Bernhard Hügler

Fotogeschichten im Deutschunterricht


Seit acht Monaten bin ich Lektor an der Sangmyung-Universität in Chonan. Nachdem sich der Konversationskurs des dritten Jahrgangs im ersten Semester unserer Zusammenarbeit nachlassend duldsam durch einige Kapitel des Sprachlehrwerks "Alles Gute" gekämpft hatte, beschlossen wir für dieses Semester eine grundlegende Änderung. Statt Grammatikeinheiten und veralteter Deutschkunde vom Videoband wollten die Studentinnen lieber ihre Sprachkenntnisse aktiv einsetzen. Wir einigten uns darauf, anwendungsbezogenen Unterricht zu machen. Unter anderem schlug ich vor, in Gruppenarbeit Fotogeschichten herzustellen. Die Studentinnen waren zunächst skeptisch. Sie trauten sich die technische Leistung, die mit der Aufgabe verbunden ist, nicht zu. Um ihren Bedenken etwas entgegenzusetzen zu können, produzierte ich vorab selbst eine Fotogeschichte. Für die Durchführung des Projekts waren die Erfahrungen, die ich dabei sammelte, ungemein hilfreich. Mir wurde bewußt, daß ich den Studentinnen für die Produktion ihrer Geschichten mindestens sechs Unterrichtsstunden zur Verfügung stellen mußte. Ich merkte auch, daß die Fabel einer solchen Story gar nicht einfach genug sein kann. Die wichtigste Einsicht aber war, daß man, bevor man die Fotos macht, ganz genau planen muß, was man aufnehmen möchte. Ich erinnerte mich daran gelesen zu haben, daß bei der Produktion von Zeichentrickfilmen detaillierte Storyboards hergestellt werden. Mit Hilfe dieser Pläne lassen sich Fehler vermeiden und man spart Zeit.

Die Studentinnen waren von meinem Werk auf eine äußerst schmeichelhafte Weise angetan. Sie hatten keine Bedenken mehr und machten sich sofort mit großem Eifer an die Arbeit. In den ersten beiden Unterrichtsstunden, die für das Projekt angesetzt waren, teilte ich ein Arbeitsblatt aus, auf dem ich ausführlich erklärte, was ich erwartete. Die Studentinnen sollten nach ihren persönlichen Neigungen Gruppen (maximal vier Personen) bilden. Zunächst sollten sich die Gruppen jeweils eine Fabel ausdenken. Diese sollten sie mir in einem kurzen Exposé vorstellen, damit ich sehen konnte, ob die Idee im vorgegebenen Zeitrahmen realisierbar sein würde. Dann sollten sie ein Storyboard zeichnen. Für jedes Foto, daß sie aufnehmen wollten, sollten sie eine Skizze machen und wesentliche Details dazuschreiben. In der zweiten Doppelstunde sollten sie die Bilder machen und damit beginnen, an den Texten (Erzählerkommentare, Sprechblasen, Titel, etc.) zu arbeiten. In der dritten Doppelstunde sollten sie die Fotos zurechtschneiden, auf Karton kleben, nummerieren und sie mit Texten versehen.

In der vierten Doppelstunde, der Mittelprüfung dieses Semesters, kamen die einzelnen Gruppen mit ihren fertigen Geschichten, den Exposés und den Storyboards in mein Büro, um mir ihre Arbeiten vorzustellen. Für die Geschichten und das Gespräch gab ich den Gruppen Noten. Die Leistungen der Studentinnen waren im Vergleich zu den beiden vorhergegangenen Prüfungen, die ich bei ihnen abgenommen hatte, überdurchschnittlich gut. Sie hatten mit großem Interesse und Einsatz gearbeitet. Alle neun Geschichten, die mir vorgestellt wurden, waren klug ausgewählt, ausgezeichnet visualisiert und liebevoll gestaltet.

Bernhard Hügler, Sangmyong Universität


Copyright © 1997 by Bernhard Hügler


DaF-Szene Korea Nr. 5

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