1. Internet-Jahr 1996: Web-Seiten
Auf der Fachtagung der Deutschlehrer an den Studienkollegs in Karlsruhe (Oktober 1996) wurde es als Quantensprung bezeichnet, was in der Entwicklung der Nutzungsmöglichkeiten des Internets für den Deutschunterricht zu beobachten ist. Während auf der entsprechenden Tagung 1994 in Bonn noch das Versenden von E-Mails im Vordergrund der pädagogischen Überlegungen stand, ist mit der Verbreitung neuer Standards, dem "WWW" (World Wide Web), den in HTML formatierten Texten und entsprechenden Benutzeroberflächen, sogenannten "Browsern", eine derart rasante Entwicklung eingetreten, daß in Deutschland das Jahr 1996 wohl als Internet-Jahr in die Geschichte eingehen wird.
2. Führung durch die Web-Seiten des "Lernforums Deutsch"
2.1 Homepage in HTML-Formatierung
Der Verfasser hat auf dem Rechner der Universität Bonn eine Homepage (Leitseite, von der aus man zu allen übrigen Seiten des Projekts kommt) mit dem Titel "Lernforum Deutsch" im Internet veröffentlicht. Die Internet-Adresse lautet:
http://www.uni-bonn.de/lernforum/
Diese Adresse wird auch URL ("Universal Resource Locator") genannt. Ruft man mit einem Browser (z. B. mit dem am weitesten verbreiteten Netscape Navigator 3.0) den URL auf, erscheint das "Lernforum Deutsch" mit einer kurzen Erläuterung dessen, was es sein möchte:
"eine interkulturelle Web-Site für Lehrer und Studierende von Deutsch als Fremdsprache (DaF): Lehrer-und Schülerbeiträge; Unterrichtsmaterial, Lernangebote und interessante Links."
2.2 Inhaltsverzeichnis mit Grafik und Links
Man sieht eine Art Inhaltsverzeichnis mit jeweils einem blauen bzw. roten Stecknadelkopf vor jedem der insgesamt sechs Gliederungspunkte. Die Stecknadelköpfe gehen auf entsprechende Grafikdateien (in diesem Fall Dateien mit der Endung *.gif) zurück, die auf dem Server (hier: dem Universitätsrechner) abgelegt sind.
Auf eine reichhaltigere Ausstattung mit Bildern wurde verzichtet, um die Ladezeit der Seite nicht zu verlängern.
Wenn man einen der unterstrichenen Inhalte anklickt, wird man entweder zu einem weiteren Verzeichnis geführt oder man bekommt einen bestimmten Text zu lesen. Typisch für eine Homepage ist, daß sie auf Quellen verweist, die in der Weite des Internets aufrufbar sind. Aber der Autor kann auch Web-Seiten präsentieren, die von ihm selbst lokal bereitgestellt werden. In unserem Fall geschieht das auf dem Server des Rheinischen Hochschulrechenzentrums der Universität Bonn, von wo aus auch der Internetzugang ermöglicht wird.
2.3 Die Leitseite im Überblick
Beigefügt ist eine Abbildung der Leitseite. über die Inhalte kann sich der Leser am besten durch die Betrachtung der einzelnen Seiten am PC ein Bild machen. Dann kommen auch die grafischen Elemente und farbigen Hintergründe zur Geltung.
2.3.1 "Weltweite Brieffreundschaften per E-Mail (auf deutsch)"
Ein Inhaltspunkt heißt: "Weltweite Brieffreundschaften per E-Mail (auf deutsch)". Wer diesen Link aufruft, bekommt eine Verbindung zu einem Rechner in Korea hergestellt (http://maincc.hufs.ac.kr/~mathias/brief.htm). Hier bietet Herr Adelhoefer, ehemals Deutschlektor in Korea, mit folgenden Worten eine Plattform für Brieffreundschaften an: "Wenn Sie Lust haben, kostenlos interessante Brieffreundschaften in aller Welt zu schließen und dabei Ihre Deutschkenntnisse zu üben, lade ich Sie herzlich ein, bei meinem neuesten Projekt mitzumachen." Es gibt dort eine Liste mit den Namen, Hobbys und E-Mail-Adressen der "Schreiblustigen". Wer möchte, kann sich in diese Liste aufnehmen lassen und per E-Mail mit ausgewählten Partnern korrespondieren oder auf Post anderer warten.
2.3.2 "Handreichung zum Hörverstehen"
Der Punkt "Handreichung zum Hörverstehen" führt auf eine Web-Seite der "Deutschen Welle", die wertvolle didaktische und methodische Hinweise für die Gestaltung des Deutschunterrichts zur Fertigkeit des Hörverstehens enthält.
2.4 Links zu externen Informationsangeboten: TEXTHAUS und ZUM
Ein vielfältiges Informationsangebot findet man, wenn man die kommentierten "Wege zu Links" aufruft. Der Link zum Goethe-Institut in München (http://www.goethe.de) ist ein Muß, denn er führt zu ansprechend gestalteten und sehr informativen Seiten.
Daneben verdienen drei weitere Links besondere Beachtung.
2.4.1 "Texthaus... mehr als nur Texte!"
Mit diesem Slogan präsentiert sich TEXTHAUS, eine Web-Site in Italien (URL: http://www.webcom.com/~texthaus{Anm. der LVK: diese Adresse besteht mittlerweile nicht mehr!}). Es handelt sich hierbei um eine in mehreren Sprachen didaktisch aufbereitete Sammlung von aktuellen Texten, die bekannten deutschen Zeitschriften entnommen sind. Die Texte sind nach grammatischen und thematischen Gesichtspunkten auswählbar und erscheinen "on-line" mit Hyperlinks, d.h. mit unterstrichenen Wörtern, die man anklicken kann, um in der gewählten Fremdsprache eine Erklärung der Bedeutung zu bekommen. Natürlich können die Angebotstexte auch heruntergeladen, ausgedruckt und sogleich im Unterricht verwendet werden.
2.4.2 "German Studies Trail on the Internet"
(einschl. "German Internet Exercises" und "Internet-Chronik")
Zu einer Art Klassiker entwickelt sich wohl der "German Studies Trail on the Internet" von Prof. Andreas Lixl-Purcell an der Deutschabteilung der Universität von North Carolina, USA. Anhand eines breiten Themenrasters können vielfältige Quellen im deutschsprachigen Teil des Internets angewählt werden. Man findet die "German Internet Exercises", eine Sammlung von Aufgaben für den Unterricht im digitalen Klassenzimmer. Die "Internet-Chronik" ist ein Lernangebot zur deutschen Landeskunde (Unter- bis Oberstufe). Die Studenten bekommen schrittweise erklärt, welche Internet-Adressen aufgesucht und unter bestimmten Fragestellungen ausgewertet werden sollen. Es sind dann jeweils bestimmte Aufgaben zu lösen. Zum Beispiel kann eine Aufgabe darin bestehen, kulturelle oder touristische Informationen über eine deutsche Stadt oder Region zusammenzutragen. Dieser pädagogische Ansatz dürfte Schule machen. Das weitverbreitete, vor allem von jungen Leuten praktizierte orientierungslose "Surfen" im Internet widerspricht den Zielen einer vernünftigen Bildung im Bereich der neuen Informationstechniken. Deshalb müssen die Schulen und Hochschulen Hilfestellungen für eine Informationsbeschaffung und-auswertung nach wissenschaftlichen Grundsätzen geben.
2.4.3 Deutsche Bildungsserver
Aus der schnell wachsenden Anzahl der deutschen Bildungsserver soll hier kurz auf zwei bedeutende Entwicklungen hingewiesen werden: "learn-Line" (NRW) und "ZUM" (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet) als Beispiele für die unterrichtspraktische Relevanz von Web-Informationen. Hinsichtlich der Details ist auch hier wieder auf die On-Line-Betrachtung am PC zu verweisen.
Der Bildungsserver von Nordrhein-Westfalen, "learn-Line" ("http://www.learn-line.nrw.de"), wird vom Soester Fortbildungsinstitut geführt und ist als virtuelles Haus des Lernens konzipiert, in dem sich vielfältige Informations- und Bildungsangebote finden werden. Für den inhaltlichenAusbau werden in den einzelnen Fachbereichen ehrenamtliche Mitarbeiter eingesetzt, die mit der Bezeichnung "Pate" aktiv sind. Die Zentrale für Unterrichtsmedien (ZUM) (http://www.zum.de) in Freiburg ist in der Landschaft deutscher Internet-Sites allein von der Häufigkeit des Angeklickt-Werdens besondere Aufmerksamkeit wert: über 120 000 Aufrufe hat der Zähler auf der Leitseite der ZUM in nur einem Jahr registriert. Die Zeitschrift "Focus" hat in einem Artikel darauf hingewiesen.
Etwa 70 Lehrer engagieren sich in der ZUM als Referenten und Koordinatoren für bestimmte Schulfächer. Inzwischen besteht auch für Deutsch als Fremdsprache eine Koordination.
a) Gemeinsame Materialbörse als Privatinitiative von Lehrern
Es ist eine gemeinsame Materialbörse im Entstehen, die nach Schulfächern und Lehrplänen angelegte Angebote für den Unterricht enthält. Die Erfahrung von Lehrern, die täglich unterrichten, wird so in ein benutzerfreundliches Internetangebot umgesetzt.
b) Aktive Mitarbeit der Nutzer
Die Besucher der ZUM (Lehrer, Schüler, Eltern) werden zu aktiver Mitarbeit aufgefordert. Sie können die Listen von Internetquellen selbst erweitern, durch Stichwortsuche im Internet solche Quellen selbst aufspüren und ihre Kommentare dazu sowie eigene Überlegungen zur Nutzung des Internets in der Bildungsarbeit in der ZUM veröffentlichen. Auch die selbst erstellte private Homepage kann natürlich durch einen Link in die ZUM eingebunden werden. So findet man zum Beispiel auch das "Lernforum Deutsch" eingebunden, das von dort aus angeklickt und aufgerufen werden kann.
3. Zum didaktischen Konzept des "Lernforums Deutsch" und Ausblick zum Umgang mit den neuen Medien
3.1 Zum didaktischen Konzept
Die Web-Seiten des "Lernforums Deutsch" wurden als exemplarischer Einstieg für Unterrichtende und Lernende im Bereich Deutsch als Fremdsprache konzipiert. Folgende Merkmale erscheinen dabei für die Heranführung an die Internet-Nutzung relevant:
a) Eine relativ einfach gestaltete Leitseite mit wenig Grafik, die als Vorlage für die Erstellung einer eigenen Homepage dienen kann.
b) Eine Willkommensleiste in den Sprache Englisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch und Chinesisch führt ausländische Gäste auf entsprechende fremdsprachige Seiten. Dort werden sie aufgefordert, über ihre Lernerfahrungen in DaF zu berichten. Außerdem finden sie dort "Links" zu ihrer eigenen Kultur. Auf diese Weise soll auch über das bloße Erlernen der deutschen Sprache hinaus der interkulturelle Dialog versucht werden.
c) Integration von verschiedenen fachlich relevanten Informationen durch Kooperation. Mit Dank an alle Beteiligten sind hier hervorzuheben:
- Web-Seite der deutschen Welle, Homepage einer Deutschlehrerin, Beiträge von ausländischen Studierenden, Beitrag des Armant-Verlages in Köln, Beitrag eines Deutschlektors in Korea (Brieffreundschaften), Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Internet-Zeitschrift "Zeitschrift für den interkulturellen Fremdsprachenunterricht" (Kanada/Chemnitz), Zusammenarbeit mit dem in Italien in Kooperation mit dem Goethe-Institut Mailand produzierten Internet-Angebot "Texthaus", Zusammenarbeit mit der Freiburger Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM) und "last but not least": Zahlreiche E-Mails aus dem In- und Ausland mit positiven Rückmeldungen über den Nutzwert der Seiten sowie mit Ratschlägen, Anregungen und Wünschen.
d) Das "Lernforum Deutsch" ist offen als Projekt für Unterrichtende und Lernende, die an seiner Weiterentwicklung mitwirken möchten.
3.2 Ausblick zum Umgang mit den neuen Medien in der Bildungarbeit der Studienkollegs
Wenn es gelingt, durch attraktive Internet-Angebote mit pädagogisch wertvollen Inhalten die Verweilzeit der "Surfer" auf einer Web-Site zu verlängern - auch durch gründliches Offline-Lesen - und das orientierungslose Surfen überflüssig zu machen, dann ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Dann können Web-Sites dazu beitragen, daß auch im Internet ein kultureller Raum entsteht, in dem die Besucher zu Informationsverarbeitern werden, die der Vernunft vertrauen und die es verstehen, auf gebildete Weise von den neuen Medien Gebrauch zu machen.
Im Dialog mit den ausländischen Studierenden kann eine Web-Site der beschriebenen Art in dreifacher Hinsicht gewinnbringend sein:
1.) Die Web-Site kann eine werbende Funktion haben für die Studierenden, die sich in ihrer Heimat bereits für ein Studium in Deutschland interessieren, Deutsch lernen und den kulturellen Dialog suchen.
2.) Die Nutzung der Web-Site während des Studiums am Studienkolleg kann einen Beitrag leisten zur informationstechnischen Bildung der ausländischen Studierenden und damit das Studienkolleg als zukunftsorientierte Einrichtung attraktiver machen.
3.) Und die Web-Site kann nach Absolvierung des Studienkollegs eine Plattform für den Informationsaustausch der Ehemaligen sein und Möglichkeiten für eine sinnvolle Nachbetreuung der Kollegiaten eröffnen.
Die Arbeit als Lehrer in Deutsch als Fremdsprache hat eine neue und wahrhaft weltweite Dimension für den lebendigen Informationsaustausch bekommen. Wir sollten die Chancen nutzen!
Anmerkungen:
1. World Wide Web, meist abgekürzt WWW, ist ein Internet-Dienst, durch den Hypertextdokumente (Dokumente mit anklickbaren Verweisen) über Links miteinander verknüpft werden.
2. HTML = Abkürzung für Hypertext Markup Language. Dies ist eine Sprache zur Formatierung oder Programmierung von Seiten für das Internet.
3. HTTP oder http = Abkürzung für Hyptertext Transfer Protocol; WWW s. Anmerkungen: Fußnote Nr. 1; RHRZ= Abk. f. Rheinisches Hochschulrechenzentrum; UNI-BONN = Universität Bonn; DE= Deutschland. Damit ist die Domain gekennzeichnet, d. h. der Bereich eines Großrechners, in dem sich die in Betracht kommenden Dateien befinden. Nach dem Querstrich wird häufig mit der Tilde (~) das Verzeichnis angeschlossen (in meinem Fall die Benutzeridentifikation USA000), in dem sich die aufzurufende Datei, hier mit dem Namen "INDEX" befindet. An der Endung "HTML" erkennt man, daß die Datei in HTML formatiert ist.
4. Gute Einführungen geben a) Mary E. S. Morris, HTML - WWW aktiv nutzen (Mit Hilfen und Beispielen auf beiliegender CD), Hannover 1995 und b) Stephan Lamprecht, Das Einsteigerseminar HTML 3.2, Kaarst 1996.
Günther Miklitz, Bonn
E-Mail: USA000@ibm.rhrz.uni-bonn.de
Web-Seite: http://www.uni-bonn.de/lernforum/
Copyright © 1997 by Günther Miklitz