Maria Gruber

Grammatische Tausendfüßler


Im dritten Studienjahr arbeitete ich als Hinführung zum Thema "staunen" mit folgendem Dialog:

Herr Berger: Wo haben Sie Ihren Urlaub verbracht?
Frau Heine: Wir waren in den Alpen. Die Berge sind ja hoch! Ich konnte vor Staunen
                     zuerst gar nichts sagen.
Herr Berger: Mir ging es auch so, als ich sie zum erstenmal sah.
Frau Heine: Und wo waren Sie?
Herr Berger: Wir sind an die Ostsee gefahren. Von unserem Haus aus hatten wir einen
                      wunderbaren Blick auf das Meer.
Frau Heine: Ja, es gibt so viel Schönes in der Welt. Wir müßten mehr Zeit und mehr
                    Geld haben, um alles sehen zu können.
Herr Berger: Doch gibt es nicht auch hier zu Hause vieles zum Staunen?

Als Übungen waren zum Austauschen andere Urlaubsorte angegeben. Für Koreaner muß es kompliziert erscheinen, daß die deutschen ihre Ferien an der Nordsee, im Harz, auf Rügen, am Rhein oder in Bayern verbringen. Natürlich haben die Studenten diese Formen gelernt und können sie grammatisch einordnen. Aber das garantiert noch kein freies Umgehen damit.

Ich erzähle meinen Studenten manchmal folgende kleine Geschichte: "Eine Spinne mit ihren acht Beinen traf eines Tages einen Tausendfüßler. Sie sagte zu ihm: 'Hör mal, Tausendfüßler, wie weißt du eigentlich, wann du den 375sten Fuß heben und den 739sten Fuß senken mußt?' Von dem Tag an konnte der Tausendfüßler nicht mehr gehen."

Wenn ich beim Sprechen immer denken müßte: "Dativ, Femininum, Singular, 3. Person Plural, transitiv, trennbar, ..." dann könnte ich nicht richtig Deutsch sprechen. Nichts gegen grammatische Formen, aber sie ersetzen das Üben nicht.

Unser Dialog wurde nach Hören, Nachsprechen und notwendigen Erklärungen zum Auswendiglernen aufgegeben und in der nächsten Stunde gespielt. Dann sollte er in Zweiergruppen geändert werden. Wir beschränkten uns dabei auf Deutschland. Landkarten, Prospekte und Ansichtskarten gaben Anregungen. In Dresden etwa war ein wunderbarer Blick auf die Elbe oder auf das Schloß möglich, in Köln auf den Dom.

Die Zweiergruppen fanden dann bei ihrem Dialog aufmerksame Zuhörer. Ein Student erzählte von einem Besuch in der Heidelberger Universität, wo er schöne Studentinnen gesehen hatte. Das Gespräch endete mit der Frage: "Gibt es nicht auch an unserer Uni viele schöne Studentinnen?"

In einer anderen Stunde sollten die Studenten zehn Urlaubswünsche aufschreiben. "Ich möchte meinen Urlaub im Schwarzwald verbringen." Wir beschränkten uns auch hier auf Deutschland. Während dann einer seine Wünsche vorlas, standen die anderen vorn an der großen Karte und versuchten die Urlaubsziele möglichst schnell zu finden. Bei unserer Klassenstärke von zehn war das leicht möglich.

Ich habe den Eindruck, daß bei diesen verschiedenen Übungen die Studenten mit grammatischen Formen umgingen, ohne viel an Grammatik zu denken. Darf ich sagen, daß sie es schon ein wenig so machten wie ein gesunder Tausendfüßler, der seine vielen Beine hebt und senkt, ohne darüber nachzudenken? Und ich habe auch den Eindruck, daß den Studenten Deutschland etwas nähergekommen ist.

Maria Gruber, Pusan National-Universität


Copyright © 1997 by Maria Gruber


DaF-Szene Korea Nr. 5

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