Als vor einigen Jahren zuerst die große Seongsu-Brücke, dann das Sampoong-Kaufhaus einstürzten, bedeuteten diese Katastrophen scheinbar vermeidbare Rückschläge für einen Fortschrittsprozeß, der in kürzester Zeit den Anschluß an die Entwicklung der westlichen Länder vollziehen sollte. Nachdem ganz Südkorea finanziell eingebrochen ist, erscheinen sie jedoch als vorausgelaufene Mahnzeichen für den wahren Stand der Dinge: Er ist alles andere als stabil und keineswegs verläßlich. Was er verstrahlt, ist lediglich der Schein von Größe und Souveränität.
Die Dinge können oft genug trügen, hierzulande zumal, wo man Beton in Holzmustern streicht oder mit Fassaden vorgetäuschter Ziegelsteine überdeckt. Um so klarer stellt sich die Frage nach dem Stand des Bewußtseins, das die Dinge hervorbringt, denn deren Wert bestimmt eben nicht die Fassade, sondern die Substanz dahinter. "Was ist in Indonesien, in Thailand, auf den Philippinen und auch in Korea geschehen?" fragte sich unlängst Kim Dae Jung in seinem SPIEGEL-Interview (9/1998). "Die Länder haben sich wirtschaftlich entwickelt, sind aber politisch unterentwickelt geblieben." Sie haben moderne Dinge produziert, ohne daran ihr Bewußtsein anzupassen, und bekommen nun die Rechnung vorgelegt: daß solche ungebildete Produktivität den Wert der Produkte minimiert. Sie werden so billig, wie das Bewußtsein ihrer Produzenten mangelhaft ist, deren früherer Erfolg "auf dem engen Verhältnis zur Staatsmacht und auf deren Hilfe" beruhte.
In den letzten Jahren haben sich der Stand der Dinge und der des Bewußtseins immer weiter auseinanderentwickelt, ungeachtet der Tatsache, daß nur aus der Zusammenführung beider ein gefestigter Wohlstand hervorgehen kann. Seinen trügerischen hingegen hat sich Korea mit gewaltigen Krediten aus dem Ausland erkauft, denen das eigene Leistungsvermögen offenbar nicht entsprach. Dieses geliehene Geld, das ursprünglich von der steuerzahlenden Arbeitnehmerschaft in Japan und den westlichen Konkurrenzstaaten erwirtschaftet wurde, diente nicht zuletzt dazu, den Mythos von den asiatischen Werten zu finanzieren, jenen Werten des Fleißes und der Disziplin, die einst den Westen überflügeln helfen sollten und nun ebenfalls bankrott gegangen sind: Der sittliche Reichtum wird jetzt auch an der Börse gemessen.
Die asiatische Vision vom Wohlstand nach westlichem Vorbild, ohne dessen gesellschaftliche Bedingungen zu übernehmen, hat sich als unrealistisch erwiesen. Kim Dae Jung ist mittlerweile überzeugt, "daß Demokratie und Marktwirtschaft [...] Hand in Hand gehen müssen." Auch Kim Yeong Sam zielte mit seiner Globalisierungspolitik bereits darauf, die Gesellschaft für westliche Wertmaßstäbe zu öffnen, wurde jedoch mißverstanden, als wäre dieser Plan durch etwas Englisch am Abend schon erfüllt. Noch fehlt der großen Mehrheit der Bevölkerung die Einsicht, daß allein Fleiß und Disziplin zum Erfolg nicht genügen, denn diese Tugenden konkurrieren doch - ohnehin chancenlos - nur mit der Ausdauer und Berechenbarkeit von Maschinen. Die Menschen dagegen hätten in der Entwicklung von Kreativität und Individualität ihren ureigensten Bereich, eben denjenigen, der in der konfuzianischen Tradition nahezu verkümmert ist.
Man denkt daher zu kurz, wenn man Koreas gegenwärtige Situation lediglich aus der finanzpolitischen Krise verstehen wollte. Was wir derzeit erleben, ist vielmehr die Korrektur des vormals überspannten Zustandes hin zur Normalität. Die eigentliche Krise bestand in der jahrelangen Überbewertung der Wirtschaftsleistung; jetzt erst kommen die Dinge zu sich selbst, indem sie ihren geliehenen Glanz verlieren. Der Entwicklungsvergleich mit Europa und den USA ist bedeutungslos geworden und kann nicht wieder aufgenommen werden, solange der Stand des individuellen und gesellschaftlichen Bewußtseins nicht deutlich gewinnt. Dessen Ungefügtheit zum ökonomischen Interesse ist die Substanz der vorhandenen Not. Allein ihn aufzuwerten, was jedenfalls eines langen Lern- und Erfahrungsprozesses bedarf, kann die Hoffnung auf einen verläßlichen Fortschritt in fernerer Zukunft erhalten.
Für die nächste indessen, in der wir unsere Arbeit fortzusetzen haben, bleibt solange wenig zu erwarten, wie wir an den Universitäten unverändert erleben, daß man akademische Hüte auf Köpfe setzt, in denen noch längst keine ausgereifte Gedankenwelt herrscht.
Copyright © 1998 by Kai Schröder