Unsere Studenten, die alljährlich ins Berufsleben übergehen, finden in der Regel keine Beschäftigung, die etwas mit ihrer germanistischen Ausbildung zu tun hat. Diese kann ihnen sogar hinderlich bei der Arbeitsplatzsuche sein, wenn sie um den Preis mangelnder Englischkenntnisse erworben wurde. Diese Tatsachen sind allen Studenten von Anbeginn ihres Studiums bekannt, und entsprechend richten sie ihre Studienziele aus: weniger auf die Erlangung philologischen Fachwissens als auf die Erfordernisse, die schließlich in einem Einstellungstest an sie gestellt werden: Nachweis eines breiten Allgemeinwissens, spontane Intelligenz und eine möglichst weitreichende Beherrschung des Englischen. Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache bringen ihnen dabei freilich keinen Nachteil, sind aber auch keineswegs essentiell. Die große Mehrheit der koreanischen Germanistikstudenten sieht also in diesem Studiengang einen kontingenten Inhalt zum formalen Erwerb eines universitären Abschlußzeugnisses als Voraussetzung zur Teilnahme an jenen Einstellungstests.
Germanistik als solche ist nutzlos. Was in Deutschland zu Zeiten der Legitimationskrise der Geisteswissenschaften bloß provozierend hinausschallte, damit man sich auf den fundamentalen Zweck literarischer Forschung besinne (sie gilt ja eben den ästhetischen Konkretisierungen gesellschaftlicher Zustände), wird hier in Korea auf seinen pragmatischen Sinn gebracht. Als exotische Wissenschaft, die mit den herrschenden Interessen nur auf weiten Umwegen in Verbindung steht, kann sie den evidenten Nachweis ihres Nutzens schlechterdings nicht erbringen. Oder negativ geschlossen: Auch wenn es hierzulande gar niemanden gäbe, der sich mit deutscher Sprache und Literatur befaßte, wäre das kaum je als Mangel auszumachen.
Die Lage ist jedoch gerade umgekehrt. Trotz fraglichen Bedarfs bestehen germanistische Institute im Überfluß - als abstrakte Symbole der Globalisierungspolitik. Ihr rein dekorativer Charakter wird entlarvt durch die Interesselosigkeit der Studenten. Deren pragmatisch orientiertes Verhalten erhellt die wahren Belange der Gesellschaft.
Indessen werden auch in Deutschland weit mehr Geisteswissenschaftler geschult, als man hernach beschäftigen kann. Aber deutsche Studenten gehen mit dieser Situation anders um. Statt von vornherein den Blick auf die spätere Existenz zu richten, erhöhen sie die Intensität ihres Studiums - aus persönlichen Gründen. Getreu dem alten europäischen Konzept der Bildung einer individuellen Persönlichkeit wollen sie ihren akademischen Lebensabschnitt dazu nutzen, sich weiter in ihrer jeweiligen Besonderheit auszuprägen; und eben dazu bietet ihnen der Inhalt ihres Fachs die besten Möglichkeiten. Denn jede Geisteswissenschaft verweist denjenigen, der sich ihr widmet, in weit höherem Maße auf Fragen seiner eigenen Identität als etwa Chemie oder BWL. Ja, der Rekurs auf das eigene Sein, auf seine historischen, sozialen und individuellen Bedingungen, kann sogar als konstitutiv für das angemessene Vorgehen eines Geisteswissenschaftlers verstanden werden. Nur aufgrund der Auseinandersetzung mit sich selbst im Rahmen seiner Lebensumstände vermag er in seinen Gegenstand einzudringen und von diesem wiederum einen Reflex auf jene zu erhalten, einen Reflex, der sodann einen andauernden hermeneutischen Kommunikationsprozeß eröffnet: eben mit dem Wissen auch die Persönlichkeit wachsen läßt. Allein darin mag der Nutzen der Germanistik liegen, sofern man bereit ist, in der Ausbildung selbstbewußter Charaktere einen solchen zu erblicken. (Gerade das scheint in Korea nicht unbedingt der Fall zu sein, wenn man bedenkt, daß sich jedes Individuum, das diesen Namen verdient, in einer konfuzianisch fundierten Gesellschaft als schwer integrierbar erweisen könnte.)
Jedoch auch anderenfalls, auf der Schrumpfstufe ihres Anspruchs sozusagen, kann die Germanistik einen seltenen Vorzug geltend machen: Sie ist ungefährlich. Ihr Terrain ist ethisch gefestigt; und das sollte eigentlich genügen, um sie zu legitimieren. Sie gehört zu den wenigen Tätigkeiten des modernen Menschen, die ihm (vor sich selbst) keine moralische Rechtfertigung abfordern. Ihre Nutzlosigkeit, diese gesellschaftliche Indifferenz, verbürgt zugleich ihre Unschädlichkeit. Wenn jeder Arzt und jeder Richter mit der Gefahr existenzvernichtender Fehlurteile auskommen müssen, wenn selbst die Erfinder des Airbags noch mittelbar für Tausende von Verkehrstoten verantwortlich sind, so lebt der Germanist in keinem solchen Spannungsverhältnis. Im Gegenteil: Philologisches Wissen ist friedliches Wissen, stark kontrastiert gegen alle Arten instrumenteller Intelligenz.
Bei aller sachbezogenen Arbeit sollten wir nicht versäumen, unseren Studenten diese Einsicht zu vermitteln: ihnen verständlich zu machen, daß zumal in Zeiten funktionalen Denkens die Disfunktionalität der Geisteswissenschaften ein bedeutendes Stück gesellschaftlicher wie persönlicher Freiheit repräsentiert, einer Freiheit sogar, die niemanden einschränkt oder bedrängt und keinem Schaden zufügt. Vielleicht ist der Sprung, im Nutzlosen das Nützliche zu erkennen, leichter auszuführen, als uns scheint. Vielleicht bedarf es lediglich einer kleinen Inspiration, damit die Studenten, die sich bislang bloß treiben lassen, wirklich begännen, gegen den Strom zu schwimmen, an dessen Ende sonst nach allem, was wir aus Europa wissen, doch nur der Katarakt der permanenten Krise ihrer harrte.
Kai Schröder, Kyongsang-Universität, Chinju/Korea
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