Vom 30.10. bis 01.11.97 fand die Tagung des taiwanesischen Germanisten- und Deutschlehrerverbandes in Taipeh statt, an der auch Gäste aus Japan (Prof. Yutaka Wakisaka /Akashi) und Korea (Prof. Kim, Rae-Hyeon, Anke Stahl / Seoul Frauen Uni) teilnahmen.
Während am 1. Sitzungstag vor allem Interna des noch relativ jungen Verbandes (Geschäftsbericht, Budgetplanung etc.) besprochen wurden, bot der 2. Sitzungstag ein reichhaltiges Programm interessanter und vor allem praxisorientierter Beiträge zum Thema "Deutschunterricht in Taiwan", wobei der Schwerpunkt ganz eindeutig auf "Literaturunterricht" lag.
Die Thematik der Beiträge gab interessanterweise schon eine indirekte Anwort auf die am Vorabend geführte Diskussion, ob in Zukunft Themen mit mehr Praxisbezug der Vorrang gegenüber der "reinen Wissenschaft" gegeben werden sollte.
Zwei der gehaltenen Referate beschäftigten sich mit neueren DaF-Lehrwerken: "Die Suche" und "Elemente" (Burkhardt Allner: Literatur und Sprachlehre in neueren Lehrwerken für DaF / Yutaka Wakisaka: Begriffserweiterung der "Literatur" und Anwendungsmöglichkeit literarischer Texte im Deutsch-Anfängerunterricht - Bsp.: "Die Suche"). Da "Die Suche" in Taiwan bisher noch nicht eingesetzt wurde, gab es an die TeilnehmerInnen aus Japan und Korea, wo schon seit etwa zwei Jahren damit gearbeitet wurde, eine Reihe von Fragen nach Erfahrungswerten, wie sich der Einsatz in der Praxis bewährt hat und vor allem wie das Lehrwerk von den Studierenden angenommen wurde.
Die anderen Beiträge boten ein breites Spektrum von Beispielen aus dem Literaturunterricht. Ob es sich nun um Kurzgeschichten (Agathe Bramkamp: "Wo ich wohne" und andere Ungewöhnlichkeiten: Ilse Aichinger im DaF-Unterricht / Shieh, Jhy-Wey: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser - Fünf Beispieltexte für den Literaturunterricht), Märchen (Li, Ai-Hwa: Eine methodische Untersuchung zur Vermittlung der Grimmschen Märchen - Möglichkeiten bei der Gestaltung des Märchenunterrichts), Konkrete Poesie (Peter Jaumann: "Schweigen ist Gold". Zum Einsatz von Konkreter Poesie im Deutschunterricht) oder sogar - Sie werden staunen - die Bibel (Schw. Fidelis Göbbel: Literarische und andere Aspekte zum Bibelkurs) handelte, die Beispiele (mit Bild- und Textmaterial anschaulich präsentiert) zeigten einmal mehr, wie vielfältig, motivierend und gewinnbringend Literatur für Deutschlernende einsetzbar sein kann.
Der Beitrag aus Korea (Kim, Rae-Hyeon: Literaturunterricht in einer Zeit der Globalisierung) stellte die spezifischen Probleme der koreanischen Germanistik heraus, mit denen sich seit geraumer Zeit alle Deutschabteilungen in Korea konfrontiert sehen, und die auch für die LVK seit längerem Anlaß sind, konkrete Schritte zur Verbesserung der Situation zu unternehmen. Die taiwanesische Germanistik sieht sich bislang noch nicht einer solchen "Bedrohung" ausgesetzt, zumal erst seit diesem Jahr (nach langem Drängen des Verbandes) Deutsch als zweite Fremdsprache an den Oberschulen in Taiwan eingeführt worden ist. Jedoch sieht man auch dort mittelfristig dieses Problem auf die Germanistik zurollen, zumal dazu die beruflichen Einsatzmöglichkeiten für GermanistikabsolventInnen noch weitaus begrenzter als in Korea sind.
Sehr zum Gelingen der Tagung hat die hervorragende Organisation beigetragen. Kulturelle Höhepunkte wie die Darbietung deutscher und taiwanesischer Lieder durch eine berühmte taiwanesische Sopranistin haben ebensowenig gefehlt wie kulinarische Freuden aus der Küche des Landes. Ein besonders beeindruckendes organisatorisches Detail (und die KollegInnen in Taiwan mögen mir verzeihen, wenn ich das hier noch einmal so ausführlich beschreibe) war für mich die strikte Begrenzung der Rede- (20 min) und Diskussionszeit (10 min). Eigens zu diesem Zweck wurde eine Klingel betätigt, die dem jeweiligen Referenten bereits nach 15 und nach 18 min die ihm verbleibende Zeit energisch ins Gedächtnis läutete. Für Fragen bzw. Diskussionsbeiträge stand jeweils 1 min (!!) zur Verfügung, wodurch die Gefahr evtl. Co-Referate schon im Keim erstickt wurde, und so konnte die Zeitplanung im großen und ganzen erfolgreich eingehalten werden. (Ich meine, ein durchaus nachahmenswertes Beispiel!)
Um Diskussionen fortzuführen, zu vertiefen, um weitere wissenswerte Informationen zu bekommen, dafür gab es auch außerhalb des offiziellen Programms viel Gelegenheit. Die KollegInnen in Taiwan haben nach besten Kräften dafür gesorgt, daß wir uns als Gäste rundherum wohlgefühlt haben.
Besonders wenn man aus Korea kommt, muß einem sofort die aufgelockerte, entspannte Atmosphäre, das unkomplizierte menschliche Miteinander, das die Tagung von Anfang bis Ende begleitet hat, auffallen. Das kann nicht nur am subtropischen Klima Taiwans liegen, das wir Anfang November noch in seiner ganzen Milde und Wärme erleben konnten.
So haben wir nicht nur viele gute Anregungen und Ideen wieder mit zurückgenommen, sondern auch die bleibende Erinnerung an viele wertvolle und fruchtbringende Gespräche, auf deren Grundlage es nun nicht mehr so schwierig sein dürfte, die taiwanesische und die koreanische Germanistik näher zusammenrücken zu lassen.
Copyright © 1998 by Anke Stahl