Ein Lehrpraktikum in Korea
Mit diesen und ähnlichen immer wiederkehrenden, teilweise etwas befremdlichen - weil für mein Verständnis intimen Fragen - begannen alle Studenten-Interviews während meines Korea-Aufenthalts. Und nicht zuletzt diese waren es, die mich dann später doch von meinem ersten Eindruck "Ach, eigentlich ist es hier gar nicht so anders" abbrachten: Irgendwie ist in Korea alles anders!
Mein fast dreimonatiger Aufenthalt in Südkorea zwecks eines Lehrpraktikums für den Studiengang Deutsch als Fremdsprache war für mich nicht nur in fachlicher Hinsicht (Unterrichtspraxis, Informationen zu DaF in Korea und zu Berufsaussichten in diesem Bereich) interessant, sondern auch, weil ich durch ihn einen vielseitigen Eindruck von der Kultur des Gastlandes erhalten habe. Die Konfrontation mit dieser Kultur und dem Gefühl, sich stets fremd zu fühlen, bewirkte eine Auseinandersetzung mit oder vielleicht eher eine Bewußtwerdung der eigenen Kultur.
Sommerschule auf Cheju-do
Den ersten Teil des Lehrpraktikums verbrachte ich auf Cheju-do. Bereits im vierten Jahr fand dort an der Cheju-National-Universität in Kooperation mit dem Sprachlernzentrum der Universität Bonn ein vierwöchiger Sommerkurs statt. Dazu entsandte die Uni Bonn in diesem Jahr eine Dozentin und drei Praktikantinnen. Die Praktikantinnen waren für zwei Unterrichtsstunden am Nachmittag zuständig, die unter dem Motto SprachÜbungen standen und nach eigenen Vorstellungen selbständig gestaltet werden konnten. Meine Gruppe bestand aus 10 Studenten (8 Frauen, 2 Männer), deren geringe Fähigkeiten v. a. in den Bereichen Hörverstehen und mündlicher Ausdruck mich zunächst erstaunten. Die Unterrichtsbedingungen waren nahezu ideal (nicht nur die Umgebung, denn vom Campus blickt man auf den Halla-san und das Meer): klimatisierte Räume (bei dem dort herrschenden Klima keine Nebensache) und hochmotivierte, interessierte und sympathische Studenten unterschiedlicher Studiengänge und Unis. Für ein Lehrpraktikum, in dem man zum einen praktisch umsetzen will, was man sich in Seminaren zur Fremdsprachendidaktik theoretisch angeeignet hat und zum anderen sich selbst in der Rolle des Lehrers erproben will, kann ich mir kaum angenehmere Bedingungen vorstellen. Alle Angebote, Arbeitsaufträge oder Themen, die ich an die Studenten herantrug, wurden gut aufgenommen. (Meine Lehrerfahrungen an einem französischen Lycée gingen in eine ganz andere Richtung: eine tobende Masse, die alles erstmal langweilig und schlecht fand). Hier jedoch erledigte man Gruppen- und Partnerarbeiten mit Kreativität und Enthusiasmus (v.a. alles, was im weitesten Sinne dem Thema Liebe zuzuordnen ist, stieß auf große Begeisterung); das Ergebnis waren sehr lustige Texte oder Szenen, die am Bunten Abend aufgeführt wurden. Bemerkenswert war die Aufgeschlossenheit der Studenten allen Sozialformen gegenüber, die von dem altbekannten Frontalunterricht abwichen.
Was den Unterricht für mich noch dazu interessant machte, war das echte Wissensdefizit über die Kultur und das Alltagsleben des jeweils anderen. (Ich hatte nicht erwartet, daß man mir aus dem Stegreif Schubert-Lieder vorsingen konnte, und auch wenn man Karajan für einen Komponisten hielt, mußte ich im Gegenzug zugeben, keinen koreanischen Musiker, Schriftsteller oder Künstler zu kennen. Sich mit "Vielleicht Herr Kim?" herauszureden, konnte allenfalls von meiner Unkenntnis ablenken.) Schon allein, wenn man nach dem Alter fragte, gab es Verwirrung - es wollte mir nicht in den Kopf, in Korea 27 Jahre alt zu sein, wo ich doch in Deutschland noch einige Monate als 25-jährig gelte. Ich fragte mich zunächst auch, warum man die Kopien, die ich austeilte, mit zwei Händen entgegennahm oder warum bereits die dritte Frage in einen Gespräch lautete "Hast Du einen Freund?" (und das, obwohl nicht mal meine Hobbys geklärt waren). Auf die Frage "Warum schminkst Du Dich nicht?" weiß ich bis heute keine befriedigende Antwort. Man könnte meinen, dies seien Kleinigkeiten, doch allmählich schöpfte ich den Verdacht, auf Indizien einer völlig anderen Gesellschaftsstruktur gestoßen zu sein.
Der Kontakt zu den Studenten beschränkte sich nicht nur auf den Unterricht; wir verbrachten auch einen großen Teil der Freizeit gemeinsam. Einige der Kursteilnehmer besuchte ich auf meiner zweiwöchigen Reise durch das Land und traf sie in Seoul wieder, wo ich den zweiten Teil meines Praktikums am Goethe-Institut absolvierte.
Goethe-Institut Seoul
Zu dem für mich interessantesten Teil des Praktikums am Goethe-Institut - neben zahlreichen Gesprächen mit einigen koreanischen Mitarbeiterinnen - gehörten Unterrichts-Hospitationen. Meine Bitte, beim Unterricht der koreanischen Vertragslehrer zuzusehen, wurde mit unangenehmer Bestimmtheit abgelehnt. Zum Glück waren die deutschen Honorarlehrer aber gerne bereit, mich in ihren Goethe- sowie Uni-Kursen oder im Schulunterricht hospitieren zu lassen und mir ausgiebig Auskunft über ihre Situation zu erteilen. (Nochmals: Vielen Dank!)
Erst in Seoul wurde mir klar, in welchem Maße sich die Sommerschule von dem gewöhnlichen Universitätsbetrieb unterschied. Kurse mit ca. 45 Teilnehmern, größtenteils unmotiviert und ohne Interesse am Fach, mit extrem unterschiedlichem Niveau und Vorkenntnissen in einem Raum ohne erkennbare Sitzordnung gehörten ebenso zum Alltag wie "Luxus-Kurse" mit nur sieben Studenten. Neben interessantem, abwechslungsreichem und strukturiertem Unterricht standen eintönige, scheinbar unvorbereitete Stunden. Während sich das Engagement des einen an den schlechten Rahmenbedingungen aufrieb, nutzte der andere die günstigen Umstände wenig, man trug bereits deutliche Spuren der Resignation oder hatte vielleicht nie einen höheren Anspruch, als den Unterricht planmäßig abzuhalten. Und letztlich gab es auch zufriedene Lektoren! Kurz: ich traf fast alle möglichen Konstellationen an und war erstaunt, daß von einem Deutsch-Lektor weder ein DaF- noch ein Germanistik-Studium verlangt wird.
Meine eigenen Unterrichtsversuche beschränkten sich in Seoul auf drei Unterrichtseinheiten in der Mittelstufe am Goethe-Institut (diese Möglichkeit verdanke ich Herrn Reis ebenso wie die Teilnahme an meinem ersten und hoffentlich letzten MT). Mein positives Bild vom Unterrichtsverhalten der Koreaner wurde dabei noch verstärkt. Mit ungeheurer Nachsicht harrten sie geduldig und froher Laune aus, als ich wieder vergessen hatte, daß der Cassetten-Recorder ein Zählwerk aufweist, das das Aufsuchen einer bestimmten Stelle ungemein erleichtert. (In der besagten französischen Klasse hätte es zumindest lautstarke UnmutsÄußerungen gegeben.) Man bestach mich mit einem Schokoladenriegel, und so sang ich mutterseelenallein Der Mond ist aufgegangen und - auf speziellen Wunsch - die deutsche Nationalhymne (glücklicherweise legte man mir dazu den Text vor). Hätte man mir das drei Monate zuvor prophezeit,...
"Irgendwie ist alles anders"
Viele Vorurteile, die in meinem Kopf herumgegeistert waren, wurden während meines Aufenthalts über den Haufen geworfen. Die viel beschworene Schüchternheit der Asiaten konnte ich beispielsweise nicht finden (natürlich gibt es überall auch ein paar schüchterne Menschen). Verwundert war ich über spontane GefühlsÄußerungen in Form von kollektiven Aufschreien (vor allem an Frauen-Unis, als ich unangekündigt an der Seite des deutschen Lektors die Klasse betrat). Auffällig fand ich die große Angst der Schüler, Fehler zu machen oder auch ihr Anliegen, den Lehrer nicht in seinem Vortrag zu stören. So werde direktes Aufrufen der Lerner nach Aussage einer Studentin nicht wie in Deutschland als autoritär empfunden, sondern sei eben Teil der traditionellen Lehrerrolle und keineswegs negativ besetzt.
Je mehr Gedanken ich mir über die kulturellen Unterschiede machte, desto unklarer wurden mir diese. Schließlich hörte ich mich sogar sagen: "Ach, eigentlich ist gar nichts anders." Oder doch?
Dagmar Giersberg, Bonn (10/96)
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