Ein Gespenst geht um in Korea, das Gespenst heißt IMF. Diese in Korea gebrauchte Floskel hat allerdings nichts mit dem zu tun, was sich wirklich hinter "IMF" verbirgt. In Korea bedeutet "IMF" etwa soviel wie "schlechte Zeit, an der die anderen schuld sind", und ist wohl schon, betrachtet man das inzwischen wiedergekehrte Verkehrschaos und die vollen Warenhäuser am Samstag, wieder vorbei. Oder doch nicht?
Es hat den Anschein, daß diesem rätselhaften "IMF" das gleiche Schicksal zuteil wird, wie in den letzten Jahren der "Globalisation". Auch dieses Wort war in aller Munde und mußte für alle Arten von Unsinn herhalten. Globalisation hieß: "Wir lernen jetzt alle sofort etwas, das sich so ähnlich wie amerikanisches Englisch anhört, essen Hamburger dazu und erobern dann die Weltmärkte".
Die Vermittlung von Information darüber, daß die Welt noch etwa 150 andere Länder aufweist (in denen andere Sprachen gesprochen und teilweise auch andere Speisen als Hamburger gegessen werden) überließ man wohl den französischen und deutschen Abteilungen an den Universitäten. Das Ergebnis für die französische Seite sah eigentlich relativ gut aus, denn es gibt seit einigen Jahren in vielen Bäckereien Baguettes, und außerdem soll bald der TGV durch das Land ziehen (wenn nicht wieder "IMF" dazwischenkommt). Französisch sprechen in Korea zwar nur wenige Personen, aber das Wort "Restaurant" kennt jeder Koreaner (die Deutschen konnten nur den "Hof" dagegenhalten, der aber eigentlich etwas ganz anderes ist; siehe auch "IMF" oder "Globalisation").
Deutsch können in Korea nur einige Menschen relativ gut sprechen, das sind meist diejenigen, die in Deutschland studiert haben. Es gibt zwar Hunderttausende, die als Schüler oder Studenten an Schulen und Universitäten Deutsch studieren; sie sprechen nach ihrer Ausbildung aber leider kein Deutsch und sind damit für fast jede Tätigkeit, die etwas mit Deutsch/Deutschland zu tun hat, unqualifiziert. Für andere Arbeitsmöglichkeiten mögen sie sich privat qualifiziert haben, aber dann hätten sie nicht unbedingt Germanistik studieren müssen.
Woran liegt das? Das liegt eben daran, daß die Reformen sich hierzulande auf das Herunterbeten von Schlagworten beschränken. Es gäbe einen "Handlungsbedarf" (ein schönes deutsches Wort), aber gehandelt wird leider nicht. Die koreanische Germanistik bildet da keine Ausnahme. Ein (schönes?) Beispiel dafür war die "Asiatische Germanistentagung" im letzten Jahr, die unter dem Thema "Literatur im multimedialen Zeitalter" abgehalten wurde. Leider auch nur ein Schlagwort. 90 Prozent der Referate und Vorträge gingen schlicht am Thema vorbei, der Elfenbeinturm der Literaturwissenschaftler und Linguisten überragte die gesamte Tagung. In seinem Abschlußvortrag schilderte zwar Prof. Dr. Huang Guozhen von der Fremdsprachenuniversität Peking den Zuhörern das chinesische Modell, das den Studenten eine den wirtschaftlichen Umständen angemessene Deutsch-Ausbildung gibt (hier hat die Sprachvermittlung absoluten Vorrang, daneben steht die Landeskunde. Literaturwissenschaft und Linguistik sind auf ein den Realitäten angemessenes Maß reduziert), sicher haben auch viele der anwesenden Germanisten aufmerksam zugehört, aber hatte sich auch etwas in ihren Köpfen bewegt?
Nun rollt eine Reform über das Land, die scheinbar kein Schlagwort ist. Das universitäre Zulassungsverfahren (Hakbuchae) ermöglicht den Studenten etwas, das eigentlich völlig normal sein sollte, nämlich die relativ freie Wahl des Studienfaches. Da aber alle Studenten noch das Schlagwort "Globalisation" der letzten Jahre im Ohr haben, wollen sie natürlich Anglistik studieren, denn sie denken, das sei die Sprache Englisch, und damit könnten sie ja bekanntlich nach vier Jahren Studium die Weltmärkte erobern. Irgend jemand müßte diesen Studenten aber einmal erklären, daß Anglistik auch die Beschäftigung mit Literatur, Geschichte, mit Shakespeare und Wilder, mit Kanada, Australien, Schottland usw. bedeutet - eine Beschäftigung, die nach dem Studienabschluß aber nicht unbedingt zum Weltmarktsturm verhilft, und daß, selbst wenn jetzt alle so etwas ähnliches wie Englisch sprechen könnten (sonst aber eigentlich nichts können), der Arbeitsmarkt für diese Absolventen natürlich auch verdammt eng wird. Außerdem steht derzeit noch "IMF" vor der Eroberung der Weltmärkte, und es wäre vielleicht ganz gut, wenn man einmal den Handel und die Beschäftigung mit den paar anderen Ländern, die es auch noch auf der Welt gibt (s.o), versuchte.
Will die Germanistik hier noch einen Fuß in der Tür behalten, muß sie sich zunächst gehörig ändern. Es ist ja schön, wenn die hundertste Faust-Übersetzung diskutiert wird (wird sie das überhaupt?), aber wo sind die Studenten, die sich dafür interessieren? Und wo sind die Professoren, die sich dafür interessieren, was die Studenten interessiert. Will man auch in Zukunft Studenten in die Germanistik-Abteilungen locken, muß man ihnen ein attraktives Lehrangebot bieten, daß nicht nur eine Zukunft als arbeitsloser Literaturwissenschaftler, der kaum Deutsch sprechen kann, eröffnet. Das Studium müßte über die Philologie hinaus andere Bereiche umfassen, die auch etwas mit Deutschland zu tun haben. "Wirtschaftsdeutsch" oder "Europastudien" wären hier ein Ansatz, womit natürlich der Kontakt mit den anderen europäischen Fremdsprachen-Fächern gefordert ist. Nach vier Jahren sollte ein Absolvent also etwas über die deutschsprachigen Länder im europäischen Kontext wissen, sollte sie vielleicht einmal im Rahmen eines (universitär geförderten) Sprachkurses besucht haben. Daß man nach einem Deutsch-Studium Deutsch sprechen kann, müßte eine Selbstverständlichkeit sein. Die Anrechenbarkeit von Sprachkursen in deutschsprachigen Ländern oder im Goethe-Institut auf die Punktzahl des Studiums wäre ein weiterer Anreiz zu einem selbständig gestalteten Studium. Es gibt sicher noch viele andere Dinge, die auch ein Studium der Germanistik, auch für IMF-geschädigte Koreaner/innen, attraktiv machen könnten.
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