Mathias Adelhoefer

Die befreiende Wirkung des Fremden - Notizen eines Deutschlektors zur deutschen Literatur und Kultur in Korea


Als da eines fernen und dunklen Dezembervormittags in Berlin mein Telefon klingelte, hätte ich mir nicht träumen lassen, daß dieser Anruf einer Bekannten mein Leben gründlich verändern würde. Ein Bekannter von einer Bekannten ihrer Freundin, erzählte Simone, die ich flüchtig aus den Treffen des deutsch-englischen Creative Writing Group e.V. kannte, sei gerade aus Südkorea zurückgekehrt und suche einen Nachfolger für seine Stelle als Deutschlektor an einer Universität im Süden des Landes. Ob ich nicht zufällig Lust hätte, in Korea Deutschl zu unterichten, flötete Simone. Ähem, an und für sich sei ich gerade arg beschäftigt, aber... Klar, warum eigentlich nicht, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen murmeln, man lebt ja nur einmal und warum sollte ich keine Lust auf einen Luftwechsel haben?

Als ich dann wenige Tage nach dem alles verändernden Anruf Prof. Yi, der sich auf Lektorensuche durch einige deutsche Universitätsstädte begeben hatte, zu einem Kennenlern- und Auswahlgespräch traf, glaubte ich noch immer nicht so recht, daß dies alles ernst gemeint sei und daß ich schon wenige Wochen später im Jumbo Jet nach Seoul sitzen sollte - voller Erwartung, aber auch mit ein paar Zweifeln, ob das auch vernünftig war, aus heiterem Himmel meine Zelte in Berlin abzubrechen...

Die Eingewöhnung in die fremde Umgebung fiel erstaunlich leicht, der Unterricht machte immensen Spaß und die regelmäßigen Einladungen zu Bulgogi oder Samgae-Tang endeten häufig in feucht-fröhlichen Gelagen, die keinen Zweifel daran ließen, daß man es hier länger aushalten könnte als ich geahnt hatte...

Schon bald weiteten sich meine Kreise aus, das schöne aber, provinzielle Chinju wurde mir zu eng, es zog mich in die Hauptstadt, wo ich bei meinen regelmäßigen Kurzbesuchen neue Bekanntschaften machte und Kontakte zu anderen LektorInnen bekam. Sie alle verband ein Pioniergeist, die Liebe zum Unterricht und die Sehnsucht, aus vertrauten Berufsbahnen auszuscheren und sich ungeschützt, nur den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage überlassend, als freie LektorInnen zu verdingen.

Auch nach fast fünf Jahren als Deutschlektor in Korea an der staatlichen Universität in Chinju und an einer privaten Universität in der Hauptstadt Seoul sowie als Honorarlehrer am Goethe-Institut Seoul bin ich immer noch überrascht von dem Drang so vieler Koreaner, Deutsch zu lernen und die vermeintlich fremde deutsche Kultur kennenzulernen - Kohl spielt auch in Korea eine große Rolle!

Nicht nur von meinen Germanistik-StudentInnen höre ich immer wieder Sympathiebekundungen für Deutschland, auch von Angestellten der großen koreanischen Konzerne und von Beamten aus Ministerien und Ämtern, die in zwei- oder gar dreistündigen Sprachkursen jeden Abend von Montag bis Freitag mit der deutschen Sprache und Denkart ringen. Für viele von ihnen ist Deutschland nicht nur ein hochentwickeltes Industrie- und Exportland, dem es nach Kräften nachzueifern gilt, sondern vor allem auch ein Land, an dem sich eine erfolgreiche Variante der europäischen Kultur kennenlernen läßt. Ihre ersten Kontakte im Kindesalter mit den deutschen Märchen und Volksliedern, als Oberschüler dann mit den Romanen Hesses, Goethes Werther und Kafkas Autoritäts-Parabeln haben bei vielen das Fundament gelegt für den Wunsch, tiefer in die deutsche Literatur und Kultur einzudringen.

Welcher deutsche Germanistik-Student denkt schon darüber nach, daß er sich nicht alleine durch die Dramen Schillers oder die Sonette Rilkes quält, daß es ihm Tausende von StudentInnen überall auf der Welt gleichtun, nur unter erschwerten Bedingungen eben, da sie Deutsch nicht als Muttersprache haben und - vor allem in Fernost - einem grundsätzlich anderen Kulturkreis entstammen?

Es mag überraschen, daß die deutsche Sprache im Wettbewerb mit anderen Sprachen, insbes. dem amerikanischen Englisch als der globalen lingua franca, noch nicht völlig verdrängt worden ist und daß deutsche Romane, Filme und Musik Tausende junger Koreaner anziehen und anstacheln, deutsche Sprachkurse zu belegen oder gar Germanistik zu studieren und sich mit viel Fleiß und Hingabe dieser fremden Kultur zuzuwenden.

In Deutschland ist auch wenig bekannt, daß Deutsch weltweit die drittbeliebteste Fremdsprache nach Englisch und Japanisch ist. Die entsprechenden Zahlen für Korea sind ein klares Indiz für die ungebrochene Beliebtheit der deutschen Sprache und Kultur hierzulande: An den koreanischen Oberschulen wird Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet; bei den zweiten Fremdsprachen steht Deutsch an zweiter Stelle gleich nach Japanisch, also vor Französisch, Chinesisch, Spanisch und Russisch. Für den Unterricht an den Oberschulen sind etwa 1.400 Deutschlehrer zuständig. Auch an den koreanischen Universitäten nimmt das Studium der deutschen Sprache und Literatur eine bedeutende Stellung ein: An ca. 90 Deutschabteilungen in allen Provinzen des Landes unterrichten über 300 Professoren nahezu 20.000 Germanistik-StudentInnen. Hinzu kommen noch mehrere Tausend StudentInnen anderer Fächer, die an den Universitäten Deutschkurse belegen. Beeinflußt von der japanischen Germanistik, insbes. während der Annexion Koreas durch Japan (1910-1945), hat die koreanische Germanistik an den Universitäten Koreas immer noch eine wichtige Funktion, da sie den Zugang zu einigen anderen von Deutschland her beeinflußten Wissenschaften ermöglicht, insbes. der Rechts-, Geschichts-, Sozial-, Musikwissenschaft, der Heereskunde und der Medizin.

Bei der Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur kommt den muttersprachlichen Lehrkräften eine besondere Rolle zu, da sie oftmals den ersten Kontakt zwischen den Studenten und Vertretern einer fremden Kultur darstellen. Zur Zeit sind über 60 DeutschlektorInnen an den koreanischen Universitäten tätig, und die Tendenz ist steigend. Die meisten von ihnen werden direkt von den Universitäten angeheuert, nur noch fünf vom DAAD entsandte LektorInnen befinden sich in Korea. Außerdem arbeitet eine Handvoll von Muttersprachlern an koreanischen Fremdsprachenoberschulen. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die Deutschkurse des hiesigen Goethe-Instituts sowie dessen vielfältige Kultur-, Informations- und Fortbildungsveranstaltungen. Den Aktivitäten des Goethe-Instituts und dem Einsatz der DeutschlektorInnen ist es auch zu verdanken, daß das einst starre Deutschlandbild einer hohen und strengen Kulturnation zunehmend von einem kritischen, zeitgemäßeren Bild des Landes der Dichter und Denker ersetzt wird.

Im Kanon der koreanischen Germanistik-Abteilungen stehen allerdings nach wie vor die Klassiker, alte und moderne, nach wie vor hoch im Kurs. Gelesen und in Ausschnitten gründlich seziert werden vor allem Goethe, Schiller, Storm, Heine, Hesse, Thomas Mann, Kafka, Brecht. Zur Ferienlektüre engagierter StudentInnen zählen aber auch Luise Rinser (Nordkoreanisches Reisetagebuch!), Ingeborg Bachmann, Enzensberger und sogar Paul Celan. Seit zwei Jahren gibt es einen wahren Süskind-Boom, nicht so sehr den Süskind des Parfüms, sondern des Herrn Sommer. Ob es an den verspielten Illustrationen oder an der merkwürdigen Geschichte des geheimnisvollen Wanderers liegt, daß sich diese Novelle zu einem Überraschungs-Bestseller entwickelt hat, weiß keiner genau zu sagen. Auf jeden Fall zeigt sich hier einmal mehr die Magie des Fremden - solch ein Buch, in dem die Geschichte eines Außenseiters zelebriert wird, hat es im vordergründig gruppenorientierten Korea noch nicht gegeben.

Vielleicht liegt hier auch die Antwort auf die vertrackte Frage, was denn eigentlich so viele junge Koreaner dazu treibt, ausgerechnet Deutsch zu lernen. Denn praktische Erwägungen können es kaum sein, da nur die wenigstens Germanistik-Absolventen ihre während des vierjährigen Studiums erworbenen Deutsch- und Deutschlandkenntnisse im Berufsleben anwenden können. Geschriebenes und gehörtes Englisch ist ihnen allzu vertraut aus nächtelangen Paukereien für die nächste Multiple-Choice-Prüfung. Kein Wunder, daß vielen die Freude an der englischen Sprache verleidet wird und sie sich einer anderen Fremdsprache zuwenden, die sie aus dem Gewohnten und Gesicherten hinausführt und ihnen nicht nur eine Kalenderlandschaft von Bergen und Auen, Wäldern und Burgen vermittelt. Das Germanistik-Studium stellt somit eine intellektuelle Bereicherung und notwendige Denkpause dar zwischen der Hölle der Universitätseingangsprüfungen und dem oftmals monoton-anstrengenden Berufsalltag. Besonders die Studentinnen erhoffen sich vom Germanistik-Studium sowie einer Deutschland- bzw. Europareise, eine weniger patriarchalisch-autoritär geprägte Kultur aus erster Hand kennenzulernen, in der die Geschlechterrollen offener sind und in der sich nur wenige Frauen dem Modediktat beugen. Kehren sie dann im "Schlabber-Look" in die piekfeinen Universitätsviertel Koreas zurück, wandern die neu erworbenen Klamotten schnell in die Altkleidersammlung. Die Koreaner, zumal die Frauen, kleiden sich nun mal schicker und modebewußter als wir.

Anmerken muß man noch die auffällige Häufigkeit deutscher Wörter im koreanischen Alltagsleben. Zum Frühstück trinken manche meiner StudentInnen "Einstein"-Milch, dazu gibt es Brot oder Kuchen aus einer der zahllosen deutschen Bäckereien ("togil bangschib", also: "deutsches Brothaus"). Als Belag kommt "Rosenheim"-Scheibenkäse in die engere Wahl. Am Nachmittag treffen sie sich dann im Coffee Shop "Bremer" oder "Rhein". Und nach der letzten Vorlesung geht es endlich in den "Löwen-Hof" oder in eine andere Kneipe mit Namen wie "Nibelungen-Hof" oder "Bismarck-Hof". "Hof" ist wohl eine Verballhornung des Münchner Hofbräuhauses und hat sich als Bezeichnung für koreanische Gaststätten durchgesetzt.

Hat man sich dann ein wenig Mut angetrunken, wird das nächste "Noraebang" ("Liedzimmer", die koreanische Version des Karaoke) angesteuert, wo gerne und gut deutsche Volkslieder à la "Ich liebe dich", "Lindenbaum" oder "Oh, Tannenbaum" angestimmt werden. Dabei braucht kaum einer den Text abzulesen, die deutschen Volkslieder hat man hierzulande schon als Schüler auswendig gelernt und nicht vergessen!

(Oktober 1996)


Copyright © 1996 by Mathias Adelhoefer
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