Samstag, 8 Uhr. Ich fahre aus dem Schlaf hoch. Das Telefon. Ich greife zum Hörer, melde mich mit wenig Stimme.
"Hallo, ich bin Kim Jae-Hong. Wie geht es Dir? Ich bin in Deutschland, in Bonn. Können wir treffen?"
Mein Gott, wer war noch mal Jae-Hong?
"Ja. Hallo. Natürlich. Wie schön."
"Deine Stimme ist nicht gut. Bist Du krank?"
"Nein, nur müde."
"Oh, zu früh. Ah ja. Ich rufe wieder an. In einer Stunde? O.k. Tschüs."
Ich bin hellwach. Nun ist es also soweit. Was so viele Teilnehmer am Sommerkurs auf Cheju 1996 angekündigt hatten, ist mit einem Schlag Realität geworden: Besuch aus Korea. Ohne Vorwarnung, hier und jetzt, heute.
Gegen 9 Uhr klingelt es erneut.
"Deine Stimme ist besser."
Wir verabreden einen Treffpunkt.
"Ruf mich an, wenn Du am Bahnhof bist. Ich hole Dich dann fünf Minuten später ab."
Alles klar, offenbar. Schnell wird ein Programm für den Tag entworfen. Die andern beiden Praktikantinnen von damals werden aus dem Bett geläutet. Diesmal von mir:
"O.k., ich melde mich, wenn ich Jae-Hong abgeholt habe. Dann sehen wir weiter."
Eine halbe Stunde vergeht. Gleich müßte er anrufen. Eine Stunde später schweigt das Telefon immer noch. Auch nach zwei, drei, vier und fünf Stunden. Der Tag neigt sich dem Ende. Das Telefon schweigt beharrlich. Es wird sich nicht mehr rühren.
Zwei Tage später treffen Jae-Hong und ich eine neue Verabredung. Ein wirklich netter Abend mit alten Geschichten und Eindrücken einer Europareise eines Koreaners. Unser großes Mißverständnis wird wohl nie vollständig aufgeklärt werden.
"Hallo, hier spricht Pak Min-Ju. Ich bin in Heidelberg. Ich komme am Wochenende nach Bonn."
Zwei Wochen sind ins Land gezogen, seit dem letzten koreanischen Anruf. Erstaunen darüber, wie wenig Spontaneität von mir verlangt wird. Am Wochenende also. Erst in vier Tagen. Alle Zeit der Welt, mein Zimmer für einen Wochenendgast herzurichten, meinen Kühlschrank aufzufüllen und ein paar nette Ausflüge zu planen. Treffpunkt: Freitag, 19 Uhr am Bahnhof.
Freitag, 17 Uhr. Das Telefon klingelt.
"Hallo? Ich bin Pak Min-Ju. Leider, ich kann nicht kommen. Es tut mir leid. Ich rufe wieder an."
Da stehe ich nun. Ein ganzes, freies Wochenende vor mir. Die Einkaufsliste liegt noch unerledigt auf meinem Tisch. Der Rundruf nach einem Auto fürs Wochenende ist noch nicht gestartet.
Drei Wochen später verbringen Pak Min-Ju und ich zwei angenehme Tage in Bonn. Ohne große Pläne, ohne Auto, ohne "deutsches Menü". Wir haben viel zu lachen, radeln am Rhein entlang und essen Döner an der Bude nebenan.
Ich lerne. Langsam.
Dagmar Giersberg, Bonn
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