Won-Yang Rhie

Lehr- und Lerntradition in Korea

Spurensuche gegenwärtiger Ansätze in alten Fremdsprachenlehrbüchern und weitere Entwicklungen des modernen Fremdsprachenunterrichts


(Der folgende Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung meines Vortrags, der im Mai 1997 auf der internationalen Tagung "Lehr- und Lerntraditionen und Fremdsprachenerwerb in Ost- und Zentralasien" in Ulan Bator, Mongolei, gehalten wurde. Der vollständige Aufsatz wird nächstes Jahr in einem Sammelband beim Julius Groos Verlag, Heidelberg, erscheinen.)

I. Einleitung

Wenn man die fachdidaktische Diskussion über den Unterricht von Deutsch als Fremdsprache in den letzten Jahren in Korea verfolgt, kommt man ohne weiteres zur Feststellung, daß mehr oder weniger immer wieder die gleichen Schwierigkeiten und Probleme zur Sprache gebracht werden. Dabei geht man fast immer ausschließlich vom gegenwärtigen Stand des Deutschunterrichts aus, der nach dem Ende des 2. Weltkriegs an koreanischen Schulen und Hochschulen eingeführt worden ist. Um welche Mißstände und Unzulänglichkeiten handelt es sich dabei? Fassen wir ganz kurz zusammen: die allgemeine Ineffizienz des Deutschunterrichts an Oberschulen und Universitäten ist vor allem auf folgende Gegebenheiten zurückzuführen: ungünstige institutionelle Bedingungen wie Lehrbücher und Medien, die geringe Anzahl der zur Verfügung stehenden Wochenstunden, die ungünstige Klassenstärke, die unzureichende Ausbildung der Deutschlehrer, höheres Ansehen der Literaturwissenschaft und Linguistik als die praktische Beherrschung der Fremdsprache usw. Außerdem wird auch wiederholt darauf hingewiesen, da die nach wie vor praktizierte Grammatik-Übersetzungsmethode und das rezeptive Schülerverhalten für den modernen Fremdsprachenunterricht nicht förderlich seien.

Es ist zwar völlig berechtigt, daß man bei der fachdidaktischen Diskussion über die Entwicklung des Deutschunterrichts in den letzten 50 Jahren spricht. Aber die bloße Feststellung der Mängel des gegenwärtigen Deutschunterrichts reicht meiner Ansicht nach nicht aus und führt auch nicht weiter. Eine Erweiterung der Perspektive tut da unbedingt not. Im Zusammenhang mit dem Rahmenthema dieses Seminars "Lehr- und Lerntradition" wird in den folgenden Ausführungen ein erweiterter historischer Rückblick über den Fremdsprachenunterricht in Korea dargelegt. Wie hat man früher im alten Korea, etwa in der Zeit der letzten Yi-Dynastie von 1392 bis 1910, Fremdsprachen gelernt? Und welche Fremdsprachen wurden da vorzugsweise unterrichtet? Eine historische Betrachtung des Fremdsprachenunterrichts und der sprachenpolitischen Entscheidungen in der Vergangenheit kann uns helfen, aktuelle Lehr- und Lernsituationen besser zu verstehen.

Diese Fragestellung ist aber insofern gewagt, als erstens durch den unglücklichen Übergang Koreas in das 20. Jahrhundert auch auf diesem Gebiet die Tradition radikal abgebrochen worden ist. Infolgedessen sind diesbezügliche Materialien und Zeugnisse nur spärlich vorhanden. Zum andern gibt es in diesem Bereich leider keine wissenschaftlichen Vorarbeiten, auf die ich mich stützen könnte. Aus den Ergebnissen, die aufgrund der Untersuchung der hier gestellten Fragen gewonnen werden, könnten wir eine Traditionslinie des Fremdsprachenunterrichts in Korea aufspüren und Ansätze zur Verbesserung des gegenwärtigen Fremdsprachenunterrichts bzw. Deutschunterrichts finden.

II. Die chinesische Schrift und die Entwicklung der koreanischen Lerntradition und Sprachkultur

Angesichts der Tatsache, daß der Fremdsprachenerwerb auch durch den Faktor der muttersprachlichen Lehr- und Lerntradition beeinflußt wird, wird zuerst über die koreanische Lerntradition und Sprachkultur in Wechselwirkung mit der chinesischen Schrift reflektiert.

Seit der Einführung und der allgemeinen Verbreitung der klassischen chinesischen Schriftsprache zur Zeit der Drei Königreiche (57 v. Chr. bis 668 n. Chr.) hielt sich ihre Monopolstellung in der Erziehung und Gelehrsamkeit, in der Verwaltung und Politik konstant bis in die Neuzeit. Sowohl in schriftsprachlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht bestimmte das Chinesische das gesamte Unterrichtswesen fast unverändert bis zum Ende der Yi-Dynastie. Mit der Schrift wurde auch die chinesische Hochkultur auf allen Gebieten des Staates und des Alltagslebens übernommen. Bei der Gründung der Yi-Dynastie wurde der Neo-Konfuzianismus Staatsdoktrin. Dem wurde durch das ganze Bildungswesen und Prüfungssystem für Staatsbeamte Rechnung getragen.

Wegen der jahrhundertelangen einseitigen Orientierung an der chinesischen logographischen Schrift waren die Gelehrten für die Vorzüge der neu entwickelten Lautschrift blind. Sie befürchteten eine Verflachung, ja einen Verfall der Bildung. Anstatt Bewunderung und Anerkennung zu erfahren, wurde das neue phonetische Alphabet mit pejorativen Bezeichnungen wie "Morgenschrift", "Volksschrift" und "Weiberschrift" versehen und verachtet. In den folgenden Jahrhunderten entstand eine stattliche Reihe belletristischer Literatur in der neuen Schrift. Die chinesischen Klassiker und viele buddhistische Schriften wurden auch ins Koreanische übersetzt. Trotzdem mußte die koreanische Buchstabenschrift etwa 450 Jahre lang neben der hoch angesehenen chinesischen Schrift nur ein Schattendasein führen. Erst im Zuge der Kap-O-Reform im Jahre 1894 - so genannt nach der Bezeichnung des Jahres 1894 nach dem Mondkalender - konnte sie zur Landesschrift erhoben werden. Es ist kein Zufall, daß die sprachliche Emanzipation mit der politischen 'Unabhängigkeitserklärung' gegenüber Ch'ing-China und mit dem Beginn des politischen und gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses zusammenfiel. In diesem Jahr wurde ein sprachpolitisch wichtiges königliches Dekret erlassen. Danach sollten die Gesetze und Verordnungen in der Hauptsache in der Landesschrift abgefaßt sein und mit den chinesischen Übersetzungen versehen oder gegebenenfalls in einer Mischschrift geschrieben werden. Im darauffolgenden Jahr wurde die erste Zeitung in rein koreanischer Schrift, "Unabhängigkeitszeitung", herausgegeben. Obwohl der sprachpolitischen Maßnahme der abgewirtschafteten Monarchie in ihrer letzten Phase keine nennenswerte praktische Bedeutung beigemessen werden kann, hatte die Aufwertung der koreanischen Schrift zur Hauptschrift doch Symbolcharakter.

Die erste Grammatik eines koreanischen Wissenschaftlers erschien 1898. Während der darauffolgenden japanischen Herrschaft wurde die Forschung der koreanischen Sprache und Schrift als patriotistischer Widerstand gegen den (Sprach)-Kolonialismus betrieben und entsprechend von der japanischen Kolonialregierung verfolgt. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs hat sich die Verwendung des koreanischen Alphabets weitgehend durchgesetzt. Jedoch kann Hangul bis heute den Gebrauch chinesischer Schriftzeichen, beispielsweise in den Tageszeitungen, nicht völlig verdrängen, und der lexikographische Anteil der sinokoreanischen Wörter soll schätzungsweise über 50 bis 70% betragen. Empfindet man nun diese sinokoreanischen Wörter als Fremdwörter? Im Laufe der Zeit ist die Integration der chinesischen Fremdwörter in die koreanische Sprache so weit fortgeschritten, daß bei diesen chinesischen Elementen unserer Sprache kaum Fremdheitsbewußtsein besteht. Im Gegensatz dazu gab es aber nach der Befreiung von der japanischen Herrschaft wiederum patriotisch motivierte Kampagnen für die Sprachreinigung. Japanische Elemente sollten aus der koreanischen Sprache beseitigt werden.

Zusammenfassend soll folgendes festgehalten werden: man muß bedenken, was nun der Erwerb chinesischer Schriftsprache für koreanische Lernende in der Praxis bedeutete. Jedes Schriftzeichen mußte bedeutungs- und lautwertig gelernt werden. Normalerweise fing man mit der Fibel Tausend Schriftzeichen an. Zum Leseverständnis gab es keine systematischen Techniken und Strategien, und das wiederholte Lesen und Auswendiglernen waren das einzige Mittel, mit der Lektüre eines Textes fertig zu werden. Bei der Sinnerschließung eines Textes wurde in der Regel die Methode einer Wort-für-Wort-Übersetzung angewandt. Die schwere Erlernbarkeit der chinesischen Schriftzeichen, der übermächtige Lernstoff und die autoritäre Lehrmethode begünstigten notwendigerweise bei den koreanischen Lernenden ein rezeptives Verhalten. Kritische Auseinandersetzung mit dem Lernstoff war weder vorgesehen, noch erwünscht noch wurde sie gefördert. Wegen des Primats der geschriebenen literarischen Sprache bildete sich bald eine Gelehrtenschicht heraus, die ihr Wissen und die damit verbundenen Staatsämter monopolisierte. Von wenigen Ausnahmefällen abgesehen kamen die Chinesischkenntnisse als Kommunikationsmittel gar nicht in Betracht. Deshalb bildete sich im Laufe der Zeit eine Lehrtradition heraus, die jahrhundertelang am geschriebenen Chinesisch als exklusiver Literatur- und Wissenschaftssprache festhielt. Die Entwicklung und Durchsetzung der koreanischen Schrift war ein über zweitausend Jahre dauernde Prozeß der Loslösung von der chinesischen Schrift. An der Entwicklung des koreanischen Sprachbewußtseins und der koreanischen Sprachkultur in Wechselwirkung mit der chinesischen Schriftsprache läßt sich auch die sprachenpolitische Dimension des Fremdsprachenunterrichts verdeutlichen.

III. Fremdsprachenunterricht im alten Korea

Das Prinzip der altkoreanischen Diplomatie läßt sich auf eine kurze Formel "sadae kyorin" bringen; d.h. Unterwürfigkeit gegenüber dem Mächtigen, sprich China, und Verkehr mit anderen Staaten auf der Basis nachbarschaftlicher Gleichheit. Die diplomatischen und fremdsprachlichen Dienste, die zur Unterhaltung der auswärtigen Beziehungen nach diesem Prinzip benötigt wurden, wurden von dem Übersetzungsamt "sayeok won" wahrgenommen. In diesem dem Kultusministerium unterstehenden Institut wurden auch Dolmetscher und Übersetzer in vier Abteilungen für Chinesisch, Mongolisch, Japanisch und Jutschen/ (Mandschu) ausgebildet. Im Gegensatz zum Unterricht in den anderen Schulen, in denen Chinesisch als reine Buch- und Bildungssprache gelehrt wurden, wurden hier lebende Fremdsprachen als Kommunikationsmittel gelehrt.

Die Dolmetscher/Übersetzer gehörten wie ärzte, Meteorologen, Rechner, Maler, Juristen usw. zu den praktischen handwerklich-technischen Berufen, die von den Nichtadeligen "chung-in" ausgeübt und vererbt wurden. Da auf die Ausbildung der Dolmetscher/Übersetzer für Chinesisch der größte Wert gelegt wurde, belegen schon die vorgesehenen Quoten der Studenten für vier Abteilungen: die chinesische Abteilung hatte 35, die mongolische Abteilung 10, die Jutschen-Abteilung 20 und die japanische Abteilung 15 Studenten. Außerdem wurden noch Dolmetscher für Chinesisch und Jutschen in einigen nördlichen Provinzstädten und Dolmetscher für Japanisch in drei südlichen Provinzstädten ausgebildet und im Grenzdienst eingesetzt. Die Absolventen wurden durch die staatliche Prüfung für "gemischte technische Wissenschaften" ausgewählt und als niedrige Staatsangestellte eingesetzt. Die Prüfung bestand aus: dem Vorlesen der vier Klassiker, dem Repetieren aus den Sprachbüchern wie Lao-Kida, Dolmetscher Park, dem Abschreiben und schriftlicher Übersetzung. Den Prüfungsordnungen ist zu entnehmen, daß auch den Dolmetschern mehr oder weniger Auswendiglernen, Abschreiben und Leseverständnis abverlangt wurden. Die Dolmetscher/Übersetzer wurden in der Hauptsache als Dolmetscher bei Gesandtschaften eingesetzt. Einige andere arbeiteten wiederum als Fremdsprachenphilologen und gaben Lehrbücher und Wörterbücher heraus.

Anhand der überlieferten Sprachlehrbücher, die während der Yi-Dynastie zur Ausbildung der Dolmetscher im Übersetzungsamt eingesetzt wurden, können wir über die derzeitige Fremdsprachenlehrmethode nähere Rückschlüsse ziehen. Die alten Sprachbücher wie Lao-Kida und Dolmetscher Park für Chinesisch, Lao-Kida für Mongolisch, Lao-Kida für Mandschu und Ein kurzer Richtweg zum Japanischen u.a.m. sind bis heute überliefert. Diese überlieferten Sprachbücher mit koreanischen Übersetzungen sind Zeugnis der hochentwickelten koreanischen Druckkunst und stellen für die Altphilologen unschätzbare Quellen der koreanischen Sprachgeschichte dar. Bis jetzt sind sie aber nicht unter dem fremdsprachendidaktischen Aspekt untersucht worden. Eine intensive Erforschung der alten Sprachbücher unter diesem Gesichtspunkt könnte neue Erkenntnisse in Hinsicht auf Fremdsprachendidaktik, Sprachenpolitik, Sozialgeschichte usw. zutage bringen.

Es kann hier keine umfassende Analyse aller überlieferten Sprachbücher geliefert werden. Einige Grundzüge der Lehrbuchgestaltung können jedoch an einem Beispiel aufgezeigt werden.

Die beiden Sprachbücher Lao-Kida und Dolmetscher Park für Chinesisch gehörten zu den Standardwerken für den Fremdsprachenunterricht. Wir beschränken uns auf ein grundlegendes Lehrwerk: Lao-Kida für Chinesisch.

Die Verfasserschaft und die ursprüngliche Entstehungszeit des Lao-Kida sind zwar unbekannt, aber es wird allgemein angenommen, daß es etwa Ende der Koryo-Dynastie (918-1392) bzw. Anfang der Yi-Dynastie (1392-1910) erschienen ist. Das Chinesisch Lao-Kida besteht aus zwei Teilen und hat einen Umfang von insgesamt 260 Seiten. Eine Seite hat zehn vertikale Zeilen, die in von rechts nach links laufender Schrift gedruckt sind. Jede Satzeinheit ist durch einen Kreis und jede Gesprächssequenz ist durch eine besondere Verzierung gekennzeichnet. Die Aussprache ist jeweils unter dem chinesischen Schriftzeichen koreanisch - rechts umgangssprachlich und links hochsprachlich - wiedergegeben. Unterhalb des Kreises befindet sich die koreanische Übersetzung des vorhergehenden chinesischen Satzes. Der Sprecher des jeweiligen Dialogteils wird im dialogischen Text nicht eigens angegeben, ist aber beim Lesen des Dialogs erkennbar. Im Anhang befinden sich Glossare für schwierige Ausdrücke bzw. geographische Namen und für einzelne Schriftzeichen.

Bei dieser Interlinearversion handelt es sich um einen fortlaufenden Dialog zwischen einem koreanischen und chinesischen Händler. In einer chinesischen Stadt nahe der chinesisch-koreanischen Grenze - möglicherweise irgendwo in Liaotung? - begegnen sie sich einander. Da der koreanische Händler und seine Begleiter unterwegs in Richtung Peking sind, um dort ihre Waren, wie Ginseng und Stoffe, zu verkaufen und chinesische Waren einzukaufen, und der chinesische Händler auch seine Pferde in Peking verkaufen will, beschließen sie, ihre Geschäftsreise gemeinsam zu machen.

In jeder Hinsicht könnten die Dialogbeispiele einem modernen Fremdsprachenlehrbuch entnommen sein. Nach der ersten Kontaktaufnahme auf der Straße entwickeln sich die Gespräche zwischen dem chinesischen und koreanischen Geschäftskollegen über die Chinesischkenntnisse, die Schule, den Lehrer, den Lernstoff des Koreaners usw. Auf der langen gemeinsamen Reise nach Peking und während des Aufenthaltes in der chinesischen Hauptstadt ergeben sich natürlicherweise verschiedenste Sprechanlässe in Alltagssituationen, wie Übernachtung in einer Herberge, Kochrezepte, Preise, Rechnung, Fütterung der Pferde usw. Dabei kommen auch die interkulturellen Gesichtspunkte nicht zu kurz. Die Dialoge in fortlaufender Handlung bieten einerseits eine zusammenhängende Geschichte, die für die Lernenden besonders motivierend sein kann. Nicht etwa die lexikalische oder die grammatikalische Progression, sondern die kommunikative Absicht scheint in der Hauptsache für die Gestaltung und Progression der Dialoge Ausschlag gegeben zu haben. Allerdings konnte man im Chinesischunterricht auf gewissen Vorkenntnissen der chinesischen Schriftzeichen - wenn auch in koreanischer Lautung - aufbauen, was bei den anderen Fremdsprachen nicht der Fall war.

Andererseits legt die Form der durchgehenden dialogischen Handlung, die sich in den verschiedenen Stationen entlang der Reiseroute des koreanischen Händlers auf dem Weg nach Peking ergibt, die Annahme nahe, daß das Sprachbuch nicht nur als Spracherwerbsbuch, sondern auch als eine Art Reiseführer für koreanische Geschäftsleute gedient hat. Dies läßt sich durch präzise Preisangaben, Orts- und Wegbeschreibungen, Beschreibungen der Sitten und Bräuche in den Dialogen belegen.

Trotz der intensiven Bemühungen und verschiedenen Förderungsmaßnahmen der Regierung war aber der praktischen Dolmetscherausbildung kein wesentlicher Erfolg beschieden. Der hauptsächliche Grund dafür lag wahrscheinlich darin, daß die beruflichen Anforderungen in keinem Verhältnis zum sozialem Prestige standen. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem die chinesische Schriftsprache und die darauf beruhende Gelehrsamkeit beruflichen Erfolg und hohes Ansehen sicherten und die praktischen technisch-handwerklichen Tätigkeiten gering geachtet wurden, war man natürlich nicht geneigt, sich der mühsamen Dolmetscher- oder Übersetzerausbildung zu unterziehen. Zusammenfassend läßt sich auf der Grundlage der oben skizzierten Entwicklungen des Fremdsprachenunterrichts in der Yi-Dynastie folgendes festhalten: Aufgrund des diplomatischen Prinzips der Yi-Dynastie nahm das Chinesische unter den Fremdsprachen eine Vorrangstellung ein. Das war ein wichtiges fremdsprachenpolitisches Faktum. Anhand einiger überlieferter Sprachbücher können durchaus moderne Ansätze im damaligen Fremdsprachenunterricht festgestellt werden, die aber keine Allgemeingültigkeit erlangen konnten. Die in vieler Hinsicht modern anmutende Lehrmethode der Fremdsprachen im Übersetzungsamt war nur für eine begrenzte Zahl einer speziellen Berufsgruppe "Dolmetscher/Übersetzer" relevant. Wegen der ausschließlich an der chinesischen Gelehrsamkeit orientierten Atmosphäre der damaligen Gesellschaft war dieser Beruf sozial wenig angesehen. Aufgrund der geographischen Lage und der Isolationspolitik des Landes gab es andererseits für die meisten Leute kaum Gelegenheit, Fremdsprachen als Kommunikationsmittel im Alltag oder auf Reisen einzusetzen. Deshalb konnte diese pragmatische Richtung auf die späteren Entwicklungen des Fremdsprachenunterrichts in Korea wenig Einfluß ausüben. Bestimmend war und ist bis heute die Lehrmethode der chinesischen Schrift als reiner Buch- und Bildungssprache im privaten sowie öffentlichen Unterrichtswesen. Trotzdem sollten wir uns der pragmatisch-praktisch orientierten Tradition des Fremdsprachenunterrichts im alten Korea bewußt werden. Es gilt, die in Vergessenheit geratene Tradition der Fremdsprachenmethodik aufzuspüren und an die damals schon verwendeten modernen Ansätze anzuknüpfen.

IV. Einführung der modernen westlichen Fremdsprachen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet das verschlossene Land Korea immer mehr in den Einflußbereich des erstarkten Japans und der westlichen Weltmächte und wurde gezwungen, sich den westlichen Ländern zu öffnen. Im Jahre 1882 gelang es den USA, einen Handelsvertrag mit Korea abzuschließen. Es folgten Großbritannien (1883), Deutschland (1883) usw. Im Jahre 1883, d.h. ein Jahr nach dem Vertragsabschluß mit den USA, wurde die erste Dolmetscherschule "Tongmunhak" gegründet. Sie sollte Dolmetscher/Übersetzer für Englisch ausbilden. Interessanterweise ist die Gründung dieser englischen Sprachschule der Initiative eines Deutschen namens Paul Georg von Möllendorff (1848-1902) zu verdanken, des damaligen Staatssekretärs im Außenministerium. Da man keinen Muttersprachler als Lehrer gewinnen konnte, unterrichteten zuerst zwei chinesische Englischlehrer. Diese Schule wurde nach drei Jahren von dem Nachfolgeinstitut "Yukyeong-kongwon" abgelöst und drei Amerikaner konnten als Lehrer eingestellt werden. Um diese Zeit herum wurde eine Reihe von sogenannten "Mission Schools" gegründet, und der Englischunterricht verbreitete sich allmählich. Die etwas später gegründete Deutsche Schule bestand von 1898 bis 1910 und brachte im Laufe der Zeit fünf Absolventen hervor. Der Mittelschullehrer J. Bolljahn war als erster Deutschlehrer tätig. Dies war der Anfang des modernen Fremdsprachenunterrichts von westlichen Sprachen in Korea. Aus den spärlichen fragmentarischen Dokumenten und Zeugnissen über den damaligen Stand des Fremdsprachenunterrichts läßt sich schließen, daß man sich damals bemüht hatte, moderne Lehrmethoden anzuwenden und ein hohes Ausbildungsniveau zu erreichen. Es sei hier eine Stelle aus dem Reisebericht eines Deutschen namens Ernst von Hesse-Wartegg, der 1894 von Japan aus eine Reise nach Korea gemacht hatte, zitiert:

Vor einigen Jahren wurde auch eine englische Schule mit europäischen Lehrern gegründet, wo in englischer Sprache Unterricht erteilt wird, die einzige, die wirklich auf den Namen "Schule" Anspruch machen kann. Es bestehen fünf Jahrgänge und die Zahl der Schüler wächst von Jahr zu Jahr. Oberst Nienstedt, ein Deutschamerikaner, ist oder war der Direktor. Er sprach sich mir gegenüber ungemein lobend über den Eifer, die Intelligenz und die Fortschritte der Schüler aus, und schreibt ihnen grössere Fähigkeiten zu als den Japanern oder Chinesen. Ich fand während meines Aufenthaltes in Söul mehrfach Gelegenheit, mit Koreanern zu verkehren, welche verhältnissmässig recht instruiert waren und ausgezeichnet englisch sprachen, ohne je aus Korea herausgekommen zu sein. Ihr Englisch war entschieden besser, als das der Hunderte von Chinesen und Japanern, mit denen ich mich in dieser Sprache unterhielt; ...

Diese Aussage aus einem eher amüsanten und in mancher Beziehung spöttischen Ton geschriebenen Reisebericht ist zwar mit Vorsicht zu genießen, aber sie vermittelt uns doch ein gewisses Bild des damaligen Sprachunterrichts und dessen anfängliche Erfolge. Allem Anschein nach wurden damals Fremdsprachen in den neugegründeten Schulen mit Erfolg nach der direkten Methode gelehrt. Wegen der unglücklichen historischen Entwicklung blieb aber dieser vielversprechende Anfang des Fremdsprachenunterrichts in Korea leider nur eine kleine Episode. In der darauffolgenden japanischen Kolonialzeit wurden Fremdsprachen nach der einseitigen Grammatik-Übersetzungs-Methode gelehrt. Fremdsprachenunterricht und übersetzen aus der Zielsprache ins Japanische bzw. Koreanische waren so gut wie synonym.

Bisher habe ich versucht, die historische Entwicklung der koreanischen Sprachlerntradition in ihren charakteristischen Zügen aufzuspüren. Aus den oben skizzierten Ausführungen können wir feststellen, daß die alte Lerntradition noch heute in vieler Hinsicht im Fremdsprachenunterricht wirksam ist.

V. Gegenwärtiger Stand und Ausblick der Germanistik und des Deutschunterrichts

Zur Zeit sind Germanistik und Deutschunterricht in Korea im grundlegenden Wandlungsproze begriffen. Mit einigen Stichworten läßt sich die gegenwärtige Situation der koreanischen Germanistik folgendermaßen zusammenfassen:

1. Im Zuge der Bildungsreform vom 31. Mai 1995 wird die institutionelle Absicherung für Germanistik bzw. Deutschunterricht weitgehend abgeschafft. Die koreanische Germanistik muß um ihre Überlebenschance kämpfen.

2. Wegen der Globalisierung wird die dominante Stellung des Englischen als Weltverkehrssprache noch verstärkt.

3. Die traditionell dominierende Stellung des Deutschen wird unter den konkurrierenden zweiten Fremdsprachen immer mehr geschwächt, und die Nachfrage nach den wichtigen Nachbarsprachen, wie dem Chinesischen und Japanischen, steigt in rasantem Tempo.

4. Die bisher einseitig literatur- und sprachwissenschaftlich orientierte Germanistik wird in Zukunft wenig Chance haben. Es müssen eher berufsbezogene Studiengänge wie "area-studies" und Kulturraumstudien angeboten und die sprachpraktische Ausbildung verstärkt werden.

5. Die Deutschlehrerausbildung sollte qualitativ verbessert werden.

6. Die Germanisten sollten bereit sein, in dem sich verändernden Umfeld sich selbst zu verändern. Zum Beispiel durch Fort- und Weiterbildung und Selbststudium vom Literaturwissenschaftler zum Landeswissenschaftler usw.


Anhang: ZahlenÜberblick "Germanistik und Deutschunterricht in Korea"

1. Deutschunterricht an den Oberschulen

Fächer/Schule     Deutsch     Französisch     Spanisch     Chinesisch     Japanisch

General               481.007       292.076          12.883          67.690         305.295

Vocational            41.266         26.809            1.929           17.748        497.359

gesamt                 522.273       318.885          14.812          85.438        802.654

2. Fremdsprachen an den Highschools (Lehrer)

Fächer/Schule     Deutsch     Französisch     Spanisch     Chinesisch     Japanisch

General                1.150             688                 41                180                699

Vocational              114               80                   5                  37                 858

gesamt                 1.264             768                 46                217              1.557

(aus: Statistical Yearbook of Education 1996, Seoul)

3. Deutschunterricht und Germanistik an den Hochschulen

66 Deutsche Abteilungen an den Universitäten

8 Abteilungen für Deutschlehrerausbildung

1 Deutsche Abteilung, Junior College

ca. 630 Deutschlehrer und Germanisten an den Hochschulen (= Mitglieder der KGG)

(Vgl. Verzeichnis der KGG, 1996, Seoul)


Germanistische Organisationen und Verbände in Korea:

Koreanische Gesellschaft für Germanistik (KGG)

Koreanische Büchner-Gesellschaft

Koreanische Goethe-Gesellschaft

Koreanische Kafka-Gesellschaft

Koreanische Brecht-Gesellschaft

Koreanische Gesellschaft für Deutsch als Fremdsprache

Lektoren-Vereinigung Korea

u. a.

Won-Yang RHIE (Hanyang University, Ansan, Korea)


Copyright © 1997 by Won-Yang Rhie


DaF-Szene Korea Nr. 6

Back Home