Stefan Bucher (Hrsg.) Fehler und Lernerstrategien. Studien am Beispiel DaF in Korea, erschienen in der Werkstattreihe Deutsch als Fremdsprache. Herausgegeben von Rolf Ehnert, Hartmut Schröder und Muneshige Hosaka, Bd. 59, ISBN 3-631-31755-7, Frankfurt/M: u.a.: Peter Lang Verlag, 1997, 177 Seiten, DM 65,-.
Institutionalisierter Fremdsprachenunterricht ist in der Regel ein Tanz um den Fehler. Ich erinnere mich z.B. an Englischunterricht im Gymnasium, wo jeder Schüler so lange vorlesen "darf", bis er einen Aussprachefehler macht. Dann kommt der Nächste dran. Beim Abfragen von Vokabeln gibt ein Lateinlehrer für jedes falsche Wort eine Note schlechter und es setzt einen Tadel für Faulheit. Die Französischlehrerin klopft mit ihrem Knöchel auf das Pult, wenn man das Adjektiv vor das Nomen stellt statt dahinter. Im Griechischunterricht an der Uni quittiert der Professor eine falsche Stammform mit gequältem Stirnrunzeln. Ich gebe diese persönlichen Erinnerungen wieder, weil ich mir sicher bin, daß jeder, der eine Sprache institutionell gelernt hat, mit ähnlichen Erlebnissen aufwarten kann. Die Sozialisierung von Lernverhalten durch die Reaktion auf "Fehler" ist so tief in der Persönlichkeit verankert, daß sie unweigerlich auf die eine oder andere Weise im eigenen Unterrichten tradiert wird und zwar meistens, ohne daß die jeweiligen Prägungen bewußt sind.
In der koreanischen Gesellschaft, die besessen ist davon, ihre Mitglieder in eine soziale Hierarchie einzuteilen, nimmt der Fehler als Gradmesser von Lernerfolg einen besonders hohen Stellenwert ein. Jeder Schüler kennt seinen durch Noten ermittelten Rang in der Klassenhierarchie. So werden Fehler zum Instrument von HerrschaftsausÜbung: Je weniger Fehler ein Lerner macht und dies in Prüfungen unter Beweis stellt, desto mehr Respekt wächst ihm zu, desto mehr Zugang zu Autorität steht ihm in der Gesellschaft künftig zu. Der bekannte koreanische Schriftsteller Yi Mun-Yol beschreibt dies brillant in seiner Parabel auf die Macht "Our Twisted Hero" anhand der Figur des Schülers Sokdae, der seine Mitschüler dazu zwingt, für ihn fehlerfreie Prüfungen zu schreiben, und die ihm dann zufallende Rolle als Klassenbester brutal zur Unterdrückung seiner Mitschüler ausnützt. Die Beschäftigung mit "Fehlern" hat somit neben der unterrichtsdidaktischen immer auch eine individuelle sowie eine gesellschaftliche Dimension.
Man sehe mir die Abweichung von den Stilnormen der Textsorte Rezension nach, denn ich verbinde sie mit der Hoffnung, daß der Sammelband "Fehler und Lernerstrategien", herausgegeben von Stefan Bucher - manchen Korea-LektorInnen noch bekannt als langjähriger Kollege von der Kyongbuk-National-Universität in Taegu - so nicht nur als eine weitere beliebige Publikation im Wissenschaftsgeschäft aufgenommen wird, sondern vielfältige und fruchtbare Wirkung im hiesigen DaF-Betrieb entfalten wird. Wenn es nämlich gelingt, sich aus einer subjektiv wertenden, eventuell sogar emotional negativ belasteten Einstellung gegenüber Fehlern zu befreien, eröffnet sich dem wissenschaftlich-objektivierenden Blick eine Welt absonderlicher Naturwüchsigkeit, die wundersam-eigenwilligen Gesetzen zu folgen scheint.
Die acht Aufsätze des Sammelbandes kreisen thematisch um "Fehler" beim Fremdsprachenerwerb, ihre Ursachen, ihre Beschreibung, ihre Rolle beim Fremdsprachenerwerb und ihre Therapie. Die Beiträger sind (mit der Ausnahme von Henning Wode) sämtlich durch eigene Lehrtätigkeit für Deutsch als Fremdsprache an koreanischen Schulen und Hochschulen ausgewiesen, somit kommt den Arbeiten ein hoher Praxisbezug und eine unmittelbare Relevanz für unsere eigene Unterrichtstätigkeit zu.
Seit den frühen 50er Jahren ist mit drei methodischen Vorgehensweisen versucht worden, Probleme des Fremdsprachenerwerbs, die sich in der Rolle des Fehlers kristallisieren, anzugehen. Die Kontrastive Analyse zweier Sprachsysteme hat das Ziel, Lernschwierigkeiten und Lernerleichterungen zu identifizieren, die sich in Fehlern, bzw. zielsprachlich korrekten Sprachverwendungen manifestieren. Funktion der Fehleranalyse ist es, Fehler zu identifizieren, zu klassifizieren, zu evaluieren und fremdsprachliche Lernprozesse aus fehlerhaften Verwendungen zu erschließen. Auf den Schwächen dieser beiden Ansätze aufbauend, strebt die Lernersprachenanalyse an, nicht nur durch die Untersuchung von Sprachsystemen und Fehlern, sondern von der gesamten Lernerperformanz Aufschluß über fremdsprachliche Lernprozesse zu gewinnen. Im Konzept der Lernersprache, auch Interimssprache oder Interlanguage genannt, haben Fehler eine konstruktive Funktion: sie sind Ausdruck von Hypothesen über das fremdsprachliche Regelsystem bzw. Strategien, mit der Komplexität der Fremdsprache umzugehen. Zur Lernersprache gehören aber auch fehlerfreie Äußerungen, aus denen sich Schlüsse auf Strategien ziehen lassen, mit deren Hilfe in der Fremdsprache erfolgreich Schwierigkeiten überwunden werden. Die Beiträge des Sammelbandes lassen jeweils ihre Beeinflussung durch einen oder mehrere dieser drei Ansätze erkennen und geben somit auch über ihren wissenschaftstheoretischen Ausgangspunkt Aufschluß.
Henning Wode macht mit "Neue Aufgabenfelder für die Zweitsprachenerwerbsforschung" auf den Wiedererwerb (WEW) einer einmal beherrschten, dann aber vergessenen Sprache und den bilingualen Unterricht aufmerksam. Da wir von einem bilingualen Unterricht (mit der zweiten Sprache Deutsch) in Korea wohl weit entfernt sind, gehe ich nur kurz auf den WEW ein. Das Phänomen des Wiedererwerbs von Deutsch begegnet einem im DaF-Unterricht in Korea gar nicht selten. Kinder von Koreanern, die im Ausland gearbeitet oder studiert haben, haben die Neigung, die Sprache, die sie einst spielerisch beherrscht hatten, an der Universität oder an Sprachinstituten neu zu erwerben oder sogar zu studieren. Wode kann nachweisen, daß der WEW durch seine im Vergleich zum normalen L2-Erwerb signifikant schnellere Geschwindigkeit einerseits zwar einem Wiedererwecken einst erreichter Kompetenz ähnelt. Andererseits durchläuft der WEW die gleichen Entwicklungssequenzen wie der normale L2-Erwerb, d.h. die gleichen entwicklungsspezifischen Strukturen und Fehler sind zu beobachten wie bei normalen L2-Lernern. Es muß weiteren Forschungen überlassen werden, eine Fülle noch offenstehender Fragen zu behandeln. Warum nicht auch hier mit unseren Studenten in Korea?
Der Beitrag "Hauptschwierigkeiten der Koreaner beim Deutschunterricht in Korea: eine Projektskizze" von Lie Kwang-sook ist das typische Beispiel einer Fehleranalyse. Es werden Klassen von Fehlern morpho-syntaktischer Strukturen herausgearbeitet, deren Ursache hauptsächlich dem Einfluß der Muttersprache als Interferenz geschuldet ist. Lies Kommentare zu spezifischen Problembereichen aus koreanischer Sicht erhellen so manch opake Satzkonstruktion und können auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, Respekt, wenn nicht gar Sympathie für die bizarre Systematik eines vermeintlichen Wirrwarrs zu erzeugen.
In "Semantische Interferenzfehler koreanischer Deutschlerner" identifiziert Kim Kun-Hwan als Hauptfehlerquelle der koreanischen Deutschlehrner die semantische Interferenz. Eine auf die Fehleranalyse aufbauende lexikalisch-semantische Kontrastive Analyse - im Beitrag exemplarisch anhand einiger Verben und eines Nomens durchgeführt - belegt nicht nur die Unter- bzw. Überdifferenzierung beider Sprachen im Verhältnis zueinander, sondern legt auch dar, daß die kulturspezifische Binnenstruktur der jeweiligen Lexeme im Unterricht transparent gemacht werden muß, um zu einem angemessenen Sprachgebrauch anzuleiten.
In dem Aufsatz "Fehler in der Adjektivdeklination koreanischer Deutschlerner. Indizien für Lernstrategien" unternimmt Stefan Bucher eine Fehlerdiagnose mit dem Blick auf einen möglichen Nutzen für "die Gestaltung von Unterricht und Lehrplänen und für die Entwicklung von regionalen, lernerbezogenen Lehrwerken" (S. 64). Seine aufschlußreichen Fehlerdeskriptionen und -explikationen machen zugleich die Grenzen der Fehleranalyse deutlich: wenn lernersprachliche Äußerungen aus dem Kontext des Fremdsprachenunterrichts herausgenommen werden und als statische sprachliche Daten linguistischen Verfahren unterworfen werden, gerät die vielschichtig gesteuerte Lernergebundenheit genauso aus dem Blick wie der Faktor Lernziel. Ohne die Einbettung der fehlerhaften Äußerungen in längerfristige Erwerbsverläufe und ohne die Berücksichtigung der dynamischen Variabilität der Lernersprache haben Fehlerprophylaxe und Fehlertherapie in der herkömmlichen Fehleranalyse keine solide Grundlage. Gerade die Adjektivdeklination ist dafür ein sinnfälliges Beispiel: viele der beschriebenen fehlerhaften Äußerungen würden beispielsweise in einem Gespräch zu keinen nennenswerten Kommunikationsproblemen führen.
Mit "Strategien in zielsprachiger Kommunikation" führen Frank Kostrzewaund Bok-Ja Cheon Kostrzewain die Strategieforschung ein. Die beiden AutorInnen stellen die große Bedeutung von (sprachlichen) Formeln und Routinen als Strategien in der Interlanguage heraus. In den folgenden Äußerungen einer koreanischen Deutschlernerin ist die in einem Gespräch immer wieder auftretende, automatisierte Struktur w-Fragewort + möchten sie auffällig:
(1) ja: 1 uh: was haben sie. uh: uhm wie viel jahre.. wie viel jahre/ möchten sie deine freund/jahre
(2) andere/jem(an)d/ was möchten sie 1 was möchten sie deine freund oder deine ehepaar ehepartner/ uh:m welche.. welche/ welche möchten sie finden/ freund oder ehepartner
(7) ja: und uh: uh:m was möchten sie 2 (HUSTET) deine freu.. dein freund uhm pro monat 1 verdienen (S. 91/92)
Der Einsatz sowohl von korrekten als auch von idiosynkratischen Ausdrücken und Strukturen der Zielsprache erhöht die Sprachsicherheit und stellt einen wesentlichen Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Kompetenz in der Zielsprache dar. Deshalb können in der Unterrichtspraxis Formeln und Routinen gerade dem Anfänger ein höheres Maß an Sprachsicherheit geben und motivierend wirken.
Waren Sie (mit Deutsch als Muttersprache) schon einmal perplex, als ein Gespräch auf deutsch mit einem koreanischen Muttersprachler plötzlich einen unerwarteten Sprung machte? Vermutlich sind Sie einer derjenigen Kommunikationsstrategien begegnet, wie sie Kim Ok-seon in ihrem Beitrag "Kommunikationsstrategien mit Beispielen von koreanischen DaF-Lernern" beschreibt. Kommunikationsstrategien dienen der effizienten Problemlösung im Kommunikationsverlauf und zwar sowohl bei der Produktion wie auch bei der Rezeption. Die Lektüre dieses Aufsatzes löste bei mir Aha-Erlebnisse aus, weiß ich doch nun, daß in einem Dialog wie dem folgenden die koreanische Sprecherin (LU) nicht etwa der asiatischen Bescheidenheitsmaxime folgt, sondern eine Vermeidungsstrategie einsetzt, um einem Thema auszuweichen, das ihr als momentan zu komplex erscheint:
MS: Hast du auch deutsche Autoren gelesen, Schriftsteller, Literatur?
LU: (lachen) Ich habe alles vergessen. (S. 103)
Die Beschreibung der vielen anderen Kommunikationsstrategien kann einem die Ohren dafür öffnen, wie konstruktiv auch "fehlerhafte" bzw. nicht-zielsprachengerechte LernerÄußerungen die Dialogmaschine am Laufen halten.
In dem Beitrag "Probleme der Beschreibung pragmatischer Fehler" betritt Stefan Bucher das Grenzgebiet zwischen kommunikativer (Un)Angemessenheit und den sogenannten "critical incidents" in der interkulturellen Kommunikation. Pragmatische Fehler führen ein Leben, das sich dem direkten Zugriff weitgehend entzieht. Dabei sind es gerade pragmatisch "fehl"geschlagene Kommunikationsereignisse, die zu momentanen Beeinträchtigungen, längerfristigen Fehleinschätzungen oder sogar dauernden Schäden im Dialog zwischen Vertretern verschiedener Kulturen führen können. Der Autor belegt an interessanten Beispielen aus dem wirklichen Leben, zu denen einem sofort eigene Erfahrungen einfallen, daß auch in universalen Handlungen wie z.B. 'jemanden zu sich nach Hause einladen', 'in die Bibliothek gehen' oder 'auf sich selbst referieren' kulturbedingte mentale Organisationsstrukturen des Welt und Erfahrungswissens (Schemata, Scripts, Frames, Handlungsmuster usw.) aufeinanderprallen:
Ein Koreaner wird von einem Deutschen eingeladen, ihn um 16 Uhr zu besuchen.
a) Für einen Deutschen ist aufgrund der Zeitangabe klar, daß es sich um eine Einladung zu Kaffee und Kuchen handelt.
b) Für Koreaner impliziert eine Einladung nach Hause immer ein großes Essen. (S. 120)
Der Koreaner erwartet also ein prächtiges Abendessen trotz des frühen Zeitpunkts - dieser wird ihn allenfalls dazu veranlassen, sogar auf das Mittagessen zu verzichten. Die Enttäuschung scheint ohne eine interkulturell vermittelnde Intervention vorprogrammiert zu sein. Bucher stellt deshalb das Konzept kultureller Neutralität bzw. Universalität in Frage: wegen der Unhintergehbarkeit der individuellen kulturellen Verortung sei es unumgänglich, die eigene kulturelle Perspektive durch die Anerkennung einer fremdkulturellen Perspektive zu erweitern.
Maria Gabriela Schmidt stellt im letzten Beitrag "'Fehlerbehandlung' als didaktisches Konzept" unter Berufung auf das (unter lernersprachenanalytischen Gesichtspunkten fragwürdige) Motto "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" (S. 142) Unterrichtseinheiten für das zweite und dritte Studienjahr zu 'Wissen' und 'Kennen' und zum bestimmten, unbestimmten und Possessivartikel vor. Nachdem Korrekturphasen, die parallel zur Textproduktion sowie im Anschluß daran durch eine Konfrontation mit den gerade gemachten Fehlern abliefen, nicht den erwünschten Lernerfolg hervorgerufen hatten, arbeitete Schmidt spezifische "Lernmaterialien zur Vermeidung dieser Fehler" (S. 144) aus, welche nach dem Durcharbeiten in der Klasse "bei den hoch motivierten Studenten deutliche Fortschritte" zeitigten. Das Verhältnis von Aufwand zum Ertrag - die Unterrichtseinheit zu 'Kennen' und 'Wissen' beispielsweise, deren Verwechslung allenfalls einen mittelschweren Fehler darstellt, umfaßt fünf Unterrichtsstunden - erscheint mir allerdings selbst für einen grammatikzentrierten Unterricht etwas ungünstig zu sein. Trotzdem: Die im Anhang beigefügte Datenerhebung zu fehlerhaften Textproduktionen mit Korrekturvorschlägen führt eindringlich die Notwendigkeit einer systematischen Fehlergewichtung und Fehlertherapie - selbstverständlich unter Einbeziehung auch außersprachlicher Faktoren wie Lernzielbestimmung und Curriculum - vor Augen. Schmidt plädiert in diesem Zusammenhang für die Entwicklung von zusätzlichen spezifischen Lehrmaterialien als "erfrischende, hilfreiche Abwechslung" (S. 155) zum Lehrbuch - eine Aufforderung, die ich gerne an alle Unterrichtenden in Korea weitergebe.
Dem Sammelband ist zu wünschen, daß er viele DaF-Lehrende in Korea für die spröde Schönheit der "Fehler" im vermeintlich drögen Unterrichtsalltag empfänglicher machen wird. Regt er dazu noch zu einer Reflexion über Lernprozesse und die didaktische Behandlung von Fehlern mit Rücksicht auf die besonderen Bedingungen in Korea an oder wird er gar Anlaß zu eigenen Aktivitäten und Forschungen, wird sich die Anschaffung sicherlich mehr als gelohnt haben.
Copyright © 1998 by Mattheus Wollert