Michael Menke

100 Jahre DaF in Korea?


"Der ... Unterrichtsminister wies in seiner ErÖffnungsrede auf die Bedeutung der deutschen Sprache hin. Herr Konsul XY sprach ...zunächst seine Freude darüber aus, daß eine so stattliche Anzahl junger Koreaner sich dem Studium der deutschen Sprache widmen wolle. Er betonte dann die Wichtigkeit der deutschen Sprache für das Studium, erwähnte, daß alljährlich Tausende von Ausländern nach Deutschland gehen, um Künste und Wissenschaft zu studieren, daß jeder gebildete Ausländer des Deutschen kundig sei ... und schloß mit einem Hoch auf den Herrscher des Landes. ..."

Das könnte alles in heutiger Zeit passiert sein, die erwähnte SchulerÖffnung fand jedoch am 15. September 1898, also vor 100 Jahren, in Seoul statt. Die "Deutsche Schule" war eine Bildungseinrichtung für Koreaner, hier sollten Dolmetscher und Übersetzer für die koreanische Regierung ausgebildet werden. Damit ist sie eigentlich kein Vorläufer der heutigen Deutschen Schule Seoul, auch nicht des Goethe-Instituts, sondern das erste koreanische Fremdspracheninstitut für Deutsch. Die Anregung zur Gründung ging folglich von koreanischer Seite aus, wenn auch mit massiver deutscher Unterstützung. Der Schulleiter war Johannes Bolljahn, den ich oben aus der "Deutschen Zeitschrift für ausländisches Unterrichtswesen" Nr. 3/1900 zitiert habe. Er versah seinen Dienst bis zum Jahr 1914, nachdem die Japaner diese und die anderen Fremdsprachenschulen in Seoul geschlossen hatten.

Die Angaben darüber, wie viele Schüler Deutsch lernten, sind widersprüchlich. Sehr viele werden es nicht gewesen sein, jedoch sind die Berichte einstimmig darüber, daß sowohl die koreanischen Lehrer (ehemalige Schüler) wie auch die Schüler selbst gute Erfolge im Spracherwerb vorzeigen konnten. Neben dem Sprachunterricht wurden die Schüler auch in Geschichte und Geographie unterwiesen, man würde dieses heute als "Landeskunde" bezeichnen.

Außer dieser deutschen Schule gab es andere Einrichtungen, die deutsche Kultur und Wissenschaft in Korea vertraten. 1901 bis 1905 hielt sich Dr. Richard Wunsch als Leibarzt von Kaisers Kojong in Korea auf und versuchte, regelmäßige Impfungen durchzusetzen. Franz Eckert kam 1901 als Hofkapellmeister nach Korea, nachdem er vorher diese Tätigkeit in Japan ausgeübt hatte. Eckert gründete eine Hofmusikkapelle, versorgte diese mit westlichen Musikinstrumenten und komponierte Märsche und Festmusik. Auch eine koreanische Nationalhymne zählt zu seinen Werken, die jedoch aufgrund der japanischen Okkupation nicht aufgeführt werden konnte. Bis zu seinem Tod 1916 blieb er in Korea. Sein Grab befindet sich auf dem Ausländerfriedhof in Seoul.

Die Japanische Kolonisation Koreas, die sich schon seit einigen Jahren anbahnte, wurde 1910 unter dem Vorwand, westliche Dominanz in Asien durch östliche Herrschaft und Werte zu ersetzen, zum Faktum. Viele der noch verbliebenen Europäer und Amerikaner mußten das Land verlassen. Das betraf natürlich auch die Deutschen, die seit der Meiji-Dynastie eigentlich immer gute Kontakte zu Japan gehabt hatten. Einige Missionare aus Deutschland und Österreich konnten auch nach der Kolonisation noch im Lande bleiben. Sie organisierten Schulen, auf denen die Landessprache Koreanisch unterrichtet werden konnte, setzten sich mit der Kultur und Sprache des Landes auseinander. So gründete der Benediktiner Andre Eckardt nach seiner Rückkehr nach Deutschland in München das erste Institut für Koreanistik.

Unter den Japanern war Deutsch Wahlfach an den Oberschulen, sowie für bestimmte Universitätsfächer wie Medizin oder Jura Pflicht. Es wird also auch hier Deutschunterricht gegeben haben, von wem auch immer. 1945 endete die japanische Besatzung, danach kam der Bau von Schulen und Universitäten nur langsam voran. Nach dem Krieg wurde 1946 an der Seoul Nationaluniversität die erste Germanistikabteilung im Lande gegründet1. Dabei dürfte aber der Lese-, Schreib- und Grammatikunterricht die wichtigste Rolle gespielt haben. Deutsche Lektoren gab es keine.

Der Koreakrieg unterbrach diese Entwicklung, wenngleich im Kriegsjahr 1952 an der Hanguk University of Foreign Studies die zweite Germanistikabteilung gegründet worden sein soll2 (sofern diese Jahreszahlen richtig sind, andere Angaben nennen hier 1954 ). Auch der DAAD soll seit 1952 in Südkorea aktiv sein (wobei ich auch diese Angaben unter Vorbehalt nenne). 1958 oder 1959 wird die Koreanische Gesellschaft für Germanistik gegründet.

Diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea wurden 1955 aufgenommen, dazu parallel zwischen der DDR und Nordkorea, und so haben natürlich auch in Nordkorea Lektoren aus der DDR Deutsch an den Universitäten unterrichtet.

Das Goethe-Institut nahm 1967 seine Arbeit auf, zunächst in der Deutschen Botschaft, ab 1978 in einem eigenen Gebäude. Daneben existiert noch eine "Filiale" in Taejon, die an eine Universität angegliedert ist. Im Jahr 1995 gründete sich die Lektoren-Vereinigung Korea, ein Zusammenschluß der in Korea tätigen muttersprachlichen Deutschlektoren, und kurz darauf die Koreanische Gesellschaft für DaF.

Zur Zeit lernen ca. 500.000 Schüler an den koreanischen Oberschulen Deutsch. In etwa 65 Universitäten wird Germanistik angeboten, an den meisten davon erfolgt der Deutschunterricht durch einen muttersprachlichen Lektor. Die Zahl der Germanistikstudenten beträgt etwa 14.000. Man darf jedoch nicht Quantität mit Qualität gleichsetzen. "Es scheint, als hätten wir es mit dem zirkulären Phänomen zu tun: Es gibt viele Lerner, weil es viel Unterricht gibt."3 Nur die allerwenigsten Schüler oder Studenten können nach mehrjährigem Deutschunterricht tatsächlich gut Deutsch sprechen, landeskundliche Kenntnisse sind ebenfalls relativ gering. Kaum ein Germanistikstudent wählt Deutsch aus Neigung. ähnlich wie unter den Hochschulen gibt es auch unter den Studienfächern eine strenge Hierarchie, die sich nach der beruflichen Verwertbarkeit bestimmt. Die zweiten Fremdsprachen, zu denen neben Deutsch auch Französisch, Spanisch oder Chinesisch gehören, nehmen eine Schlußposition ein. Sie werden in der Regel nur von Studenten gewählt, die bei den sehr strikten Aufnahmeprüfungen für die Universitäten nicht genügend Punkte erreicht haben, um ein attraktiveres Fach zu studieren.

Jährlich beenden etwa 3.000 Absolventen das Studium der Germanistik, meistens nach dem vierjährigen B.A.-Studium. Dazu kommen Rückkehrer aus Deutschland, oftmals promovierte Germanisten, die im Hochschulbereich tätig sein wollen, aber nur stundenweise eingesetzt und bezahlt werden können. So studieren oder lernen viele Koreaner Deutsch/Germanistik, aber nur eine Minderheit wird in den Stand versetzt, die Sprache tatsächlich ausreichend zu beherrschen.

Eine Deutsche Schule gibt es natürlich wieder in Seoul. Ihre Wurzeln reichen in das Jahr 1976; derzeit lernen dort etwa 150 Schüler, allerdings nicht Deutsch, denn das können sie bereits. Diese Schule ist für die Sprößlinge der in Korea tätigen Deutschen, Österreicher und Schweizer.

Deutsch hat in Korea eine hundert Jahre alte Tradition. Ob in diesem Zeitraum wirklich durchgängig immer irgendwo im Land ein Lehrer, Dozent oder Professor seinen Anvertrauten die Geheimnisse des Konjunktiv II und des Relativnebensatzes beigebracht hat, ob es wirklich die Sprache Deutsch war (nicht lediglich ein paar grammatische Fakten), weiß man nicht. Zumindest kann man aber behaupten, daß die deutsche Sprache seit dem Jahr 1898, mal mehr, mal weniger, unterrichtet worden ist. Schließen wir mit einem weiteren Zitat von Bolljahn: "Ob aber die deutsche Schule in größerem Umfange segensreich für Korea wirken kann, das hängt von der Zukunft ab." Und ob DaF nach 100 Jahren auch segensreich wirken kann, muß man abwarten.


Neben der angegebenen Sekundärliteratur finden Sie weitere Hinweise auf der Website von Hans-Alexander Kneider Deutsche in Korea bis 1910, sowie in dem Buch Deutsche Schule(n) in Korea 1898-1998, herausgegeben von Johannes Below (Benedict Press Waegwan 1998, 20.000 Won, erhältlich im Kyobo-Bookstore oder in der Deutschen Schule Seoul).

Es gibt außerdem eine Website von Mathias Adelhoefer, auf der versucht wird, die in Korea tätigen DaF-Lektoren aufzulisten:
http://maincc.hufs.ac.kr/~mathias/projekt.htm


Copyright © 1998 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 8

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