Seit einigen Jahren, immer dann, wenn sich das Semester dem Ende nähert, wenn es für den normalen Unterricht entweder zu kalt oder zu warm ist, und wenn die Studenten sowieso keine Lust mehr haben, sich in das Verwirrspiel deutscher Grammatik zu verstricken, versuche ich, sie mit einigen Stunden Projektunterricht aus den vorgezogenen Ferienträumen zu reißen. Viermal habe ich bisher diesen besonderen Unterricht in Form eines Videofilms angelegt, den die Studenten selbst planen, schreiben und schauspielerisch ausfüllen sollten. Die ersten zwei Videos waren Filme, in denen unsere Universität vorgestellt wurde, der dritte hatte das Thema "Müll - Probleme in unserer Uni", und das Video, woran ich derzeit arbeite, hat "Werbefilme" zum Inhalt.
Die Idee, Werbefilme zu drehen, kam von den Studenten meiner dritten Klasse selbst. In einem Land wie Korea, in dem man von bunter, greller Werbung nahezu an jedem Haus beeinflußt wird, lag ein solches Thema natürlich nahe. Außerdem hat der Werbespot den Vorzug kurz und prägnant zu sein, keine komplizierten Satzgebäude zu fordern und bietet die Möglichkeit, auch das, was man sprachlich noch nicht so vollkommen ausdrücken kann, durch andere Kanäle (Musik, Schauspiel, Bilder) umzusetzen.
Ich sah mir mit den Studenten zunächst einige deutsche Werbe-Videos an, die man im Goethe - Institut ausleihen kann. Von einem ausgewählten Videoclip sollten die Studenten dann das Drehbuch schreiben: was kann am im Film sehen, hören, welche Sätze werden gesprochen, wo werden Musik oder Lieder eingesetzt. Ein Schwerpunkt lag natürlich auf der Sprache. Die Studenten sollten zunächst "werbewirksame" Wörter aus dem Spot auflisten und eigene hinzufügen. Das waren in der Regel Superlative oder positive Eigenschaftswörter wie "himmlisch, toll, super, phantastisch, mollig-weich usw."
Nachdem nun ein Vokabular vorhanden war, sollten alle Studenten in 3er oder 4er Teams einen Werbespot für eine neue Schokoladensorte schreiben und am Ende der Zwei-Stunden-Einheit aufführen. Auch der Produktname war Teil der Aufgabe. Hier reichte die Phantasie von Schöpfungen wie "Aaaah - AFRIKA" bis "Wunderlecker". Schon beim Aufführen dieses zwei-Minuten-Szenarios hatten alle viel Spaß.
Eine Hausaufgabe bestand darin, ein Drehbuch mit Text, Drehanweisungen (was hört man, was sieht man, was wird gesagt) und Zeichnungen für die einzelnen Szenen anzufertigen. Diese Drehbücher wurden sehr gewissenhaft und ordentlich ausgeführt. In der nächsten Unterrichtseinheit besprach ich mit den einzelnen Teams die Drehbücher, korrigierte Fehler und machte ggf. Änderungsvorschläge. Dann übten die Studenten die Aussprache der Texte.
Die letzte Unterrichtseinheit war den Dreharbeiten vorbehalten. Die Studenten hatten vorher scheinbar noch zusammen lange geübt, und manche konnten ihre Dialoge auch schauspielerisch perfekt vortragen. Einige hatten ein kleines Lied komponiert, was im Hintergrund des Werbespots zu hören war.
Insgesamt waren die Studenten mit diesen vier Unterrichtseinheiten zu je zwei Stunden sehr zufrieden und haben den Wunsch geäußert, so etwas im nächsten Semester wieder zu machen.
Michael Menke, Inchon Universität
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