Holger Nord

Lieder im Unterricht


Ich möchte der folgenden kurzen Darstellung vorausschicken, daß ich nicht unbedingt ein ganz toller Lehrer bin, der jeden Tag mit neuen und einfallsreichen Projekten oder Methoden aufwartet. Die meiste Zeit arbeite ich mit Büchern und entsprechenden Übungen und kämpfe gegen die vielen kleinen Dinge, die der Alltag so mitbringen kann. Deshalb stelle ich bewußt ein negatives und ein positives Beispiel dar. Ich denke, daß dieser Ansatz angebracht und vielleicht erfrischend ist, wenn beim Thema "Unterrichtsideen" doch allzu oft der Eindruck entsteht, wie toll diese Kollegen und Kolleginnen sind (und sich dabei ertappt, wie man über sich selbst und seine Qualitäten ins Grübeln gerät). Niemand auf der Welt kann jeden Tag einen Unterricht anbieten, der interkulturelle und persönlichkeitsbereichernde Erkenntnisse, friedenserzieherische Maßnahmen, kollegiale Integration und reiche Sprachvermittlung mit Langzeiteffekt beinhaltet. Außerdem wäre es m.E. fatal zu fordern, daß andere z.B. meinem Beispiel blind folgen sollten. Jeder sollte sich selbst zunächst treu bleiben und nicht krampfhaft andere Leute und ihren Unterrichtsstil kopieren. Erst wenn man bei sich im Miteinander mit den Studenten und der Umwelt seinen Weg gefunden hat und versucht, stets kritisch seine eigenen Schritte zu beobachten und neu zu setzen, ist man offen für Anregungen und Ideen, die man dann in abgewandelter Form, abhängig von der eigenen Persönlichkeit und den spezifischen Lehr- und Lernbedingungen, eventuell in den Unterricht einbringen kann.

Ich möchte zwei Lieder vorstellen, die ich (zusammen mit meiner Frau) aus unterschiedlichen Anlässen getextet habe. Das erste Lied ist im ersten Semester meines ersten Jahres in Korea entstanden (1996). Es sollte die Studenten nicht nur indirekt zu einer besseren Aussprache bezüglich der Lippenzahnlaute (Labiodentale) verhelfen, "w und f", es sollte auch durch seinen Inhalt so verstanden werden, daß es wichtig ist, zu sprechen und gleichzeitig dabei ruhig Fehler machen darf und sogar muß, denn Fehler gehören dazu, wenn man wirklich etwas lernen will. Das Lied hat allerdings mit "Deutschlied" keinen originellen Namen. Durch die Übernahme der allseits bekannten Melodie des Sesamstraßen-Themas ist es leicht zu singen und einprägsam:

Das Deutschlied

Wer, wie, was,
wieso, weshalb, warum?
Wer nicht fragt, bleibt dumm!
Tausend tolle Sachen,
die gibt es überall zu sehen,
doch manchmal muß man fragen,
um sie zu verstehen!

Der, die, das,
davon, damit, daher.
Ist doch gar nicht schwer.
Tausend tolle Sachen,
die kann man anders sehen,
doch manchmal braucht man Fehler, um sie zu verstehen

Ein, mein, kein,
hätte, könnte, wär'
Deutsch lieb ich so sehr.
Tausend tolle Sachen
kann man auf Deutsch machen,
kommt macht alle mit,
denn Deutsch ist ja ein Hit!

Vielleicht fühlten sich die Studenten zumindest vom Musikarrangement zu sehr unterfordert, so daß es eine starke, positive Rückmeldung nicht gab. Die Studenten an der Universität haben es doch eher als eine PflichtÜbung aufgenommen wurde, so daß auch das Singen nicht die Qualität der Fischerchöre erreichte und sich darüber hinaus der o.g. Lerneffekt nicht einstellte. Aber auf der hiesigen Fremdsprachenoberschule kamen von den Schülern doch positive Reaktionen. Fazit: Für die Universität nur bedingt empfehlenswert, für die Schulen aber sicherlich eine sinnvolle und willkommene Abwechslung.

Aufgrund der schlechten Erfahrung an der Universität habe ich mir für das alljährliche Liederfestival der fremdsprachlichen Abteilungen an meiner Universität in meinem zweiten Semester etwas Neues überlegt: Zunächst wollte ich mit dem Lied hauptsächlich dazu auffordern, daß die Studenten an der deutschen Abteilung doch versuchen sollten, mehr Deutsch zu sprechen, besonders die ersten beiden Jahrgänge. Weil ich aber mit Verständnisproblemen rechnen mußte, wollte ich koreanische Elemente einbauen, die zumindest die Hauptaussagen transportieren konnten. Meine fehlende Musikalität bzw. Kompositionskünste der Notenschreibung habe ich dadurch gelöst, daß ich das Lied im Rap-Stil verfaßte - was ja außerdem für Studenten ansprechender ist als die Sesamstraßenmelodie. Noch interessanter und ansprechender erwies sich die Tatsache, daß ich dieses Lied mit einem Studenten des 4. Jahres zusammen auf der Bühne aufgeführt habe (ganz nach Rapper-Manier). Im Wechselgesang, (mal er den deutschen Part und ich den koreanischen und umgekehrt) und mit den raptypischen Überlappungen und Wiederholungen haben wir dann das Lied vorgetragen.

Lied im Rap-Stil

Hallo Leute, togil-oro
Alles klar? Kenchanayo?
Arasso!
Ich bin hier in Korea und die Leute sind toll (Echo: toll)
doch von einem habe ich die Nase total voll (voll)
Überall, wo ich geh' und steh'
tun mir die Ohren weh.
Miguk saram, okay,
but yong-oro -
no way, no way, No Way!

Refrain (a la "Vanille Ice"):

Wir wollen Deutsch, Deutsch, Baby Togil-oro
besser jetzt - dzigum
hier - yogi
als anderswo!
Deutsch, Deutsch, Baby
jetzt - hier
dzigum - yogi
TOGIL-ORO

Ich stehe da in der shinae so herum,
weißt du, da kommt mir ein Student doch echt dumm.
Nicht kenchanayo oder togil-oro,
nein, where are you going? YONG-ORO!
Ich sage: Hey, hey man,
laß mich bloß in Ruh'
ich will Togil, vielleicht auch Han'guk dazu!

(Refrain:) Wir wollen Deutsch, Deutsch Baby....

Hey Leute, ich hoffe, ihr hört zu.
Ich meine: Du, Du und Du!
Ihr müßt halt probieren, einfach so,
was ich euch sagen will - TOGIL-ORO!
Fehler zu machen, bedeutet nicht viel,
aber Deutsch zu sprechen,
DAS IST DAS ZIEL!

(Refrain)

Fazit: Die Veranstaltung war klasse, aber das Überraschende war die Tatsache, daß noch heute die Studenten des ersten Jahres, die ich zu dem Zeitpunkt nicht unterrichtete, auf das Lied zurückgreifen, wenn ich im Unterricht (jetzt sind sie im zweiten Jahr) die Aufforderung "Togil-oro" äußere. Natürlich ist es sehr stark vom eigenen Charakter abhängig, ob man so etwas machen will, aber für jemanden, der sich das zutraut, sollten solche Gelegenheiten auf jeden Fall genutzt werden, zumal der Respekt - anders als meine Befürchtungen - doch eher gestiegen ist. Die Studenten spüren, so meine ich, daß dort jemand steht (und sie später unterrichtet), der ihnen wirklich helfen will, und das auf eine interessante Weise. Auf dem nächsten Liederfestival möchte ich übrigens ein Lied auf Koreanisch vortragen, damit ich meinen Studenten zeige, daß ich wenigstens versuche, die koreanische Sprache zu lernen, auch wenn sie wissen, wie schlecht ich es kann!

Holger Nord, Ch'ongju Universität


Copyrigth © 1997 by Holger Nord


DaF-Szene Korea Nr. 5

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