Rosa-Maria Dallapiazza, Eduard von Jan, Til Schönherr:
Tangram. Deutsch als Fremdsprache.
Kursbuch 1 A und Arbeitsbuch (in einem Band)
1 Cassette zum Kursbuch2
Cassetten zum Arbeitsbuch
Max Hueber Verlag, Ismaning 1998
Kurzfassung:
Zunächst seien einzelne Beobachtungen angeführt, die mir beim ersten Durchblättern in den Sinn kamen:
Sehr gut gefallen mir die musikalisch-gesanglichen Einlagen "Der Ton macht die Musik", in denen zum Ende jeder Lektion der Stoff zum Mitsingen und Mithören noch einmal aufgemischt wird.
Hohe Anforderungen richtet das Lehrwerk an die Kursleiterinnen und die Lernerinnen. Für das selbständige Nacharbeiten, etwa bei Fehlzeiten, oder gar das autodidaktische Lernen eignet es sich nicht.
Besonders zu loben sind die Hörtexte: Hier wird dem Lernenden von Anfang an eine lebensnahe Sprache geboten, die den mündlichen Sprachgebrauch auf oft geradezu verblüffend treffende Weise nachahmt. Dialektale Einfärbungen, nicht-muttersprachliche Sprecherinnen kommen ebenfalls zu Wort. Die Anforderungen an das Hörverstehen sind für die Lernenden hoch, und sicherlich wird dieser Umstand - neben einer teilweise recht willkürlichen und ermüdenden Wortschatzauswahl - auf viele Lerner abschreckend wirken.
Auffallend finde ich die merkwürdige Eigenheit, ausnahmslos jede Wortfrage in fallender Intonation auszusprechen und so auch im Buch darzustellen. Eine der armen Sprecherinnen konnte es schier nicht durchhalten und verfiel gar in die sinnwidrige Betonung: Was sind Sie von Beruf? (Cassette Lektion 1). Die Wortfrage im Deutschen lässt sehr wohl auch die steigende Satzmelodie zu - diese wirkt sogar freundlicher, weniger autoritär.
Die einzelnen Lektionen sind wie bei vergleichbaren Werken thematisch ausgerichtet und bemühen sich - soweit an diesem Teilband erkennbar - die Funktionen und Themen des Zertifikats-Katalogs abzudecken. Die Lektionen erscheinen mir - so vor allem die Nummern 3 und 4 - erheblich zu lang. Hier wird die Aufmerksamkei bei Lernerinnen und Lehrerinnen sicherlich abschlaffen. Wer mag sich schon 5 oder 8 Unterrichtseinheiten nur mit dem Thema "Supermarkt" oder "Möbelkauf" befassen?
Hinsichtlich des Themenkatalogs wird die Entwicklung in den nächsten Jahren möglicherweise dahin gehen, dass man sich von vorgegebenen Katalogen stärker löst und mehr auf Schlüsselfertigkeiten achtet, wie etwa "strategisches Lernenkönnen", eine vertretbare Aussprache oder die Fähigkeit, Kontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten usf.
Der Kunde, der Käufer, der Konsument - diese Leitfiguren unserer Wirtschaftsgesellschaft drücken weiten Teilen des Werks ihren Stempel auf. Dabei sind unsere Supermärkte, unsere skandinavischen Abholmöbelmärkte bereits weitgehend überbestimmte, selbsterklärende Systeme geworden. Ich brauche im Grunde gar nicht mehr zu sprechen, um an meine "Pizza Salami" von Dr. Oetker oder mein IKEA-Regal "Billy" zu kommen.
Wer Deutsch lernt, um etwas über Geschichte und Kultur der deutschsprachigen Länder zu erfahren, wer sich bei der Zimmerwirtin nur ab und zu einen Tee kochen darf, aber nicht im Traum daran denkt, sich als brave Durchschnittseuropäerin eine Wohnung zusammenzukaufen, der wird sich bei diesem Buch leicht verschaukelt fühlen. Die Vielfalt an Interessen und Motiven, die einen zum Deutschlernen führen oder zwingen, findet in diesem Werk leider keine angemessene Berücksichtigung.
Kein Wort von der jetzigen Situation, kein Kohl, keine Rosa Luxemburg, kein Hitler (immer noch der weltweit bekannteste Deutsche), keine DDR, keine Mauer, kein Kiez, kein Osten, kein Westen, kein Süden - hier entrollt sich eine radikale Entgeschichtlichung und Entortung, und man verliert buchstäblich den Boden unter den Füßen. Stattdessen Räume ohne Außenfenster, wie etwa die bis zum Überdruss wiederholten, nichtssagenden Innenaufnahmen aus dem Münchner Gasteig. Stattdessen flüchtige Spielbälle des Augenblicks wie Claudia Schiffer und Nina Ruge (sind jetzt nicht Tic Tac Two angesagt - oder Verona Feldbusch?). Wir haben doch Augen zum Sehen! Ein Lehrbuch ist immer auch die Chance zu einem Bilderbuch für Erwachsene. Wo ist die Döner-Bude in Berlin, der Sonnenuntergang auf Rügen, das stillgelegte Hüttenwerk in Dortmund, das Siemens-Werk in Neuperlach? Jeder Hobbyfotograf kann in 24 Stunden ein interessantes Kapitel "Deutschland" liefern. Besteht denn das Leben nur aus Sprachkursen? Sollte ein Sprachlehrwerk nicht auch ein Fenster ins Freie sein?
Das Kursbuch und das Arbeitsbuch hinterlassen keinen so guten Eindruck wie die Kassetten. Die Seiten wirken unübersichtlich und folgen verwechselbar aufeinander - sie "stehen" nicht - hilflos gleitet der Blick über die Kolonnen der Wörter. Graphische Hilfen, bewusste Gliederung des Seiten-Raums für optische Lerner, Führung des Blicks, Schau-Lust, wie sie noch jeder Ikea-Katalog anstachelt - alles Fehlanzeige. Das Buch stellt keine Aufforderung zum Lesen oder Schmökern dar. Die Graphiken von ofczarek! (ist das eine Graphiksoftware, ist es eine Firma, ist es ein Mensch?) wirken serienhaft gesichtslos; beliebig könnten sie auch in einem Fitnessstudio oder einem Softdrink-Ratgeber eingesetzt werden.
In der Grammatik-Darstellung orientieren sich die Autorinnen an verschiedenen Modellen. Hinsichtlich der Nomenklatur halten sie sich an keine einzelne der heute verwendeten Standardgrammatiken (Duden-Grammatik, Engel, Eisenberg, Weinrich, Helbig/Buscha), sondern mischen mit einer gewissen Beliebigkeit mehrere Ansätze durcheinander. Höchst anfechtbar - ich meine sogar: fehlerhaft - ist ihre Darstellung der Modalverben, so insbesondere bei den Verben "sollen" und "ich möchte" - für letzteres bringen sie einen nicht geläufigen Infinitiv "möchten" in Umlauf.
Bei den Verben folgt Tangram der Darstellungsweise der Dependenzgrammatik und überfordert damit wohl erneut den grammatisch nicht vorgebildeten Lerner. Für die Kategorie "Modalpartikel" bringt es eine ganz eigene Definition mit, die so in der Literatur sonst wohl nur schwerlich nachzuweisen ist. Etwas, noch, fast u.a. werden in der unter § 20 (vermutlich § 21, Druckfehler) angeführten Verwendung üblicherweise nicht als Modalpartikel geführt.
Es gibt nach dem Deutschen keine andere häufiger unterrichtete Sprache, in der so viele beliebige Grammatikmodelle in Lehrwerke umgesetzt werden, um dann nach kurzer Zeit wieder zu verschwinden. Nirgendwo sonst sind Forscher so fleißig bestrebt, die Unwissenschaftlicheit unserer Gebrauchsbegriffe nachzuweisen. Meine Antwort auf diese Situation: Niemand leugnet, dass unsere üblichen Grammatiktermini ungenau sind. Das war aber immer schon so. Jedoch leisten sie ihre Dienste, und sie sind eben weltweit weitgehend unverändert im Gebrauch. Oder soll wieder einmal am deutschen Wesen die Welt genesen?
Die uneinheitliche Nomenklatur in den deutschen Lehr- und Nachschlagewerken ist für mich als Lehrer wirklich der Horror - man schlage nur einmal unter dem Stichwort "Nomen" nach, etwa in der jeweils neuesten Ausgabe des Wahrig-Wörterbuches, des Duden-Wörterbuches, der Eisenberg-Grammatik, der Weinrich-Grammatik - und dann noch bei Priscianus, Institutio de arte grammatica 17, 1,9 - und man wird vier einander widersprechende Definitionen erhalten (und zwei Pluralformen - die hässlichen nomen und die schöneren nomina).
Bei der Auswahl des dargebotenen Wortschatzes stieß ich auf manches schwer Verdauliche - so insbesondere Walnussöl und Gummibärchen. Sind diese Artikel wirklich so bedeutsam, dass sie dem Lernenden mehrfach vor die Nase gesetzt werden müssen, während andere, dringender benötigte Gegenstände fehlen?
Ich finde es aber gut, dass in Tangram zumindest der Versuch unternommen wird, die Modalpartikel systematisch einzuführen - sie sind ja weit mehr als nur "Zaunkönige und Läuse im Pelz der Sprache" (so noch bei Eisenberg nachzulesen), sondern im Deutschen mitbestimmend für die Beziehung zwischen den Sprechern.
Nicht zu folgen vermag ich den Autoren, wenn sie - im grenzenlosen Bemühen nach Verständlichkeit - bei der Formulierung von Regeln eine Misch-und-Niemands-Sprache (Pseudo-Deutsch? Pseudo-Latein? Pseudo-Englisch?) aushecken, so etwa wenn sie die Aufzählung in "Ich spreche Italienisch, Spanisch und etwas Deutsch" als "Addition" bezeichnen (Grammatik, S. 13). Ich bleibe da doch lieber bei meiner Meinung, dass "Addition" im Deutschen eine der vier Grundrechenarten ist...
Witzig und löblich finde ich, dass die Autorinnen bei den Genera immer zuerst das Femininum anführen. Die Vorrangstellung des Maskulinum in allen geläufigen Grammatiken und Wörterbüchern ist so erdrückend und einhellig, dass jede, die noch ein bisschen Gerechtigkeitssinn hat, etwas dagegen tun sollte. Fraglich bleibt, ob die Lerngewohnheiten von Millionen und Abermillionen von Schülerinnen in aller Welt klaglos eine Kurskorrektur aus unserem kleinen mitteleuropäischen Land vertragen.
Ein weiterer Stolperstein: Als "die Bedeutung" von sollen gibt Tangram G auf Seite 6 "Angebot/Vorschlag" an. überprüfen wir doch einmal diese Erklärung anhand folgender Beispiele:
a) Die Damen vom Einschreibbüro sagen, Sie sollen
noch die Kursgebühr zahlen.
b) Wollen wir zusammen essen gehen? Ja, gern. Soll ich dich abholen?
(Tangram G, Seite 6)
c) Du sollst immer pünktlich zum Unterricht kommen!
(GI Berlin, Lehrerzimmer, Wandzeitung "Zehn Gebote
für Lehrer", Februar 1998)
d) Frau Lövis sagt, ich soll hier das Formular abgeben.
(Moment mal AB 1, S.48)
e) Du sollst nicht töten!
Kommentar:
In einem Lehrwerk sollen mit "Angebot/Vorschlag" zu umschreiben, grenzt an Sektiererei. Diese Bedeutungsvariante ist zwar nicht gar so selten - keine der Standardgrammatiken erwähnt sie - aber sie erzeugt im Lernenden eine falsche Vorstellung der Geltung der mit sollen verwendeten Äußerungen.
Ein Land stellt sich nicht nur durch seine Menschen, sondern auch durch seine Bauwerke dar. Die Autoren von Tangram 1 A haben sich entschieden, den Frankfurter Flughafen (bzw. den Münchner Großflughafen) als einziges deutsches Bauwerk zur Geltung kommen zu lassen. Nun, man mag zugeben, dass die hunderste Wiederholung des Brandenburger Tors, des Hofbräuhauses oder der Berliner Mauer auf den Lehrer nicht sehr verlockend wirkt. Für den Lernenden sind es aber nun einmal unverwechselbar deutsche Bauwerke, die - getreu der Devise "Vom Bekannten zum Unbekannten" - einen ersten Einstieg in die gebaute Realität Deutschlands schaffen können.
Fazit: In Tangram 1 A ist viel Scharfsinn und Neuerungswille verbaut. Mitunter wurde dabei jedoch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Das Werk wird es vermutlich schwer haben, sich durchzusetzen.
Herausgenommen:
"In Sätzen mit Modalverben gibt es meistens
zwei Verben: das Modalverb und das Verb im Infinitiv. Das Modalverb
verändert die Bedeutung eines Satzes."
(Tangram 1 A, Seite G 6).
Als echte Sorgenkinder erweisen sich einmal mehr die Modalverben. Denn die tatsächliche Verwendung dieser Verbgruppe wird in den üblichen Beschreibungsmodellen meist unzureichend wiedergegeben. An folgender Beispielsammlung sei diese Behauptung belegt:
a) Du willst nach Haus. (Tangram KB, S.69)
b) Du willst nur noch eines: raus! (Tangram KB, S.69)
c) Ich möchte einen Termin, möglichst heute noch.
(Tangram, AB Cassette 2, Lektion 5 C1)
d) Ich komme nämlich gerade aus Toronto und möchte jetzt weiter nach
Athen. Wohin
möchten Sie?
(Tangram, AB Cassette 1, Lektion 1 H2)
e) Cyrus spricht kein Englisch, Mike kann kein Suaheli. (Moment
mal, LB 1, S.33)
g) Ich mag kluge, selbstbewußte und emanzipierte Frauen. (zitty
1/98, S.230)
h) "Ohne Aufenthaltsgenehmigung dürfen Sie aber nicht nach
Deutschland!"
i) "Finger weg! Was soll das? Du glaubst wohl, du darfst
alles!"
Kommentar:
Die Beispiele zeigen, dass der Gebrauch der sogenannten Modalverben bereits auf sehr niedrigem Sprachniveau ohne Infinitiv gang und gäbe ist. Die Vorstellung, Modalverben "modifizierten" (Duden-Grammatik) oder "flexibilisierten" (Weinrich) grundsätzlich ein anderes Verb, ist irreführend. Ebenso wenig trifft die Meinung zu, Modalverben bezeichneten grundsätzlich ein "Handlungsziel" (A. Redder).
Keine einzige der z.Zt. verbreiteten Standardgrammatiken (Eisenberg, Duden, Helbig/Buscha, Engel, Weinrich) behandelt Sätze des aufgeführten Typs auch nur als Problem.
Unsere Lehrwerke, die ja vielfach nur den üblichen "Stoff" anders aufbereiten, - und das gilt nicht nur für Tangram - versäumen meist, verkrustete Lehrmeinungen zu überprüfen.
Copyright © 1998 by Johannes Hampel