Mattheus Wollert

Unterrichtsidee zum kreativen Schreiben


Authentische Unterrichtstexte

Ich setze im Unterricht des dritten Jahrgangs kein Lehrwerk mehr ein, sondern arbeite grundsätzlich nur mit authentischem Material, d.h. bevorzugt mit literarischen Kurztexten (ergiebige Quelle: Dietrich Krusche "Aufschluß. Kurze deutsche Prosa im Unterricht Deutsch als Fremdsprache", über Inter Nationes zu beziehen), oder deutschen Rock- und Popsongs. Zum Beispiel ist es fruchtbar, verschiedene fiktionale und nicht-fiktionale Textsorten zum gleichen Thema zu vergleichen (z.B. Gedichte, Schlager, Zeitungsberichte, wissenschaftliche Forschungsergebnisse, Statistiken zu Themen wie Liebe, Jugend, Arbeit, Alltagsleben etc.) Ich bin immer wieder überrascht, welche Leseerlebnisse durch fiktionale Texten möglich werden, wenn man sie mit nicht-fiktionalen Texten konfrontiert.

Meine Absicht ist, den Lernern durch das Angebot ausgewählter literarischer Originaltexte, die sie in ihren intellektuellen Fähigkeiten als Erwachsene ansprechen, den Terror des sprachlichen Reduktionismus und der inhaltlichen Banalität, wie er in vielen üblichen Lehrwerktexten steckt, zu ersparen. Die Arbeit mit literarischen Texten im sprachlichen Grundstufenbereich birgt zwar die Gefahr einer Überforderung, hat aber den Vorteil, daß die Lerner aus der vom Üblichen Sprachunterricht geforderten Rolle als infantilisierte Erwachsene heraustreten können.

Entscheidend für das Gelingen im Umgang mit Originaltexten ist nach meiner Erfahrung, die koreanischen Lerner nicht in die Routine der Wort-für-Wort-Übersetzung fallen zu lassen, sondern ihnen ein unmittelbares Leseerlebnis zu ermöglichen. Der stärkste Gehilfe im Sprachlernprozeß sollte der Text selbst sein und die Faszination, die von ihm ausgeht. Der didaktische Kniff dabei ist, die motivierende Kraft ausgesuchter Texte nicht durch Bedeutungsfragen zu lähmen oder den was-will-uns-der-Autor-sagen-Knüppel zu schwingen. Die Lust am Neuen, am Exotischen des Textes läßt sich durch geeignete Aufgaben erhalten bzw. wecken, vor allem durch kreatives Schreiben.

Kreatives Schreiben

Schreiben, die im kommunikativen Unterricht lange Zeit vernachlässigte vierte Fertigkeit, ist eine verlangsamte Sprachproduktion, die zu einer intensiven wechselseitigen Auseinandersetzung mit eigenen Ausdrucksbedürfnissen, potentiell vorhandenem sprachlichem Wissen und dem Schreibanlaß führt. Schreiben läßt sich unter koreanischen Unterrichtsbedingungen wesentlich einfacher als Sprechen praktizieren. Über literaturtheoretische und -didaktische Hintergründe dazu kann man sich in der reichlich vorhandenen Fachliteratur informieren (z.B. Ehlers, Kast, Hunfeld, Krusche). In diesem als Anregung verstandenen Beitrag möchte ich nun zeigen, wie ich einen Text von Thomas Bernhard, "Der Diktator", als Impuls zum kreativen Schreiben einsetze.

Präsentation

Zunächst schreibe ich das Wort "der Diktator" an die Tafel und frage die Lerner, was das ist. Normalerweise blättern die Lerner in ihren Wörterbüchern und murmeln irgendwann die koreanische Entsprechung vor sich hin. Dann frage ich nach Beispielen und erhalte merkwürdigerweise als ersten Namen meist Nero, es folgen mit Sicherheit Hitler, Mussolini und Hussein und irgendwann fallen auch die Namen von Kim Il-sung und Park Chung-hi. Spätestens in diesem Augenblick ist die Klasse aufgewacht. Dann frage ich, wie denn ein Diktator aussieht und bitte jemanden aus der Klasse, an die Tafel zu kommen und auf Zuruf einen Diktator zu malen. Der prototypische Diktator trägt eine Uniform mit Medaillen und Stiefel, ist dick, kurzbeinig und hat ein rundes Gesicht mit Hitlerbart und Sonnenbrille. Die zugerufenen Wörter schreibe ich an die Tafel. Dann frage ich, wie ein Schuhputzer aussieht, und lasse ihn auf gleiche Weise an die Tafel malen. Der prototypische Schuhputzer ist ein barfüßiger junger Bursche mit Schuhcreme im Gesicht, einem ärmellosem zerrissenem Unterhemd und einem Schuhputzerkasten in der Hand. Die visuelle Darstellung regt die Phantasie an, entlastet den Text von Bernhard vor, den ich nun austeile, und erledigt auf spielerische Weise ganz nebenbei Wortschatzarbeit.

Der Diktator hat sich aus über hundert Bewerbern einen Schuhputzer ausgesucht. Er trägt ihm auf, nichts zu tun als seine Schuhe zu putzen. Das bekommt dem einfachen Mann vom Land, und er nimmt rasch an Gewicht zu und gleicht seinem Vorgesetzten - und nur dem Diktator ist er unterstellt - mit den Jahren um ein Haar. Vielleicht ist das auch zu einem Teil darauf zurückzuführen, daß der Schuhputzer dieselbe Kost ißt wie der Diktator. Er hat bald dieselbe dicke Nase und, nachdem er seine Haare verloren hat, auch denselben Schädel. Ein wulstiger Mund tritt heraus, und wenn er grinst, zeigt er die Zähne. Alle, selbst die Minister und die nächsten Vertrauten des Diktators fürchten sich vor dem Schuhputzer. Am Abend kreuzt er die Stiefel und spielt auf einem Instrument. Er schreibt lange Briefe an seine Familie.

Die Leerstellen

Jeder liest den Text ruhig für sich, anschließend erkläre ich schwierige Wörter. Zur Semantisierung von "kreuzt er die Stiefel" setze ich mich hin und lege die Beine überkreuzt auf einen anderen Stuhl. Dann lasse ich nach dem Instrument raten und erhalte meistens Geige, Akkordeon, Flöte und Gitarre als Beispiele. Das Instrument ist eine wichtige "Leerstelle" des Textes, genauso wie die Kost ("Stellen Sie ein typisches Menü des Schuhputzers zusammen!"), das heißt, die Lerner sollen diese semantisch vagen Begriffe in ihrer Vorstellung mit eigenem Leben füllen. Die ergiebigste Leerstelle des Ausschnitts sind jedoch die langen Briefe. Einen langen Brief lasse ich jetzt in Gruppen zu zwei bis vier Lernern schreiben. An diesem Punkt tritt manchmal Widerstand auf, der sich z.B. darin äußert, daß einige sagen, sie wissen ja gar nicht, was der Schuhputzer wirklich geschrieben hat, oder sie würden den Text nicht verstehen. Ich weise darauf hin, daß jeder Leser den Text auf seine Weise verstehen kann und schreiben darf, was einfällt. Ich habe noch keine Gruppe erlebt, die nicht nach spätestens zehn Minuten kichernd und glucksend einen Brief produziert hätte, der nicht auch mich amüsiert hat. Ich gehe von Gruppe zu Gruppe und helfe und verbessere behutsam. Die Lust an der ins Kraut schießenden Kreativität darf nicht durch kleinliche Korrekturen getrübt werden.

Zwei Beispielsbriefe:

Meine liebe Familie,

mir geht es sehr gut und ich bin immer satt. Mein Chef ist ein schmutziger Diktator. Seine Schuhe sind sehr groß und stinken. Aber ich putze sie fleißig. Gestern habe ich in die Schuhe gespuckt. Ich möchte nach Hause gehen. Ich will meine zwanzig Kinder sehen. Zum nächsten Treffen kann ich mit zwei Broten kommen. (Ich habe schon ein Brot unter meinem Bett verborgen.) Streitet nicht mit den Kindern! Heute sitze ich auf einem Stuhl meines Chefs und spiele auf der Geige. Und ich erinnere mich an unsere Hochzeitsreise. Dein Gesäß ist immer lieblich. Auch Deine Lende schwebt mir vor Augen. Bald komme ich nach Hause. Natürlich mit zwei Broten.

Euer Peter


Meine liebe Familie,

wie geht es euch? Es geht mir sehr gut. Hundert Leute haben sich beworben, um einen Beruf als Schuhputzer zu bekommen. Da habe nur ich eine Zusage vom Diktator erhalten. Zuerst hatte ich Angst, aber jetzt nehme ich rasch an Gewicht zu. Weil ich dieselbe Kost wie der Diktator esse. Ich bin zufrieden mit meinem Beruf und meinem Leben und spiele jeden Abend auf dem Akkordeon. Ich sehne mich nach euch. Wenn ich ein Vogel wäre, könnte ich zu euch fliegen. Aber ich sorge mich in dieser Zeit um mein Gesicht. Ich hoffe, daß ihr gesund seid. Vergeßt mich nicht. Ich liebe euch.

Alles Liebe

Karl


Aus den beiden Briefen wird deutlich, daß die wesentlichen inhaltlichen Punkte des Textausschnitts nicht nur verstanden, sondern in kreativer Weise interpretiert und weiterverarbeitet wurden.

Danach präsentiere ich den nächsten Textauszug:

..., die seinen Ruhm im ganzen Lande verbreitet. "Wenn man der Schuhputzer des Diktators ist", sagen sie, "ist man dem Diktator am nächsten." Tatsächlich ist der Schuhputzer auch dem Diktator am nächsten; denn er hat immer vor seiner Tür zu sitzen und sogar dort zu schlafen. Auf keinen Fall darf er sich von seinem Platz entfernen. Eines Nachts jedoch, als er sich stark genug fühlt, betritt er unvermittelt das Zimmer...

Der Textauszug endet an einer Schnittstelle, die zur (ziemlich eindeutigen) Spekulation über den Fortgang der Handlung und zur Wortschatzarbeit, Thema Verben des Tötens, einlädt. Diese Schnittstelle dient mir wieder zur Wortschatzarbeit. Ich lasse mindestens zehn verschiedene Tötungsarten beschreiben. Das Textende konkretisiert schließlich die Leseerwartung.

..., weckt den Diktator und schlägt ihn mit der Faust nieder, so daß er tot liegen bleibt. Rasch entledigt sich der Schuhputzer seiner Kleider, zieht sie dem toten Diktator an und wirft sich selbst in das Gewand des Diktators. Vor dem Spiegel des Diktators stellt er fest, daß er tatsächlich aussieht wie der Diktator. Kurz entschlossen stürzt er vor die Tür und schreit, sein Schuhputzer habe ihn überfallen. Aus Notwehr habe er ihn niedergeschlagen und getötet. Man solle ihn fortschaffen und seine hinterbliebene Familie benachrichtigen.

Nachdem wir den Text besprochen haben, konfrontiere ich Thomas Bernhards "Diktator" mit einem Lied von Udo Lindenberg, "Bananenrepublik", in dem es um eine vergleichbare Thematik geht, worauf ich aus Platzgründen leider nicht eingehen kann.

Noch einige Hinweise

Ich vermute, daß einige bedenkenswerte Vorbehalte gegen diesen Unterrichtsvorschlag vorgebracht werden können, hauptsächlich aufgrund des durchschnittlich niedrigen Sprachniveaus. Es ist richtig, daß nicht alle Lerner sprachlich in der Lage sind, literarische Texte zufriedenstellend zu rezipieren. Aber durch eine geschickte Aufgabenverteilung kann jeder aus einer Gruppe von zwei bis vier Lernern zu einem kreativen Umgang mit dem Text gebracht werden, sei es, daß man zusätzlich Zeichnungen anfertigen läßt, sei es, daß ein schwächeres Gruppenmitglied die Wörterbucharbeit übernimmt, sei es, daß ein völlig desintereressierter Lerner die Reinschrift des produzierten Textes anfertigt und dann vom OHP abliest. Die Hauptschwierigkeit liegt erfahrungsgemäß immer wieder darin, festgefahrene Lerngewohnheiten aufzubrechen, d.h. die Lerner zu ermutigen, die Texte nicht Wort für Wort entziffern zu wollen, sondern ihnen ein genuines Lesevergnügen zu ermöglichen.

Ich arbeite nach dieser Methode seit drei Jahren im dritten Jahrgang und habe auf diese Weise einen ganzen Aktenordner voll von Kurztexten und Liedern didaktisiert. Am Anfang braucht es etwas Zeit, bis man in einem literarischen Text geeignete Leerstellen, Schnittstellen oder sonstige für kreative Weiterarbeit verwertbare Strukturen auffindet und nicht jeder kurze fiktionale Text eignet sich allein aufgrund seiner Kürze, aber die Mühe lohnt sich. Günstig sind prinzipiell alle Textelemente, die dazu einladen, sich etwas "auszumalen". Die Lerner sind in dieser Art von Unterricht im besonderen Maße auf Lesehilfen wie Vorentlastung, Textstrukturierung, Wortschatzarbeit, grammatische Erläuterungen usw. angewiesen. Auf den Lektor kommt daher zugegebenermaßen einige Arbeit in der Auswahl und Didaktisierung geeigneter Texte zu, die allerdings durch farbigen Unterricht und unvergeßliche Lernerprodukte mehr als aufgewogen wird.

Mattheus Wollert, Sungshin Frauen-Universität


Copyright © 1997 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 5

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