Hintergrund: Im Herbst 1994 begann an der Hong Kong Baptist University (HKBU) ein neuer Studiengang: European Studies, ein - für das britisch geprägte Universitätssystem in HK unüblich - vierjähriger Bachelor of Arts - Kurs. Dieser ist im Department of Government and International Studies (GIS) in der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität angesiedelt. Der Schwerpunkt des Studienganges liegt demzufolge im sozialwissenschaftlichen Bereich, hauptsächlich auf Geschichte und Politik. Zusätzlich zu den sozialwissenschaftlichen Fächern werden die Sprachen Deutsch und Französisch angeboten. Pro Jahr werden 30 Studenten (15 für Französisch, 15 für Deutsch) aufgenommen.
Die Sprachvermittlung umfaßt ca. 40% des Studieninhaltes. Die verbleibenden 60% bestehen aus Geschichte und Politik mit Schwerpunkt Europa bzw. Deutschland und Frankreich.
Eine Besonderheit des Kurses ist, daß das dritte Studienjahr in Europa, in deutsch- bzw. französischsprachigen Ländern, verbracht wird. Die Deutschstudenten verbringen ein Semester an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, wo sie neben Sprachunterricht auch Kurse in Europäischer Geschichte und Politik haben. In der zweiten Hälfte des Studienjahres absolvieren die Studenten ein Praktikum bei deutschen, Österreichischen oder Schweizer Firmen. Dort sollen sie Erfahrungen im geschäftlichen Bereich sammeln und lernen, wie - im Kontrast zu Hong Kong - in Europa gearbeitet wird bzw. wie Konzerne / Betriebe dort funktionieren. Zurück in Hong Kong schreiben die Studenten ihr Honours Project, idealerweise über ein Thema, das sie schon in Deutschland (Österreich / Schweiz) recherchiert haben. Die Französischstudenten absolvieren ein ähnliches Programm, auf das ich aber hier nicht weiter eingehen werde.
Warum ein Selbstlernzentrum? Um nach Europa gehen zu können, müssen die Studenten sowohl einen ausreichenden GPA (Grade Point Average) erreichen als auch über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen. Für die Deutschstudenten bedeutet dies, daß sie das Zertifikat Deutsch als Fremdsprache (ZDaF), das vom hiesigen Goethe-Institut abgenommen wird, bestehen müssen. Demzufolge müssen sie innerhalb von 2 Jahren von Null auf Zertifikatsniveau gebracht werden, was bedeutet, daß ein sehr intensiver Sprachkurs abgehalten wird: die Studenten haben 12 Unterrichtsstudenten pro Woche.
Um den Studenten noch zusätzlich die Möglichkeit zu geben, das im Klassenraum Gelernte zu wiederholen und zu üben und um ihnen die Möglichkeit zu geben, in Kontakt mit der Sprache zu kommen, was in einer sprachlich schon recht komplizierten Stadt wie Hong Kong (wo neben der Muttersprache Kantonesisch auch Mandarin und Englisch gesprochen werden) nicht gerade einfach ist, wurde ein Selbstlernzentrum (SALU - Self-Access-Learning Unit) eingerichtet. Neben Videorekordern (6), Cassettenrekordern (12) und Computern (9) mit Internetanschluß wurden auch Lehr- und Sachbücher, Video- und Audiocassetten und Software angeschafft und den Studenten bereitgestellt. Die Studenten sollen hier idealerweise drei Stunden pro Woche selbständig arbeiten und wöchentlich sogenannte Self-Study-Activity-Logs ausfüllen. Diese Logs sollen dokumentieren, was die einzelnen Studenten gemacht haben, welche Komponenten sie benutzt haben und welche Probleme sie haben bzw. gibt es hier eine weitere Möglichkeit, Kommentare abzugeben und Fragen zu stellen.
Die Studenten bekommen am Anfang des Studienjahres eine Einführung in das SALU, in der ihnen die einzelnen Komponenten und das System erklärt werden. Während des Semesters (und teilweise auch in den Semesterferien) steht ihnen ständig eine Person zur Verfügung, die sie bei Problemen technischer oder sprachlicher Art ansprechen können.
Wegweiser zum Selbstlernen Nachdem das SALU mit all seinen Komponenten bereitstand, stellten wir sehr schnell fest, daß es nicht ausreicht, den Studenten nur das Material zur Verfügung zu stellen und zu sagen: "Alles, was Ihr hier findet, ist für Euch zur freien Benutzung - viel Spaß damit". In einem sehr intensiven Studiengang (bis zu 30 Wochenstunden) ist Zeit rar, und die verbleibende Zeit sollte möglichst effektiv genutzt werden. Wenn aber nun eine Masse von Sprachlernmaterial in allen möglichen Formen und für alle Niveaus vor einem steht, hat man die Qual der Wahl und verbringt womöglich Stunden damit, den Kenntnissen entsprechende Übungen oder Filme zu suchen. Findet man als Anfänger nun hauptsächlich Material für Fortgeschrittene, Computerprogramme, die viel zu viel neues Vokabular enthalten oder unbekannte Grammatikthemen üben, führt dies sehr leicht zu Frustration und somit zur Ablehnung des ganzen Systems. Aus diesem Grund entwickelten wir sogenannte Study Paths, Wegweiser. Diese sind dem Lehrbuch, das im Klassenraum angewendet wird, Themen Neu 1 - 3 angepaßt. Für jede Lektion (also 30 insgesamt) gibt es einen Wegweiser, in dem, zusätzlich zum Lehr- und Arbeitsbuch, Übungen aufgeführt sind, die dem Niveau, dem Vokabular und der Grammatikprogression möglichst genau entsprechen. Aufgeteilt sind diese ZusatzÜbungen in Übungen zum Sprechen und Hören, GrammatikÜbungen in andern Lehrwerken und Computer, Videosequenzen und Lesetexte, die das Thema der Lektion ergänzen.
Zur Gestaltung der Wegweiser haben wir die meisten der vorhandenen Lehrwerke, Audio- und Videocassetten und Computerprogramme analysiert und einzelne Übungen dem entsprechenden Wegweiser zugeordnet.
Das größte Problem bestand darin, daß die einzelnen Lehrwerke bzw. anderen Zusatzmaterialien einer anderen Progression folgen als Themen. Ganz besonders problematisch war dies bei den Computerprogrammen, die wir gekauft hatten. Keines der damals vorhandenen Programme schien in Progression oder Aufbau einem Lehrwerk zu folgen, das verwendete Vokabular entsprach zum Teil nicht dem Niveau eines Anfängers, und so mußte jede einzelne Übung gesichtet und zugeordnet werden.
Da diese Arbeit äußerst zeitaufwendig ist (für die momentan vorliegenden Wegweiser benötigten wir ca. 2 Jahre) und die Wegweiser sicherlich nicht nur für unsere Studenten interessant sind (Themen wird ja schließlich in sehr vielen Universitäten, Sprachschulen und dem Goethe-Institut verwendet), beschlossen wir, die Study Paths im World Wide Web (WWW) anzubieten und sie so allen interessierten Schülern und Lehrern zur Verfügung zu stellen. Aus Copyrightgründen können wir leider Übungen, Computerprogramme etc. nicht auf der WWW Seite anbieten, sondern nur auf die Werke verweisen. Die Kodierungen, die in den Wegweisern zu finden sind, beziehen sich auf unser SALU. Die Studenten an der HKBU finden das Material unter dem angegeben Code in den Regalen bzw. im Computer; Studenten und Lehrer von außerhalb können die bibliographischen Angaben im Index finden und müssen sich die Bücher, Videos, Computerprogramme selber in Bibliotheken beschaffen.
Zur Erweiterung unserer Wegweiser hofften wir, daß uns andere Lehrer ihr Zusatzmaterial auch auf die entsprechenden Wegweiser aufteilen und uns zusenden, so daß wir das Material dann unserer WWW Seite zufügen könnten. Leider haben wir bisher wenig Reaktionen erhalten.
Wir versuchen selbst, möglichst viel neues Material bald nach Erhalt zu integrieren, haben aber vieles, was bei uns in den Regalen steht, aus Zeit- und Personalmangel noch nicht in die Wegweiser aufgenommen.
Zusätzlich zu diesen Wegweisern, die die Studenten zu selbständigem Arbeiten anhalten sollen, haben wir auch einige WWW Seiten für Area Studies entwickelt. Der Aufbau des Kurses, die Themen und die Aufgaben befinden sich auf dem WWW und müssen per Email an den Lehrer gesendet werden.
Zusatzmaterial befindet sich im SALU, und somit verbringt ein Teil der Studenten die Zeit im SALU damit, diese Arbeitsaufträge zu bearbeiten. Interessanterweise haben wir festgestellt, daß die Studenten sehr viel mehr schreiben als in "normalen" Klassen und die Idee, Aufgaben direkt online zu bearbeiten (mit der Möglichkeit, sich andere WWW Seiten anzusehen und sich neueste Informationen zu holen), sehr positiv bewerten. Die Vorbereitung auf einzelne Sitzungen scheint auch intensiver zu laufen.
Erfahrungen im SALU. Das Wegweisersystem wird von den Studenten als sehr hilfreich angesehen und häufig genutzt. Es ist interessant zu sehen, daß zum Fremdsprachenlernen fast ausschließlich Material verwendet wird, das auch in den Wegweisern aufgeführt wird. Die anderen, noch nicht integrierten Materialien werden nur sehr selten genutzt. Ganz deutlich wurde dies bei der Auswertung einer Fragebogenaktion, die wir mit allen Studenten durchführten, und sehr deutlich wurde, daß die Französischstudenten, die zu diesem Zeitpunkt noch kein Wegweisersystem hatten, vor allem die Computersoftware kaum benutzten, da nicht ersichtlich bzw. nachvollziehbar war, was für sie geeignet ist.
Weitere Untersuchungen, Fragebogenaktionen, die Auswertung der Self-Study-Activity-Logs und Beobachtungen zeigen, daß das SALU hauptsächlich zur Nachbereitung von neuen Themen im Unterricht, zur Prüfungsvorbereitung und zur Erledigung von Hausaufgaben genutzt wird.
Besonders beliebt scheinen bei unteren Semestern Videos und Kassetten zu sein, bei den "höheren" Semestern liegt ein Schwerpunkt auf Sachbüchern. Die Computersoftware wird fast ausschließlich zum Training von Grammatik genutzt.
Neben der Nutzung des SALU zum Sprachenlernen wird das Zentrum häufig zur (hauptsächlich privaten) Emailkorrespondenz, Recherche im WWW (wobei es sich nicht immer um Recherche zu Studieninhalten handelt), zur Bearbeitung von Hausarbeiten und als Versammlungsraum genutzt. Ein Großteil, vor allem "älterer" Semester, nutzt das Angebot nur noch zu diesem Zweck und nicht zum - von uns gewünschten - Fremdsprachenlernen. Das liegt zum einen sicherlich an dem sehr vollgepackten Stundenplan, der den Studenten kaum Zeit für zusätzliche Übung läßt, und an der Tatsache, daß das SALU der einzige Raum ist, der den Studenten für Versammlungen bzw. zur Erholung zur Verfügung steht, zum anderen vielleicht aber auch an unseren sehr hohen Erwartungen an die Studenten. Hinzu kommen auch Probleme technischer Art bzw. Probleme, die auf einen Mangel an Wissen über das SALU zurückzuführen sind. Trotz einer Einführung und dem ständig anwesenden Ansprechpartner beobachten wir, daß einige Studenten einfach Schwierigkeiten haben mit dem Auffinden von Materialien, vor allem Computerprogrammen. Und anstatt nachzufragen, bearbeiten sie lieber schon bekanntes Material bzw. arbeiten mit vertrauten Komponenten (Büchern, Cassetten).
Um vor allem letzteres Problem zu lösen, finden zur Zeit Überlegungen statt, vermehrt Tutorien unter Anwesenheit des Lehrers im SALU abzuhalten. Während dieser Tutorien sollen die Studenten unter Aufsicht Übungen mit den unterschiedlichsten Komponenten bearbeiten und in Kleingruppen oder individuell beraten werden.
Abschließend bleibt noch zu sagen, daß trotz vieler Verbesserungsmöglichkeiten und Änderungen das SALU bei den Studenten äußerst beliebt ist und im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert und den Studenten die Möglichkeit gibt, sich mit den beiden Fremdsprachen intensiv auseinanderzusetzen. Mit neuer Technologie und weiteren Ressourcen kann der Kontakt mit der anderen Welt noch intensiviert werden. Viele Möglichkeiten und Ideen haben wir bisher noch nicht umgesetzt, es ändert sich also ständig etwas, und hoffentlich können die Studenten davon profitieren.
Wir würden uns auch sehr über Anregungen und Erfahrungen anderer Institutionen freuen, ganz besonders natürlich über eine Teilnahme an der Gestaltung der Wegweiser.
Kontakt: Andrea Stählin, Hong Kong Baptist University, 224 Waterloo Road, Kowloon Tong, Kowlooon, Hong Kong; Tel: (852) 2339 5672 Fax: (852) 2339 5799
Email: europe@hkbu.edu.hk, WWW: http://www.hkbu.edu.hk/~europe
Copyright © 1998 by Andrea Stählin