Im alten Rom hat man einst Bullen und Bären aneinander gebunden, damit sie in der Arena gegeneinander kämpften. Heute treffen sie sich bekanntlich auf dem Parkett, ursprünglich eine Metonymie für den amtlichen Markt der Pariser Börse, der im Börsensaal, dem Parquet, stattfand. Der Bulle steht metaphorisch für den risikobereiten und aggressiven Optimisten, sein Gegenspieler ist der pessimistische und defensive Bär. Während der Bär in Erwartung eines Preisverfalls zum Verkauf neigt, setzt der Bulle auf das Steigen der Kurse und gibt Kauforders aus. Von Frankfurt über New York und Hong Kong nach Seoul: das Spiel zwischen Bulle und Bär hat sich weltweit als Symbol für den Aktienhandel durchgesetzt (Cf. FAZ, 8.8.98, TAGESSPIEGEL 16.8.98, etc.).
Aber warum sollte ich mich um die Börse kümmern? Eigentlich bin ich Literaturwissenschaftler, und als solcher unterrichte ich seit Februar 98 in Taegu an der Keimyung-Universität. Unter den Kursen, die mir dieses Semester zugewiesen wurden, lautet der, der mich fachlich am meisten interessiert und herausfordert, schlicht Goethe. Wenn ich mich also im folgenden auf fremdes Terrain begebe, dann sicher nicht, um Literatur als Unterrichtsgegenstand zu demontieren. Mein Artikel ist als eine kleine Intervention in die Auseinandersetzungen gedacht, die das letzte Treffen der Lektorenversammlung im Anschluß an die Ausführungen von Werner Hess (Hong Kong Baptist University) geprägt haben. Dort spielt Germanistik als Nationalphilologie nicht die geringste Rolle, statt dessen wird im Rahmen von European studies in erster Linie business German unterrichtet.
Auch internationale theoretische Trends legen nahe, daß es nicht der Kanon der Höhenkammliteratur ist, der den exklusiven Zugang zu einer Kultur gewährt. In den cultural studies, im New Historicism, bei diskurstheoretischen Ansätzen etc. werden literarische Werke zu einer unter vielen anderen nutzbaren Quellen. Selbst die Germanistik in der Bundesrepublik hat die Herausforderung durch die Kulturwissenschaft in Forschung und Lehre angenommen, als eine praktische Auswirkung dieser Öffnung auf die Curriculumsdiskussion zeichnet sich dort ebenfalls eine zunehmende Deprivilegierung von Literatur ab.
Mein Plädoyer geht nun in die Richtung, Wirtschaftsdeutsch oder Literatur nicht als starre Alternativen zu begreifen. Ich möchte am Beispiel der Sprache des Aktienhandels eine vermittelnde Position einnehmen und zeigen, daß es nicht notwendig ist, im Literaturstudium erworbene Fähigkeiten, theoretisches Wissen und kritisches Denken am Eingang ins Imperium des business German abzugeben.
Ich stelle mir also zunächst vor, meine Studenten erarbeiteten sich im 4 Studienjahr nicht mehr die verwickelte Semiotik einer Sprache der Liebe in Goethes Werther, sondern den Börsenbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Man möchte annehmen, daß die Börse ein Ort ist, an dem eine Art 'reinere' Sprache herrscht, mit einer auf technische Funktionalität hin ausgerichteten spezifischen Wirtschaftslexik. Doch schon ein oberflächlicher Blick zeigt, daß diese Vorstellung nicht ganz adäquat ist. 'Gipfelstürmer' mit 'Zocker'-Mentalität stürzen sich dort meist lustvoll, mit einem Auge immer auf das Börsen-'Barometer' schielend, von 'Auguren' beraten, in rasante 'Berg- und Talfahrten'. Gerade Artikel aus dem Börsenteil der Zeitung bergen in der Regel eine derartige Fülle an Rhetorik, zu deren Verständnis meines Erachtens auch eine relativ allgemeine sprachliche und kulturelle Sensibilisierung erforderlich ist.
Krisen in Asien, in Rußland und Lateinamerika, ein schwacher Dollar und damit einhergehend eine Gefährdung deutscher Exporte hängen mit der Entwicklung der dreißig Standardwerte des Deutschen Aktienindex (Dax) eng zusammen. Das Thema Aktienhandel schließt also eine nationale Verengungen der Perspektive von vornherein aus. Die globale Vernetzung der Finanzmärkte macht gewissermaßen "Weltliteratur" aus dem Börsendiskurs, auf den sich - so betrachtet - auch postkolonial gestimmte Gemüter einmal einlassen sollten.
Zahlenmagie
Der Deutsche Aktienindex, kurz Dax , wurde 1988 geschaffen, die Zählung begann mit 1000 Punkten. Im Herbst 1993 überschritt er die Marke von 2000 Punkten, 1997 die von 3000 und 4000 Punkten, 1998 ließ er 5000 und 6000 Punkte hinter sich zurück, um bis zum 21. Juli seinen bisherigen Höchststand von 6224,50 Punkte zu erreichen. Scheinbar handelt es sich nur um Zahlen, folgt man aber dem Kommentar der FAZ, dann haftet diesen ein denkwürdiges Eigenleben an:
"Schon eine Abweichung um Nuancen kann eine überproportional hohe Bedeutung erlangen, wenn nämlich der Index um eine aus psychologischer Sicht wichtige Kursmarke schwankt. Also solche gelten beispielsweise die runden Tausenderzahlen, die der Dax in jüngster Zeit immer schneller erreicht und überwunden hat. Im Vorfeld eines solchen Etappenziels auf dem Marsch in höhere Kursregionen herrscht unter den Akteuren an der Börse, unter Anlegern wie Analysten Unsicherheit: Gelingt der Ansturm, strömt dies allgemeine Zuversicht aus, schlägt er fehl, verbreitet sich häufig eine gewisse Lethargie im Handel." (FAZ, 11.7. alle Zitate in diesem Artikel stammen aus dem Jahr 1998)
Trotz diverser Krisen, im Oktober 1987 und 1989, im August 1990 und 91, zuletzt im Oktober 97 und während ich gerade diese Zeilen tippe, schien sich die Aufwärtsentwicklung des Dax weit in die Zukunft projizieren zu lassen. Aus dem Schweizer Bankhaus Julius Bär konnte man hören, binnen weiterer zwölf Monate sei der Dax "bei mindestens 7000 Punkten" (FOKUS 34). Der Trend geht dahin, Aktien zur Alterssicherung zu erwerben. Im SPIEGEL wird folgende Rechnung aufgemacht. Ein Arbeitnehmer bezahlt 45 Jahre lang den monatlichen Höchstsatz in die gesetzliche Rentenkasse ein und erhält bei Renteneintritt 1998 DM 3726,- monatliche Rente. Wären die Beiträge statt dessen in einem repräsentativen Aktienfonds angelegt worden, dann könnte der Arbeitnehmer auf einen Kapitalstock von 1,7 Millionen Mark zurückgreifen und erhielte DM 12800,- allein aus der Rendite - ohne sein Kapital anzutasten (SPIEGEL 32). In der FAZ feiert ein Kommentator die Entstehung einer deutschen "Aktienkultur" nach "angelsächsischem Vorbild", deren "wichtigste Triebfeder" die "zunehmende Bedeutung der privaten und betrieblichen Altersvorsorge" sei (FAZ, 21.3).
Diese Basisdaten haben einen eigentümlichen rhetorischen Effekt, der die Subjekte zu "Bullen" konstituiert. Die Genauigkeit, mit der sie präsentiert werden - so meine These - suggeriert Meßbarkeit, Berechenbarkeit und damit Kontrollierbarkeit des Marktgeschehens, auch wenn das Zustandekommen der Zahlen für diejenigen, die sich Gedanken um ihre Rente machen, gar nicht überprüft werden kann.
Der Dax wird in den Medien zum Helden anthropomorphisiert, der scheinbar unaufhaltsam eine magische Grenze nach der anderen überschreitet. Jeder Tausender wird zum Ereignis, das den Dax auf die Titelseiten der Presse katapultiert. Folgt man Lotmann, dann zeichnen sich gerade die Helden literarischer Texte dadurch aus, daß sie in der Lage sind, Grenzen wie die zwischen arm und reich zu überschreiten. Der Traum, reich zu werden - läßt er sich nicht an der Börse am besten träumen? Warum sollte man sein Geld beim Buchhändler reihenweise in romantischen Schwarten anlegen, wenn in der Bankfiliale nebenan ein bedeutend spannenderer Roman zu haben ist?
In der ZEIT wird die Funktionsweise der angesichts einer Jahrhunderthausse groß in Mode gekommenen Optionsscheine, der Calls, so erklärt. Man zahlt DM 80,- für das Recht, innerhalb eines Jahres 100 Aktien zu einem Preis von DM 800,- kaufen zu können. Die Aktie legt um 25% auf DM 1000,- zu. Man übt sein Optionsrecht aus und macht pro Aktie DM 120,- Gewinn. Bezogen auf den Einsatz von DM 80,- wären das 150% Gewinn. Die ZEIT ist im Grunde ein "Bären"-Magazin, was man an dem fairen Hinweis hinter dem Beispiel auch gut erkennen kann: "Alle Zahlen fiktiv" (ZEIT, 13.8.).
Aber die Frage, ob man hier business German oder Literatur liest, drängt sich so richtig erst auf, wenn man die kollektiven Bilder des Börsendiskurses genauer unter die Lupe nimmt. Ich konzentriere mich dabei auf zwei Bereiche, auf Sport- und auf Vehikelmetaphern.
Aktienhandel = Sport
Aktienhandel ist vor allem Bergsteigen: Seit 1985 ging es mit dem Dax "fast ausnahmslos bergauf" (FAZ, 21.3.). Beim "Gipfelsturm der Aktienkurse" ist der Dax im März 1998 auf "4889,65 Punkte gestiegen". Der Kommentar dazu lautet, im Zuge des "jüngsten Rekordlaufs der Aktienkurse" werde er wohl schon bald über die "psychologisch wichtige Hürde von 5000" Punkten "springen" (FAZ 14.3.). Am 20. März war es so weit: Der Dax hat "zum ersten Mal in seiner Geschichte" nach "mehreren Anläufen" die "Marke von 5000 Punkten übersprungen". Damit setze er einen "Lauf" fort, den der Kommentator mit dem "Marathon" vergleicht. An anderer Stelle heißt es, es sei "geschafft". Der Dax sei "über 5000 Punkte geklettert" (FAZ, 21.3.). Und am 8. Juli schon, wenige Tage nach seinem "10. Geburtstag", ist der Dax "zum ersten Mal in seiner Geschichte über die Marke von 6000 Punkten geklettert" (FAZ, 9.7.).
Typisch sind die Katachresen, die Bildbrüche, in diesem Diskurs: Vom Bergsteigen geht es über den Hürdenlauf zum Hochsprung quer durch die olympischen Disziplinen. Das tertium comparationis zum Sport hin besteht darin, daß das Feld der konkurrierenden Marktteilnehmer auf immer neue Rekordmarken ausgerichtet wird.
Im Gebirge droht der Erdrutsch, die Börsenrhetorik kennt eine entsprechende Metapher, wie zum Beispiel in der folgenden Schlagzeile: "Starker Kursrutsch an den Börsen rund um die Welt" (FAZ, 12.8.). Wenn der Dax gerade im Hochgebirge klettert, sind auch "Stürme" in "Tokio, Peking, Moskau und Lateinamerika" gefährlich. Da Europa zudem nicht vor der "asiatischen Grippe geschützt" sei, wie die Analysten sagen, ist es zumindest aus der Rhetorik dieses Diskurses heraus fast unvermeidlich, daß ein "Kurssturz" dem Bergsteigen ein Ende macht (TAGESSPIEGEL, 16.8.): "Binnen gut drei Wochen stürzte der Deutsche Aktienindex (Dax) um fast 1000 Punkte ab." (ZEIT, 13.8.)
Der Abwärtstrend der Kurse im Sommer und Herbst 1998 wird durch dramatische kollektive Bilder untermalt, die zwar wenig erklären, doch ihre eigene bestechende Logik haben. Aktienhandel ist zum Beispiel Schlittschuhlaufen, im Prinzip eine schöne Sache, aber ehe man sich versieht, "brechen die Kurse ein" (FAZ, 12.8.) - eine Disziplin mit Risiken.
Aktienhandel = Fortbewegung mit Vehikeln
Im Oktober 1997 drohten die Börsen, "in den Strudel der asiatischen Krise zu geraten" (FAZ, 21.3.). Aber Mitte März 1998 lautete die Schlagzeile: "Der Dax nimmt Kurs auf 5000 Punkte" (FAZ 14.3.98). Auf dieser Reise wechselt man bequem vom Schiff zur Eisenbahn, immer mehr Anleger springen "auf den Börsenzug" (FAZ, 21.3.98). Weiter geht es mit dem Auto: "Die Börse ist keine Einbahnstraße", warnt FOKUS, aber rät, bei einem "Crash" nicht "in Panik" zu verkaufen (FOKUS 34). Als der Dax am 27. Juli "unter 6000 Punkte fiel", war von einer "Talfahrt" die Rede (FAZ, 28.7.). "Vollgastypen" lassen sich davon nicht beeindrucken, sie kaufen "Calls", die riskanten Kaufoptionen, und wem das nicht genug "Nervenkitzel" bereitet, der "schaltet einfach den Turbo an": "Turbooptionsscheine sind Optionsscheine auf Optionsscheine" (ZEIT, 13.8.).
Als die Kurse begannen, sich ungünstig zu entwickeln, gaben die Analysten die Losung aus, es handle sich um eine "Konsolidierung", die "Kursverluste" werteten sie als "normale Gewinnmitnahmen", die sich an einen "Höhenflug" anschlössen (28.7.). Fliegen ist eine Alltagserfahrung geworden, an die die Rhetorik der Börse in leicht nachvollziehbaren Bildern anknüpfen kann. Schon ein leichtes Durchsacken im Flugzeug verursacht doch bei jedem eine gewisse depressive Stimmung. Mitte August 98 "sackte" dann der Dax rapide ab, und "Panikstimmung" lag in der Luft (FAZ, 12.8.). Ins business German Rüdiger Pohls vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle ist das kollektive Bild des Flugzeugs, das für ein x-beliebiges ökonomisches System stehen kann, fest integriert. Er vergleicht Krisendebatten mit denen "über die Absturzsicherheit von Flugzeugen": "Wir wissen, daß Flugzeuge sicher sind. Trotzdem kann niemand ausschließen, daß eins explodiert" (ZEIT, 3.9.). Dieses diskursive Krisenmanagement hat die wichtige Funktion, kollektive Paniken schon im Ansatz zu unterdrücken.
Von den Aktien am Neuen Markt heißt es, ihr "Kursfeuerwerk" habe zu einem "unbekannt extrem hohen Bewertungsniveau" geführt (FAZ 14.3.98). Da mag manche Aktie rasch verglühen. Aber auch einem elaborierten high-tech-Vehikel sind Grenzen gesteckt. Der Kommentator der FAZ merkt zur Entwicklung des "Dow-Jones" an, selbst wenn er sich "wie eine Rakete" bewege, er könne sich "den Gesetzen der ökonomischen Schwerkraft nicht entziehen". Es sind diese Metaphern, mit denen für das Geschehen an der Börse Evidenz erzielt wird. Mancher wird dem Impuls nachgeben wollen, aus einem Vehikel, das sich nicht ganz wunschgemäß bewegt, auszusteigen. Ein Analyst erklärt dagegen, bald käme die "Zeit zum Wiedereinstieg am Aktienmarkt": man müsse nur "etwas warten und dann einsteigen" (FAZ, 28.8.). Folgt man diesem Appell, dann verhält es sich mit dem Risiko des Aktienhandels etwa so wie mit den Gefahren, die bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel einzukalkulieren sind. Am Ende erreicht man sein Ziel doch.
Normalismus
Mitte März prognostizierte die Commerzbank, in "Übertreibungsphasen" seien beim Dax "5250 Punkte möglich" (14.3.98). Aktienhändler haben es immer wieder mit überraschenden Entwicklungen zu tun, und so stand dann der Dax im Juli wider Erwarten schon bei 6000. Was gestern noch als extrem hoch galt, betrachten Analysten heute schon als normal und morgen gar als zurückhängend. Die Grenzen der Normalität müssen sie, auch mit Rücksicht auf ihre Kundschaft, immer neu festlegen, mit Jürgen Link (Universität Dortmund) kann man von einem Flexibilitäts-Normalismus sprechen (Versuch über den Normalismus, 1997). Der als Börsenguru bekannte Analyst Andre Kostolany betrachtet auch die "Kurseinbrüche" im August als "normale Bewegungen der Börse" und erwartet "längerfristig einen weiteren Anstieg der Kurse" (TAGESSPIEGEL, 16.8.). Als sich der Dax Ende August den 5000 Punkten nähert, wird dies im FAZ-Kommentar als eine "Korrektur" bewertet, die "Kurse" seien "überrreif" gewesen, das habe für die Märkte etwas "Reinigendes" (FAZ, 28.8.). Ein Aktienfondsmanager der Union Investment bewertet die "nervösen Kurssprünge" Anfang September als vernachlässigenswert, wenn man "langfristig" denke: "So wie das eine Extrem - das Rekordniveau vor sechs Wochen - übertrieben war, so ist auch das gegenwärtige Extrem übertrieben. (FAZ, 4.9.98). Während ich an diesem Artikel schreibe, in der zweiten Oktoberwoche 1998, hat sich der Dax gerade bei 4000 Punkten einigermaßen gefangen. Doch das diskursive Management des Dax legt nahe, daß er langfristig seine exponentialen Wachstumsraten fortsetzen werde. Die Aktienkurse werden symbolisch kultiviert. Am Bärenmarkt werden Durchhalteparolen ausgegeben, und kaum steigen die Kurse wieder, bricht eine rhetorische Euphorie aus, die immer mehr mit Recht um ihre Rente besorgte Kleinanleger zu Mitgliedern der shareholder value society macht. Dort sitzen sie nun zusammen mit den Großanlegern im 'Fahrstuhl' der Risikogesellschaft. Die Rente ist sicher, so lange der 'Aufzug' nach oben fährt. Ein großer Teil der rhetorischen Energien, die im Börsendiskurs zirkulieren, haben die Funktion, einen Aufwärtstrend im Verbund mit einem stabilen Sicherheitsgefühl zu organisieren.
Foreign cultural literacy ist ein Schlagwort aus der aktuellen Lernzieldiskussion in den US-amerkanischen German studies. Damit ist die Fähigkeit der Studenten gemeint, sich in einem anderen kulturellen Rahmen erfolgreich zu bewegen. Hier spielt Wirtschaftsdeutsch schon heute eine Schlüsselrolle, doch ein reduktionistischer Purismus verfehlte seinen Zweck. Sportarten wie Bergsteigen im Hochgebirge, Schiffahrt im Strudel und Fliegen durch Turbulenzen sind auf den ersten Blick Gegenstände von Abenteuerliteratur. Bei der Annäherung und beim überschreiten bestimmter Grenzen macht sich Nervenkitzel bemerkbar, Gefahr droht, Entscheidungen über Leben und Tod müssen gefällt werden, man hofft auf ein happy ending. Gut belesene Studenten verfügen über diese narrativen Muster und können sie bei der Interpretation des Börsendiskurses einsetzen. Dieser ist von einer hochdramatischen Sprache durchsetzt, und deren Konnotationen dürften sich dem auch literarisch sensibilisierten Leser durchaus leichter erschließen. Allein das rhetorische Ornat macht aus dem Börsendiskurs sicher noch keine Weltliteratur im Sinne Goethes. Dennoch liegt hier eine elementare Form von Literatur vor, die sich nicht auf eine strenge Logik des Kaufens und Verkaufens reduzieren läßt. Um sich 'bärisch' zu verhalten, muß man erst einmal am pejorativen Beigeschmack dieses Attributs vorbei. Ein Universitätsstudium mit dem Schwerpunkt business German sollte im fortgeschrittenen Stadium auch zur kritischen Analyse und Reflexion dieser Sprache und ihrer kollektiven Bilder führen.
Copyright © 1998 by Thomas Schwarz