehen der Lektorenschaft würden solche Aktionen sicher auch nicht schaden.
Copyright © 1999 by Armin Kohz