Mattheus Wollert

Projektwochen zur Berufsanbahnung


In diesem Artikel möchte ich zwei Themen verbinden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Das erste Thema betrifft die Bedeutung der deutschen Sprache im koreanischen Wirtschaftsleben für AbsolventInnen der Germanistik, das zweite Thema greift das Generalthema "Unterrichtsideen" dieser Rundbriefausgabe auf.

Deutsch in der Wirtschaftskommunikation

In der Fachdiskussion gibt es seit einiger Zeit den Begriff des ökonomischen Wertes einer Sprache. Dieser Begriff bezieht sich auf den hypothetischen Wert, den eine Sprache als Teil des Humankapitals auf dem Arbeitsmarkt einnimmt. Der Wert einer Sprache läßt sich allerdings nicht quantitativ bestimmen, sondern ergibt sich aus dem Grad seiner Wertschätzung bei den Mitgliedern einer bestimmten Gruppe. Nach Coulmas gehören zum ökonomischen Wert einer Sprache folgende Faktoren: ihr Gebrauchswert, die Investitionen, die in und für die Sprache getätigt werden und die Kosten, die für ihren Erwerb anfallen. Zur Ermittlung des Gebrauchswerts einer Sprache sind empirische Erhebungen nötig, die die Verteilung, den Gebrauch sowie die relative Stellung einer Sprache im Vergleich zu anderen Sprachen feststellen. Diese Erhebungen, so wertvoll und aufschlußreich sie für sprachplanerische Zwecke sind, leiden jedoch bekanntermaßen darunter, daß sie aus verschiedenen Grinden nur einen unvollständigen Ausschnitt aus der Wirklichkeit wiedergeben und eher als Tendenz denn als Tatsache interpretiert werden müssen.

Einschlägige Untersuchungen zum Gebrauchswert des Deutschen in ostasiatischen Gesellschaften stellen nun eindeutig eine tendenzielle Marginalität des Deutschen im regionalen Wirtschaftsleben fest (siehe Coulmas 1994 für Japan, Hess 1992 für China, Hess /Wingate 1994 für Hongkong). Obwohl für Korea noch keine entsprechende Untersuchung vorliegt (warum eigentlich nicht?) ist die Randständigkeit des Deutschen im koreanischen Wirtschaftsleben für die örtlichen mit der Vermittlung des Deutschen Beschäftigten ein Faktum. Die diesem Faktum scheinbar widersprechende traditionelle Hochschätzung des Deutschen im Hochschulbereich entspringt nicht etwa der unverbrüchlichen Liebe zu deutschsprachiger Kultur, sondern ist die indirekte Folge des einst hohen Gebrauchswerts des Deutschen für die Öffnung der ostasiatischen Gesellschaften Ende des 19. Jahrhunderts. Ökonomisch betrachtet lebt die koreanische Germanistik also in erster Linie von den Zinsen eines enormen Kapitals, das vor rund hundert Jahren erwirtschaftet wurde, während der tatsächliche gegenwärtige Gebrauchswert wesentlich geringer ist.

Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, daß wir als Vertreter des Deutschen öffentlich nicht allzu lautstark auf die aktuelle Überbewertung des Deutschen im koreanischen Bildungssystem hinweisen sollten, da wir uns damit über kurz oder lang unserer Existenzgrundlage berauben könnten. Ich meine demgegenüber, daß wir unsere Lebensgrundlage mittelfristig nur dann sichern können, wenn wir die Realität nüchtern und pragmatisch analysieren und die tatsächlichen Gegebenheiten in unsere tägliche Arbeit allmählich mit einbeziehen. Das würde bedeuten, daß man die berufspraktische Gegenwart nicht mehr ergeben dem Englischen oder regional bedeutenderen Sprachen wie dem Chinesischen oder Japanischen überläßt. Denn: Ist etwa das Potential der deutschen Sprache in Korea damit erschöpfend beschrieben, daß man ihr aus einer relativen Nachrangigkeit im Umkehrschluß Bedeutungslosigkeit attestiert?

Deutsch als Zusatzqualifikation

Wie wird Deutsch denn konkret im koreanischen Wirtschaftsleben verwendet? "Ab und zu schreibt sie mal 'nen deutschen Satz" lautet der lakonische Titel einer Studie über den Gebrauch des Deutschen in Hongkonger deutschsprachigen Firmenniederlassungen. Gespräche mit GermanistikabsolventInnen, die Deutsch in Korea beruflich regelmäßig brauchen, zeigen mir allerdings ein vielschichtigeres Bild (wie die Hess-Studie übrigens auch). Deutsch wird nach ihren Schilderungen in einer Vielzahl von formellen, halbformellen und nichtformellen Zusammenhängen verwendet und steht in einer komplexen Relation zu den übrigen in Korea relevanten Fremdsprachen.

Außerdem kommen immer wieder StudentInnen zu mir, die sich bei (koreanischen und deutschen) Firmen mit einem deutschen Lebenslauf und Anschreiben bewerben wollen. Für diese StudentInnen scheint das Deutsche durchaus eine wichtige Funktion zu haben, und sei es nur die eines Entrees in ein international arbeitendes Unternehmen oder die einer Zusatzqualifikation. Obwohl bekannt ist, daß deutsche Firmen keine Anstellungspolitik zugunsten von deutschen Sprachkenntnissen betreiben, habe ich immerhin auch noch nicht davon gehört, daß Deutschkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt zu Benachteiligungen bei der Jobsuche führen, sofern weitere Qualifikationskriterien erfüllt sind.

Aus diesen Überlegungen und Beobachtungen läßt sich folgende Hypothese ableiten:

Das Deutsche erfüllt in der internationalen Wirtschaftskommunikation Koreas spezifische Zwecke. Auch in einer ökonomischen Nische herrscht ein differenziertes Leben. Über die Mikrostruktur dieser Nische und die spezifischen Zwecke des Deutschen in Korea wissen wir bisher wenig.

Das Projekt "Berufsanbahnung"

Es liegt auf der Hand, daß es besser wäre, wüßten wir mehr über die gesellschaftliche Praxis des Deutschen in Korea, das vor allem den StudentInnen zugute käme, die das Deutsche auf dem Arbeitsmarkt als Qualifikation einsetzen wollen. Deshalb initiierte ich im Herbst letzten Jahres mit den Studentinnen des dritten Jahrgangs ein Pilotprojekt, das einerseits etwas Licht ins Dunkel ums Deutsche im koreanischen Wirtschaftsleben bringen und andererseits meine Studentinnen konkret zu Kontakten mit dem bevorstehenden beruflichen Alltag verhelfen sollte. Die Informantensuche über StudentInnen ist zwar einerseits stark dem Zufall verpflichtet und weniger repräsentativ als eine flächendeckende Fragebogenaktion, hat aber andererseits den Vorteil, daß die bestehenden Vernetzungen der AbsolventInnen einer Hochschule Ergebnisse mit einem hohen Realitätsbezug garantieren und eventuell Kontakte herstellen, die für die Projektteilnehmer in Zukunft verwertbar sind.

Ich ließ Gruppen zu vier Studentinnen bilden, denen ich als erstes die Aufgabe zuwies, sich ein Thema für ein Projekt auszusuchen. Dazu hatte ich eine Liste von Vorschlägen vorbereitet (auch andere Gebiete betreffend wie z.B. Deutsch und deutsche Motive / Personen in der Werbung, japanische und amerikanische Einflüsse auf die koreanische Kultur usw.) aus der sich die Studentinnen ihr Thema aussuchen konnten. Es stand ihnen aber frei, sich auch ein Thema eigener Wahl zu überlegen. Zwei Gruppen wählten sich Themen, die mit der Bedeutung des Deutschen für die Berufspraxis zu tun hatten. Das Projektthema der einen Gruppe lautete herauszufinden, wie man sich bei einer deutschen Firma bewirbt, das Projektthema der anderen Gruppe untersuchte das Berufsleben von Absolventinnen der Deutschabteilung. Über eine Dauer von fünf Wochen hatten die Studentinnen die Aufgabe, die Themenstellung zu präzisieren, in Einzelaufgaben zu zerlegen, Recherchen durchzuführen und zu dokumentieren, einen Bericht zu verfassen und zum Schluß auf Deutsch in einem freien Vortrag (der für die Abschlußnote bewertet wurde) die Ergebnisse zu präsentieren. Die zwei Stunden der wöchentlichen Unterrichtszeit standen den Studentinnen für Rücksprachen mit mir und der Gruppenarbeit am Projekt zur Verfügung. Die Studentinnen waren den ganzen Zeitraum über sehr konzentriert bei der Sache und viele der Abschlußvorträge waren nicht nur inhaltlich informativ, sondern wurden auch präsentationstechnisch ansprechend (OHP, Schaubilder, Fotocollagen usw.) dargeboten.

Als Unterrichtsform für die dritte Klasse (vierzig Studentinnen, zwei Stunden pro Woche) kann ich die Projektarbeit ohne Einschränkung empfehlen. Die Studentinnen hatten die Gelegenheit, sich selbständig in ein Gebiet einzuarbeiten sowie sich den dazu gehörenden Wortschatz zu erarbeiten und anzuwenden. Meine Aufgabe bestand darin, den Studentinnen zunächst die Angst vor der veränderten Arbeitsform zu nehmen, sie allmählich zu den Themen hinzuführen, ihnen bei ihren jeweiligen Recherchen Hinweise auf Material und weiterführende Literatur zu geben und ihnen schließlich bestimmte Präsentationstechniken für den Abschlußvortrag zu vermitteln. So wurden die Projektwochen sowohl für mich als auch für die Studentinnen eine Bereicherung des Unialltags (siehe zum Thema Projektarbeit auch den Beitrag von Anke Stahl im Rundbrief Nr. 3)

Auswertung

Für die mich besonders interessierenden Fragen nach der Bedeutung des Deutschen im koreanischen Berufsleben haben die Projektwochen zudem zu weiterführenden Resultaten geführt. Die Projektgruppe "Wie bewirbt man sich bei einer deutschen Firma in Korea" hatte beispielsweise herausgefunden, wie man freie Stellen findet, sich Informationen über Firmen beschafft, ein Einstellungsinterview auf Deutsch oder Englisch vorbereitet und durchführt, welche "Tricks" bei der Jobsuche die Erfolgschancen verbessern und wie man, wenn man eine Arbeitsstelle gefunden hat, seine beruflichen Aussichten verbessern kann. Entgegen meiner Annahme waren diese Informationen selbst den Studentinnen des vierten Jahrgangs, die sich bereits auf Arbeitsuche befinden, nur zum Teil bekannt. Die Projektgruppe "Das Berufsleben von Absolventinnen der Deutschabteilung an der Sungshin-Universität" hatte einen Kriterienkatalog zu Arbeitsbedingungen von Germanistikabsolventinnen in koreanischen und internationalen Firmen aufgestellt und erfuhr zum Beispiel, daß Absolventinnen bei deutschen Firmen durchschnittlich eine höhere Arbeitszufriedenheit aufweisen als bei koreanischen Firmen. Die Frage nach dem Einsatz von Fremdsprachen bestätigte, daß der Gebrauch des Englischen in der deutschen Firmenkommunikation auf Angestelltenebene an erster Stelle steht. Das Deutsche dagegen kommt vor allem in der inoffiziellen mündlichen Kommunikation und im Fax- und E-Mail-Verkehr zum Einsatz. Interessanterweise führt dies allerdings in einigen Fällen dazu, daß deutsche Schriftstücke für den Firmengebrauch ins Englische (und umgekehrt) übersetzt werden müssen. Übersetzungen des Deutschen in und aus anderen Fremdsprachen (Chinesisch, Japanisch) spielen ebenfalls eine Rolle. Das wiederum ist eine Fähigkeit, die wir in unseren Kursen an den Universitäten unter Hinweis auf die praktische Verwendbarkeit einüben können.

Vorschlag für eine Projektkooperation

Insgesamt war die befragte Menge jedoch nicht groß genug, um zu relevanten Ergebnissen zu kommen. Eine Schwierigkeit ergab sich daraus, daß die Studentinnen in der kurzen Zeit Probleme hatten, genügend Informantinnen (Germanistikabsolventinnen aus vorigen Jahrgängen) zu finden. Ich plane deshalb eine Fortsetzung dieser Projektarbeit auf einer erweiterten Basis und möchte an dieser Stelle interessierten LektorInnen und koreanischen KollegInnen vorschlagen, eine Arbeitsgruppe zu bilden mit dem Ziel, über die Projektarbeit mit StudentInnen präzisere Daten zur Bedeutung und Stellung des Deutschen in der koreanischen Wirtschaftskommunikation zu erhalten. Abgesehen davon, daß wir unseren Deutschunterricht sinnvoll nutzen, sehe ich folgende Vorteile einer Kooperation auf breiter Basis:

- Der Praxisbezug der Projektarbeit und die Aussicht auf spätere Verwendbarkeit fördert die intrinsische
  Motivation der StudentInnen, sich Deutschkenntnisse anzueignen. Das führt zu einer Erweiterung des
  traditionellen Images des Deutschen als einer Bildungssprache.

- Deutschkenntnisse werden als Qualifikationsmerkmal anerkannt. Möglicherweise hat dies einen
  positiven Rückkopplungseffekt auf die Einstellungskriterien von Firmen, die mit Deutsch zu tun haben.

- Die StudentInnen erfahren etwas über das Berufsleben aus erster Hand.

- Die StudentInnen stellen Kontakte mit potentiellen Arbeitgebern oder späteren KollegInnen her.
  Eventuell können sie sich bereits um ein Praktikum bemühen.
  (Auf die Möglichkeit von Firmenpraktika ist von der Industrie- und Handelskammer bereits aufmerksam
  gemacht worden.)

- Die StudentInnen können sich gezielter auf ihren eigenen Berufseinstieg vorbereiten.

- Der tatsächliche Bedarf an Deutsch in der Praxis wird ansatzweise empirisch ermittelt.
  Daraus lassen sich Rückschlüsse auf einige Determinanten des aktuellen Gebrauchswerts des
  Deutschen in Korea ziehen.

- Die LektorInnen können nach der Auswertung möglichst vieler Einzelprojekte berufsbezogene
  sprachliche Fähigkeiten gezielt einüben.

Damit genügend Zeit ist, Informanten zu finden, halte ich es für sinnvoll, bereits Anfang des Herbstsemesters mit den Vorbereitungen der Projektwochen zu beginnen. Das Goethe-Institut, das seine Unterstützung dieses Projekts bereits zugesagt hat, stellt uns am 20. September einen Raum zur Verfügung. Ich bitte daher alle interessierten KollegInnen, sich möglichst bald mit mir (Telefonnummer 02-408 6155) oder der LVK in Verbindung zu setzen, um die erste Arbeitssitzung planen zu können. Zum Abschluß der Projektarbeit wollen wir Vertreter von Unternehmen, GermanistikdozentInnen und StudentInnen zu einer gemeinsamen Veranstaltung im Goethe-Institut einladen und auf diese Weise die Ergebnisse publik machen. Wir erhoffen uns von dieser Präsentation einen kräftigen Motivationsschub für unsere StudentInnen und generell eine Aufwertung von Deutsch in Korea.

Literaturangaben

Coulmas, Florian (1994) Deutsch in japanischen Niederlassungen deutscher Firmen. In: Ulrich Ammon (Hrsg.) Die deutsche Sprache in Japan. Verwendung und Studium. München: iudicium, S. 71 - 82.

Hess, Hans Werner (1992) Die Kunst des Drachentötens. Zur Situation von Deutsch als Fremdsprache in der Volksrepublik China, München: iudicium

Hess, Hans Werner & Wingate, Ursula (1994) Ab und zu schreibt sie mal 'nen deutschen Satz. Zur Situation von Deutsch als Fremdsprache in Hongkong. In: Info DaF 21 Nr. 5, 1994, S. 519 - 533.

Mattheus Wollert, Sungshin Frauen Universität


Copyrigth © 1997 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 5

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