Matthias Merkelbach

... eins davon in Korea


Der fremde Himmel überspannte den Augusttag wie dessen Tuch das Innere des Heißluftballons. Fast 40 Grad Celsius, feuchtschwül, weshalb ich kaum zu atmen vermochte, als ich nach einer zwanzigstündigen Odyssee via Paris endlich gelandet war. Aha! Kimpo International Airport, Seoul - und schon ging es auf der Stadtautobahn im Schrittempo durch die Siedlungsschluchten und später am Han-Fluß in Richtung des Dorfes Miho und seiner Korea National University Of Education, deren Deutschlektor ich werden sollte. Als wir zwei Stunden später die Stadtgrenze überschritten hatten und an einer Autobahnraststätte einen Kaffee tranken, konnte ich die Augen nur mit Mühe offenhalten und fragte Professor Hwang aus Höflichkeit, ob das wohl japanische Automobile wären, die hier führen? Da mußte ich mich erstmals belehren lassen, daß in Süd-Korea vieles anders ist und kaum dem Bild entsprach, wie ich es ich mir entworfen hatte.

Einige Monate später fand ich heraus, wie sehr solche Erfahrungen des Auftakts Allgemeinplätze ausländischer Lehrkräfte sind - die Einsamkeit des ersten Wochenendes auf dem Plastikboden des Apartments mit seinen 2.30 Meter hohen Decken und jenen bunten Sandalen auf den Fliesen des Bads, wo durchs Mückengeschwirr im Neonlicht die Frage summt: "War es womöglich ein Riesenfehler...?" Einige Monate später fand ich es heraus, und wie wohltuend war's nun, im Schneidersitz, der nicht mehr schmerzte, während man mit vermeintlicher Kennerschaft über den Makoli und die Muscheln zu schwadronieren wußte, sich im Verein mit den Alteingesessenen ein wenig zu belächeln.

Dieses Lächeln hatte seinen Preis gehabt und trug zugleich die Antwort vor, daß es mitnichten ein Fehler gewesen war, sich aufs fernöstliche Intermezzo eingelassen zu haben. Von Anbeginn an der KNUE seitens der Professoren der deutschen Abteilung herzlich aufgenommen und mit Respekt behandelt, hatte ich das familiäre Verhältnis des Lehrkörpers zu den Studenten bald ebenso schätzen gelernt wie die Tatsache, daß mir bei Unterrichtsplanung und -gestaltung nie jemand über die Schulter sah. Bis heute bin ich unerachtet finanzieller Nachteile dankbar, in welchem Umfang mir in Korea Chancen und Spielräume zugestanden wurden, die ich in Deutschland schmerzlich vermißte und künftig vermissen werde. Hierzu zählen nicht zuletzt pragmatischerseits die Arbeitszeitbelastung von zehn Wochenstunden, das eigene Büro und ein Apartment, für das ich lediglich die Betriebskosten abführte, von der exquisiten Speisekarte des Landes ganz zu schweigen.

Demgegenüber muß die Bilanz meiner Lehrtätigkeit als solcher negativ ausfallen. Die Absolventen eines vierjährigen Hauptfachstudiums an der Korea National University Of Education sind mit Blick auf eine Lehrtätigkeit in der Fremdsprache Deutsch kaum in der Lage, einen Satz zu formulieren oder einfache Fragen zu beantworten. Nach Richtlinien, die z.B. eine Weiterbildung in Betracht zögen, wären die meisten als Anfänger einzustufen. So ist der Ausbildungsstand derer, die mit Pathos und akademischem Brimborium ins Leben entlassen werden, nichts weniger als erschütternd und für eine sprachbezogene Tätigkeit im Grunde niemand qualifiziert.

Das ist meines Erachtens nicht (nur) den Mängeln von Lehrplänen, fehlenden fachinternen Foren zur Didaktik und Methodik oder etwa einer geringen (Sprach-) Kompetenz der Professoren zuzuschreiben. Hauptschwierigkeit ist die fehlende Motivation der Studentenschaft selbst, die langfristig jedem pädagogischen Kniff widersteht und außerhalb des Absitzens der Unterrichtsseminare ihrem Studium auch in landeskundlicher, ergo interkultureller Hinsicht wenig Interesse entgegenbringt. Am Wochenende wird sich die Zeit mit Fernsehen, Computerspielen, "Nore-bang" oder dem Besuch von "Lotte World" vertrieben, indessen viele überzeugt sind, sie litten unter dem Bannfluch des IMF und tausender Überforderungen durch das Studium selbst. Wie wenig Vorstellungen, Ideen, Gedanken zum eigenen Leben - nämlich über den Tellerrand der Prüfungsordnung hinaus - in Kreisen dieser ein-, zwei-, dreiundzwanzigjährigen Menschen zirkulieren und inwieweit sie längst aufs Gleis des naiv patriotischen Konservatismus' gesetzt sind, solcher alles Dasein vorort durchdringt, hat mich zum Ende meines Aufenthalts zunehmend verblüfft.

Kaum darf es erstaunen, daß sich die früh abzeichnenden Gegensätze zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei älteren auf fatale Weise chronifizieren. In einer Gruppe von Gymnasiallehrern, die in den Winterferien mein dreiwöchiges Blockseminar zur Fachdidaktik besuchte, befand sich eine unverheiratete Frau von 36 Jahren. Das bei zwei männlichen Kollegen aufgestachelte Unverständnis für ihren Status gipfelte auf der Abschlußfeier schließlich in der vom Soju-Genuß gelockerten, wortwörtlich (auf deutsch) geäußerten Erkundigung: "Wie oft hast du es schon getrieben? Sag, wie oft?"

Als ich zum Beginn des Sommersemesters von einer Reise nach Mexiko zurückgekehrt war, lautete die erste, seitens einer Professorin in der Mensa an mich herangetragene Frage: "How much money did you spend?" Das nächste, von einem deutschkundigen Pädagogen vorgetragen, war schon keine Frage mehr und verdeutlichte mir gleich das allgemeine Desinteresse an etwaigen Reiseschilderungen: "Na, in Korea ist es doch am schönsten!"

Zwei signifikante Beispiele aus einer Reihe von Irritationen, die einem Ausländer begegnen können und in Ursache und Ausmaß nicht ohne weiteres einzuschätzen sind. Desungeachtet vertrete ich die Ansicht, daß vielen hiesigen Charakteren etwas zwanghaftes und gezwängtes eigen, eine Liebe zum Geld so verbreitet ist wie die Überhebung der Nation. Vielen, wohlgemerkt, nicht allen! Reihum kann einer demgegenüber den in konfuzianischer Tradition gewachsenen, rigiden Kollektivismus der koreanischen Gesellschaftsidee aus dem alltäglichsten herauslesen, welcher gerade aufgeschlossenen Geistern kaum die Luft zum Atmen lässt.

Ist nun mein Resümee mehr Kritteln als Kritik, dankt es sich einer als beschränkt einzuschätzenden, eurozentristischen Sichtweise, die der mentalen und historischen Kluft nicht gerecht wird oder werden will? Nein, solch Differenz, die Bücher füllen könnte und es auch tut, ist derart augenfällig, daß sie nicht vom gewandtesten Demagogen unbeschadet geleugnet werden könnte. Zum anderen würde dem amerikanisierten Staat in der Krise, welcher vor Stolz auf den technischen und ökonomischen Wandel der letzten Jahrzehnte schier platzt und sich in die Brust wirft, ein Wechsel seiner Perspektive dringend nottun, ist doch Selbstkritik das nach wie vor höchste Tabu.

Mir persönlich erschien Korea somit als ein Land, in dem das "Wenn" allerorten großgeschrieben werden muß. Bei Fahrten durch die Provinz dachte ich oft daran, was für einen Eindruck es auf mich gemacht hätte, wenn ich vor 30 Jahren hätte hierherkommen können, als Landschaft und Natur noch intakt waren? Heute sind viele malerische Ausblicke durch einen oder mehrere Kästen aus Stahlbeton ruiniert, erscheint abseits der Nationalparks die Natur nicht selten auf beispiellose Weise zugerichtet. Denn fern buddhistischer Eremitagen oder gewachsener Dörfer ist alle koreanische Architektur ein Ausbund an Häßlichkeit, was in Relation zum hohen Preisniveau den internationalen Tourismus natürlich fernhält. Dabei fehlte es nicht an Ressourcen, ist Korea ein Flecken, dessen gegebene Reize und Möglichkeiten an diejenigen europäischer Staaten mindestens heranreichten, wenn nicht diese sogar überstiegen. Wie schön wäre es folglich, ließe sich das apostrophierte "Wenn" auf die Zukunft ausdehnen, aber sobald ich mir all die Großbaustellen in Erinnerung rufe, wo zunehmend Siedlungen hochgetürmt werden, denen zur Seite jedes deutsche Wohnsilo wie bloße Lappalie wirkt, sehe ich schwarz.

Republic of Korea - Land der Widersprüche und Absurditäten. Wie soll ich die vorhergegangenen Betrachtungen mit seinen Bewohnern in Einklang bringen, welche mich gastfreundlich aufgenommen haben und meinen Aufenthalt über die Monate mit Anteilnahme und Interesse begleiteten? Haben die Runden im Kreis der Studenten und Professoren auch nie offene, kritische Stellungnahmen zugelassen, konnten mir Lebensfreude und Herzlichkeit dieser Menschen nicht gleichgültig bleiben. Mehr als eine oder einen habe ich über die Zeit liebgewonnen und schätzen gelernt, denn was die Reflexion in der Theorie vermissen ließ, machte die ein oder andere Tat in der Praxis über die Maßen wett. Hierüber viel Worte zu verlieren, liegt mir Mitteleuropäer ebensowenig - der Abstand verengt sich, man wird Mensch füreinander.

Dem Schreibtisch gegenüber hängt der Jahreskalender, dessen Zahlen auch in dieser Woche verraten, daß ich ein paar schon herumgebracht habe, eins davon in Korea. Ja, ich kann's empfehlen. So oder so.


Copyright © 1998 by Matthias Merkelbach


DaF-Szene Korea Nr. 8

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