Kommentar der LVK zum Artikel "Zur Stellung ausländischer Professoren an koreanischen Universitäten" von Lee In-Suk


Die deutsche Lektorenschaft in Korea hat schon mehrfach darauf hingewiesen, daß sie über teilweise nicht zufriedenstellende Bedingungen an hiesigen Universitäten enttäuscht ist. Wir freuen uns deswegen darüber, daß diese Problematik nun auch von koreanischer Seite aufgegriffen wird und immer mehr koreanische KollegInnen sich für unsere Belange öffentlich einsetzen. Den vorstehenden Situationsbericht ergänzend möchten wir im folgenden auf die Argumente eingehen, die immer wieder zur Begründung einer Ungleichbehandlung aufgeführt werden.

Im Artikel wird behauptet, ausländische LekorInnen sollten deswegen nicht enger in die koreanischen Universitäten eingebunden werden, weil sie diese nach kurzer Zeit (zwei Jahren) wieder verließen. Nach einer auf Anregung der Deutschen, Französischen und Schweizer Botschaft durchgeführten Untersuchung ergibt sich aber für die deutschen LektorInnen folgendes Bild: Einige arbeiten schon seit über zehn, andere seit über fünf Jahren an koreanischen Universitäten. Viele von diesen haben koreanische Ehepartner und Familien, mit den sie in Korea leben möchten. Die meisten arbeiten länger als drei Jahre hier. Viele der Neuankömmlinge würden sich gerne auf einen längeren Aufenthalt in Korea einrichten, wenn koreanischen Universitäten ihnen dies möglich machen würden. Leider aber bieten diese in der Regel nur Einjahresverträge an und behalten sich jederzeit das Recht vor, sie nicht zu verlängern, was den deutschen LektorInnen eine langfristige Planung sehr erschwert. Wie berechtigt unsere Sorge in Bezug auf eine unerwartete Nichtverlängerung ist, zeigen drei Fälle des vergangenen Jahres. Verträge wurden ohne Rücksicht auf Qualifikation, Familienstand und Langzeitplanung der betroffenen deutschen Lektoren und ohne zwingende Begründung nicht erneuert. Zwei der Betroffenen haben eine Anstellung an anderen koreanischen Universitäten gefunden, einer ist enttäuscht nach Deutschland zurückgekehrt.

Wir sind uns darüber im Klaren, daß unsere koreanischen KollegInnen außerhalb ihrer Unterrichtsverpflichtungen noch ein Reihe anderer Aufgaben haben, die wir teilweise nicht wahrnehmen können. Das sollte aber kein Grund dafür sein, uns "mangelnden Fleiß" vorzuwerfen. Unser besonderer Status als Muttersprachler des Deutschen bringt es z.B. mit sich, daß wir außerhalb unseres Unterrichts sehr viel Zeit zur Betreuung der Studenten aufbringen. Das gilt insbesondere für die Betreuung von Theatergruppen, die einen unsere Unterrichtsverpflichtung oft weit überschreitenden Zeitaufwand erfordert. Daneben versorgen wir Studenten mit Informationen über Studienaufenthalte in Deutschland, helfen ihnen bei der Beschaffung und dem Ausfüllen von Bewerbungsunterlagen und formulieren Briefe für sie. Magisterstudenten und Doktoranden und Teilzeitlehrer wenden sich regelmäßig mit verschiedensten Bitten um Hilfestellungen an uns. Zu unseren Aufgaben gehört auch die Durchsicht von Manuskripten und Materialien der verschiedensten Art für unsere koreanischen KollegInnen. Außerdem verfassen und publizieren die LektorInnen eigene wissenschaftliche Arbeiten, die in koreanischen und deutschen Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Einige wissenschaftliche Arbeiten deutscher LektorInnen sind sogar zu Standardwerken geworden. Deutsche LektorInnen beschäftigen sich auch intensiv mit der Entwicklung moderner Lehrmaterialien für Oberschulen und Universitäten. Einen nicht unwesentlichen Beitrag leisten auch diejenigen deutschen LektorInnen, die in Kooperation mit ihren koreanischen KollegInnen koreanische Literatur ins Deutsche übersetzen. Für eins dieser Kooperationsprojekte wurde eine deutsche Lektorin im vergangenen Jahr mit einem Übersetzungspreis ausgezeichnet.

Darüber hinaus hat sich die deutsche Lektorenschaft in Korea als erste überhaupt zu einem Fachverband zusammengeschlossen. Ziel dieser Vereinigung ist es u.a., die Zusammenarbeit mit unserem koreanischen KollegInnen zu optimieren und als Vermittler zwischen der koreanischen Germanistik und den mit Kulturaustausch befaßten deutschen Institutionen tätig zu werden. Das praktizieren wir bereits mit Erfolg. Ein weiterer Service, den wir unseren koreanischen KollegInnen kostenlos bieten, ist die Versendung unseres Publikationsorgans "DaF-Szene Korea" an alle deutsche Abteilungen koreanischer Universitäten und u.a. an die oben genannten deutschen Institutionen. Damit versorgen wir sie mit aktuellen Informationen zum Stand der Germanistik und dem Fach Deutsch als Fremdsprache im In- und Ausland und bieten ihnen ein einmaliges Informationsforum. Gleichzeitig veranstalten wir eigene Seminare, so z.B. im November des vergangenen Jahres das internationale Symposium "Deutsch als Fremdsprache in Korea - Tendenzen und Perspektiven" in Yangpyeong. Alle der auf diesem Symposium gehaltenen Vorträge und Diskussionsbeiträge werden demnächst in einem Sammelband veröffentlicht. Wie in diesem Rundbrief nachzulesen ist, hat der koreanische Erziehungsminister in einer Rede anläßlich des oben erwähnten Symposiums unser berufliches Engagement an koreanischen Universitäten und den wichtigen Beitrag, welchen wir zum deutsch-koreanischen Kulturaustausch leisten, ausdrücklich gewürdigt.

In dem Artikel wird die Begründung für eine Ungleichbehandlung aus unserem "unwissenschaftlichen Konversationsunterricht abgeleitet. Unser Unterricht heißt ja nur deswegen "Konversationsunterricht", weil Universitätsverwaltungen ihn in Ermangelung klarer Unterrichtsziele und Studieninhalte einfach so nennen. In Wirklichkeit geben wir sehr differenzierten Sprachunterricht. Was ist daran unwissenschaftlich? Immerhin gibt es in Deutschland inzwischen über 20 Lehrstühle, in denen die Grundlagen unserer Arbeit - die Vermittlung deutscher Sprache und Kultur - wissenschaftlich reflektiert und entsprechend gelehrt werden. Beschäftigen wir uns nicht laufend mit Fragen moderner Lern- und Lehrmethoden? Haben wir diese Fragen nicht schon mehrfach in unseren Rundbriefen thematisiert? Stehen wir mit einigen unserer koreanischen KollegInnen nicht in einer ständigen fachdidaktischen Diskussion über Deutsch als Fremdsprache unter besonderer Berücksichtigung spezifischer Lehr- und Lerntraditionen in Korea? Haben wir nicht gerade den vorliegenden Rundbrief ganz bewußt unter das Motto "Unterrichtsideen" gestellt?

Ein qualifizierter "Konversationsunterricht" erfordert eine wissenschaftliche Grundausbildung und Fachkenntnisse, die wir uns in entsprechenden Studiengängen erworben und in Fortbildungskursen u.a. des Goethe-Instituts ständig vertiefen. Im Herbst diesen Jahres veranstalten wir ein weiteres Symposium, diesmal unter dem Thema "Germanistik und Wirtschaft". Dort werden wir Konzepte vorlegen und diskutieren, wie sich der Deutschunterricht an koreanischen Universitäten den veränderten gesellschaftspolitischen Bedingungen anpassen könnte. Was ist daran unwissenschaftlich, wenn wir moderne Konzepte entwickeln und unseren Studenten einen Unterricht bieten, der ihnen bessere Berufschancen eröffnet? Wir maßen uns nicht an, die Unterrichtsqualität unserer koreanischen KollegInnen zu beurteilen oder gar zu kritisieren. Warum müssen wir es hinnehmen, daß unsere Arbeit teilweise so negativ beurteilt wird, obwohl doch so viele Tatsachen dieser Bewertung widersprechen? Im Übrigen leiden viele von uns gerade darunter, daß uns die Möglichkeit zu qualifiziertem Unterricht außerhalb des "Konversationsunterrichts" nicht gegeben wird. So beschränken sich unsere Aufgaben in Magister- und Doktorkursen in der Regel darauf, deutsche Zusammenfassungen der aus diesen Kursen erwachsenden Arbeiten zu korrigieren. Für den Unterricht in diesen Kursen, der eine andere wissenschaftliche Qualität hat und für viele von uns ja eigentlich ausgebildet sind, werden wir selten herangezogen, weil er unseren koreanischen KollegInnen vorbehalten bleibt.

Das Argument, eine Schlechterbehandlung ausländischer LektorInnen aus höheren Qualifikationsanforderungen an koreanische Bewerber und größerer Konkurrenz unter ihnen ableiten zu können, scheint uns nicht stichhaltig. Wenn es koreanische Universitäten wirklich ernst damit meinten, qualifizierte ausländische Bewerber in größerer Zahl anzulocken, brauchten sie nur die Bedingungen zu verbessern (jedenfalls diejenigen, die schlechte Bedingungen bieten) und damit die Stellen attraktiver zu machen. Leider werden qualifizierte ausländische Bewerber zu häufig von unzumutbaren Bedingungen abgeschreckt. So ist es wohl kein Zufall, daß an 20 von 80 deutschen Abteilungen an koreanischen Universitäten die Lektorate unbesetzt sind. Es stünde aber zu befürchten, daß bei größerer Konkurrenz unter ausländischen Bewerbern einige Universitäten ein anderes Argument, das uns leider schon allzusehr bekannt ist, in den Vordergrund stellen würden: Die ausländischen LektorInnen seien an ihren Universitäten arbeitslos, deswegen könnten sie froh sein, an koreanischen Universitäten arbeiten zu dürfen und hätten kein Recht darauf, sich über schlechte Bedingungen zu beklagen.

Die 60 deutschen LektorInnen an koreanischen Universitäten gehören zu einer verschwindend kleinen Minderheit von Deutschen in Korea, die einen koreanischen Arbeitgeber haben. Die Gründe, warum sie sich für Lektorate an deutschen Abteilungen interessieren, sind sehr viel vielschichtiger, als Vertretern dieses Arguments bewußt zu sein scheint. Darauf möchten wir an dieser Stelle nicht eingehen, halten aber einen Hinweis auf circa 40.000 Koreaner in Deutschland, von denen sich viele nicht ohne Grund einen deutschen Arbeitgeber gesucht haben, für gerechtfertigt.

Wir unterstützen koreanische Universitäten in ihren Plänen, kompetente ausländische Lehrkräfte einzustellen. Wie oben ausgeführt, ist dies in manchen deutschen Abteilungen schon geschehen. Wir hoffen aber, daß alle Universitäten sich dazu entschließen können, uns auch als solche zu behandeln. Leider sind an einigen Universitäten Qualifikation, Berufserfahrung, akademischer Grad und Familienstand ausländischer LektorInnen keine Kriterien für die Festlegung der Vertragsbedingungen. Statt dessen wird uns offen gesagt, daß man sich bei der Festlegung danach richte, was an anderen Universitäten üblich sei. Was üblich ist, ist den meisten Universitäten bekannt, denn sie tauschen darüber Informationen aus. Einige orientieren sich dann an den schlechtestmöglichen Bedingungen. Wie sich das in der Wirklichkeit darstellt, sei an einem realen Beispiel, das leider kein Einzelfall ist, erläutert: Ein qualifizierter deutscher Lektor bewarb sich auf eine freiwerdende Stelle. Die Universität bot ihm einen Zehn-Monatsvertrag an. Damit versuchte sie, ihre rechtliche Verpflichtung zur Zahlung einer Abfindung umgehen zu können (das koreanische Arbeitsgesetz sieht für ausländischen LektorInnen die Zahlung einer Abfindung in Höhe eines Monatsgehaltes für jedes Jahr einer zwölfmonatigen Beschäftigungsdauer vor.) Die Universität hoffte damit also, drei Monatsgehälter einsparen zu können. Gleichzeitig bot sie ihm ein Gehalt, das weniger als die Hälfte dessen betrug, was vergleichbar qualifizierte Koreaner bekommen. Auf seine Erklärung, daß er sich unter diesen Umständen nicht in der Lage sehe, ein Arbeitsverhältnis mit der Universität einzugehen, wurde ihm erwidert, man wisse, daß die Bedingungen schlecht seien, mit einer Verbesserung der Konditionen sei aber sobald nicht zu rechnen. Einigen Universitäten scheinen die Ergebnisse unserer oben erwähnten Untersuchung bekannt zu sein. Groteskerweise orientieren sie sich an dem untersten von uns angegebenen Lohnniveau, das wir als unzumutbar dokumentiert hatten, um auf diese Mißstände aufmerksam zu machen und koreanische Universitäten zu bitten, diese Zustände, die kein Ruhmesblatt für eine Universität sind, abzustellen.

Wir haben Verständnis dafür, daß koreanische Universitäten - wie deutsche auch - sich gelegentlich zu Sparmaßnahmen gezwungen sehen. Wenn aber bei einer erneuten Festlegung der Vertragsbedingungen bei Vertragsverlängerung mit dem Hinweis auf Sparmaßnahmen Ausländern an koreanischen Universitäten das Gehalt drastisch gekürzt wird (es sind Gehaltskürzungen von bis zu 50 Prozent bekannt geworden), während Koreaner weiterhin in den Genuß normaler Gehälter und prozentualer Gehaltserhöhungen kommen, so können wir dafür kein Verständnis aufbringen.

Besonders bedauerlich scheint uns, daß auch staatliche Universitäten schlechte Bedingungen bieten. Auch wenn koreanische Gesetze einen Beamtenstatus für Ausländer nicht zulassen, so sind diese doch wohl nicht dahingehend auszulegen, daß sie auch normale Gehaltserhöhungen, Bonuszahlungen, Beförderungen oder Vergünstigungen, wie sie für koreanische Professoren üblich sind, ausschließen. Es ist nicht einzusehen, daß dieselben gesetzlichen Bestimmungen, die vor zwanzig Jahren eine Besserstellung von Ausländern gegenüber ihren koreanischen KollegInnen ermöglichten (damit versuchte man, die Gehälter auf ein annähernd internationales Niveau anzuheben, um so ausländische Lehrkräfte aus westlichen Industrieländern zu einer Lehrtätigkeit an koreanischen Universitäten zu motivieren) heute im Zeitalter der Globalisierung eine Schlechterstellung bewirken müßten. Staatliche Universitäten sollten eigentlich Vorreiter der Globalisierung sein und es wäre wünschenswert, daß sie sich möglichst schnell dem Beispiel einiger privater Universitäten anschließen würden, die ihren ausländischen ProfessorInnen Bedingungen bieten, die denen ihrer koreanischen KollegInnen vergleichbar sind. Der Gleichstellung liegt hier nämlich die Erkenntnis zugrunde, daß es für alle Beteiligten vorteilhafter ist, ausländischen ProfessorInnen normale Bedingungen zu bieten, sie damit zufrieden zu stellen und sie zu langfristiger Mitarbeit zu motivieren, als sie durch schlechte Bedingungen zu frustrieren und zu vorzeitiger Heimreise zu veranlassen, was leider immer wieder geschieht. Die entsprechend negativen Berichte in den jeweiligen Heimatländern über Korea schaden langfristig auch dessen Ansehen. Gerade staatliche Universitäten sollten auch dem Geiste des Kulturabkommens zwischen der BRD und der Republik Korea entsprechen und damit wiederum privaten Universitäten ein Zeichen setzen. Diese behaupten nämlich, das Kulturabkommen enthielte nur Absichtserklärungen auf Regierungsebene und sie fühlten sich daran nicht gebunden - eine Interpretation, die um so enttäuschender ist, als von den Vorteilen des Abkommens gern gebraucht gemacht wird. So studieren im Augenblick ca. 5000 koreanische StudentInnen (viele darunter von den eben genannten Universitäten und vorbereitet von deutschen LektorInnen) auf Kosten der deutschen Steuerzahler an deutschen Universitäten. Die deutsche Regierung und die verschiedensten mit Kulturaustausch befaßten deutschen Institutionen vergeben zahlreiche, teilweise recht großzügige Forschungsstipendien an koreanische ProfessorInnen oder unterstützen koreanische Universitäten auf andere Weise.

Wir hören immer wieder von unseren koreanischen KollegInnen, daß sie sich gern an ihren Studienaufenthalt in Deutschland erinnern. Auch der koreanische Erziehungsminister betont in der oben erwähnten Rede die wertvollen Erfahrungen, die er im deutschen Kulturkreis gemacht hat. Darüber sind wir froh und auch ein wenig stolz. Können oder wollen sich einige koreanische Universitäten wirklich nicht vorstellen, mit welchen Erinnerungen an Korea diejenigen von uns zurückkehren werden, die hier so unbefriedigende Bedingungen vorgefunden haben? Interessiert es sie auch nicht, wie schwer diese Bedingungen mit einem ausgewogenen Kulturaustausch in Einklang zu bringen sind?

In einem Kommentar zu einer ähnlichen Problematik in The Korea Herald vom 14. Mai dieses Jahres unter der Rubrik "Cultural Dimensions" zieht Robert J. Fouser folgende Schlußfolgerung: "Korean educational authorities should work to develop a system that gives all teachers - Korean and foreign - what they need to do their jobs well: decent pay, social respect, and opportunities for professional development..."

Die deutsche Lektorenschaft bittet alle betroffenen koreanischen Universitäten, die Bedingungen ihrer ausländischen LektorInnen noch einmal wohlwollend zu überdenken.


DaF-Szene Korea Nr. 5

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