Chinakohl aß ich das erste Mal Anfang der achtziger Jahre. Meine Mutter hatte eine experimentierfreudige Phase zu dieser Zeit, wie viele andere deutsche Mütter. Hatten die siebziger Jahre allerlei aus dem mediterranen Raum ins Land gebracht, vor allem die Pizza und den Bordeaux, gelangten nun erste Produkte aus Fernost auf den Speiseplan. Ich kann mich erinnern, daß für ein Ginseng-Tonikum sogar Fernsehwerbung eingespielt wurde, und die progressive Hälfte der Gymnasiasten trank bevorzugt grünen Tee, der nach asiatischem Vorbild mehrfach aufgegossen wurde. Im Supermarkt wurden neben der italienischen "Pasta" jetzt Glasnudeln angeboten, vereinzelt Sojasprossen im Glas, und in jeder Kleinstadt fand sich plötzlich ein China-Restaurant mit rotbebänderten Lampions über rustikalem Bauernmobiliar, wahlweise Besteck oder Stäbchen.
Da ich eines Tages von der Schule zum Mittagessen nach Hause kam, war somit Chinakohl die exotische Variante des Salats - also roh, weder gekocht noch eingelegt und gewürzt mit Salz, Essig und öl, wie in Europa üblich. Ich mochte dieses neue "Kraut" auf Anhieb, es war beißfest und besaß bei weitem mehr Geschmack als der überzüchtete holländische Kopfsalat aus dem Treibhaus. Seltsamerweise gelangte meine Familie nie über diesen Versuch hinaus, und so dauerte es noch Jahre, bis ich meine Bekanntschaft mit der Küche Nord- und Süd-Ost-Asiens erweitern konnte. Während zweier Besuche in Malaysia und Indonesien sammelte ich Eindrücke, die ich in meinen Berliner Studienjahren durch den Besuch japanischer und thailändischer Restaurants erweiterte. Zudem gab es zu Beginn der neunziger Jahre einen zweiten Asien-Boom, als sich Sushi-Bars und "Thai"-Imbisse ins Stadtbild schlichen und eine Mahlzeit aus Fernost zur Alltäglichkeit werden ließen. Auch in meine Wohngemeinschaft hielt ein indonesisches Kochbuch und die Literflasche Soya-Sauce Einzug, und auswärts aß einer mit den Stäbchen, ohne sich anmerken zu lassen, wie wenig er damit umzugehen verstand. In jener Vielzahl kulinarischer Eindrücke, der Entdeckungen von Ingwer, Erdnußsauce, Lychee und Zitronengras, wurde daher für mich Chinakohl zu einer Zutat unter anderen.
Erst zwei Wochen bevor ich an der "Korea National University Of Education" in Chungwon-Gun meine Stelle als Deutschlektor antreten sollte, fand ich in dem von den Gebrüdern Haubold verfaßten Bändchen "Koreanisch für Globetrotter" unter dem Stichwort "Kimchi" folgende Erläuterung: "(...) eingelegter und leicht vergorener Chinakohl, ohne den ein koreanisches Essen einfach nicht vorstellbar ist". Nun, das klang mir wenig verlockend - im Gegenteil beschloß ich gleich, mich um diesen Teil der Mahlzeit eher zu drücken und den Gaumen mittels der beschriebenen Fischgerichte zu entschädigen. Eine Aufforderung meines Vorgängers, den ich in Berlin mehrfach traf, mit ihm ein koreanisches Restaurant aufzusuchen, lehnte ich unter fadenscheinigen Gründen ab und begab mich erleichtert zum Griechen, zu rotem Demestica und Schwertfisch mit Knoblauch-Mayonaise. Kein Gedanke mehr an den obskuren Hinweis auf jenen halbverfaulten Kohl, bis ich an einem heißen Tag im August mit Professor Hwang erstmalig die hiesige Mensa besuchte und mir ein Schälchen mit drei Fächern hingereicht wurde. "Was ist denn das?" fragte ich, da wir Platz genommen hatten und beäugte ein paar lappig feuchte Strünke in Paprikalauge. "Das nennen wir Kimchi", lautete die Antwort. "Es besteht aus Chinakohl. Probieren sie mal..." Zur Höflichkeit erzogen, darüber hinaus nicht zu einer Stippvisite im Land, wollte ich meinen Gastgeber nicht beleidigen, also tat ich, wie mir geheißen.
Drei Monate sind seit diesem Tag vergangen - mir aber kommt es vor, als lägen Jahre dazwischen. So kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, was mein erster Eindruck war. Vor ein paar Tagen mit zwei Koreanern in einem Restaurant konnte ich ihnen gegenüber nur einmal mehr feststellen, "Kimchi" wäre eins der Dinge von der Art, daß man es entweder hassen oder lieben müßte. Nun, ich weiß inzwischen, wie ich dazu stehe, und aus diesem Grund ist die Mensa-Mahlzeit am Wochenende immer von einem geheimen Schmerz begleitet. An jenen Tagen steht auf dem Ecktisch mit seinem grasgrünen Tuch keine Extraschüssel "Kimchi", aus der ich mir - in der Hoffnung, das mich just niemand beobachtet - noch die dreifache Menge hinzuladen könnte, bevor ich mich erwartungsfroh niedersetze, nein! - Bloß ein einziges Fach, ein Appetithappen nur, den ich mir über die ganze Mahlzeit aufsparen muß und Blatt für Blatt auf der Zunge zergehen lasse. Kein Wunder also, daß ich, als von der Lektorin des "English Department" das Häufchen meiner Vorliebe erstmals bemerkt wurde, unter Gelächter zu hören bekam: "Oh boy, you really must love Kimchi..."
Stimmt! Ich liebe "Kimchi". Sofern ich unter der Woche selten ein Frühstück einnehme, ist die Mittagsmahlzeit für mich die erste des Tages - und stets "Kimchi" das erste, was ich überhaupt esse. Natürlich weiß ich mittlerweile, daß es tausenderlei Arten von "Kimchi" gibt, eingelegten Rettich, auch dies köstlich, eingelegte Gurke undsofort, darüber hinaus ist die Zubereitung je nach Region um Nuancen different. Für mich aber bedeutet "Kimchi" im Stillen nach wie vor - eingelegter Chinakohl, ganz so, wie ich ihn von Anbeginn hier in Korea aß. Schmeckt es besonders gut, greift mir eine Angst nach dem Herzen, saust der Schreck durch alle Glieder. Wie konnte ich je, frage ich mich nun, lediglich vom Brot leben? Was soll aus mir werden, kehre ich im nächsten Jahr nach Deutschland zurück? Ist für mich allein biologisch ein Leben ohne "Kimchi" noch denkbar? Aber wie in jedem Lebensalter und zu jeder Zeit auf Erden, kennen die Lösungen der großen Schicksalsrätsel allein die Götter. Die jedoch stehen in der Küche und sprechen dummerweise nicht deutsch.
Copyright © 1998 by Matthias Merklebach