Mathias Adelhoefer

Rezension:
Andreas Brüch und Alexander Thomas, Beruflich in Südkorea


Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist ein Buch, das ich mir vor meiner eigenen Umsiedlung nach Korea im Jahre 1992 sehnlichst gewünscht hätte. Mit diesem Buch im Ausreisegepäck wäre mir sicherlich manch peinliches Mißverständnis und manche Frustration über das angeblich undurchschaubare Verhalten der Koreaner erspart geblieben, ganz zu schweigen davon, daß ich wohl in weniger Fettnäpfchen getreten wäre...

Obgleich das Buch für "Manager, Fach- und Führungskräfte" konzipiert wurde, kann es jedem empfohlen werden, der lernen möchte, hinter die "koreanischen Masken" zu blicken - dienstlich oder privat! Auch wenn Sie ein alter Koreahase sind, wird dieses Buch Ihnen Freude machen, da es eine Fülle detaillierter Hintergrundinformationen enthält und Gelegenheit bietet zu überprüfen, ob Sie bereits einen koreanischen Blickwinkel entwickelt haben oder in typisch deutschen Erklärungs- und Verhaltensmustern verhaftet geblieben sind.


Beruflich in Südkorea ist das Resultat eines aufwendigen universitären Forschungsprojektes, bei dem Interviews mit deutschen Managern in Korea und zwei Fragebogenstudien mit koreanischen und deutschen Versuchspersonen wissenschaftlich ausgewertet wurden. Aufgrund der soliden empirischen Grundlage der Studie kann es nicht überraschen, wenn die Erkenntnisse über das interpersonale Verhalten zwischen Koreanern und Deutschen stereotype Antworten und Klischees weit hinter sich lassen. Die besondere Leistung der Autoren besteht darin, das umfangreiche und komplexe Material für den allgemein interessierten Leser systematisiert und anschaulich aufbereitet zu haben.

Das Buch eignet sich ebenso für Trainingskurse wie für das Selbststudium. In acht Trainingsabschnitten wird der Leser mit Hilfe von typischen Beispielsituationen an die koreanischen Kulturstandards herangeführt. Der Terminus "Kulturstandard" bezeichnet nach Brüch/Thomas "alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Bewertens und Handelns, die von den meisten Mitgliedern einer Kultur für die eigene Person und für andere als normal, selbstverständlich und verbindlich angesehen werden." (S. 10f.) Nach Brüch/Thomas sind die folgenden Kulturstandards charakteristisch für die koreanische Kultur:

1. "Hierarchieorientierung"
2. "Gesicht wahren"
3. "Beziehungsorientierung"
4. "Gruppenorientierung"
5. "Loyalität"
6. "Emotionalität"
7. "Spontaneität und Flexibilität"
8. "traditionelle Geschlechtsrollendifferenzierung" und "Trennung von Familienleben und Beruf"

Das interkulturelle Orientierungstraining zu Südkorea umfaßt insgesamt 31 kurz und präzise umrissene authentische Situationen, die in einen Konflikt zwischen koreanischen und deutschen Arbeitskräften münden. Nach jeder Situationsbeschreibung werden dem Leser verschiedene Antwortmöglichkeiten angeboten, die nach dem Grad ihrer Plausibilität bewertet werden sollen. Im nächsten Schritt werden Erklärungen zu jeder Antwort gegeben, die genauere Informationen zum Arbeitsalltag und Leben in Korea enthalten. Auf diese Weise wird plastisch, warum es zu der Situation kam, die für den deutschen Partner unerwartet, unverständlich oder verwirrend war.

Das Ziel des Trainings ist also, den Leser Schritt für Schritt für das Verhalten der koreanischen Kollegen, Geschäftspartner oder Bekannten zu sensibilisieren und somit nicht nur den oft zitierten "Kulturschock" abzufedern, sondern zugleich wertvolle Tips für einen erfolgreichen und befriedigenden Arbeitsaufenthalt zu geben.

Nach einer Reihe von Situationsbeschreibungen (sog. "Episoden") folgt jeweils eine zusammenfassende und übergeordnete Erklärung, die zusätzliche kulturhistorische Begründungen für das Verhalten liefern (die sog. "Kulturstandards"). Für den Kursivleser besonders hilfreich sind die "Tips für Verhaltensstrategien" am Ende eines jeden Abschnittes, die sich sogar noch auf die Schnelle im Flugzeug nach Korea gewinnbringend lesen lassen. Am Ende des Abschnitts "Gesicht wahren" erfährt man beispielsweise:

"üben Sie Kritik erst, nachdem Sie ausführlich Komplimente gemacht haben" und "Lernen Sie, negative Kritik möglichst indirekt zu formulieren, beispielsweise symbolisch durch Bilder, Umschreibungen oder Vergleiche oder als Fragen und Vorschläge." (S. 57)

Und unter den Verhaltenstips zum Thema "Beziehungsorientierung" heißt es u.a.: "Bemühen Sie sich um ein gutes Kibun: Die Einhaltung der Etikette, die Fähigkeit zu Smalltalk, der Austausch von Geschenken und Einladungen sind wichtig." (S. 75) Mein Lieblingstip aber ist: "Die individuelle Fähigkeit, Alkohol zu konsumieren, [kann] ein entscheidender Faktor für erfolgreiche Geschäftsabschlüsse sein." (Ebd.)

Diese Beispiele mögen für Koreaexperten banal und wenig überraschend sein. Dennoch kann man sich solcher "Selbstverständlichkeiten" gar nicht oft genug vergewissern, und gerade dem Korea- bzw. Asien-Neuling dürften diese Hinweise und Empfehlungen eine Orientierungshilfe sein, sich an die koreanischen Verhältnisse zu gewöhnen und anzupassen.

Einschränkend muß man anmerken, daß nicht alle Einzelheiten erwähnt werden, aber auf insges. 133 Seiten kann man kaum mehr als eine solide Einführung in Kultur und Gebräuche Koreas erwarten. Alle weiteren Schritte bleiben dem Leser überlassen, je nach individueller Neigung und Neugierde. Oder, wie es Brüch/Thomas formulieren: "Seien Sie ´koreanisch´! Wissen über die koreanische Kultur, Interesse und die Bereitschaft, Korea kennenzulernen, erleichtern es den Koreanern wie auch Ihnen, tragfähige Beziehungen aufzubauen." (S. 133)

Dem Asanger Verlag als kleinem Fachverlag ist mit diesem Band eine wichtige Publikation geglückt, die helfen kann, Brücken zwischen Koreanern und Deutschen zu bauen und Vorurteile abzubauen. Das bislang leider auch in Fachkreisen weitgehend übersehene Buch ist in der Reihe "Interkulturelle Handlungskompetenz" erschienen, die von dem überaus regen Alexander Thomas, Professor für Psychologie und Sozialpsychologie an der Universität Regensburg, herausgegeben wird. Seine Forschungsschwerpunkte sind Interkulturelle und Kulturvergleichende Psychologie sowie Interkulturelles Management. Seit vielen Jahren leitet Prof. Thomas von der Volkswagen-Stiftung geförderte Forschungsprojekte zu "Interkultureller Synergie", "Handlungskompetenz und Problemlösen in plurinationalen Arbeitsgruppen" und "Handlungswirksamkeit zentraler Kulturstandards in der Interaktion zwischen Deutschen und Chinesen". Seit Beginn dieses Jahres leitet er ein Projekt zum Thema "Das Fremde und das Eigene", das die Forschungsfragen der vorangegangenen Projekte weiterentwickeln soll.

Fazit: "Beruflich in Südkorea" gehört zur Pflichtlektüre für jeden, der sich erfolgreich in Korea etablieren will und nicht von einem Fettnäpfchen ins andere stiefeln will!


Andreas Brüch und Alexander Thomas: Beruflich in Südkorea, Interkulturelles Orientierungstraining für Manager, Fach- und Führungskräfte, Asanger Verlag Heidelberg, 1995. 133 Seiten, DM 44,- (ISBN 3-89334-283-4)

Mathias Adelhoefer, Berlin


Copyright © 1997 by Mathias Adelhoefer


DaF-Szene Korea Nr. 6

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